Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus

Rezension zu:

Philip Pullman, Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus, Fischer Taschenbuch Verlag 2012, ISBN 978-3-596-18869-7


Der britische Schriftsteller Philip Pullman wagt in seinem Buch etwas eigentlich Unerhörtes. Er verändert, ohne die entsprechenden Stellen genau zu markieren, die biblische Überlieferung vom Leben und vom Sterben des Jesus von Nazareth. Er tut das in der durchaus guten Absicht, etwas auf die Spur zu kommen, was Christen und Nichtchristen seit langem beschäftigt und über das Theologen und deren Kritiker seit Jahrhunderten viele dicke Bücher geschrieben haben.

Wie ist es dazu gekommen, so lautet die seit undenklichen Zeiten gestellte Frage, dass aus dem Liebesevangelium des Jesus von Nazareth eine verfasste Kirche mit Ordnungen und Hierarchien wurde, eine ausgefeilte theologische Dogmatik, die den einfachen Menschen, an die sich Jesus doch ursprünglich gerichtet hat, so fern ist wie der Mond und so unverständlich wie eine Sprache vom Mars.

Der greise Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti hat eben in seinen "Spätsätzen" gesagt: "Ihm, Jesus, glaube ich Gott." Und, seien Sie versichert, so wie ihm geht es vielen Frauen und Männern, die jeden Sonntag in den immer leerer werdenden Kirchen unseres Landes (außer natürlich am Heiligabend) die Botschaft von der Liebe Gottes verkündigen und die oft mehrmals in der Woche in den Trauerhallen der Städte und Dörfer versuchen, den Menschen nahezubringen, dass Gott mit der Auferstehung Jesu Christi von den Toten dem Tod ein für alle mal die Macht genommen hat.

Deshalb sollten gläubige Christen dieses zugegebenermaßen gewagte Buch nicht vorschnell aus der Hand legen, sondern dem nachspüren, was Pullman ausdrücken will, obwohl er dazu an keiner Stelle des Buches selbst etwas sagt, sondern seinen Leser auch damit alleine lässt, herauszufinden, was denn nun von seinen Texten den biblischen Überlieferungen entnommen ist, was er erfunden hat, und wen oder welche geschichtliche Kraft er hinter dem für ihn schon noch zu Lebzeiten von Jesus feststehenden Verkirchlichung seiner Botschaft steht.

Sein Ansatz ist einfach. Maria hat nicht nur einen Sohn geboren im Stall von Bethlehem, sondern männliche Zwillinge. Jesus wird zum Prediger, der wie im Neuen Testament überliefert immer mehr Menschen um sich schart und tief von der baldigen Heraufkunft des Königsreich Gottes, der basilea tou theou, wie der griechische Urtext sagt, überzeugt ist. Sein Bruder Christus findet das durchaus gut, doch er ist skeptisch und fürchtet, dass Jesus bald Probleme mit der Obrigkeit bekommt. Ein Unbekannter und Namenloser, der "Fremde", schleicht sich bei Christus ein, und macht ihm deutlich, dass schon jetzt eingegriffen werden muss. Christus lässt sich von einem Jünger Jesu alles, was er nicht selbst miterlebt, berichten und schreibt es auf, verändert auch die eine oder andere Überlieferung schon so, dass für eine kirchliche Nachwelt plausibel wird. Christus hält den Fremden für einen Engel. Der kundige Theologe hört und liest aus seinen Worten die Theologie der Gnosis und des Johannesevangeliums heraus. Nach der Darstellung Pullmans ist es Christus, der Jesus verrät für die höhere Sache. Jesus selbst wendet sich in einer langen Rede im Garten Gethsemane kurz vor seinem Tod enttäuscht von Gott ab und Christus verändert die Erzählung vom Kreuzestod. Er streicht nämlich den Bericht, dass auch Jesus, so wie allen Gekreuzigten die Beine gebrochen wurden, um den Tod herbeizuführen, sondern führt die Wundmale ein. Christus ist es auch, der den Frauen am Grab als Engel, den sie für den Gärtner halten, erscheint, und er begegnet den Emmausjüngern.

Als evangelischer Theologe begrüße ich einen solchen literarischen Versuch, dem Geschehen nach dem Tod Jesu auf die Spur zu kommen, doch ich bemängele, dass Pullman keine Quellenangaben macht, seine historisch und in der heutigen Zeit meist auch biblisch nicht kundigen Leser zu einer steilen These verführt, die einfach gut kommt. So hat er bei seiner These vollkommen die Theologie des Paulus vergessen, der lange vor der gnostischen Tradition und lange vor der johanneischen Schule die wahrhaft prägende Interpretation des christlichen Glaubens gefunden hat, etwa im Römerbrief , in den beiden Korintherbriefen und in den Briefen nach Thessalonich.

Es ist unbestritten, dass es in der Zeit zwischen der mündlichen Überlieferung bis zur den ersten schriftlichen Zeugnisses der neuen christlichen Bewegung Veränderungen gab. Aber es grenzt schon an eine schlechte Verschwörungstheorie, dies schon zu Lebzeiten Jesu anzusetzen. Ein Literat darf das, aber Pullmans Buch ist von keiner einzigen echten Forschung zur Frühgeschichte des Christentums gedeckt.

Ich wünsche ihm dennoch viele Leser, weil es sich immer lohnt, sich mit der jesuanischen Tradition und mit dem, was aus ihr geworden ist, auseinanderzusetzen.

Noch einmal Kurt Marti: "Wir sollen nicht wollen, was wir nicht können, nämlich uns ein Bild von Gott machen. Und doch können wir uns Gott nicht ohne bildhafte Vorstellung denken. Halten wir es also wie die Bibel: Sie redet von Gott in vielen verschiedenen Bildern und lässt diese ins neutestamentliche Bekenntnis münden, Jesus Christus sei das menschliche 'Ebenbild des unsichtbaren Gottes'(Kolosserbrief 1,15)".
 
D

Dominik Klama

Gast
Ich vermisse an deinem Text, dass für mich aus dem, was du über Christus' Manipulationen an dem, was Jesus tatsächlich getan und gesagt hat, nicht nachvollziehbar hervorgeht, warum ausgerechnet diese Veränderungen bewirkt haben sollen, dass aus den Evangelien
...eine verfasste Kirche mit Ordnungen und Hierarchien wurde, eine ausgefeilte theologische Dogmatik, die den einfachen Menschen, an die sich Jesus doch ursprünglich gerichtet hat, so fern ist wie der Mond...
Indem du nebenbei darüber nachdenkst, ob der Brite das darf, was er tut, verunklarst du für die das Buch nicht kennenden Leser die Frage, ob es sich um Belletristik oder Sachbuch handelt. Offenbar doch um einen Roman. Und so was, glaub ich, darf man bei uns ja. Da wir uns weder in einer Zeit der Ketzerverbrennungen noch in einer Welt der Imam-Todesurteile gegen erfundene Mohammed-Geschichten befinden.

Dergleichen kam ja auch schon öfter vor. Ich erinnere an Jean Pauls "Rede des toten Christus, daß kein Gott sei", Bulgakows Pilatus-Erzählung in "Der Meister und Margarita", Katzanzakis' "Letzte Versuchung Christi" und Dostojewskijs Großinquisitor-Geschichte in den "Brüdern Karamasow", wonach Jesus, würde er als Mensch noch mal zum Leben erstehen, von der bestehenden Kirche sofort mundtot gemacht würde.
 

Label

Mitglied
hallo Dominik Klama

deine Kritik/Statement/Frage an Winfried Stanzick kann ich nicht nachvollziehen.

Zum einen wird ganz klar angesprochen, dass eben jene Frage, wie
.eine verfasste Kirche mit Ordnungen und Hierarchien wurde, eine ausgefeilte theologische Dogmatik
weder von
Christen und Nichtchristen.....Theologen und deren Kritiker
noch vom Autor des besprochenen Buches eindeutig beantwortet wird, sondern dass diese Frage der ANLASS war und in diesem Falle wohl ist darüber zu spekulieren.

Insofern ist es wohl kaum verwunderlich, dass Winfried Stanzick da auch keine Auskunft darüber gibt, ich jedenfalls habe keine erwartet.
Wer sich mit Geschichte, Religionsgeschichte und Theologie beschäftigt hat, wird die wesentlichen Ursachen wohl bei Flavius Valerius Constantinus und dem ersten Konzil festmachen mit zig weiteren kleineren.

Ich habe die Renzension so verstanden, dass entgegen den ansonsten einfach auszumachenden romanhaften Charakter anderer Bücher, das besprochene, Bibelstellen derart geschickt eingearbeitet hat, dass es auf weniger bibelfeste Menschen wie ein Sachbuch wirken kann.
So sehe ich in diesem Zusammenhang auch die Bemerkung zu den fehlenden Zitaten.
Ein Hinweis dass es wegen fehlender Zitation sich um einen Roman handelt.
Auch
Pullmans Buch ist von keiner einzigen echten Forschung zur Frühgeschichte des Christentums gedeckt
dieses sagt: Roman

Für mich war die Rezension derart spannend, dass ich das besprochene Buch erwerben werde.

Danke Winfried Stanzick

liebe Grüße
Label
 

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