Der Joker und sein Publikum

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OfN

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Das Kino hat wieder eine kleine Kontroverse zu bieten. Gegenstand: „Joker“. These: Der Film sei verantwortungslos. In der Allgegenwart überhitzter Gemüter und latenter Gewaltbereitschaft ist die durch das emphatische Schauspiel vermittelte Legitimation des „Bösen“, sei es toxische Männlichkeit, Rachsucht oder schlichte Lust am Chaos, nicht zulässig. Wird hier nicht fahrlässig oder schlimmer noch bewusst die naheliegende Referenz für den nächsten Amoklauf vorbereitet?

Verteidigungen sind schnell zur Hand. Nah am Inhalt ließe sich beispielsweise eine subversive Elitenkritik in Stellung bringen: Die Verehrung des Bösewichts als Galionsfigur eines kopflosen Riots ist letzten Endes nur Reaktion auf eine Obrigkeit in Wirtschaft, Medien und Politik, die arrogant und verlogen nach unten pöbelt und schlägt, während sie sich zugleich selbstherrlich noch als einzige Rettung der kollabierenden Stadt geriert. Vom Personal abstrahiert mag hier eine Kritik kapitalistischer Klassenverhältnisse entworfen werden. Vom gleichen Boden ließe sich gewiefter noch alternativ oder ergänzend zu einer selbstreflexiven Medienschelte abheben: Der Film entblößt gerade in seiner distanzlosen Empathie einen amoralischen Medienbetrieb, dessen Verlangen nach Gewinnen auch vor der Bejahung menschlicher Abgründe nicht Halt macht. Die cineastische Identifikation wird in ihren Bezugspunkt, dem lachend mordenden „Helden“, pervertiert, um letztlich die kapitalistische Perversion des Cinemas insgesamt zu artikulieren. Die Darstellung ist nur Teil des Wahnsinns, den sie auf der Leinwand zelebriert.

So berechtigt beide Deutungen sind, so berechtigt bleibt dennoch der Vorwurf der Verantwortungslosigkeit. Denn sowohl Sozialkritik als auch mediale Reflexionsspiralen setzen voraus, dass das Publikum der emotionalen Sogwirkung nicht erliegt und sich der Kritik bewusst wird. Angesichts der meisterlichen Inszenierung ein offensichtliches Spiel mit dem Feuer. Das sich aufdrängende Verständnis für den „Irren“ verstellt allzu leicht den Blick auf Klassenfrage oder Geschäftskalkül. Tief im Sumpf der Affekte hat der Zuschauer ebensowenig Raum für intellektuelle Überschläge wie die von ihm beobachteten Protagonisten. In diesem Sinne: How dare you not to step back?

Gerade die so formulierte Anklage lädt jedoch zu einer weiteren Sehart des Films ein. Es muss lediglich der Adressat der Frage verschoben werden. Die verweigerte Distanz zu Aufstand, Wahn und Mord erscheint dann als geradezu notwendige Ignoranz gegenüber der angemahnten Gefahr, eine falsche Katharsis oder gar Inspiration zu liefern, die nun selbst Ausgangspunkt der Kritik wird und deren erste Frage lautet: warum diese Angst?

Die Antwort beginnt mit der konsequenten Affektlogik des Films, die eine ambivalente Haltung zum gebeutelten Verlierer auf seinem Weg zum Killer weder einnimmt noch vermittelt. Dargestellt wird, wie Selbstfindung und Selbstbehauptung im Griff zur Waffe schlussendlich von einem ebenso nach Rache und Gegenwehr sinnenden „Pöbel“ bejubelt werden, dem man sich gern zugesellen oder vielleicht gar selbst vorstehen möchte. Wie schon erwähnt wird die emotionale Identifikationsmechanik Hollywoods hier in actu pervertiert: Der Zuschauer soll durch den Protagonisten nicht symbolisch geläutert, sondern erst recht "auf dumme Gedanken" gebracht werden. Entscheidend an diesem Bruch mit den Werkzeugen des Business ist nun weniger der mediale Selbstbezug, als viel mehr die Einbeziehung des Publikums, denn die bessere Einsicht obliegt in Folge der eigenen Selbstdistanzierung von der Figur. Der Held muss durch mich zum Antiheld gemacht werden – die fehlende Ambivalenz in der Darstellung fordert die Ambivalenzfähigkeit des Zuschauers gegenüber dem Dargestellten heraus. Ein bloßer Konsum wird deshalb zwar nicht gleich verunmöglicht, wohl aber selbst zum Gegenstand einer Kritik, die zum dreidimensionalen Nachdenken aufruft: über das dargebotene Geschehen, das eigene Verhältnis zu ihm und schließlich die eigene Konsumpraxis. Die Perversion der Identifikation zielt so auf die Provokation des Zuschauers: Du kannst das hier nicht einfach affirmativ konsumieren und auf dich und deine Welt abbilden, ohne dir die Frage gefallen zu lassen, was mit dir und deiner Welt nicht stimmt. Warum erscheinen dir wahnhafte Selbstjustiz und Aufstände gegen dekadente Eliten so nachvollziehbar und bejahbar, anstatt sie als befremdlich und kritikwürdig anzusehen? Was sagt das über unsere Zeit, was über uns?

Jenseits der möglichen und vom Film suggerierten Antworten wird auf diese Weise letztlich nicht weniger als die Selbstverantwortung des Publikums auf die Probe gestellt. Oder wohlmeinender gesprochen: Der Film appelliert in seiner Empathie für das Böse an die Urteilskraft seiner Zuschauer. Mehr noch, er vertraut darauf, dass wir selbst Verfechter unserer Moral sein können, anstatt sie uns immerzu nur vorleben zu lassen. Die Forderung nach Distanz geht daher fehl. Der Film muss nah an seiner Figur bleiben, um die kritische Distanz dem Zuschauer abzuverlangen. Ebenso fehl geht insofern auch der Vorwurf der Verantwortungslosigkeit, denn sie sucht den falschen Adressaten. Der Film nimmt seinen Zuschauer absolut ernst, versucht getreu seiner Sozialkritik eine elitäre oder gar bevormundende Haltung zu vermeiden und spielt den Ball der Verantwortung an das Publikum zurück, statt seine Darstellung Beifall heischend mit einem moralischen Gütekriterium zu verzieren. Wir müssen letztlich schon selbst beurteilen, was gut und falsch ist, und wir sind dabei auf unsere eigenen Weltbeziehungen und Standpunkte in ihnen zurückgeworfen.

Sicherlich ließe sich dem Film weiterhin Naivität und Fahrlässigkeit vorwerfen, weil er dem „gemeinen“ Zuschauer derartige Reflexionslasten zumutet. Vielleicht aber unternimmt er auch gerade das Wagnis, die Kritik an sein Publikum zurückzugeben und so zumindest ein Patt zu erzeugen, dem sich notwendige Fragen über aktuelle Welthaltungen und -zustände anschließen. Im Tenor der Provokation: Was kann der Film dafür, dass ihr nicht reflektiert? Wem ist hier ein Vorwurf zu machen? Ist ein Film „unverantwortlich“, weil er prima facie nicht dem Prädikat „moralisch wertvoll“ nacheifert, sondern euch stattdessen an eurer eigene Urteilskraft erinnert?

Ist nur Donald Trump scheisse, weil er ein Idiot ist, oder nicht wir alle, die wir uns diese Idiotie beständig mit schauderndem Genuss zu Gemüte führen und/oder ihr schlimmerdings auch noch unsere politische Stimme geben? Müssen wir uns nicht Selbstentmündigung vorwerfen, wenn wir erwarten, dass uns die „richtige“ Identifikation/Identität/Message/Welt schon von Außen beigebracht werde. Thomas Wayne wird uns retten, denn es tut Not und noch dazu ja auch sonst niemand, wie selbiger im Einklang mit der Mutter des Jokers wiederholt betont. Und wenn sich der selbsternannte Retter nur wieder als verlogener Chauvinist entpuppt, dann jubeln wir eher dem Irren und unserem selbst entzündeten Weltenbrand zu. Ja, den Irren gut zu verstehen, ist leicht und in der Tat ein Problem – jedoch des Films oder nicht viel mehr unsererseits, denen es so leicht fällt? Die Verantwortung hier auf Regiesseur und Produzent abzuschieben, hieße die Einstellung die Einstellung des Zuschauers aus der Kritik zu nehmen. Sind wir also umgekehrt derart verkommene, unreflektierte, selbstvergessene Totalkonsumenten?

Sicherlich nein. Doch es beweist eine bequemliche Passivität, sich im Kinosessel darüber zu echauffieren, dass das Gezeigte uns die Bürde auferlegt, selbst "das Gute" finden und mehr noch darstellen zu müssen, anstatt es auf der Leinwand serviert zu bekommen. In Zeiten des erstarkten Rechtspopulismus verbietet es sich ja ebenso einen Film über den Aufstieg Adolf Hitlers zu machen, der mit einem umjubelten Reichsparteitag 1934 derart endet, dass das Gefühl nicht mehr fern liegt, man selbst wäre damals vielleicht doch auch dabei oder zumindest nicht gleich dagegen gewesen, was angesichts der damaligen Umstände und dieses exorbitanten Charismas aus einer historisch unvoreingenommenen Sicht womöglich gar verständlich wäre. Ein solcher Film wäre verantwortungslos und zynisch. Oder eben nicht? Ist es dem Zuschauer zuzumuten, sich selbst die Frage zu stellen, ob das gut ist, was da geschieht – dass ein psychisch zerrütteter Alleingänger es statt des schon geplanten Selbstmordes vorzieht, erst dem miesen Denunzianten von Ex-Kollegen eine Schere in den Hals zu bohren und schließlich dem ebenso unbewaffneten, aber durch seine Häme schuldigen Fernsehmoderator vor laufender Kamera mehrfach ins Gesicht zu schießen. Was würdest du tun, wenn dein Leben so beschissen ist, dass du es dir letztlich als bluttriefende Komödie vorstellen musst? Oder ist das schon zu viel verlangt: eigenes Urteilsvermögen? Lässt sich nur noch besinnungslose Zustimmung befürchten?

Fraglos bleibt die Gefahr des Letzteren real. Sie wurzelt jedoch nicht im Film, der gerade dadurch umso eher zum Meisterwerk wird, dass er sie vor Augen führt. Denn wenn wir ihm Verantwortungslosigkeit vorwerfen, dann nur zu Recht, wenn wir – selbst nicht frei von elitärer Herablassung – zugleich zugestehen, dass er die Dystopie der Gegenwart allzu trefflich symbolisiert: Dass wir nicht mehr auf Vernunft oder Moral und Selbstverantwortung der Menschen hoffen dürfen, weil wir es mit führungsbedürftigen Affektzombies ohne Sinn für Reflexion und (selbst-)kritische Urteilskraft zu tun haben, denen die Gewaltsucht unter den Fingernägeln brennt. Der Film exerziert somit selbstreflexiv am Beispiel des Medienkonsums nichts anderes als unsere weiterhin selbstverschuldete Unmündigkeit. Indem seine inhaltliche Darstellung mit all ihrer perversen Einfühlung uns gegenüber keine Verantwortung übernimmt, übernimmt er die Verantwortung für den abgestandenen Humanismus der Aufklärung, dem sich die westliche Zivilisation doch irgendwie verpflichtet zu haben meint: Wir müssen uns schon unseres eigenen Verstandes bedienen – und zwar nicht nur als Medienkonsumenten, sondern angesichts des zur Schau gestellten Spektakels darüber hinaus mit Blick auf die Frage, was denn das Gute und Richtige wäre und wer es verkörpern müsste. Die Antwort liegt wohl weniger im Film als auf der Couch. Eine andere Rettung wird es nicht geben.
 

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