Der jüdische Messias- Arnon Grünbergs Roman nach 9 Jahren in deutscher Übersetzung

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Rezension zu:

Arnon Grünberg, Der jüdische Messias, Diogenes 2013, ISBN 978-3-257-06854-2

Jahrelang wurde die deutsche Übersetzung und Veröffentlichung des nun vorliegenden großen jüdischen Romans von Arnon Grünberg zurückgehalten. In den Niederlanden seit dem Jahr 2004, als er erschien, mit viel Kritikerlob bedacht, erfuhr das Buch Veröffentlichungen in England, Frankreich, Spanien, Italien, Portugal und Ungarn. Ja, sogar in der Türkei, die nicht gerade dafür bekannt ist, Bücher von jüdischen Schriftstellern zu protegieren, wurde das Buch auf den Markt gebracht.

Die nun um fast ein ganzes Jahrzehnt verspätete deutsche Übersetzung brauchte deshalb so lange, weil man beim Verlag offensichtlich der Meinung war, einen Roman, in dem „du-weißt-schon-wer“, wie Adolf Hitler in diesem Buch durchgängig genannt wird, eine Art jüdischer Reinkarnation erfährt, nicht einem deutschen Publikum zumuten zu können. Warum es nun 2013 auf einmal geht – wir wissen es nicht.

Tatsache ist, dass Arnon Grünberg in diesem Werk seine ironische und voller bizarrem Humor ( hinter dem sich immer ein besonderer Ernst verbirgt) steckende literarische Kunst zu einem Höhepunkt gebracht hat.
Zwei Protagonisten hat er erdacht für diesen Roman. Da ist zum einen Xavier Radek aus Basel, dessen deutscher Großvater bei der SS als Aufseher in einem KZ viele Juden eigenhändig erschlagen hat, und dessen Mutter von diesem Großvater eine Art von Heldenlegende erschaffen hat. Sie selbst hat als Mädchen „du-weißt-schon-wen“ geliebt und ihre Verehrung bis in die Jetztzeit hinüber gerettet.

Xavier Radek, in dessen Person Arnon Grünberg im Verlauf des Romans alle Mythen über Hitler verarbeitet, fühlt eine große Berufung: er hat sich der Idee verschrieben, die Taten des Großvaters auf seine Weise zu büßen: „Er würde die Juden trösten.“

Er sucht den Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Basel, lernt dort den Rabbinersohn Awrommele kennen und gibt sich als assimilierter Jude aus. Awrommele, mit dem Xavier bis zum Ende des Buches eine homoerotische Beziehung hat, hat sehr schnell eine nachträgliche Beschneidung organisiert, bei einem alten Mohel, dem jedoch, fast blind, die Beschneidung zum Massaker gerät. Xavier verliert nicht nur , wie er wollte, seine Vorhaut, sondern auch einen Hoden, der, von den Ärzten, die den schwer verletzten Xavier operieren, nachdem ihn seine Mutter und deren Freund lange liegen gelassen haben, in einem Glas konserviert wird. Xavier wird den Hoden immer mit sich tragen und ihn bald als „König David“ verehren.
Xavier ist von seiner großen Mission, die Juden trösten zu müssen (»Auch das jüdische Volk braucht Lebensraum«) ganz erfüllt, und er will mit seinem Freund Awrommele beginnen. Beide versichern sich gegenseitig immer wieder, dass sie nichts fühlen und fliehen bald nach Amsterdam, wo Xavier in einer Kunstschule anzukommen versucht. Doch die raten ihm, lieber einen Blumenladen aufzumachen, eine Kränkung, die ihn lange beschäftigt.

Ihr großes Projekt ist allerdings die Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“ ins Jiddische, an dem sie ihr ganzes Leben lang arbeiten. Auch später noch, als nach der Einwanderung nach Israel Xavier eine große Karriere macht mit der er wie sein Abbild „du-weißt-schon-wer“ ein Weltenbrand heraufbeschwört. Einem alten Hamasführer entwickelt er dabei seine Theorie über die Israelis und die Palästinenser:
„Wir bleiben geteilt und beherrscht. Reine Blitzableiter. Ohne uns würde die Region in die Luft fliegen, von Ägypten bis Syrien, Bahrein bis Saudi-Arabien, aber das brauchen wir uns nicht ewig gefallen zu lassen. Jetzt sind wir bloß Spielfiguren, Statisten, die ab und zu einen Brief auf die Bühne bringen dürfen, aber wissen Sie, wovor die anderen wirklich Angst haben? Dass wir uns zusammentun könnten. Meine Mutter sagte einmal: Hätte der Faschismus sich nicht gegen die Israeliten gekehrt, sondern sich mit ihnen vereint, wäre er in Europa immer noch eine lebendige Strömung. Wir sind nicht zu dieser Statistenrollen verurteilt, wir müssen nicht ewig für die Interessen anderer bluten.“

Obwohl das Buch schon seit dem 25. März 2013 auf dem Markt ist und schon Wochen vorher an die Kritiker verschickt wurde, gibt es bis zur Stunde noch keine einzige Besprechung von der etablierten Literaturkritik. Offenbar weiß man nicht, wie man mit dieser Form eines zynischen und ironischen Humors umgehen soll.

Ich halte „Der jüdische Messias“ für ein zentrales Werk im Oeuvre von Arnon Grünberg und bin froh, dass es endlich deutschen Lesern zugänglich ist.
 

Val Sidal

Mitglied
Winfried Stanzick,

über die vorgelegte Buchbesprechung kann ich wenig Positives anmerken. Die Hälfte des Textes verrät zu viel von der Geschichte; in der anderen Hälft (Kritik-Teil) sehe ich Mängel, die ich anmerken möchte:

Jahrelang wurde die deutsche Übersetzung und Veröffentlichung des nun vorliegenden großen jüdischen Romans von Arnon Grünberg [red]zurückgehalten[/red].
Spannend wäre es, wenn die Kritik Anhaltspunkte für das „Zurückhalten“ liefern würde: Wer? Warum?
Die Kritik flüstert uns (gewollt oder ungewollt) einen Subtext zu: es ist bestimmt Antisemitismus im Spiel! Das mag sogar sein. Doch gerade dann würde ich von der Kritik Klartext und kein Insinuieren erwarten.
In den Niederlanden seit dem Jahr 2004, als er erschien, mit viel Kritikerlob bedacht, erfuhr das Buch Veröffentlichungen in England, Frankreich, Spanien, Italien, Portugal und Ungarn. Ja, sogar in der Türkei, die nicht gerade dafür bekannt ist, Bücher von jüdischen Schriftstellern zu [red]protegieren[/red], wurde das Buch auf den Markt gebracht.
... „protegieren“ ist fehl am Platz. Kein Staat sollte Bücher protegieren (also bevorzugen, begünstigen usw.) – außer vielleicht Bücher, die er selbst produziert (Gesetzbücher, Grundbücher usw.)
Die nun um fast ein ganzes Jahrzehnt verspätete deutsche Übersetzung brauchte deshalb so lange, weil man beim Verlag [red]offensichtlich[/red] der Meinung war, einen Roman, in dem „du-weißt-schon-wer“, wie Adolf Hitler in diesem Buch durchgängig genannt wird, eine Art jüdischer Reinkarnation erfährt, nicht einem deutschen Publikum zumuten zu können. Warum es nun 2013 auf einmal geht – wir wissen es nicht.
... nein, es ist keineswegs „offensichtlich“, dass man beim Verlag der Meinung war,...
Wenn der Kritiker seine Annahme/Vermutung kundtun will, dann ist das Recht so. Der Leser kann aber erwarten, dass die Kritik Anhaltspunkte liefert, die eine solche Feststellung stützen. Die Formulierung „... deutsche Übersetzung brauchte deshalb so lange...“ ist unsauber – ich nehme an, es ist nicht der Vorgang der Übersetzung, sondern der Zeitraum bis zum Erscheinen der Übersetzung gemeint.
[red]Tatsache[/red] ist, dass Arnon Grünberg in diesem Werk seine ironische und voller bizarrem Humor ( hinter dem sich immer ein besonderer Ernst verbirgt) steckende literarische Kunst zu einem Höhepunkt gebracht
Es ist suspekt, wenn eine Kritik eine Wertung als „Tatsache“ präsentiert, Der junge Arnon Grünberg (im Alter von 33 Jahren) habe mit dem betrachteten Werk seine „literarische Kunst zu einem Höhepunkt gebracht“, lässt uns die Kritik wissen. Waren die Romane danach etwa schlecht?

Zwei Protagonisten hat er erdacht (...) Interessen anderer bluten.
Eine viel zu ausführliche Inhaltsangabe. Stattdessen würde ich erwarten, dass der Kritiker eine eigene Position und Perspektive auf das Werk entwickelt, Vorzüge und Mängel der Umsetzung der erkennbaren oder annehmbaren künstlerischen Absicht vorstellt und mit geeignet gewählten Textreferenzen und Zitaten untermauert.

Obwohl das Buch schon seit dem 25. März 2013 auf dem Markt ist und schon Wochen vorher an die Kritiker verschickt wurde, gibt es bis zur Stunde noch keine einzige Besprechung von der etablierten Literaturkritik. [red]Offenbar [/red]weiß man nicht, wie man mit dieser Form eines zynischen und ironischen Humors umgehen soll.
... und wieder „Offenbar“...

Diese Art Buchbesprechung hilft niemandem – dem gelobten Werk und Autor am wenigsten.

Eine unerfreuliche Lektüre, diese Rezension.
 
Der jüdische Messias

Guten Tag, Val Sidal,

Dein Verriss hat mich überrascht und auch ein wenig geärgert.
Ich werde in einigen Tagen ausführlicher antworten und auch einiges, was Du zu Recht an einzelnen Formulierungen monierst, gerne verbessern.

Einen schönen Sonntag wünscht Dir

Winfried Stanzick
 
Lieber Val Sidal,


ich habe mich redlich bemüht, Deine Kritik zu verstehen. Doch entweder gehe ich im weiteren Text der Rezension darauf ein, etwa mit Vermutungen, warum der Roman 9 Jahre lang in Deutschland nicht erschien, oder ich kann Deine Kritik an einzelnen Worten ( wie z.B. das von mir benutzte "offenbar") nicht nachvollziehen. Tatsächlich gibt es bis zur Stunde aus dem ganzen duetschsprachigen Feuilleton erst eine kurze, vorsichtig-wohlwollende Rezension in den Salzburger Nachrichten, wie mir der Diogenes Verlag auf Anfrage bestätigt hat.

Und: mitnichten waren die anderen Bücher Grünbergs schlecht (viele davon habe ich bei sandammeer und amazon besprochen). Deshalb kann man aber doch sagen, dass ein Buch der bisherige Höhepunkt im literarischen Schaffen eines Autors sei.)

Also: nach langen Überlegungen sehe ich keinen Grund, an meinem Text etwas zu ändern. Übrigens: dass die Türkei zumindest seit Erdogan an der Macht ist, im religiösen und kulturellen Bereich "protegiert" und auch das Gegenteil davon betreibt, ist ja nun hinreichend bekannt.

Mit kollegialen Grüßen

Winfried Stanzick
 

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