Der Kaffeemaschinenkobold

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VeraL

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Bohno Edschuino knackte genüsslich mit seinen Fingergelenken und machte sich bereit für die Arbeit. Er liebte seinen Job. Dieser herrliche Duft nach frischem Kaffee, die erwartungsvollen Gesichter der Menschen, die die Knöpfe eines Vollautomaten drückten oder müde Filter in die Maschine drückten, um endlich wach zu werden. Schöner war nur der Moment, in dem sie feststellten, dass die Maschine defekt war. Bohno machte sie kaputt. Er war ein Haushaltsgeräte-Kobold und hatte sich durch zahlreiche Weiterbildungen auf Kaffeemaschinen aller Art spezialisiert. Früher hatte er mal Abflüsse verstopft, damit aber nur Wut und Ekel hervorgerufen. Die Bandbreite von ungläubiger Verwunderung über Verzweiflung bis hin zu schierer Panik, die ein Morgen ohne Kaffee auslösen konnte, sprachen ihn weitaus mehr an.

Der Job heute war kniffelig. Er war in einem Café eingesetzt, das gleich drei Maschinen in Betrieb hatte. Auf der Internetseite hatte Bohno sich vorher über die Lokalität informiert: „Genießen Sie die gemütliche Atmosphäre in unserem familiengeführten Café und liebevoll zubereitete Speisen aus regionalen Zutaten.“ Bohno schlich sich durch die Tür und freute sich, dass er mit seiner Vorstellung richtig gelegen hatte. Alles war in Pastel- und Rosatönen gehalten. Herrlich. Solche Menschen waren immer besonders verzweifelt, wenn sie ihren Gästen keinen Kaffee, Latte Macchiato oder Cappuccino servieren konnten.

Die Vorbereitungen für das Frühstück waren in vollem Gange und Bohno, der selbst in die kleinste Kapselmaschine passte, hatte keine Mühe, sich in dem Gewusel zur ersten Maschine zu schleichen. Sie wärmte schon auf. Sehr gut. Er würde warten, bis die Besitzerin mit den langen blonden Haaren kommen würde und die erste Tasse zubereiten wollte. Dann war das Entsetzen am größten. Lange warten musste er nicht. Die ersten Gäste nahmen Platz und bestellten Cappuccino. Bohno knackte noch mal mit seinen Fingern und legte sie zärtlich auf die Maschine. In dem Moment als die Frau die Tasse unter den Hahn schob, flüsterte er: „Peiriant coffi camweithio”. Die Maschine gab ein knirschendes Seufzen von sich und erstarb.

Bohno gönnte sich einen Augenblick, um den Anblick der Frau, die die Stirn runzelte und an den Steckern rüttelte, in sich aufzusaugen. Zu welcher Maschine würde sie jetzt gehen? Er huschte zur linken. Heute musste sein Glückstag sein. Zwei Sekunden später stand die Frau ebenfalls an der linken Maschine. Zufrieden registrierte Bohno, dass sich das Cafe mit immer weiteren Gästen füllte und fast alle Tische besetzt waren. Die Kellnerinnen nahmen fleißig die nächsten Bestellungen auf. Der Kobold strich sachte über die Maschine und entschied sich für einen ausgefalleneren Spruch: “gwifren drydan llosgiadau” und eine Stichflamme schoss aus dem Kabel. In dem Moment gingen alle elektronischen Geräte aus.

Zu Bohnos Ärger reagierte die Frau souverän. Sie schüttete Wasser über die Flamme, zog den Stecker, schickte eine Angestellte in den Keller und scherzte gleichzeitig mit den Gästen: “Manchmal ist es wie verhext.”

Der Kobold stapfte missmutig zur dritten Maschine. Etwas mehr Drama hatte er sich von dem Spruch schon erhofft. Er tat sich etwas schwer mit der korrekten walisischen Aussprache und war auf diesen Zauber besonders stolz. Es riss sich zusammen, denn das Licht ging wieder an und die Frau schob die Tasse schon unter die Maschine. “Pibelli hamddenol”. Er erwartete, dass sich alle Schläuche lockern würden und Milch und Wasser aus der Maschine tropften. Stattdessen begann der Cappuccino in die Tasse zu strömen. Mist, er hätte länger üben sollen. Die Frau zog die Tasse unter der Maschine hervor und drückte direkt die Taste für Latte Macchiato, um die nächste Bestellung abzuarbeiten. “Botwm wedi torri”. Wieder nichts. Die Tasten funktionierten einwandfrei und die Frau streute gekonnte ein Herz aus braunem Pulver auf den Schaum. Ekelhaft.

Bohno traktierte die Machine mit fünf weiteren Sprüchen, aber nichts geschah. Er atmete tief ein und nahm einen seltsamen Duft nach Honig und Kräutern wahr. Er nieste und hatte keine Ahnung, was los war. Langsam wurde die Zeit knapp. Er musste vor der Mittagspause noch mindestens zwei weitere Cafes in der Straße lahmlegen, sonst würde er einen bösen Brief von der Koboldbehörde bekommen.

Bohno entschied sich, diesen Job zu beenden und direkt die nächste Aufgabe anzugehen. Hier stimmte etwas nicht. Vielleicht gab es einen Abwehrzauber. Wobei er das bei normalen Menschen noch nie erlebt hatte. Er fokussierte sich, wie er es in der letzten Fortbildung gelernt hatte: “Ich bin ein Kobold. Ich bin fies. Ich mache Menschen das Leben schwer. Ich liebe meinen Job.” Entschlossen nahm er sich die nächste Maschine in einer Bäckerei mit Sitzbereich vor. Doch kaum hatte er seine grünen Finger auf die Maschine gelegt, kitzelte ihn der Duft von Honig und Kräutern in der Nase. Er spürte Panik in sich aufsteigen und versemmelte den nächsten Zauber komplett. “Awtomatig hufen gyda sinamon” ließ den Vollautomaten Sahne mit Zimt produzieren, die von den Gästen begeistert aufgenommen wurde. Das durfte nicht wahr sein. Er hockte sich hinter die Maschine und versteckte den Kopf zwischen den Knien. Da hörte er eine hohe Frauenstimme neben seinem linken Ohr leise kichern. Er sah sich um, aber niemand war in seiner Nähe. Wurde er verrückt? Ein Kobold, der sich Gespenster einbildete. Das hatte es bestimmt noch nie gegeben. Er musste sich zusammenreißen. Sonst wäre er seinen Job bald los und müsste wieder eklige Klos verstopfen.

Das vorerst letzte Café auf seiner Liste war altmodisch eingerichtet und auf klassische Sahnetorten spezialisiert. Die Kaffeemaschine dort war so alt, dass sie nur noch einen kleinen Stups gebraucht hätte, um den Geist aufzugeben, aber beim Gedanken an die letzten beiden Fehlschläge schnürte sich sein Hals zu und er bekam kein einziges Wort heraus.
„Du bist ja leicht aus der Ruhe zu bringen“, sagte eine Stimme und kicherte. Bohno sah auf und auf der Maschine saß das Wesen, das kein Kobold jemals sehen wollte: eine Ellyllon. Er hatte davon gehört, dass Elfen sich neuerdings darauf spezialisierten, Kobolden, Trollen und Gnomen das Leben schwer zu machen. Klar, sie hatten es auch nicht leicht, mit klassischen Tätigkeitsfeldern ließ sich heute nichts mehr reißen und wer nicht als Gehilfe des Weihnachtsmanns in einer Shopping Mall landen wollte, musste sich etwas einfallen lassen. Er wusste trotzdem nicht, warum diese Ellyllon es ausgerechnet auf ihn abgesehen hatte.
„Fällt dir kein Spruch mehr ein, oder was? Macht nichts, deine Aussprache ist eh grauenhaft.“
Mit offenem Mund starrte er sie an. Was sollte er diesem Wesen entgegensetzen? Sie war nicht nur frech und konnte scheinbar besser Walisisch als er, sie war auch das schönste Geschöpf, das er jemals gesehen hatte. Auch wenn er sich Elfen eher mit wallenden weißen Gewändern oder zarten Kleidchen vorgestellt hatte. Diese hier trug Turnschuhe, verwaschene Jeans und ein viel zu großes Hemd.
„Du, freche Göre, du. Verschwinde sofort und lass mich meine Arbeit machen.“
Sie lachte wieder: „Verschwinden kann ich gerne, aber mit deiner Arbeit wird es wohl nichts. Ich hab die Maschine mit einem Schutzzauber belegt. Den kriegst du nie geknackt. Viel Spaß.“

Leider sollte sie Recht behalten. Nachdem er die Maschine eine halbe Stunde lang mit den verschiedensten Sprüchen traktiert hatte, gab Bohno entnervt auf. Niedergeschlagen schlurfte er nach Hause und fand eine Ermahnung der Koboldbehörde im Briefkasten. „Sehr geehrter Herr Eduschino, Sie haben heute Ihr Tagesziel deutlich verfehlt. Sollte das an mehr als zwei Tagen in der Woche oder an drei aufeinanderfolgenden Tagen eintreten, werden wir entsprechende Maßnahmen ergreifen. …“
Bohno zerknüllte den Brief und texte seinen besten Freund an. Dessen einziger Kommentar war: „Alter, du bist am Arsch.“ Auch seine Recherchen in der Kobolpedia und bei askthesuperkobold lieferten ihm keine brauchbaren Ergebnisse, was man tun konnte, wenn man von einer Ellyllon verfolgt wurde.

Der nächste Tag wurde noch schlimmer. Statt den Morgen einer Frau mit drei Kindern zu versauen, schaffte Bohno es, dass die Maschine neben leckerem Kaffee auf einmal auch Kakao für die Kinder produzierte. Als er die Maschine eines jungen Paares so manipulieren wollte, dass die ganze Küche mit heißem Wasser geflutet wurde, stiegen nur ein paar Seifenblasen auf und ständig schwebte über allem der Duft nach Honig und Kräutern. Zu sehen bekam er die Elfe allerdings erst am Abend, nach dem letzten schief gelaufenen Projekt. „Na, was ist? Gibst du auf?“
„Ich denke nicht daran.“ Von so einer frechen Elfe würde er sich nicht ins Boxhorn jagen lassen.

Das Dumme war nur, dass ihm nichts einfiel, was er gegen sie unternehmen konnte. Er war bis spät in die Nacht auf und wälzte Unterlagen und Bücher aus seinen Fortbildungen. Um sich wachzuhalten, machte er sich einen extra starken schwarzen Tee. Von Kaffee hatte er die Nase voll. Auf den Weg zurück zum Sofa blieb er wie angewurzelt stehen. Er erinnerte sich an etwas. Hektisch kramte er in seinen Unterlagen und fand tatsächlich die Notiz. Wenn es eine Elfe auf einen abgesehen hat, hilft nur Tee, am besten schwarzer, loser Tee. Nicht der aus den Beuteln. Zufrieden ging er ins Bett. Morgen würde er es dieser blöden Ellyllon zeigen. Doch schlafen konnte er nicht. Was würde der Tee mit der Elfe machen? Er konnte sich nicht erinnern, was der Dozent damals gesagt hatte. Hatte er von Ausschlag gesprochen oder sogar von Atemnot? Was, wenn er zu viel Tee nahm? Konnte das so ein zartes Wesen vielleicht sogar umbringen?

Als sein Wecker klingelte, war er vollkommen gerädert. Er packte die Dose mit dem Tee ein und schlurfte ohne Frühstück und Dusche zur Arbeit. Trotzdem kam er zu spät. Die Ellyllon saß auf der Kaffeemaschine, die fröhlich vor sich hin blubberte, und strahlte ihn an. Er griff in seine Tasche und zögerte. Bei dem Gedanken daran, morgens nicht mehr von dem Honig-Kräuter-Geruch begleitet zu werden, zog sich sein Herz zusammen. Seine Finger wurden fahrig und die Dose rutschte ihm aus der Hand. Im gleichen Moment erkannte die Elfe, was er vor hatte, und wich erschrocken zurück. Er hob eine Handvoll Teeblätter auf und wollte sie in ihre Richtung werfen.
„Bitte tu das nicht.“
„Dann verschwinde. Wenn du so weiter machst, bin ich noch diese Woche meinen Job los. Wovon soll ich dann leben?“
„Ich kann nicht verschwinden. Das hier ist mein Job und du machst alle unglücklich.“
„Ich bin ein Kobold. So sind wir halt, da machste nix. Also, wird‘s bald?“
„Du bist anders als die anderen Kobolde. Das hab ich dir gleich angesehen. Und ich dachte, du hättest mich ein bisschen gerne.“
Bohno ließ die Hand sinken. War das ein Trick? Niemals würde so ein wunderschönes Wesen jemand wie ihn gern haben. Oder doch?
Langsam kam die Ellyllon näher.
„Ich bin Melitta. Wollen wir nicht mal was zusammen trinken? Muss ja nicht Kaffee oder Tee sein. Einen Cocktail?“
Bohno wurde heiß und kalt. „Ich liebe … Cocktails. Aber ich … mein Job.“ Er war verwirrt.
„Lass uns verschwinden. Und dann reden wir über deinen Job. Der Spruch mit der Zimt-Sahne war ziemlich gut. Du könntest einen Reparaturdienst aufmachen. Oder wir machen uns mit einem Café selbstständig.“
Ein Café. Ein Kobold und eine Ellyllon. Er brauchte jetzt wirklich einen Cocktail.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Vera,

erliegt der böse Kobold etwa den zarten Waffen einer Elfendame?
Das ist wirklich eine putzige Geschichte. Gefällt mir.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

VeraL

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Vielen Dank für eure positiven Bewertungen. Es freut mich sehr, dass die Geschcihte bei euch gut ankommt. Viele Grüße Vera
 

Dag Dröm

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Hallo Vera,
Deine lebhafte und kurzweilige Geschichte habe ich gern gelesen. Du könntest sie noch ein wenig toppen, wenn Du die nachfolgend aufgeführten Stellen berichtigen würdest. Die Unterstreichungen geben an, wie es jeweils richtig lauten müsste.
Liebe Grüße
Dag

Bohno knackte noch mal mit seinen Fingern und legte sie zärtlich auf die Maschine. In dem Moment, als die Frau die Tasse unter den Hahn schob, flüsterte er: …
Zu welcher Maschine würde sie jetzt gehen?
Zufrieden registrierte Bohno, dass sich das Café mit immer weiteren Gästen füllte und fast alle Tische besetzt waren.
Bohno traktierte die Maschine mit fünf weiteren Sprüchen, aber nichts geschah.
Er musste vor der Mittagspause noch mindestens zwei weitere Cafés in der Straße lahmlegen, …
Er fokussierte sich, wie er es in der letzten Fortbildung gelernt hatte: …
… ließ den Vollautomaten Sahne mit Zimt produzieren, …
Er hatte davon gehört, dass Elfen sich neuerdings darauf spezialisierten, Kobolden, Trollen und Gnomen das Leben schwer zu machen.
„Sehr geehrter Herr Eduschino, Sie …
 

VeraL

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Hallo Dag Dröm,
vielen Dank, dass du meine Geschichte so genau gelesen hast und dir so viel Mühe damit gemacht hast. Dann werde ich gleich mal mit den Korrekturen anfangen.
Viele Grüße
Vera
 
Hallo Vera,

ich habe mich amüsiert. Deine Story hätte auch gut zu "Kindergeschichten" gepasst.


Dafür, dass mich sein Name an Eduscho und Tchibo erinnert, kann ich nicht verstehen, dass er erst kürzlich auf Kaffeeautomaten umgeschult hat :)

und die Frau streute gekonnte ein Herz aus braunem Pulver auf den Schaum.
gekonnt

Ich hab sonst nichts anzumerken. Auch gut.
Lustige Szenen, ein kleiner Konflikt, eine Wendung .. alles ist drin, prima!

Schönes Wochenende.
LG, Franklyn
 
Sollte der Kobold tatsächlich in ein neues Aufgabenfeld gewechselt sein, tut es mir (fast) leid, keinen Kaffee zu trinken.

Deine Geschichte ist originell und lässt sich gut lesen.
 


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