Der kleine Delfin

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Er kam Ben gleich harmlos vor, damals im Park von Charlottenlund. Der andere war schwarzhaarig, einen halben Kopf kleiner als er selbst und nur wenig älter; glaubte Ben, der Anfang zwanzig und zum ersten Mal in Kopenhagen war. Nach zwei Tagen schon hat er fast alles abgelaufen, die Schlösser, Kirchen und Plätze. Er ist die Lange Linie entlanggegangen, hat die Meerjungfrau in der Eile übersehen, wird sie vielleicht noch suchen, sollte er wieder ans Wasser kommen. Ben hat auch den Turm der Erlöserkirche in Christianshavn bestiegen – seltsam, außen an einer Turmspitze hinaufzusteigen. Und dabei wieder die Zwangsvorstellung, plötzlich in die Tiefe zu springen oder etwas hinabwerfen zu müssen: Stadtplan oder Fernglas. Von oben kann er die gesamte Stadt überblicken, den Sund und die Küste Schwedens. Die Meerenge kommt ihm von hier viel belebter vor als unten vom Wasserrand aus. Er fragt sich, ob sich auch mal ein Delfin in den Sund verirrt …

Am zweiten Abend mit der S-Bahn nach Charlottenlund und am Schloss vorbei in den Waldpark. Der Weg ist ihm in Berlin beschrieben worden, er findet ihn leicht. Man wird dort ebenso schnell angefasst wie in Berlin. Mit dem Mann da ist die Verständigung nicht einfach. Sie benutzen ein paar englische Brocken. Der andere will, dass er im Auto mitkommt, noch ein Stück raus aus der Stadt? Ben steigt ein. Unterwegs wird ihm eine Plastiktüte hingehalten, er soll hineinschauen. Da sind Fesseln aus Leder. Er sagt zögernd: „Okay“.

Es geht nordwärts am Meer entlang. Ein letzter Vorort, noch eine Seitenstraße, der Sportwagen wird geparkt. Dann überschreiten sie die Gleise der Küstenbahn. Der andere öffnet ein hölzernes Gatter. Es geht über eine Wiese, dann auf einen Sportplatz, auf eines der Tore zu. Den ganzen Fußweg haben sie eng umschlungen zurückgelegt. Der andere hat nichts mehr gesagt, sein Wesen scheint so freundlich, dass Ben ihm vollkommen vertraut.

Jetzt schüttet der Däne den Inhalt des Sacks auf den Boden. Da sind auch Stricke und Seile aus Hanf. Ben soll sich bis auf den Slip ausziehen, er gehorcht, sein linker Arm wird an einen Torpfosten hochgebunden. Er hat auch seine Armbanduhr ablegen müssen, seitdem ist er etwas misstrauisch. Er kann auf die Bahntrasse blicken, die Gleise sind keine hundert Meter von ihm entfernt. Werden ihn morgen früh die Pendler auf der Fahrt in die Stadt sehen, wie einen neuen Heiligen Sebastian? Als der Däne seinen zweiten Arm festbinden will, sagt Ben: „No, stop, please!“

Abrupter Programmwechsel. Der andere seufzte etwas, packte den Kram zusammen. Ben zog sich an. Sie gingen den Weg zurück, wie sie gekommen waren: umschlungen. Auf der Rückseite eines Schuppens – war es ein Bahnwärterhäuschen? – stand eine Bank. Da kamen sie sich noch näher. Nachher brachte er ihn zum Hotel zurück, dabei gleichbleibend freundlich, auf natürliche Weise charmant, ja herzlich. Ben bekam eine Telefonnummer, machte aber keinen Gebrauch davon. Der gutmütige Sadist hieß Ole.



Zwei Abende danach trafen sie in Charlottenlund wieder aufeinander. Einer, der Aksel hieß, im selben Alter wie Ben, tauchte später aus dem Dunkel neben ihnen auf. Mit ihm war die Verständigung leichter. Sie luden Ben für den übernächsten Abend zum Kaffee ein und zeigten ihm schon, wo sie in Nyboder zusammen wohnten. Es war eine der langen Zeilen kleiner Häuser, für die Kriegsmarine Christians IV. erbaut, ockergelb angestrichen, mit niedrigen, putzigen Räumen. Bei Bens nächstem Besuch dort sagte Ole, er arbeite tatsächlich in Christianshavn für die Marine. Er nahm ein Wörterbuch in die Hand, tippte auf ein dänisches Wort, dem daneben auf Deutsch „ungelernter Arbeiter“ entsprach. Ole war aus der Provinz, da wo sie besonders ländlich ist.

Für diesen Abend hatten sie noch zwei Freunde dabei. Einer von ihnen übersetzte fließend ins Deutsche. Mit Nachdruck machte er Ben darauf aufmerksam, dass Aksel Oles Freund sei. Ole war lebhaft wie ein Südländer, doch der Gesichtsschnitt trotz der schwarzen Haarfarbe unverkennbar dänisch. Für Ben war er jetzt der kleine Delfin: munter und verspielt. Ole sprudelte viel Dänisches hervor, der andere kam kaum mit dem Übersetzen nach. Ole wolle Deutsch lernen, Ben sei bei künftigen Reisen nach Kopenhagen eingeladen, bei ihm zu wohnen. Und Ben gab die erwartete Antwort: Ole könne selbstverständlich zu ihm nach Berlin kommen.

Mitten am Abend warf sich Aksel in seine Lederrüstung und fuhr mit Oles Wagen zu einer Verabredung. Ole schimpfte auf Dänisch mit ihm, dass er weggehe, obwohl Gäste da seien: soviel bekam Ben mit. Nachher war der Delfin weniger lebhaft, fast schüchtern, lebte erst wieder auf, als sie eine Verabredung für die Nacht vor Bens Abreise getroffen hatten. Der Übersetzer brachte Ben zurück ins Hotel, sagte unterwegs, Ole sei ein sehr guter Junge. Ben schien es, als ob er bezweifele, dass Ben würdig sei, dieses Reichskleinod auch nur zu berühren.

Und dann noch ein Abend mit dem Delfin, nur mit ihm und zwei Wörterbüchern: Dänisch – Deutsch, Dänisch - Englisch. Ole konnte sich so mitteilen. Ben erfuhr, Ole habe Dänemark noch niemals verlassen. Aksel war zum Frühstück wieder da. Er brachte Zeitungen mit, darunter eine deutsche für Ben.

Ben ließ Ole, der ihn zum Hotel gebracht hatte, schnell wegfahren. Nur nicht zuviel Emotion zeigen … Ben flog dann von Kastrup direkt nach Amsterdam, seine Gefühlslage eine Mischung aus Verliebtheit und schon sacht drückendem Verantwortungsgefühl. Einige Wochen später Oles erster Brief nach Berlin: Ich ist kommen die Lektion zehn so ich verstehen oder schreiben keine gut deutsch.



Ein kurzer Brief kam zum Jahreswechsel, darin als Hauptmitteilung: Ole und Aksel hatten ein neues Fernsehgerät gekauft. Zehn Tage vor Ostern die nächste Nachricht vom Delfin – er will am Gründonnerstag kommen. Sein Deutsch hatte über Winter kaum Fortschritte gemacht. Vorsorglich teilte er mit: … der Sommer du wären auf der Urlaub in Kopenhagen verstehen ich nicht Deutsch deshalb können ich nicht erzählen dich dass ich brauchen Toupe und ist 35 Jahr alt.

Ben holte ihn vom Bahnhof Zoo ab. Ole, der ihm nun viel älter als in der Erinnerung vorkam, lächelte freundlich, bescheiden, vorsichtig. So blieb es meist auch die folgenden drei Tage. Zwischendurch schienen sein Interesse und sein Mut manchmal zu sinken, ohne dass er es deutlich zeigte. Ben schleifte ihn noch am Ankunftsnachmittag durch die City West und erwartete staunendes Bewundern. Doch Ole äußerte sich zum Kudamm überhaupt nicht. Abends mussten sie einen Barbesuch abbrechen, der Delfin vertrug den dichten Zigarettenrauch nicht und litt unter Übelkeit und Kopfschmerzen. Sie fuhren früh nach Hause und Ben bereitete ihm auf dem Sofa ein Lager für die Nacht. Dann lagen sie in dem großen Raum drei Meter voneinander entfernt und Ben in seinem Bett schlief in dem Bewusstsein ein, wie enttäuscht Ole sein musste.

Am anderen Morgen wollte er das Muer sehen. Sie gingen durch den zartgrünen Tiergarten. Ben führte ihn am Schloss Bellevue, an der Kongresshalle, am Reichstag vorbei zum Brandenburger Tor. Ole blieb auf dem ganzen Gang beinahe stumm und Ben empfand erstmals selbst das Monumental-Hohle und Absurde dieser Stadtlandschaft. Ole weigerte sich, die Siegessäule zu besteigen: In solchen Höhen werde ihm schwindlig.

Viel besser lief es nachmittags im Grunewald. Unter den Kiefern und zwischen den im Revier flanierenden Männern schien es ihm endlich zu behagen. Er setzte durch, dass sie bis zur Abenddämmerung blieben und den Ausflug am Karsamstag wiederholten. Zaungast blieb er auch hier, wie erst recht im Trubel der beiden weiteren Abende. Erlösend war es gewiss für beide, als er am Sonntagmittag abreiste. Ben heuchelte seine innere Bewegung nicht, als er sich unter dem Zugfenster von Ole verabschiedete, der von oben dazu skeptisch lächelte: Sie würden sich kaum noch einmal sehen. Ole lud ihn zwar für den Sommer per Brief erneut zu sich ein, aber Ben kam erst Jahre später wieder nach Kopenhagen und nahm ein Hotelzimmer.

Wenn er später an den Delfin denkt, sieht er vor allem Karfreitagsszenen vor sich. Ole hat beim gemeinsamen Aufbruch abends seinen eigenen Schlüssel bekommen. Unter den vielen Fremden im Lokal entdeckt Ben einen Großen, Kräftigen, Hübschen, den er letzten Sommer in Amsterdam gesehen und sich vorgemerkt hat, einen Deutschen um die dreißig von schwer entschlüsselbarem Reiz - da ist etwas nachzuholen. Ole soll vorerst in der Bar bleiben, während Ben mit dem Münchner nach Hause fährt. Dort wird wieder eine Plastiktüte entleert und neben Fesseln kommen diesmal auch zwei Masken zum Vorschein. Sie setzen sie auf und der gefesselte Ben beobachtet und studiert fasziniert das Verhalten und die Ausstrahlung des anderen, seine scheinbare Lässigkeit, seine beherrschte Ruhe, sein seltsam bedrücktes Wesen. (Viel später wird er erfahren, es war ein Studienrat.)

Nach diesem kontrollierten Exzess fahren sie zurück in die Bar. Der Münchner lenkt unterwegs, ohne übermüdet oder betrunken zu wirken, seinen Wagen bei Rot mitten auf eine belebte Kreuzung, wie mit Absicht und ohne im Geringsten zu erschrecken. Bald darauf kommen sie an der Gedächtniskirche vorbei. Da, die Budapester Straße entlang, geht jetzt, allein auf seinem Rückweg, Ole langsam in entgegengesetzter Richtung dicht an ihnen vorbei, wie einer, der etwas verfehlt hat.
 
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Gelöschtes Mitglied 21684

Gast
Leider kann ich da weder etwas von Liebe gesschweige denn von Erotik herauslesen.
Davon abgesehen, dass ich Mühe hatte, bis zum Ende durchzuhalten, bietet das sich Stück mir dar wie die unbeholfenen Tagebuchaufzeichnungen eines pubertierenden Jugendlichen, der nicht weiß, was sich da in seinem Inneren an Gefühlen und Zweifeln, Sehnen und Suchen entwickelt.
Die Geschichte kommt mir vor, wie dein letzter Halbsatz: Wie eine, die etwas verfehlt hat. In diesem Fall das Thema.
 
Danke, Ben Vart, für deine offene Meinung. Bei der Definition von Liebe und Erotik allgemein müssen wir ja nicht übereinstimmen, Das hier behandelte spezielle Hauptthema will ich dir dafür schon benennen, es ist die Problematik von Urlaubs- und Reisebekanntschaften, wenn sie ein Verlieben einschließen.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

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