Der Mann auf dem Nachbarbalkon

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Ciconia

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Es goss in Strömen, als ich bei Einbruch der Dunkelheit ins Hotel zurückkehrte. Die Schwüle des Tages hatte mein Zimmer unangenehm aufgeheizt, deshalb öffnete ich erst einmal die Balkontür.

Zu meinem Leidwesen lagen die Balkone in diesem Hotel sehr nah beieinander. Man hätte nicht besonders sportlich sein müssen, um den höchstens fünfzig Zentimeter breiten Zwischenraum zu überwinden. Meine Ängste mögen für Andere vielleicht etwas übertrieben scheinen, aber ich schlief deshalb grundsätzlich nur bei geschlossener Balkontür. Häufig genutzt wurden diese Balkone ohnehin nicht, denn die Stühle waren unbequem und eigentlich zu niedrig, die Brüstung dagegen ungewöhnlich hoch. Im Sitzen sah man in die Berge, immerhin, sonst nichts. Die Stammklientel dieses Hotels, meistens ältere Kurgäste, saß abends sowieso eher vor dem Fernseher oder ging früh schlafen.

Ich erschrak, denn nebenan bewegte sich etwas, das ich im Schummerlicht zunächst nicht einordnen konnte. Ein genauerer Blick ergab: Unter einem riesigen dunklen Schirm, auf den der Regen kräftig prasselte, schien jemand zu sitzen, der leise vor sich hin sprach. Es roch nach Zigarettenrauch. Der Schirm schloss fast mit der Balkonbrüstung ab. Seltsam.

Müde von einer langen Wanderung und den Kopf voller Natureindrücke, dachte ich am nächsten Tag nicht mehr an das Erlebnis. Wie immer stellte ich spätnachmittags die Wanderschuhe auf den Balkon - und zuckte zusammen. Drüben hockte zusammengekauert ein Mann mit einem respektablen Seehundbart und raunte in sein Handy, so leise, dass trotz der räumlichen Nähe kein Wort zu verstehen war.

Dieses Schauspiel wiederholte sich nun täglich. Wenn ich nachmittags oder abends ins Zimmer kam und die Balkontür öffnete, hockte der merkwürdige Mann schon auf seinem Balkon – bei jedem Wetter und oft versteckt unter dem dunklen Regenschirm. Meistens telefonierte er lange und leise, und immer rauchte er dabei. Morgens kam er nicht zum Vorschein.

Ich fühlte mich zunehmend unwohl und in gewisser Weise eingeengt. Den Balkon betrat ich nur noch selten, nachts schreckte ich schon beim geringsten Geräusch hoch. Ich frühstückte zu unterschiedlichen Zeiten, aber niemals sah ich jemanden mit einem solchen Bart im Frühstücksraum. Verließ der Mann sein Zimmer überhaupt? Warum logierte ein offensichtlich starker Raucher in einem Nichtraucherhotel? War er untergetaucht oder Privatdetektiv, der einen anderen Gast beobachtete? Hatte ihn seine Frau hinausgeworfen, und er versuchte sie in endlosen Telefongesprächen umzustimmen? Wahrscheinlich waren zu viele Fernsehkrimis schuld an meiner lebhaften Phantasie.

Eines Nachmittags stieß ich dann beinahe mit ihm zusammen. Der Mann, der mir auf dem schmalen Gehweg neben der Hotelauffahrt entgegenkam, bestach durch einen beeindruckenden Seehundbart und eine ungepflegte, zauselige Frisur. Er starrte in meine Richtung, ohne mich wirklich anzusehen; sein zombiehafter Blick ließ mich frösteln. Im Vorbeigehen hörte ich, wie in zwei vollen Einkaufstüten Flaschen klirrten. Ein Alkoholiker? Ging er nur nach draußen, um Nachschub zu holen?

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch. Träumte ich oder hörte ich tatsächlich Stimmen von nebenan? Der Radiowecker zeigte 2.33 Uhr. Vorsichtig öffnete ich die Balkontür und schaute um die Ecke. Heller Lichtschein fiel drüben aus der sperrangelweit geöffneten Tür. Nun konnte ich deutlich die Stimmen mehrerer Männer unterscheiden, die jedoch bald darauf verstummten. Auf dem Hotelflur entfernten sich Schritte. Erst jetzt nahm ich den Rettungswagen vor dem Hoteleingang wahr. Augenblicke später wurde ein Mann mit Kopfverband zum Rettungswagen begleitet, eine weitere Person trug einen roten Koffer hinterher. Ob der Verletzte einen Bart hatte, war wegen des Kopfverbandes nicht zu erkennen.

Ich stand völlig perplex auf dem Balkon. Welcher Mann reiste mit einem roten Koffer? Oder war das etwa nur ein Notfallkoffer gewesen? Bestand überhaupt ein Zusammenhang zwischen der Unruhe im Nebenzimmer und dem Verletzten? Hatte es eine Schlägerei gegeben? War der Mann im Rausch gestürzt? Hätte ich dann nicht früher durch Geräusche wach werden müssen?
Nebenan war wieder alles ruhig und dunkel, die Balkontür geschlossen.
Schlaf fand ich in dieser Nacht trotzdem kaum noch.

Die Tür zum Nachbarzimmer stand weit offen, als ich am späten Vormittag zum Frühstück ging. Das Zimmermädchen zog gerade das Bett ab und kehrte mir den Rücken zu, sodass ich unbemerkt hineinsehen konnte. Das Zimmer schien geräumt zu sein, ein großer Putzwagen versperrte mir eine genauere Sicht. Ich meinte allerdings vor dem Bett einen größeren Fleck auf dem Teppichboden zu sehen.

Bis zum Ende meines Aufenthaltes wurde das Zimmer nicht mehr belegt. Ich konnte mich wieder entspannen.
 

Ji Rina

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Hallo Ciconia,
Eine spannende Geschichte!
Die Prot stellt sich Fragen über Fragen; den ganzen Text lang wird die Spannung aufgebaut (der Mann nebenan sitzt egal bei welchem Wetter unterm Schirm; spricht ganz leise ins Handy; etc). Am Ende lässt Du die Leser unwissend zurück. Die Prot hat ihre Ruhe, das Zimmer bleibt leer. Aber wozu dann die ganze Geschichte?
Wäre es ihr nicht möglich gewesen, sich an der Rezeption zu erkundigen, welch mysteriöser Gast dort neben ihr wohnt? Spätestens am nächsten Morgen, bei dem Zimmermädchen, hätte man doch auch nachfragen können.

Was war denn nun da los in diesem Hotel? :)
(Und rote Koffer sind nix ungewöhnliches (bei Männern)
 

Ciconia

Mitglied
Hallo JiRina,

freut mich, dass Du diese Geschichte zumindest spannend findest.
Aber mal ganz ehrlich: Möchtest Du in einem Hotel wohnen, das Auskunft über andere Gäste gibt? Etwa so: „Ja, der Typ aus Zimmer 403 ist ein entlassener Strafgefangener, der hier untergekommen ist, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat“.
Nicht wirklich, oder? Ich würde einen solchen Versuch gar nicht erst unternehmen, weil ich immer von Diskretion ausgehe. Und ob ein Zimmermädchen wirklich Bescheid weiß?
Und rote Koffer sind nix ungewöhnliches (bei Männern)
Na gut, das ist vielleicht eine Altersfrage und eine Geschmackfrage sowieso. ;)
Am Ende lässt Du die Leser unwissend zurück.
Na klar, die Prota wusste ja auch nicht mehr … :cool:

Gruß Ciconia
 

Ji Rina

Mitglied
Aber mal ganz ehrlich: Möchtest Du in einem Hotel wohnen, das Auskunft über andere Gäste gibt? Etwa so: „Ja, der Typ aus Zimmer 403 ist ein entlassener Strafgefangener, der hier untergekommen ist, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat“.
Nicht wirklich, oder? Ich würde einen solchen Versuch gar nicht erst unternehmen, weil ich immer von Diskretion ausgehe.
In diesem Hotel,dass normalerweise von älteren Kurgästen besucht wird, sitzt jemand jede Nacht bei prasselndem Regen (oder egal welches Wetter) unter einem grossen Schirm und flüstert etwas ins Handy. Wenn ein zahlender Gast dann noch nachts um 02.30 von Stimmen in eben diesem Nebenzimmer und Rettungswagen vor der Hoteltür geweckt wird; ist es schon legitim wenn er sich am nächsten Morgen an der Rezeption erkundigt, ohne deshalb als Indiskret oder was immer abgestempelt zu werden. Der Gast hätte ausserdem auch die Möglichkeit nach einem anderen Zimmer zu fragen (Den Balkon betrat ich nur noch selten, nachts schreckte ich schon beim geringsten Geräusch hoch.).

Dies erwáhnte ich auch nur, weil der Prot sich dermassen den Kopf zerbricht:
Ich frühstückte zu unterschiedlichen Zeiten, aber niemals sah ich jemanden mit einem solchen Bart im Frühstücksraum. Verließ der Mann sein Zimmer überhaupt? Warum logierte ein offensichtlich starker Raucher in einem Nichtraucherhotel? War er untergetaucht oder Privatdetektiv, der einen anderen Gast beobachtete? Hatte ihn seine Frau hinausgeworfen, und er versuchte sie in endlosen Telefongesprächen umzustimmen?
Ein Alkoholiker? Ging er nur nach draußen, um Nachschub zu holen?
Ich stand völlig perplex auf dem Balkon. Welcher Mann reiste mit einem roten Koffer? Oder war das etwa nur ein Notfallkoffer gewesen? Bestand überhaupt ein Zusammenhang zwischen der Unruhe im Nebenzimmer und dem Verletzten? Hatte es eine Schlägerei gegeben? War der Mann im Rausch gestürzt? Hätte ich dann nicht früher durch Geräusche wach werden müssen?
Ihm könnte dieser Zimmernachbar ja auch völlig egal sein.:D
Aber egal...Zum Glück ist der ja abgereist (oder zumindest nicht mehr da);)
 

Ciconia

Mitglied
Hallo JiRina,

Du hättest gekämpft, nicht wahr? ;)
Aber so dramatisch ist die Angelegenheit doch gar nicht. Dass man nachts von Stimmen im Hotel geweckt wird, ist doch nichts Ungewöhnliches, da sind immer mal Nachtschwärmer unterwegs. Vom Rettungswagen wurde die Prota wahrscheinlich auch nicht geweckt, der stand einfach nur da. Und der Typ sitzt auch nicht „jede Nacht“ auf dem Balkon, sondern nur, wenn die Prota „nachmittags oder abends“ ins Hotel zurückkommt. Da sie die Tür immer geschlossen hat, weiß sie doch gar nicht, wie lange er dort sitzt.
Dies erwáhnte ich auch nur, weil der Prot sich dermassen den Kopf zerbricht
Ja, warum macht die Prota das? Der Typ tut ihr doch nichts, er schaut nicht einmal zu ihr herüber. Im Grunde genommen weiß sie gar nichts Genaues, es sind doch bis zuletzt alles nur Vermutungen. Vielleicht liegt in diesen Sätzen die Lösung?
Meine Ängste mögen für Andere vielleicht etwas übertrieben scheinen
Wahrscheinlich waren zu viele Fernsehkrimis schuld an meiner lebhaften Phantasie.

Gruß Ciconia
 

Ji Rina

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Du hättest gekämpft, nicht wahr?
Gekämpft? Ich im Hotel? Also an der Rezeption nachgefragt?
Wie gesagt, ich versuche den Sinn der Story herauszufinden…
Aber so dramatisch ist die Angelegenheit doch gar nicht…..
Es ist Deine Story. Und wenn Du mit dem Text zufrieden bist, dann ist das für mich Okay.
Ich meinerseits freu mich aufs nächste von Dir;)
Mit Gruss,
Ji
 

kad sgard

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hallo ciconia,
da hangel ich mich von krimi zu krimi, langweile mich wegen fehlender spannung und dann kommt die ciconia daher mit "der mann auf dem nachbarbalkon" ..

schick den text doch sebastian fitzek .. dann erfährt jeder was mit dem mann nun war ;)

selbstmord, herzinfarkt, spion??


gut geschrieben


schaurige grüße
kad
 

Ciconia

Mitglied
schick den text doch sebastian fitzek
Hallo kad sgard,

wie meinst Du das? Damit er mal einen richtigen Krimi daraus macht? Na ja, dies ist halt „nur“ eine Kurzprosa, die ganz ohne Plot auskommen kann.

Freut mich, dass Du Dich trotzdem gegruselt hast. ;) Danke für die Wertung!

Gruß Ciconia
 

kad sgard

Mitglied
krimiautoren sind immer auf der suche nach inspiration ...

und weil ich deine geschichte wirklich spannend finde, könnte ich mir eine fortsetzung gut vorstelllen.

sie ist natürlich auch ohne fortsetzung fesselnd (sonst hättest du ne 2 bekommen ;) )
 

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