Der Mann aus Wladiwostok

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Ciconia

Mitglied
Ein eiskalter stechender Novemberwind pfeift durch das Industriegebiet am Stadtrand, in dem ich etwas zu erledigen hatte. Ich trage heute zum ersten Mal in diesem Jahr Mütze und Schal, trotzdem möchte ich beim Warten auf den Bus nicht im Freien stehen.

Der Mann im Buswartehäuschen vor dem kleinen Einkaufscenter wirkt unauffällig. Er besetzt raumgreifend den mittleren von drei Metallsitzen, sodass für mich nur ein halber Sitz am Rand übrig bleibt. Das ist schon in Ordnung, der Bus müsste in wenigen Minuten kommen.
„Schöne Mütze haben Sie, so wie meine“, spricht er mich sofort an.
Ich schaue zu ihm und seiner abgegriffenen Pudelmütze hinüber und sehe dann, dass er eine größere, stark ausgebeulte Einkaufstasche zwischen seinen Füßen hält. Er beugt sich näher zu mir her, Zigarettengestank nimmt mir fast den Atem. Ich bin beruhigt, dass er wenigstens nicht nach Alkohol riecht.
„Zugig heute. Zugluft ist schlecht, darf man nicht zwei Fenster auf einmal aufmachen, ist nicht gut.“
Sein Deutsch ist fast fehlerfrei. Nur ein harter Akzent mit stark rollendem „R“ verrät eine Herkunft wahrscheinlich jenseits der russischen Grenze.

„Wussten Sie, dass man kein Leitungswasser trinken darf? Das ist die reinste Kloake, das Wasser geht durch die Toilette und kommt durch den Wasserhahn wieder raus. Alles voller Keime. Das dürfen Sie nur abgekocht trinken. Verstehen Sie, was ich meine?“
Diesen Satz wird er in den nächsten Minuten noch an viele seiner Ausführungen hängen. Ich nicke.
„Woanders gibt’s Wasser kostenlos, in Deutschland muss man für alles zahlen.“
„Wo kommen Sie denn her?“ frage ich, um mich auch am Gespräch zu beteiligen.
Er scheint ein paar Sekunden zu überlegen.
„Aus der Türkei!“
Zweifelnd schaue ich ihn an, zum ersten Mal näher. Er muss früher ein gutaussehender Mann gewesen sein. Seine braunen Augen blicken hellwach, sein Lächeln ist sympathisch, ein wenig verschmitzt. Aber die besten Jahre hat er definitiv hinter sich, er wirkt verlebt und seine Kleidung ein wenig abgewetzt.
Er lächelt und kann seine gelben lückenhaften Zähne dabei nicht verbergen.
„Aus der Türkei?“, frage ich ungläubig.
„Ja, ja, Schwarzes Meer, kennen Sie?“
Ich nicke höflich.

„Wissen Sie, wie man in Afrika Wasser findet? Gibt man Affen Salzsteine zum Schlecken, da kriegen die Durst und laufen in den Wald. Und die Eingeborenen hinterher, bis die Affen das Wasser gefunden haben. Versehen Sie, was ich meine?“
Allmählich sehe ich ein, dass es keinen Sinn macht, auf seine Ausführungen einzugehen, und höre schweigend zu. Längere Pausen zum Antworten gibt er mir sowieso nicht.

„Wladiwostok, da komm ich her“, schwadroniert er dann weiter.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Wladiwostok nicht am Schwarzen Meer liegt, lasse das aber unkommentiert. Nicht immer kann ich seinen weitschweifenden Erzählungen folgen. Nun ist er im Kaukasus angekommen. Das passt schon eher zur Türkei, weniger zu Wladiwostok.
„Ich hab zwanzig Jahre bei der Bahn gearbeitet, Züge rangiert und alles Mögliche. Und Hotelmanager war ich auch, Mechaniker, Techniker ... bin überall rumgekommen.“
Er wirkt plötzlich nachdenklich.
„Und was machen Sie dann hier?“
„Jetzt bin ich Rentner.“ Wieder dieses schelmische Lächeln. Seine Geschichten machen ihm offensichtlich selbst am meisten Spaß.
Im Rentenalter ist er bestimmt noch nicht, aber er ist schwer einzuschätzen. Wieder beugt er sich sehr nah zu mir herüber. Jetzt wird mir die Nähe zu viel, ich muss ich aufstehen, die Beine vertreten.

„Hier ist so langweilig. Keine Disco und so“, spricht er auch aus drei Metern Entfernung weiter auf mich ein.
„Disco? Im Rentenalter?“ Ich drehe mich zu ihm um. Er lächelt gedankenverloren.
„Mein Großvater war Bürgermeister in Hamburg“, startet er die nächste Offensive, „sein Denkmal steht am Gänsemarkt. Jungfernstieg, Gänsemarkt, Hamburg, kennen Sie?"
Ich nicke. Ja, dort steht das Lessing-Denkmal, fällt mir ein.
„Wie hieß der denn?“
„Das verrate ich nicht!“ Triumphierendes Lächeln.
„Der steht da, Gänsemarkt, hat ganz lange Stiefel an, bis hier (er zeigt an die Hüften), Jungfernstieg, Gänsemarkt, Hamburg, müssen Sie mal hinfahren.“

Eine frierende alte Frau kommt zu uns in den Unterstand. Schnell wendet sich der Mann nun ihr zu.
„Schöne braune Augen haben Sie“, sagt er, „wie ich.“
Die Frau schaut etwas verstört.

Langsam biegt der Bus um die Ecke. Fast fünf Minuten Verspätung, wie ich erst jetzt bemerke. War mir gar nicht aufgefallen bei all den Geschichten.
Der Mann aus Wladiwostok will nicht mitfahren. Ich sehe noch, wie er sich eine neue Zigarette dreht. Seine schmutziggrauen Handschuhe sind praktischerweise fingerlos.

Und während der Bus sich in Bewegung setzt, beginne ich zu grübeln, wie das Leben dieses Mannes wirklich verlaufen sein könnte.
 

Maribu

Mitglied
Hallo Ciconia,

eine sehr gut beschriebene - wahrscheinlich fiktive - Begegnung mit einem seltsamen Mann.

Nicht nur der/die Ich-Erzählerin denkt darüber nach, sondern auch der oder die Leser. Was mag ihn antreiben, fremde Frauen anzusprechen und widersprüchliche Dinge zu erzählen?
"Vom Rangierer zum Hotelmanager" oder umgekehrt, - dass wird es heutzutage auch nicht mehr im angeblichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten geben, geschweige in der Türkei oder in Wladiwostok!

Wo kommt er tatsächlich her? - Männer mit braunen Augen gibt es auch in Deutschland. - Vielleicht ist es ein Komiker aus Wanne-Eickel? - Sehr rätselhaft!

Lieben Gruß!
Maribu
 

Ciconia

Mitglied
Ein eiskalter stechender Novemberwind pfeift durch das Industriegebiet am Stadtrand, in dem ich etwas zu erledigen hatte. Ich trage heute zum ersten Mal in diesem Jahr Mütze und Schal, trotzdem möchte ich beim Warten auf den Bus nicht im Freien stehen.

Der Mann im Buswartehäuschen vor dem kleinen Einkaufscenter wirkt unauffällig. Er besetzt raumgreifend den mittleren von drei Metallsitzen, sodass für mich nur ein halber Sitz am Rand übrig bleibt. Das ist schon in Ordnung, der Bus müsste in wenigen Minuten kommen.
„Schöne Mütze haben Sie, so wie meine“, spricht er mich sofort an.
Ich schaue zu ihm und seiner abgegriffenen Pudelmütze hinüber und sehe dann, dass er eine größere, stark ausgebeulte Einkaufstasche zwischen seinen Füßen hält. Er beugt sich näher zu mir her, Zigarettengestank nimmt mir fast den Atem. Ich bin beruhigt, dass er wenigstens nicht nach Alkohol riecht.
„Zugig heute. Zugluft ist schlecht, darf man nicht zwei Fenster auf einmal aufmachen, ist nicht gut.“
Sein Deutsch ist fast fehlerfrei. Nur ein harter Akzent mit stark rollendem „R“ verrät eine Herkunft wahrscheinlich jenseits der russischen Grenze.

„Wussten Sie, dass man kein Leitungswasser trinken darf? Das ist die reinste Kloake, das Wasser geht durch die Toilette und kommt durch den Wasserhahn wieder raus. Alles voller Keime. Das dürfen Sie nur abgekocht trinken. Verstehen Sie, was ich meine?“
Diesen Satz wird er in den nächsten Minuten noch an viele seiner Ausführungen hängen. Ich nicke.
„Woanders gibt’s Wasser kostenlos, in Deutschland muss man für alles zahlen.“
„Wo kommen Sie denn her?“ frage ich, um mich auch am Gespräch zu beteiligen.
Er scheint ein paar Sekunden zu überlegen.
„Aus der Türkei!“
Zweifelnd schaue ich ihn an, zum ersten Mal näher. Er muss früher ein gutaussehender Mann gewesen sein. Seine braunen Augen blicken hellwach, sein Lächeln ist sympathisch, ein wenig verschmitzt. Aber die besten Jahre hat er definitiv hinter sich, er wirkt verlebt und seine Kleidung ein wenig abgewetzt.
Er lächelt und kann seine gelben lückenhaften Zähne dabei nicht verbergen.
„Aus der Türkei?“, frage ich ungläubig.
„Ja, ja, Schwarzes Meer, kennen Sie?“
Ich nicke höflich.

„Wissen Sie, wie man in Afrika Wasser findet? Gibt man Affen Salzsteine zum Schlecken, da kriegen die Durst und laufen in den Wald. Und die Eingeborenen hinterher, bis die Affen das Wasser gefunden haben. Versehen Sie, was ich meine?“
Allmählich sehe ich ein, dass es keinen Sinn macht, auf seine Ausführungen einzugehen, und höre schweigend zu. Längere Pausen zum Antworten gibt er mir sowieso nicht.

„Wladiwostok, da komm ich her“, schwadroniert er dann weiter.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Wladiwostok nicht am Schwarzen Meer liegt, lasse das aber unkommentiert. Nicht immer kann ich seinen weitschweifenden Erzählungen folgen. Nun ist er im Kaukasus angekommen. Das passt schon eher zur Türkei, weniger zu Wladiwostok.
„Ich hab zwanzig Jahre bei der Bahn gearbeitet, Züge rangiert und alles Mögliche. Und Hotelmanager war ich auch, Mechaniker, Techniker ... bin überall rumgekommen.“
Er wirkt plötzlich nachdenklich.
„Und was machen Sie dann hier?“
„Jetzt bin ich Rentner.“ Wieder dieses schelmische Lächeln. Seine Geschichten machen ihm offensichtlich selbst am meisten Spaß.
Im Rentenalter ist er bestimmt noch nicht, aber er ist schwer einzuschätzen. Wieder beugt er sich sehr nah zu mir herüber. Jetzt wird mir die Nähe zu viel, ich muss aufstehen, die Beine vertreten.

„Hier ist so langweilig. Keine Disco und so“, spricht er auch aus drei Metern Entfernung weiter auf mich ein.
„Disco? Im Rentenalter?“ Ich drehe mich zu ihm um. Er lächelt gedankenverloren.
„Mein Großvater war Bürgermeister in Hamburg“, startet er die nächste Offensive, „sein Denkmal steht am Gänsemarkt. Jungfernstieg, Gänsemarkt, Hamburg, kennen Sie?"
Ich nicke. Ja, dort steht das Lessing-Denkmal, fällt mir ein.
„Wie hieß der denn?“
„Das verrate ich nicht!“ Triumphierendes Lächeln.
„Der steht da, Gänsemarkt, hat ganz lange Stiefel an, bis hier (er zeigt an die Hüften), Jungfernstieg, Gänsemarkt, Hamburg, müssen Sie mal hinfahren.“

Eine frierende alte Frau kommt zu uns in den Unterstand. Schnell wendet sich der Mann nun ihr zu.
„Schöne braune Augen haben Sie“, sagt er, „wie ich.“
Die Frau schaut etwas verstört.

Langsam biegt der Bus um die Ecke. Fast fünf Minuten Verspätung, wie ich erst jetzt bemerke. War mir gar nicht aufgefallen bei all den Geschichten.
Der Mann aus Wladiwostok will nicht mitfahren. Ich sehe noch, wie er sich eine neue Zigarette dreht. Seine schmutziggrauen Handschuhe sind praktischerweise fingerlos.

Und während der Bus sich in Bewegung setzt, beginne ich zu grübeln, wie das Leben dieses Mannes wirklich verlaufen sein könnte.
 
A

aligaga

Gast
Dass man in einem Bushäusel oder andern, geschützten Orts bei „eiskalt stechenden Novemberwinden“ als jemand, der etwas – offenbar Erwähnenswertes! – zu „erledigen“ hatte, auf menschliches Treibgut stößt, ist nicht ungewöhnlich, und auch nicht, dass man von diesen Ruinen – mögen sie alkoholisiert sein oder nicht – angesprochen oder angebettelt wird.

So weit, so banal. Der Leser fragt sich, was uns die Autorin mit der nüchternen Schilderung dieses „Sandlers“ den näherbringen wollte. @Ali findet in dieser Beschreibung nichts besonders oder bemerkenswert, jedenfalls nicht im Dampf des offenbar Obdachlosen.

Auffällig ist lediglich das lührische Ich, das uns hier vorgestellt wird. Es betrachtet den Outlaw, als wär’s jener übelriechende Käfer, der uns anderswo als Gergor Samsa entgegenkrabbelt und der am Ende an einer Wunde verenden muss, die ihm der eig’ne Vater geschlagen hat.

Vielleicht ist das der tiefere Sinn dieses Stückerls? Dass uns die AutorIn ein lührisches Ich zeigen möchte, das frei von jedweder Empathie ist und von diesem Mitmenschen lediglich wissen möchte, was er in dem Bushäusel denn verloren habe, um ihm dann noch zu verdeutlichen, dass einer wie er in einer Disco nichts verloren hätte.

Hm. Das könnte der Beginn einer Weihnachtsgeschichte sein, wo die ProtagonistIn am Ende düpiert feststellen muss, dass sie in dem Penner den HErrn nicht erkannte und deshalb bei der Bescherung draußen bleiben muss ...

Adventlich-heit'ren Sinns

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Maribu,

die besten Geschichten schreibt doch immer noch das Leben – man muss nur lernen, sie zu erinnern und niederzuschreiben. ;)

Danke für Deinen freundlichen Kommentar und die Wertung.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
die besten Geschichten schreibt doch immer noch das Leben – man muss nur lernen, sie zu erinnern und niederzuschreiben.
Ja, das haben sich aufmerksame Leser gleich gedacht: Die Kälte des lührischen Ichs wird kaum gespielt, sondern recht authentisch sein.

Aber darin gleich eine "beste" Geschichte erkennen zu wollen, ist denn doch ein wenig übertrieben. @Ali würde sie eine "typische" nennen.

Adventlich gestimmt wie schon den ganzen Tag

aligaga
 
Starker Text, ohne Zweifel, liebe Kollegin. Und dass er nicht zusammenfabuliert ist, war mir auch bald klar. Er hat mich beim Lesen an eine Reisebegegnung erinnert, die mir schon lange entfallen und nun auf einmal als Erinnerung wieder da war. Es muss auf einer stundenlangen Zugfahrt gewesen sein, vielleicht nach oder in Österreich. In einem Sechserabteil nur wir zwei, am Fenster uns gegenüber und der alte Mann auf genau dieselbe Weise schwadronierend und Geographie, Geschichte und eigene Biographie ausschmückend und alles miteinander vermengend. Nur war ich im Verlauf wohl nicht ebenso geduldig wie die Ich-Erzählerin hier ...

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 
A

aligaga

Gast
Was an der 1:1-Wiedergabe von Geplauder, wie man's an jedem Bahnhofskiosk, an jedem Biertisch, in Wartezimmern, Damen-, Herren- und Gemischtumkleiden, in Straßenbahnen, Zügen, auf Vernissagen, bei Saunagängen, Kirmesbesuchen, in Konzertpausen, bei Lesungen, am Strand, im Schilift, im Botanischen Garten oder in einem Literaturchat zu hören bekommt, eo ipso bemerkenswert sein sollte, bleibt @ali schleierhaft. Er hält dereley Dampf für nichts als Kulisse, die ohne Spiel maustot bleibt.

Ein Weihnachtskripperl ist ohne Figuren und ohne den Stern von Bethlehem wirklich nur ein Stall. Guhte Holzschnitzer können sein wie Schriftsteller - holen aus einem Buchenscheit Jesusmariaundjosef heraus.

Guhte Autoren können aus einer Bushaltestelle Schauspielhäuser formen, in denen so manches Stück spielte: Der Eisenhans, Der Bärenhäuter, Parsifal, La Belle et la Bête.

Bei den weniger guhten erkennt man nur, was sie, wie üblich, übersehen haben.

Heiter

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
Moin Arno,

vielen Dank für Deine Wertschätzung.
Es ist wohl jeder schon einmal in so einer Situation gewesen, dass man einem Vielredner nicht auskommen kann: Im Wartezimmer beim Arzt (gerne Krankengeschichten), im Zugabteil (gerne Familiengeschichten) oder eben an einer Haltestelle. Man kann dann nur Gelassenheit bewahren, hoffen, dass die Situation bald vorüber sein wird, und dem Ganzen einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen. Oder als Stoffsammlung betrachten … ;)

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Jaja, diese Mitmenschen in den öffentlichen Räumen. Denen kommt man nicht aus! Sie sind wie eine Pest, wie Ungeziefer, das kaum zu bekämpfen ist.

Das Thema ist immer aktuell. Vielleicht findet Herr Merz ja das rechte Mittel dagegen? Er bekommt von seinen Parthey-Freunden dafür auch manch guhte Note. Wäre @ali ein Zensor, bekäme der Typ von ihm eine glatte, runde Null vor den Latz ...

Heiter wieder weiter

aligaga
 

Plejadus

Mitglied
Hi C.!

Eine unaufgeregte, authentisch daherkommende Schilderung einer Alltagssituation ist Dir hier gelungen, die zu lesen mich keineswegs langweilte.
Und sei gewiss, dass das ‘ungepimpte’ beschreibende Sujet sich mitnichten zu rechtfertigen braucht. Im Gegenteil, möchte ich meinen, ist's eine anspruchsvolle Materie, da sie darauf verzichtet, sich zu gerieren.
Dein Protagonist (Protagonistin?) verhält sich geradezu klassisch zu dieser bekannten Situation, und auch der ‘'Mann aus Waldiwostok” wirkt in seiner Art wohlbekannt.
Seine Äußerungen versuchen, einen Nenner zu konstruieren, die Mütze, die Augen
..
und Dein Bericht fängt gut diese stets unausgesprochene Diskrepanz ein zwischen denen, die noch auf einen Bus warten und jenen, die ein solches Unterfangen längst aufgegeben haben.

Einige Text-Anmerkungen möchte ich dennoch
tun:

Ein eiskalter stechender…
Hier würde ich die Adjektive durch ein Komma scheiden

Der Mann im Buswartehäuschen vor dem kleinen Einkaufscenter wirkt unauffällig. Er besetzt raumgreifend den mittleren…
Die Unauffälligkeit des Mannes beißt sich hier mit dem Umstand, dass er raumgreifend die Busbank besetzt.

Ich bin beruhigt, dass er wenigstens nicht nach Alkohol riecht.
Kann man so schildern. Ich würde es hier lieber neutral beschrieben lesen.

Wo kommen Sie denn her?“ frage ich, um mich auch am Gespräch zu beteiligen.
Dieses wirkt etwas seltsam. Denn es gibt keinen Dritten.

Er scheint ein paar Sekunden zu überlegen.
Nein, das scheint nicht.


LG
Plej.
 

Ciconia

Mitglied
Ein eiskalter, stechender Novemberwind pfeift durch das Industriegebiet am Stadtrand, in dem ich etwas zu erledigen hatte. Ich trage heute zum ersten Mal in diesem Jahr Mütze und Schal, trotzdem möchte ich beim Warten auf den Bus nicht im Freien stehen.

Der Mann im Buswartehäuschen vor dem kleinen Einkaufscenter wirkt äußerlich unauffällig. Er besetzt raumgreifend den mittleren von drei Metallsitzen, sodass für mich nur ein halber Sitz am Rand übrig bleibt. Das ist schon in Ordnung, der Bus müsste in wenigen Minuten kommen.
„Schöne Mütze haben Sie, so wie meine“, spricht er mich sofort an.
Ich schaue zu ihm und seiner abgegriffenen Pudelmütze hinüber und sehe dann, dass er eine größere, stark ausgebeulte Einkaufstasche zwischen seinen Füßen hält. Er beugt sich näher zu mir her, Zigarettengestank nimmt mir fast den Atem.
„Zugig heute. Zugluft ist schlecht, darf man nicht zwei Fenster auf einmal aufmachen, ist nicht gut.“
Sein Deutsch ist fast fehlerfrei. Nur ein harter Akzent mit stark rollendem „R“ verrät eine Herkunft wahrscheinlich jenseits der russischen Grenze.

„Wussten Sie, dass man kein Leitungswasser trinken darf? Das ist die reinste Kloake, das Wasser geht durch die Toilette und kommt durch den Wasserhahn wieder raus. Alles voller Keime. Das dürfen Sie nur abgekocht trinken. Verstehen Sie, was ich meine?“
Diesen Satz wird er in den nächsten Minuten noch an viele seiner Ausführungen hängen. Ich nicke.
„Woanders gibt’s Wasser kostenlos, in Deutschland muss man für alles zahlen.“
„Wo kommen Sie denn her?“ frage ich, um auch mal etwas zu sagen.
Er überlegt ein paar Sekunden.
„Aus der Türkei!“
Zweifelnd schaue ich ihn an, zum ersten Mal näher. Er muss früher ein gutaussehender Mann gewesen sein. Seine braunen Augen blicken hellwach, sein Lächeln ist sympathisch, ein wenig verschmitzt. Aber die besten Jahre hat er definitiv hinter sich, er wirkt verlebt und seine Kleidung ein wenig abgewetzt.
Er lächelt und kann seine gelben lückenhaften Zähne dabei nicht verbergen.
„Aus der Türkei?“, frage ich ungläubig.
„Ja, ja, Schwarzes Meer, kennen Sie?“
Ich nicke höflich.

„Wissen Sie, wie man in Afrika Wasser findet? Gibt man Affen Salzsteine zum Schlecken, da kriegen die Durst und laufen in den Wald. Und die Eingeborenen hinterher, bis die Affen das Wasser gefunden haben. Versehen Sie, was ich meine?“
Allmählich sehe ich ein, dass es keinen Sinn macht, auf seine Ausführungen einzugehen, und höre schweigend zu. Längere Pausen zum Antworten gibt er mir sowieso nicht.

„Wladiwostok, da komm ich her“, schwadroniert er dann weiter.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Wladiwostok nicht am Schwarzen Meer liegt, lasse das aber unkommentiert. Nicht immer kann ich seinen weitschweifenden Erzählungen folgen. Nun ist er im Kaukasus angekommen. Das passt schon eher zur Türkei, weniger zu Wladiwostok.
„Ich hab zwanzig Jahre bei der Bahn gearbeitet, Züge rangiert und alles Mögliche. Und Hotelmanager war ich auch, Mechaniker, Techniker ... bin überall rumgekommen.“
Er wirkt plötzlich nachdenklich.
„Und was machen Sie dann hier?“
„Jetzt bin ich Rentner.“ Wieder dieses schelmische Lächeln. Seine Geschichten machen ihm offensichtlich selbst am meisten Spaß.
Im Rentenalter ist er bestimmt noch nicht, aber er ist schwer einzuschätzen. Wieder beugt er sich sehr nah zu mir herüber. Jetzt wird mir die Nähe zu viel, ich muss aufstehen, die Beine vertreten.

„Hier ist so langweilig. Keine Disco und so“, spricht er auch aus drei Metern Entfernung weiter auf mich ein.
„Disco? Im Rentenalter?“ Ich drehe mich zu ihm um. Er lächelt gedankenverloren.
„Mein Großvater war Bürgermeister in Hamburg“, startet er die nächste Offensive, „sein Denkmal steht am Gänsemarkt. Jungfernstieg, Gänsemarkt, Hamburg, kennen Sie?"
Ich nicke. Ja, dort steht das Lessing-Denkmal, fällt mir ein.
„Wie hieß der denn?“
„Das verrate ich nicht!“ Triumphierendes Lächeln.
„Der steht da, Gänsemarkt, hat ganz lange Stiefel an, bis hier (er zeigt an die Hüften), Jungfernstieg, Gänsemarkt, Hamburg, müssen Sie mal hinfahren.“

Eine frierende alte Frau kommt zu uns in den Unterstand. Schnell wendet sich der Mann nun ihr zu.
„Schöne braune Augen haben Sie“, sagt er, „wie ich.“
Die Frau schaut etwas verstört.

Langsam biegt der Bus um die Ecke. Fast fünf Minuten Verspätung, wie ich erst jetzt bemerke. War mir gar nicht aufgefallen bei all den Geschichten.
Der Mann aus Wladiwostok will nicht mitfahren. Ich sehe noch, wie er sich eine neue Zigarette dreht. Seine schmutziggrauen Handschuhe sind praktischerweise fingerlos.

Und während der Bus sich in Bewegung setzt, beginne ich zu grübeln, wie das Leben dieses Mannes wirklich verlaufen sein könnte.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Plejadus,

vielen Dank für Deine konstruktiven Vorschläge.

Mit dem Komma im ersten Satz hast Du Recht. Habe ich verbessert.
Die Unauffälligkeit des Mannes beißt sich hier mit dem Umstand, dass er raumgreifend die Busbank besetzt.
Der Mann kann doch äußerlich unauffällig aussehen und trotzdem raumgreifend dasitzen. Da sehe ich keinen Widerspruch.

Den Satz mit dem Alkohol fand ich selbst nicht so ganz gelungen. Ich lasse ihn mal ganz weg.
Denn es gibt keinen Dritten.
Nein, den gibt es nicht. Damit meinte ich eigentlich sein Selbstgespräch. Ich hab’s abgeändert.

Nein, das scheint nicht.
Richtig. Er überlegt.

Freut mich, dass Dir diese Geschichte gefallen hat.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Das ist keine Geschichte, sondern die banale Schilderung von Gegebenheiten, die in dem uns vorgestellten lührischen Ich außer Ekel und Geringschätzung offenbar nichts weiter auszulösen imstande sind.

Der Autorin, so glaubt @ali, kam's wohl darauf an, uns das deutlich zu machen. Wie schon gesagt: Das ist ihr gelungen.

Aber aus einem Naserümpfer wie diesem wächst kein G'schichterl. @Ali empfiehlt den Claqueuren Schuberts "Winterreise". Da steht auch wer im Bushäusel und leiert was, trifft aber nicht auf einen stumpfen Misanthropen, der Wichtigeres zu besorgen hat, sondern auf einen Mitmenschen wie Wilhelm Müller. Und auf den da.

So sollt' Kurzprosa.

Heiter am Adventskranze bastelnd

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
Danke für die neueste gute Bewertung, und nochmals danke an alle, die bereit waren (und vielleicht auch noch sind), trotz dieser beispiellosen Hetzkampagne einen Kommentar oder eine Wertung abzugeben. Ich weiß das sehr zu schätzen.

Gruß Ciconia
 

molly

Mitglied
Liebe Ciconia,

Das lyrische Ich trifft einen Menschen, dem es nicht um ein Gespräch geht, er will nur, dass jemand ihm zuhört. Die freundliche Frage nach der Herkunft, ermöglicht ihm noch mehr Gelegenheit zum Fabulieren.
Da er den größten Teil des Sitzes für sich in Anaspruch nimmt, kann ich gut verstehen, dass das lyrische Ich aufsteht, ich kann Zigarettengeruch auch nicht vertragen.

Die Begegnung hat dennoch etwas positives: obwohl der Bus Verspätung hat, ist für das l.Ich die Wartezeit, trotz Kälte, schnell vergangen -und der Mann konnte reden.
Mehr gibt es in so kurzer Zeit in einem Bushäuschen nicht zu erleben.


Liebe Ciconia, ich wünsche Dir einen friedvollen Sonntag. Ärgere Dich nicht, die kleine Geschichte wird jedenfalls gelesen ;)

Liebe Grüße an alle

molly
 

Ciconia

Mitglied
Danke, molly! So kann und sollte man den Text verstehen, Du hast den Inhalt sehr feinfühlig zusammengefasst.

Auch Dir einen schönen Sonntag!
Gruß Ciconia
 

Val Sidal

Mitglied
@Ciconia

Der Mann im Buswartehäuschen vor dem kleinen Einkaufscenter wirkt äußerlich unauffällig.
-- wenn überhaupt, dann wohl “äußerlich”, denn innerliche Unauffälligkeit festzustellen wäre ein internistisch-diagnostischer Akt. Ein überaus subtiler sprachlicher Kniff, LyrIch als medizinisches Personal zu outen.

Er besetzt raumgreifend den mittleren von drei Metallsitzen, sodass für mich nur ein halber Sitz am Rand übrig bleibt.
Mit “raumgreifend”, wird “der Mann” sprachlich auf das Niveau eines wuchernden Gewebes degradiert und LyrIch zum Onkologen befördert.

Das ist schon in Ordnung, der Bus müsste in wenigen Minuten kommen
. -- wenn in Ordnung, warum über Platzmangel meckern.

Okay -- ich möchte das hier nicht weitermachen. Gibt nur Ärger.
Ich finde, sowas sollte man der Sprache nicht antun ...
Wenn meine Anmerkungen nicht hilfreich sind, dann kann es diesmal u.U. auch am Text liegen. Pardon.?
 

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