"Der Mensch ist ein Lebewesen" (Claude Levi-Strauss)

Rezension zu:

Catherine Clement, Theos zweite Reise, DTV 2011, ISBN 978-3-423-62348-3

Der berühmte französische Ethnologe Claude Levi-Strauss erläuterte 1976 bei einer Rede vor dem französischen Parlament seinen von ihm erfundenen Leitspruch der neuen Menschenrechte: "Der Mensch ist ein Lebewesen."
Nicht mehr und nicht weniger. Er ist ein Lebewesen wie andere auch und nicht mehr Meister und Herr der Natur. Er ist es niemals gewesen, auch wenn große Weltreligionen in ihren Traditionen den Menschen so gesehen, und eine entsprechende, Jahrhunderte lange Wirkungsgeschichte hinterlassen haben.

"Der Mensch ist ein Lebewesen." Mit dieser Erkenntnis des mittlerweile 22-jährigen Theo endet seine zweite große Weltreise, die er wieder mit seiner Tante Marthe unternimmt. Und sie baut eine Brücke zu seiner ersten Reise im Jahr 1998, zu der Catherine Clement den damals todkranken Theo und seine reiche und gebildete Tante Marthe auf der Suche nach der Bedeutung der Weltreligionen rund um den Globus schickte.

Das vorliegende Buch zeigt die gleichen Stärken und Schwächen wie das erste. Wer in einem verständlichen Jugendbuch ( laut Verlag ab 13 geeignet) den Versuch unternimmt, erstens die Weltreligionen einerseits und die Ambivalenz der Religion insgesamt andererseits zu erläutern, und zweitens in einem Parforceritt durch Naturwissenschaft und Philosophie in einem auch noch locker und unterhaltsam daherkommenden Roman nichts weniger als die Rettung der Welt zu beschreiben, der muss sich einfach verheben.

Dennoch kann man Catherine Clement nicht genug Lob zollen für ihre beiden wunderbaren literarischen Versuche, einem jungen Publikum etwas nahe zu bringen, was kaum noch einen interessiert, aber für das einzelne Leben jedes Menschen und für die Welt insgesamt eine nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung hat, oder haben wird, oder haben sollte.

Diese drei verschiedenen Modi durchziehen das neue Buch: Theo ist inzwischen 22 Jahre alt, studiert Medizin, arbeitet bei den "french doctors" mit und hat in seinem jungen Leben schon soviel Leid und Elend gesehen, dass es für ein ganzes Menschenleben reicht. Er ist engagiert für die Umwelt, aber er ist radikal, zeitweise sogar dumm und fundamentalistisch.

Auf seiner zweiten Weltreise, die ihn auch auf eine bestimmte Art wieder heil werden lässt, so wie die erste, lernt er von allen möglichen Menschen etwas über Zusammenhänge und darüber, dass es ähnlich wie vor acht Jahren bei seiner Reise durch die Welt der Religionen auch in den Fragen der Umwelt und der Gerechtigkeit keine klaren, eindeutigen Antworten gibt. So hat zum Beispiel das Robbenfangverbot einer ganzen Kultur, der der Inuit, die Lebensgrundlage entzogen. Viele andere Beispiele führt Clement in zum Teil heftigen und auf hohem intellektuellem Niveau geführten Dialogen auf in ihrem neuen Buch. Beispiele, die man auch als gebildeter Mensch oft mehrfach lesen muss, um sie wirklich zu verstehen.
Aber das ist wohl der Preis dafür, wenn man es wagt, ein so hoch komplexes Thema in einen spannenden Jugendroman zu fassen.

Dennoch: es hat sich gelohnt. Leider werden solche anspruchsvollen Bücher aber noch für eine lange Zeit nur einigen wenigen Jugendlichen zugänglich sein und vorbehalten bleiben, die die dafür nötige Intelligenz und das Interesse für solche Themen haben.

Aber auch Erwachsene, die vielleicht schon etwas mehr über die Ambivalenz des Lebens und der Phänomene auf dieser Welt gelernt haben, werden diese Bücher mit großem Gewinn lesen.
 

 
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