Der Morgen, das Bad und der Mensch

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blackout

Mitglied
Der Morgen hat sein eigenes Gesicht.
Man ist noch müde, und man wankt ins Bad.
Man fühlt sich elend, reichlich matt.
Und vor dem Fenster noch kein Schimmer Licht.

Kaum weiß man jetzt, was man im Bade will.
Man will woanders sein, bestimmt nicht hier.
Dann geht der Blick zur Badezimmertür.
Das ganze Haus, es schläft, es ist so still.

Gerade heute möcht man einsam sein,
den Blick ins Spiegelbild versagt man sich.
O nein, der Tag wird wieder fürchterlich!
Herrje, man wär so gerne heut allein.

Doch vor dem Fenster gibt es schon Verkehr.
Fast schämt man sich, dass man so müde ist.
Und schließlich, man ist doch kein Masochist.
Herrgott, das Leben ist so furchtbar schwer.
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo blackout,

gelungene Beschreibung des Morgen-Blues.

Liebe Grüße
Manfred
 

James Blond

Mitglied
Manomanoman!

Zwölf mal dieses hässliche Pronomen in 16 Versen ist schon eine entsätzliche Leistung!

Gruß
JB
 

Mondnein

Mitglied
geht doch:

Der Morgen hat sein eigenes Gesicht.
Mann ist noch müde, und Mann wankt ins Bad.
Mann fühlt sich elend, reichlich matt.
Und vor dem Fenster noch kein Schimmer Licht.

Kaum weiß Mann jetzt, was Mann im Bade will.
Mann will woanders sein, bestimmt nicht hier.
Dann geht der Blick zur Badezimmertür.
Das ganze Haus, es schläft, es ist so still.

Gerade heute möcht Mann einsam sein,
den Blick ins Spiegelbild versagt Mann sich.
O nein, der Tag wird wieder fürchterlich!
Herrje, Mann wär so gerne heut allein.

Doch vor dem Fenster gibt es schon Verkehr.
Fast schämt man sich, dass Mann so müde ist.
Und schließlich, Mann ist doch kein Masochist.
Herrgott, das Leben ist so furchtbar schwer.
 

blackout

Mitglied
Danke für deine etwas seltsame Korrektur, Mondnein. Bei dem unpersönlichen Personalpronomen "man" - schreib ich dir im Vertrauen - handelt es sich um ein völlig legales Pronomen, das dann gebraucht wird, will man eine ungenannte Menge von Menschen mit dem Gestus "Das kennen wir doch alle" ansprechen. Das ist allgemein nicht sehr bekannt, denn den meisten Leuten fällt ein, dass ihnen in ihrer Schulzeit mit erhobenem Zeigefinger gesagt wurde, "Man sagt nicht man!" Selbstverständlich sagt man "man", denn dazu stellt die deutsche Sprache dieses Pronomen bereit. Hier sind wir in der Lyrik und nicht im Deutschunterricht. Selbst ausgewiesene Stilisten wie Lichtenberg oder zum Beispiel F. C. Weiskopf (wird dir nichts sagen, Ostschriftsteller) wenden das "man" in solch einem Fall an.

Danke fürs Reinsehen und das Umschreiben meines Gedichts.

Gruß, blackout
 
Zuletzt bearbeitet:

blackout

Mitglied
Nachtrag für Mondnein:
Du interessierst dich ja u. a. für die Literatur der zwanziger Jahre, und da wirst du festgestellt haben, dass zum Beispiel Mascha Kaleko, Tucholsky u. a.
sehr oft zu dem unpersönlichen "man" greifen, übrigens auch Kästner. Und dafür gibt es eben Gründe, u. a. geht das auf die Stilrichtung "Neuer Realismus" zurück.
 

James Blond

Mitglied
Wenn ich moniere, dass hier in einem 16-Zeiler insgesamt 12 mal das Wort "man" vorkommt, so heißt das noch nicht, dass dieses Wort auf die Verbotsliste gehört und unbedingt vermieden werden sollte. Nein, es gibt auch gar keine Verbotsliste und unzählige Situationen, in denen dieses Wörtchen passend und auch treffend ist.

Wenn ich in diesem Fall auf das 12-fache "man"-Stakkato hinweise, dann nur deshalb, weil es hier eine ausgesprochen unschöne Wirkung entfaltet. Ich hatte bereits in einem anderen Text darauf hingewiesen, dass dort eine Nachtigall durchs Gebüsch trappst - hier sind es gleich vier fette Vögel! Selbstverständlich kann auch ein Manierismus, den Mondnein hier einzubringen sich müht, seinen Zweck haben, allerdings nicht mit diesem Text, dessen monologische Plattheit ohnehin schon erdrückend wirkt. Auch sollte man sich bei Wortbasteleien wie "man" zu "Mann" darüber im Klaren sein, dass das Gedicht damit für einen lesefreien Vortrag verloren ist. (Das gilt übrigens für sehr viele Wortspielereien, die aus einer Divergenz von Phonetik und Orthografie ihre Sprachdeutbarkeiten zu überhöhen sich mühen.)

Sicher lässt sich ein solches Ostinato auch aus der Stumpfsinnigkeit begründen, die hier als "Morgenstimmung" Ausdruck finden soll - dann bleibt angesichts der Morgenmuffeligkeit allerdings die ästhetische Frage, ob ein lyrischer Text, zumal ein geformter wie hier, nicht besser Diagnosen stellen sollte, statt lediglich den Symptomen Ausdruck zu verleihen. Selbstverständlich lässt sich ein fortschreitender cerebraler Abbau wunderbar durch einen immer eingeschränkteren Wortschatz, durch Redundanz und Wiederholung demonstrieren, das wäre womöglich der modernere Ansatz. Allerdings liegt das gestaltende Moment dann bei der Krankheit selbst, nicht mehr beim Dichter ...

Ich schreibe das jetzt nicht, weil ich entsprechende Vorgänge dem Autor unterstellen möchte, sondern weil ich ihn bisher als sehr formbewussten Gestalter seiner Texte erfahren habe. Und zu solch einem Anliegen gehört meiner Ansicht nach auch das Vermeiden tödlicher Wiederholungen.

Gruß
JB
 

blackout

Mitglied
Lieber James Blond,

erst einmal vielen Dank für die Beschäftigung mit diesem Text. Anfangs eine kleine Korrektur: Es handelt sich um 11 "mans", nicht 12. Aber ich will auf deine Argumentation eingehen:

Dieses Gedicht habe ich im Stil der "Neuen Sachlichkeit" bzw. des "Neuen Realismus", wie auch gesagt wurde, geschrieben. Das wurde von Mondnein übersehen, von Fliederstein erwarte ich gar nicht, dass er das bemerkt, Entscheidend dafür war das Sujet. Das ja mehr als nur Morgenmuffelei behandelt, sondern die ganze Ziellosigkeit und Sinnlosigkeit nicht nur der Weimarer Zeit ausdrückt, sondern auch unserer Zeit, die Ähnlichkeit mit ihr aufweist, sowohl was Produktionsverhältnisse des Kapitalismus angeht als auch die soziale Lage der Arbeiterklasse sowie der bürgerlichen Mittelschichten. Denk dir also, es handelt sich beim lyrischen Subjekt um einen festangestellten Behördenmitarbeiter in kleiner leitender Stellung, der Befehlen gewohnt ist, nun aber, unbeobachtet, seine ganze miserable Lage erkennt. Seine Welt bricht vor seinen Augen zusammen. Das ist die Situation.

Selbstverständlich bezieht er seine persönliche Lage auch auf die seiner Umwelt. Er setzt also voraus, dass es allen so geht wie ihm, deshalb auch das "man", er spricht bzw. denkt mit und zu seiner abwesenden Umwelt. Nun schreibst du von "monologischer Plattheit". Monologe sind meines Wissens nicht gerade selten in der Lyrik, ich würde sogar behaupten, sie überwiegen. Zähl mal die "Ichs" in deinen eigenen Ich-Gedichten, du wirst erstaunt sein, wie oft du das Ich gebrauchst. Ohne dass du sie als unzulässige Häufung empfindest. Und das hat mit der deutschen Sprache zu tun, während z. B. in romanischen Sprachen bereits das konjugierte Verb die Person bezeichnen kann. Kleines Beispiel: "No sé" - ich weiß nicht, also nicht "Yo no sé".
Soviel zum "man". Es geht nicht um ungeschickte Wiederholungen (obwohl auch Wiederholungen ein lyrisches Stilmittel sind).

Ob ich dich überzeugt habe, weiß ich nicht. Aber ich (man) weiß, was ich (man) geschrieben habe, und ich (man) stehe dazu. Populär unterm Strich gesagt:
Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. So ist das Leben.

Nochmal vielen Dank

Gruß, blackout
 
Zuletzt bearbeitet:

James Blond

Mitglied
Liebe Blackout,

vielen Dank fürt die ausführliche Antwort, aber
überzeugt hast du mich nicht, doch bestätigt: Dass Wiederholungen ein lyrisches Stilmittel sein können, hatte ich ja bereits geschrieben.

Es stellt sich dann allerdings die Frage, wozu sie eingesetzt werden. Wenn du dich dabei an der Neuen Sachlichkeit Kästners orientiert hast, so wirst du feststellen, dass Kästner in keinem Gedicht ein bestimmtes Wort 11 mal wiederholt hat. Wortwiederholung ist kein Kennzeichen der Neuen Sachlichkeit, sondern allenfalls der Sprache der Werbung oder Propaganda entlehnt, die sich darum bemüht, bestimmte Begriffe ins Gedächtnis zu hämmern.

Und hier schließt sich vielleicht der Kreis zu deinem deduktiven Ansatz, wenn du mit eng gefassten Absichten daran gehst, deine Gesellschaftseinsichten in eine lyrische Sprache umzusetzen. Es wirkt aufgesetzt, tot - oder schlicht "platt". Welcher Leser will "Die Wahrheit" lyrisch eingetrichtert bekommen? Die Lyrik erhält ihren Zauberglanz aus einer inneren Authentizität, nicht aber aus einem propagandistischen Auftrag.

Gruß
JB
 

blackout

Mitglied
Was ich dir schreiben konnte, habe ich geschrieben. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen. Benutz deinen Kopf, dann kommst du bei diesem Gedicht auch nicht auf den Totschläger "Propaganda", sondern dann liest du ein Gedicht, wie ein Mann am Morgen aufsteht und wie er sich fühlt.

Gruß, blackout
 

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