Der nackte Organist

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Max

Mitglied
Musik ist Sex ohne Sex.
Maria Callas

Manchmal auch mit.
Freddy Mercury


Als ich zum ersten Mal das Wort Orgasmus hörte, und zwar von Röbeli, wusste ich gleich, woher es kam: Vom Wort Organ. Und wer das machte: Der Organist, auf der Orgel. Mein Vater, der Küster von Sankt Clariden, erzählte mir oft von diesen ungewöhnlichen Menschen, die einen eigenen Schlüssel zur Empore besassen, dort keinesfalls gestört sein wollten und am Sonntag einen gewaltigen Lärm veranstalteten, der nicht von dieser Welt war und einem durch Mark und Bein ging. Den Lärm und seine Wirkung kannte ich schon, aber jetzt wusste ich auch noch, wie das hiess. Warum hatte mir das noch niemand gesagt?

Es war vom Nachhauseweg von der Schule, als Röbeli uns fragte, ob wir wüssten, was ein Orgasmus sei. Er habe ein Heftchen seiner Schwester erwischt und gelesen, das sei eine Sache wie Fieber, nur schön, und gehe durch den ganzen Körper. "Ja, ich weiss, was das ist", sagte ich, "und ich weiss, wo der Orgasmus gemacht wird." Meine Kameraden staunten und bedrängten mich, mehr zu erzählen. "Man braucht einen Schlüssel, und üben muss man auch, aber wenn man's kann, zittert alles", dozierte ich. "Ich war auch schon dabei. Aber selber machen kann ich's nicht. Nur die Begabten schaffen es. Und auch nur, wenn sie fleissig sind."

"Dann kennst du also jemanden, der's kann", sagte Röbeli.
"Ja", sagte ich.
"Ich hab auch gelesen, wer's macht, sei splitternackt dabei", sagte Röbeli.

Ich schrak zusammen und verstand im selben Moment alles. Darum also schloss sich unser Organist immer ein und wollte nie, dass ich zuschauen durfte. Klar! Ich würde das auch nicht wollen. Wie gut, dass man beim Trommeln ein Trommler war und bekleidet sein durfte, denn da schauten fast immer welche zu. Ich trommelte seit zwei Jahren bei den Jungtambouren und schlegelte recht geschickt, so dass mein Obertrommler mich zur Teilnahme am Tambourenwettbewerb angemeldet hatte. Das hatte mir grosse Freude gemacht und fast Fieber, und das Schlegeln im Verband liess manchmal auch alles erzittern. Aber ein Orgasmus war das nicht, wie ich jetzt wusste.

Meine Gedanken wanderten nach St. Clariden. Bestimmt sass Herr Rühli eben auf der Empore und übte. Beim Gedanken, wie er jetzt da oben sass, fröstelte mir, denn es war Winter. Aber sogleich kam mir das Elektro-Öfeli in den Sinn, welches Herr Rühli jeweils nach oben schleppte. Und dann... dann legte er also seine Kleider ab, eines ums andere, bis er nichts mehr am Leib hatte, setzte sich auf die Orgelbank, zog alle Register, drückte mit den Zehen, griff mit den Fingern und guckte mit scharfem Blick in die Noten. Sein Bauch würde schwabbeln, aber was war mit seinem Pinsel? Kam der ihm nicht in den Weg beim Orgasmus? Ich sah nicht die geringste Chance, es je zu erfahren.

Meine Kameraden schüttelten mich an den Schultern, war ich doch mitten auf der Strasse gedankenversunken stehengeblieben. Sie bedrängten mich: "Nimm uns einmal mit!"
- Wohin?
- Zum Orgasmus! Dahin, wo er gemacht wird!
- Nein, sagte ich, geht nicht.
- Warum?
- Eben, man braucht einen Schlüssel. Mein Vater hat zwar auch einen, der hat zu allem einen Schlüssel, aber er gibt nie einen aus der Hand.
- Klau ihn! Wir wollen auch mal! Sei kein Egoist!
- Ich bin ja auch nicht ganz richtig dort dabei, wo er gemacht wird.
- Aber du bist näher dran! Nimm uns mit!
- Also, wenn Ihr unbedingt wollt: Kommt am nächsten Sonntag in die Kirche.
- Hä???
- Sag mal, was hat denn die Kirche damit zu tun???
- Willst du uns verarschen???
- Kommt, wir lassen den Spinner.

Sie guckten mich mit blöden Kuh-Augen und aufgerissenen Mäulern an und begriffen rein gar nichts. Ich liess sie in ihrer Unwissenheit gehen und machte mich auf den Nachhauseweg.

Am Sonntag sass ich im Gottesdienst, aber meine Gedanken waren oben auf der Empore. Kein Wunder, hatten die Erbauer unserer Kirche die Orgelbank hoch oben und hinter einer Wand von Pfeifen verborgen. So konnte der Orgasmus gemacht werden, ohne dass sich der Organist anstarren lassen musste. Das fand ich sehr rücksichtsvoll. Günstig fand ich auch, dass man beim Zuhören nicht nackt sein musste. Das hätte ein schönes Theater gegeben und auch eine grosse Garderobe gebraucht, am Eingang. Und eine viel stärkere Heizung. In Kleidern ging es ganz gut, wie ich spürte, und ein Blick auf die Banknachbarn bestätigte mir das voll und ganz: Fast alle Leute hielten während des Orgelspiels die Augen irgendwie verträumt ganz oder halb geschlossen.

Ich liess die Musik bewusster als je durch mich hindurchströmen. Die Töne zurrten, hämmerten, brummten, säuselten und zuckten, und ich verstand vollkommen, was im Heftchen von Röbelis Schwester mit Fieber gemeint gewesen war. Nur dass ich mich nicht krank, sondern herrlich erfrischt fühlte, als die Musik zu Ende war. Mit anderen Augen mass ich Herrn Rühli, als er die Emporentüre hinter sich wieder abschloss: Mit Verwunderung und Bewunderung. Er bemerkte meinen Blick und lächelte. Ich wurde kühn und sagte: "Sie sind aber ein guter Organist, Sie." Weil ich merkte, dass ich rot wurde, drehte ich mich schnell weg. Herr Rühli sagte : "Danke schön, das höre man auch mal gerne."

Natürlich blieb die Entdeckung der wahren Beziehung von Organist und Orgasmus nicht aus. Wie schämte ich mich über meine Blödheit, und der Spott meiner Kameraden gab mir den Rest.

Aber nur fast. Denn als mein Organismus später die altersgemässen Fortschritte machte und Orgasmus ganz ohne Orgel über mich kam, begann ich mich zu fragen, ob ich als Kind wirklich blöd gewesen sei - oder nicht doch eine grosse Wahrheit entdeckt hatte. Nicht über nackte Organisten, aber über das Fieber, das einen ergreift, wenn die Musik durch Mark und Bein geht.
 

ahorn

Mitglied
Hallo Max,
kurz und knapp ein paar Anmerkungen.

Vorab!
Es ist mir bekannt, dass euch Eidgenossen das Eszett nicht zu eigen ist. Jedoch find ich es dem Respekt und der Höflichkeit geschuldet, in einem Forum, welches gleichfalls weitab der Alpen gelesen wird, jenes zu verwenden. :cool:


Als ich zum ersten Mal das Wort Orgasmus hörte, und zwar von Röbeli, wusste ich gleich, woher es kam : PUNKTVom Wort Organ . U und wer das machte: Der Organist, auf der Orgel.
Mein Vater, der Küster von Sankt Clariden, erzählte mir oft von diesen ungewöhnlichen Menschen , PUNKT Menschen die einen eigenen Schlüssel zur Empore besaßen , und dort keinesfalls gestört sein wollten und a Punkt Am Sonntag veranstalteten sie/diese einen gewaltigen Lärm veranstalteten, der nicht von dieser Welt war und einem durch Mark und Bein ging.
Den Lärm und seine Wirkung kannte ich schon, aber jetzt wusste ich auch noch ggf. endlich , wie das es hieß
...und gehe durch den ganzen Körper. ZEILENUMBRUCH „Ja, ich weiss, was das ist“, ...

„Dann kennst du also jemanden, der’s kann FRAGEZEICHEN“, sagte fragte Röbeli.
...denn da schauten fast immer welche zu. ZEILENUMBRUCH Ich

Das hatte mir große Freude gemacht ... und das Schlegeln im Verband ließ manchmal auch alles erzittern.

Und dann... dann legte er also seine Kleider ab, eines ums andere, bis er nichts mehr am Leib hatte , PUNKT Hiernach setzte ersich auf die Orgelbank, zog alle Register, drückte mit den Zehen, griff mit den Fingern und guckte mit scharfem Blick in die Noten.
Kam der ihm nicht beim Orgasmus in den Weg beim Orgasmus?
...war ich doch mitten auf der Straße gedankenversunken stehengeblieben. Sie bedrängten mich: „Nimm uns einmal mit!“
- Wohin?
- Zum Orgasmus! Dahin, wo er gemacht wird!
- Nein, sagte ich, geht nicht.
- Warum?
- Eben, man braucht einen Schlüssel. Mein Vater hat zwar auch einen, der hat zu allem einen Schlüssel, aber er gibt nie einen aus der Hand.
- Klau ihn! Wir wollen auch mal! Sei kein Egoist!
- Ich bin ja auch nicht ganz richtig dort dabei, wo er gemacht wird.
- Aber du bist näher dran! Nimm uns mit!
- Also, wenn ihr unbedingt wollt: Kommt am nächsten Sonntag in die Kirche.
- Hä???
- Sag mal, was hat denn die Kirche damit zu tun???
- Willst du uns verarschen???
- Kommt, wir lassen den Spinner.
Dialoge sollten eher in Anführungszeichen stehen. Was für einen Sinn haben die ????

Sie guckten mich mit blöden Kuh-Augen und aufgerissenen Mäulern an und begriffen rein gar nichts. Ich ließ sie in ihrer Unwissenheit gehen stehen und machte mich auf den Nachhauseweg.
Ihre Augen können von einer Kuh stammen, ob diese blöd sind weiß ich nicht, denn ich habe mich bisher nie mit Augen unterhalten. Jedoch eins weiß ich: Mäuler gucken nicht. ;)

... und hinter einer Wand von aus Pfeifen verborgen.

Das fand ich sehr rücksichtsvoll.
Das, das, das. Gut. Man kann ihm deutschen Artikel, als Pronomen einsetzten, jedoch sollte ein Literat jene begrenzen. Der Wortschatz bietet mehr als solche ewigen Wiederholungen. ;)

Das Dieses hätte ein schönes Theater gegeben PUNKT und auch eine große Garderobe gebraucht, am Eingang. Und eine viel stärkere Heizung. Abgesehen davon, dass eine stärkere Heizung eingebaut werden müsste, wäre die Garderobe am Eingang viel zu beengt. In Kleidern ging es ganz gut, wie ich spürte, und ein Blick auf die Banknachbarn bestätigte mir das voll und ganz : PUNKT Fast alle Leute hielten KOMMA während des Orgelspiels die ihre Augen irgendwie verträumt ganz oder halb geschlossen.
Dass die armen Augen hielten, find ich abartig. Allein, dass sie ihre halten, ist bereits komisch genug. ;)

Ich ließ die Musik bewusster als je durch mich hindurchströmen.

...was im Heftchen von Röbelis Schwester mit Fieber gemeint gewesen war.

Mit anderen Augen Bewunderung mass ich Herrn Rühli, als nachdem er die Emporentüre hinter sich wieder ab verschlossen hatte : Mit Verwunderung und Bewunderung.
Er bemerkte meinen Blick und lächelte.
Unterstellung! Ob der Organist irgendetwas oder irgendwen gesehen hat, liegt nicht im Vermessen des Protagonisten.

Aber nur fast . D KOMMA denn als mein Organismus später die altersgemäßen Fortschritte machte und Orgasmus ganz ohne Orgel über mich kam, begann ich mich zu fragen, ob ich als Kind wirklich blöd gewesen sei - war, oder nicht doch eine große Wahrheit entdeckt hatte.
Gruß
Ahorn
 

Max

Mitglied
Potztausend! Deutsch den Deutschen, jawoll! Wenn Schweizer und Österreicher und Elsässer sich der deutschen Sprache bedienen wollen, dann zu republikdeutschen Bedingungen! Denn WIR befinden uns auf republikdeutschem Boden, Internet hin oder her! Überhaupt hat alles korrrrrekt zu sein, und A-Horn bringt es dir auf Punk und Komma bei! Ihr Schweizer mögt das Tüpflischisserei nennen, "WIR" nennen es Korrrrrektheit!

In Urwald-Deutsch: Ornig mues sii, au wänn's Toti git debii!

Ich bin soo dankbar für die Belehrung, aber sie ist hoffnungslos für UNS Schweizer: hier gibt es sogar Männer, die ohne Pariser wichsen. Na so wass!
 

ahorn

Mitglied
Hallo Max,

bis heute ging ich immer davon aus, dass alle Schweizer, ich kenne sogar, obwohl ich eher von de Küst komme, eine Menge von den mir hochgeschätzten, Humor verstehen, zwischen den Zeilen lesen können.
Schade. :(
Dein sicherlich nicht gemeinter eher in frustigem Zorn geschrieben Kommentar würde dich sonst zu einem von mir nicht favorisierten Völkchen gesellen. Dem Wutbürger. Und diese Gesellen sind wahrlich den deutschen Tugenden verfallen.

In Urwald-Deutsch 2:
Breckst du tegen de Wind, kummt di dien Fröhstöck in dien Zifferbladd. ;)
Wi hebbt een stiev Humor un een breed Puckel.

Daher strecke ich meine Hand aus und sage dir Entschuldigung. Ich habe nie die Absicht irgendjemanden zu belehren - steht mir gar nicht zu. Bedenke meine Bewertung. :)

Deutsch den Deutschen
finde ich witzig. ;)
Denn wer ist Deutsch? Der, der Deutsch spricht?
Aua, jetzt kriege ich es wieder von den Niederländern, denn die sprechen Niederländisch, somit Niederdeutsch.
Dies erinnert mich an einen (Hoch)deutsch schreibenden Dichter, der in einem Gedicht ...
Na ja, die Strophe ist dir sicherlich bekannt und was Vernarrte ewig Gestrige ...

Gruß
Ahorn
nicht A-Horn ich hasse diese Bindestrich-o-Manie
 

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