Der neue Hund

Es war einmal auf einem alten Hof im tiefen Schwarzwald. Dort lebte ein Hund. Groß und mit struwweligem Fell, langen Beinen und braunen treuen Augen bewachte er seit Jahren den Hof. Doch es war nicht immer einfach, wenn die Knochen alt geworden waren und der Blick sich immer mehr eintrübte.
An diesem Abend stand die Sonne bereits tief und die letzten Strahlen kitzelten die Baumwipfel der hohen Tannen. Wie eh und je drehte der Hund seine Runde über den Hof: Hinter den großen Eichen über die Koppel zum Pferdestall. Dann weiter durch die Johannisbeerbüsche zum Hühnerstall. War auch der Riegel ordentlich vorgeschoben? Der musste gut sitzen, denn gestern waren neue Küken geboren worden. Ein kurzer Blick nach rechts zu den Hasenställen, bei denen immer die Verschläge klemmten. Schließlich trottete er über den großen Hof und legte sich neben die große Wassertonne an der Scheune, von wo aus er alles im Blick hatte. Wieder hatte er seine Aufgabe erfüllt und so schnaufte er stark, als er sich auf sein Lieblingsplätzchen plumpsen ließ. Vorbei die Zeiten, in denen sein Herr ihn auf die Jagd mitgenommen hatte. Nun bekam er sein Gnadenbrot und je älter er wurde, desto stärker beschlich ihn das Gefühl, dass ihm immer mehr die Liebe und Zuneigung seines Herrn entzogen wurde.
Als die Dunkelheit den Hof in umschlossen hatte und der Hund in einen leichten Schlaf gefallen war, schlich ein Schatten auf leisen Pfoten durch die Nacht. Seiner feinen Nase folgend führte sein Weg direkt zum Hühnerstall. Der Magen knurrte schon seit Mittag und das Wasser lief dem bösen Räuber im Mund zusammen. Doch dann hielt er im Schritt inne. Irgendwo musste er sein, der alte Hund. Vorsicht war also geboten und so schlich er geduckt zur Rückseite des Stalls, wo ein loses Brett in der Wand hing. Mit einem kräftigen Stoß würde er es diese Nacht so weit zur Seite biegen, dass sein schlanker Körper hindurch passte. Und dann… knurrte eine tiefe verärgerte Stimme hinter ihm:
“Ich kenne deine Schlupflöcher. Schon vergessen? Troll dich, sonst zieh ich dir das Fell über die Ohren!”
Der Fuchs fuhr erschrocken zusammen. Verärgert legte er die Ohren an, fauchte böse zurück und schlich dann davon. Der Hundeschatten verfolgte ihn bis zum Waldrand und der Fuchs wusste, dass er diese Nacht nicht wiederzukommen brauchte. Der alte Köter würde wachsam bleiben.
Nach dieser Anstrengung suchte der alte Hund wieder seine Ruhe neben der Wassertonne. Dort legte er die Schnauze auf die Pfoten und döste wieder von sich hin, die Ohren jedoch wachsam aufgestellt. So ganz loslassen und entspannen ging eben nicht. Da vernahm er ein leises Getrappel im Gras. Etwas huschte ganz nah an ihm vorüber, ohne sich jedoch Mühe zu geben leise zu sein. Neugierig öffnete er die Augen ohne sich zu bewegen. Da saß eine kleine graue Maus direkt vor ihm und putzte sich. Sie sah so drollig aus, dass er trotz seiner schlechten Laune lächeln musste.
“Hallo, wer bist denn du?”, fragte er mit seiner tiefen Hundestimme.
Die Maus grinste und erhob sich zu ihrer vollen Mausgröße.
“Gestatten, ich bin Balduin. Der erste fahrende, tanzende und singende Mäuserich meiner Familie. Ein Bariton, natürlich. Da lege ich schon Wert darauf.”
“Ein was bitte?”, fragte der Hund. Die Maus schüttelte ungläubig den kleinen Kopf.
“Ein Bariton. Die wundervollste Tonlage zwischen Bass und Tenor.”
Dann begann sie zu singen und der Hund staunte nicht schlecht über so viel Schmalz und Wärme in der kleinen Mäusestimme. Während die kleine Maus sang, drehte sie sich und warf die Arme in reinster Dramatik nach rechts und links zur Seite. Eine tolle Aufführung, dachte der Hund, und applaudierte, als der Mäuserich mit einer großen Geste und einem hohen Ton geendet hatte. Der Kleine verbeugte sich und grinste.
“Ein tolles Leben habe ich. Ich reise, singe und tanze so wie ich lustig bin, und steht mit der Sinn danach, so ziehe ich weiter und fange irgendwo anders wieder von vorne an. Das Leben ist wundervoll…!” Um das zu bestätigen, führte er eine schwungvolle Pirouette aus.
Der Hund seufzte. Schon seit Jahren hatte er sich immer wieder ausgemalt, wie es wohl wäre, morgens auszuschlafen, keine Runden drehen und auf niemanden außer sich selbst schauen zu müssen. Er verdrehte die Augen seufzend und legte den Kopf wieder auf die Pfoten.
Die kleine Maus hatte ihn währenddessen scharf angeblickt. Dann sagte sie nach einer Weile:
“Hmmm, du siehst ja nicht glücklich aus?! Habe ich Recht…?”
Der Hund nickte stumm und blickte weiterhin traurig vor sich hin.
“Warum wechselst du nicht einfach mal de Tapete? Den Blickwinkel auf alles? Und drehst auch mal ein paar Pirouetten?”
“Ich bin zu alt dafür!”, antwortete der Hund und drehte den Kopf weg.
“Aber nicht doch!”, rief die Maus voller Elan. “Niemand ist zu alt für etwas Neues. Du musst nur auf dich vertrauen.”
“Aber was, wenn ich in die Welt ziehe und dann gar nichts mehr habe? Hier habe ich immerhin etwas zu Futtern und ein Dach über dem Kopf.”
Die Maus lächelte und zupfte sich an den Barthaaren.
“Natürlich, natürlich. Aber Veränderung kostete eben Mut, mein Lieber. Man weiß nicht, was man bekommt, wenn man es nicht probiert! Ich denke, du solltest dich fragen: Werde ich hier wirklich geliebt oder nur gebraucht? Also, ich lade dich ein mit mir mitzukommen. Du wärst wirklich der beste Begleiter, das sehe ich dir das an…” Sprach’s und vollführte eine letzte Drehung mit Verbeugung. Nach einer kurzen Pause sprach die Maus abschließend:
“Ich mache mich jetzt auf den Weg, bin schon fast weg. Wenn du mitkommen möchtest, wäre jetzt der Moment. Ansonsten wünsche ich dir, na ja, alles Gute, was man eben so wünscht!”
Mit einem schelmischen Grinsen richtete sich die Maus zu ihrer vollen kleinen Größe auf, wandte dem Hund den Rücken zu und marschierte mit großen Mauseschritte los. Der Hund blickte dem kleinen Gesellen voller Wehmut nach. Die Fröhlichkeit und gute Laune des Kurzen hatten ihm gut getan.
Da riss in diesem Moment die Wolkendecke auf und einige Silberstrahlen des Mondes fielen auf die Wiese und zogen eine Bahn wie ein Weg. Da pochte das Herz des Hundes laut und für einen Moment vergaß er seine alten Knochen. Der Wind frischte auf und die kühle Luft wirkte ermutigend. Der Hund erhob sich, schnupperte in der Luft und rannte dann los. Das war der Moment, auf den er so lange gewartet hatte. Es musste sich etwas verändern, denn das konnte es noch nicht gewesen sein. Sollte doch ein anderer Vierbeiner langweilige Runden auf diesem Hof drehen! Es gab noch zu viel zu entdecken und er erleben.
Seine feine Nase folgte dem Duft der kleinen Maus, der noch klar in der Luft lag. Weit konnte sie noch nicht sein. Er würde sie einholen und zusammen würden sie alles meistern, was ihren Weg kreuzte. Keine Runden und durchwachten Nächte mehr, kein Gegacker der Hühner, kein ewiges Warten aufs Fressen. Jetzt war er sein eigener Herr, mit allem, was dazugehörte! Dann war er hinter der Scheune verschwunden und ward nie wieder im Schwarzwald gesehen. Aber man erzählt sich Geschichten von einem alten braunen Hund, der mal hier, mal dort in der Ferne gesehen wurde. Einige sagen sogar, er wäre mit einer Maus unterwegs gewesen. Doch wer weiß das schon?
Am nächsten Morgen öffnete die Bäuerin die Tür. Verdutzt blickte sie sich um? Wo war ihr Hofhund, der sonst immer so brav auf der Schwelle lag und darauf wartete, eingelassen zu werden? Niemand bellte, keiner trottete über den Hof und blickte wachsam in alle Ecken. Verärgert stapfte sie los und suchte in allen Ecken und Enden. Doch es war kein Hund mehr zu finden. Sie kehrte ins Haus zurück und pfefferte die Tür zu.
“Herbert, wir brauchen einen neuen Hund!”, schimpfte sie.
 


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