Der nützliche Tod

Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte mich jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betrafen Fälle, die eine >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod darstellen. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen, da sich bei uns die Diskussion um Ritter, Tod und Teufel dreht, statt um humanen Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis eine Legitimation eben dieser >aktiven Sterbehilfe< darstellt.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Mediziner macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< hat eine Kehrseite. Da tote Organe nicht transplantiert werden können, während ihrer Lebenszeit jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden sind, entsteht zwangsläufig für den Organspender ein breit gestreutes Risiko, mit dem die Gesellschaft, die Politik und die Mediziner umgehen müssen. Demselben Hirntoden, der in England lebendig sein darf, ist dies in Deutschland nicht erlaubt. Denn nach politischer Expertenmeinung (Prof. Lauterbach) ist die deutsche Diagnose lediglich die Feststellung, dass er >enthauptet< ist. Da verliert also nicht nur der lebendige Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte.

Nistet sich in diesen Umgang auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unehrlichkeit ein, haftet an der Grundlage der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, nicht alles Menschenmögliche für die Lebenserhaltung eines potentiellen Organspenders zu tun. Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren ungewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar, obwohl das Thema alternativer medizinischer Versorgung damit noch gar nicht angedacht ist.

Es gibt durchaus Buchtipps zum Thema
Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 /Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte mich jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betrafen Fälle, die eine >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod darstellen. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen, da sich bei uns die Diskussion um Ritter, Tod und Teufel dreht, statt um humanen Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis eine Legitimation eben dieser >aktiven Sterbehilfe< darstellt.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Mediziner macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< hat eine Kehrseite. Da tote Organe nicht transplantiert werden können, während ihrer Lebenszeit jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden sind, entsteht zwangsläufig für den Organspender ein breit gestreutes Risiko, mit dem die Gesellschaft, die Politik und die Mediziner umgehen müssen. Demselben Hirntoden, der in England lebendig sein darf, ist dies in Deutschland nicht erlaubt. Denn nach politischer Expertenmeinung (Prof. Lauterbach) ist die deutsche Diagnose lediglich die Feststellung, dass er >enthauptet< ist. Da verliert also nicht nur der lebendige Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte.

Nistet sich in diesen Umgang auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unehrlichkeit ein, haftet an der Grundlage der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, nicht alles Menschenmögliche für die Lebenserhaltung eines potentiellen Organspenders zu tun. Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren ungewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar, obwohl das Thema alternativer medizinischer Versorgung damit noch gar nicht angedacht ist.

Es gibt durchaus Buchtipps zum Thema, das durch kompetente Rezension vertiefbar wäre.

Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 /Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betrafen Fälle, die eine >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod darstellen. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen, da sich bei uns die Diskussion um Ritter, Tod und Teufel dreht, statt um humanen Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis eine Legitimation eben dieser >aktiven Sterbehilfe< darstellt.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Mediziner macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< hat eine Kehrseite. Da tote Organe nicht transplantiert werden können, während ihrer Lebenszeit jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden sind, entsteht zwangsläufig für den Organspender ein breit gestreutes Risiko, mit dem die Gesellschaft, die Politik und die Mediziner umgehen müssen. Demselben Hirntoden, der in England lebendig sein darf, ist dies in Deutschland nicht erlaubt. Denn nach politischer Expertenmeinung (Prof. Lauterbach) ist die deutsche Diagnose schlicht die Feststellung, dass er >enthauptet< ist. Da verliert also nicht nur der lebendige Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte.

Nistet sich in diesen Umgang mit Leben, Sterben, Tod auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unehrlichkeit ein, haftet an der Grundlage der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, nicht alles Menschenmögliche für die Lebenserhaltung eines potentiellen Organspenders zu tun. Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren ungewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar, obwohl das Thema alternativer medizinischer Versorgung damit noch gar nicht angedacht ist.

Es gibt durchaus Buchtipps zum Thema, das durch kompetente Rezension vertiefbar wäre.

Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 /Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Am Anfang wusst eich zu laneg nicht, wovon du redest. Am Ende steht, es gäbe BüchER, genannt ist aber nur eins. Und dazwischen hatte ich oft den Eindruck, dass du zwar sehr genau weißt, worauf du dich beziehst, aber irgendwie davon ausgehst, der Leser müsse es auch wissen. Oft kann man es ahnen (das Thema ist ja nicht neu), manchmal bleibt es aber vage bis unklar (*).

(*) "Da tote Organe nicht transplantiert werden können, während ihrer Lebenszeit jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden sind, entsteht zwangsläufig für den Organspender ein breit gestreutes Risiko," – keine Ahnung, was das sagen soll; wäre das „Risiko" beim Organverlust denn auch nur einen Deut kleiner, wenn die Organe nicht durch Nervenzellen angebunden wären?
(*) Was heißt dieses "enthauptet" im Gegensatz zum landläufigen Begriff „hirntot“?
(*) Ist „hirntot“ ein Irrtum (das Hirn ist nie tot) oder war das nur Beispiel einer falschen Diagnose (richtig diagnostoziert wäre "nicht hirmtot" gewesen)?


Wie oft bei deinen Texten: Lobenswerte Ambition, aber schwammige und damit schlagschwache Argumentation. Von fehlenden Thesen oder so noch nicht mal gesprochen …
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betreffen Fälle, die eine >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod darstellen. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen. Denn der humane Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod ist in unserem Land stark eingetrübt. Zum Beispiel Wirtschaftsinteressen werden allgemein undurchsichtig dargestellt, unangemessen verklärt, in unserem Fall die der Pharma- und Krankenhausindustrie.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis nur ein praktisches Hilfsmittel für die >aktive Sterbehilfe< darstellt.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Arzt macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< der Transplantation hat für die Fälle der Hirntod-Diagnose eine Kehrseite. Tote Organe können nicht transplantiert werden. Während ihrer Lebenszeit sind sie jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden. So entsteht im Zeitpunkt der Diagnose zwangsläufig für den >Organspender< ein breit gestreutes Risiko, mit dem Gesellschaft, Politik und Mediziner umgehen müssen.

Es sind nämlich die unterschiedlichen Kulturstandards und das mehr oder weniger aufgeklärte Bürgerbewusstsein, die dafür verantwortlich sind, ob der >Hirntode> weiter leben darf, oder sein Menschenrecht durch eine medizinische Diagnose liquidiert wird. Die politische Expertenmeinung, die kürzlich Prof. Lauterbach in einem Interview im Anschluss an die Bundestagsdebatte über das spezielle Problem der Transplantationsmedizin äußerte, lautet schlicht, dass die deutsche Diagnose des Hirntods gleich zu setzen sei mit >enthauptet<. Da verliert also nicht nur der Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte. Hier von möglichen >Fehldiagnosen> zu sprechen, ist eine typisch deutsche Art, das Problem zu banalisieren.

Nistet sich in diesen Umgang mit Leben, Sterben, Tod auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unaufrichtigkeit ein, haftet an der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, nicht alles Menschenmögliche für die Lebenserhaltung eines potentiellen Organspenders zu tun. Stattdessen würde sie ihr humanmedizinisches Bestreben unangebracht eng an Wirtschaftsinteressen binden. Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren ungewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die allenthalben zu hörende Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar. Das Thema medizinischer Alternativen ist damit noch gar nicht angedacht.

Buchtipps zum Thema, in kompetenter Rezension präsentiert, könnten zu einer wünschenswerten Vertiefung beitragen:
1.)Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 2.)Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betreffen Fälle, die eine >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod darstellen. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen. Denn der humane Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod ist in unserem Land stark eingetrübt. Zum Beispiel Wirtschaftsinteressen werden allgemein undurchsichtig dargestellt, unangemessen verklärt, in unserem Fall die der Pharma- und Krankenhausindustrie.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis nur ein praktisches Hilfsmittel für die >aktive Sterbehilfe< darstellt.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Arzt macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< der Transplantation hat für die Fälle der Hirntod-Diagnose eine Kehrseite. Tote Organe können nicht transplantiert werden. Während ihrer Lebenszeit sind sie jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden. So entsteht im Zeitpunkt der Diagnose zwangsläufig für den >Organspender< ein breit gestreutes Risiko, mit dem Gesellschaft, Politik und Mediziner umgehen müssen.

Es sind nämlich die unterschiedlichen Kulturstandards und das mehr oder weniger aufgeklärte Bürgerbewusstsein, die dafür verantwortlich sind, ob der >Hirntode> weiter leben darf, oder sein Menschenrecht durch eine medizinische Diagnose liquidiert wird. Die politische Expertenmeinung, die kürzlich Prof. Lauterbach in einem Interview im Anschluss an die Bundestagsdebatte über das spezielle Problem der Transplantationsmedizin äußerte, lautet schlicht, dass die deutsche Diagnose des Hirntods gleich zu setzen sei mit >enthauptet<. Da verliert also nicht nur der Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte. Hier von möglichen >Fehldiagnosen> zu sprechen, ist eine typisch deutsche Art, das Problem zu banalisieren.

Nistet sich in diesen Umgang mit Leben, Sterben, Tod auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unaufrichtigkeit ein, wie die Reglungen des völlig ungenügenden Organspenderausweises, haftet an der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, nicht alles für die Lebenserhaltung eines potentiellen Organspenders zu tun. Würden die Anzeichen sich häufen, die den Verdacht bestätigen, hätte sie humanmedizinische Bestrebungen unangebracht eng an Wirtschaftsinteressen gefesselt. Sie käme ohne Selbstverletzungen davon nicht mehr los. Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren ungewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die allenthalben zu hörende Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar. Das Thema medizinischer Alternativen ist damit noch gar nicht angedacht.

Buchtipps zum Thema, in kompetenter Rezension präsentiert, könnten zu einer wünschenswerten Vertiefung beitragen:
1.)Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 2.)Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betreffen Fälle, die eine >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod darstellen. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen. Denn der humane Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod ist in unserem Land stark eingetrübt. Zum Beispiel Wirtschaftsinteressen werden allgemein undurchsichtig dargestellt, unangemessen verklärt, in unserem Fall die der Pharma- und Krankenhausindustrie.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis nur ein praktisches Hilfsmittel für die >aktive Sterbehilfe< darstellt.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Arzt macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< der Transplantation hat für die Fälle der Hirntod-Diagnose eine Kehrseite. Tote Organe können nicht transplantiert werden. Während ihrer Lebenszeit sind sie jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden. So entsteht im Zeitpunkt der Diagnose zwangsläufig für den >Organspender< ein breit gestreutes Risiko, mit dem Gesellschaft, Politik und Mediziner umgehen müssen.

Es sind nämlich die unterschiedlichen Kulturstandards und das mehr oder weniger aufgeklärte Bürgerbewusstsein, die dafür verantwortlich sind, ob der >Hirntode< weiter leben darf, oder sein Menschenrecht durch eine medizinische Diagnose liquidiert wird. Die politische Expertenmeinung, die kürzlich Prof. Lauterbach in einem Interview im Anschluss an die Bundestagsdebatte über das spezielle Problem der Transplantationsmedizin äußerte, lautet schlicht, dass die deutsche Diagnose des Hirntods gleich zu setzen sei mit >enthauptet<. Da verliert also nicht nur der Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte.

Mit Blick auf den englischen Fall von möglichen >Fehldiagnosen< zu sprechen, entspricht etwa der typisch deutschen Art, das Problem zu banalisieren. Die ärgerliche, verblendete Unfähigkeit, wirklich zu begreifen, erleben wir in diesen Tagen an dem arroganten Geschwafel über die griechische, spanische, italienische Staatsschuld, oder wir fallen tölpelhaft auf die schon sprichwörtliche Kulturlosigkeit der US-Amerikaner herein.

Nistet sich in den Umgang mit Leben, Sterben, Tod auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unaufrichtigkeit ein, wie die Reglungen des völlig ungenügenden Organspenderausweises, haftet an der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, nicht alles für die Lebenserhaltung potentieller Organspender zu tun. Würden die Anzeichen sich häufen, die den Verdacht bestätigen, hätte die Transplantationsmedizin das humanmedizinische Bestreben unangebracht eng an Wirtschaftsinteressen gefesselt. Sie käme ohne Selbstverletzungen davon nicht mehr los.

Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren ungewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die allenthalben zu hörende Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar. Das Thema medizinischer Alternativen ist damit noch gar nicht angedacht.

Buchtipps zum Thema, in kompetenter Rezension präsentiert, könnten zu einer wünschenswerten Vertiefung beitragen:
1.)Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 2.)Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betreffen Fälle, die eine >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod darstellen. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen. Denn der humane Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod ist in unserem Land stark eingetrübt. Zum Beispiel Wirtschaftsinteressen werden allgemein undurchsichtig dargestellt, unangemessen verklärt, in unserem Fall die der Pharma- und Krankenhausindustrie.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis nur ein praktisches Hilfsmittel für die >aktive Sterbehilfe< darstellt.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Arzt macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< der Transplantation hat für die Fälle der Hirntod-Diagnose eine Kehrseite. Tote Organe können nicht transplantiert werden. Während ihrer Lebenszeit sind sie jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden. So entsteht im Zeitpunkt der Diagnose zwangsläufig für den >Organspender< ein breit gestreutes Risiko, mit dem Gesellschaft, Politik und Mediziner umgehen müssen.

Es sind nämlich die unterschiedlichen Kulturstandards und das mehr oder weniger aufgeklärte Bürgerbewusstsein, die dafür verantwortlich sind, ob der >Hirntode< weiter leben darf, oder sein Menschenrecht durch eine medizinische Diagnose liquidiert wird. Die politische Expertenmeinung, die kürzlich Prof. Lauterbach in einem Interview im Anschluss an die Bundestagsdebatte über das spezielle Problem der Transplantationsmedizin äußerte, lautet schlicht, dass die >deutsche< Diagnose des Hirntods gleich zu setzen sei mit >enthauptet<. Da verliert also nicht nur der Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte.

Mit Blick auf den englischen Fall von möglichen >Fehldiagnosen< zu sprechen, entspricht etwa der typisch deutschen Art, das Problem zu banalisieren. Die ärgerliche, verblendete Unfähigkeit zu begreifen, erleben wir in diesen Tagen an dem arroganten Geschwafel über die griechische, spanische, italienische Staatsschuld. Wir fallen tölpelhaft auf die schon sprichwörtliche >Kulturlosigkeit< der US-Amerikaner herein. Wir machen uns, gedanken- und hilflos nach praktischen Lösungen suchend, die zynische Formel vom >Gutmenschentum< zu eigen. Auch dieser Text kann nur ein begrenztes Warnzeichen vor der Aufgabe eigenen Nachdenkens und der Ermächtigung eines fremden Willens sein. Und doch halte ich fest an der Kritik verführerisch schädlicher Spekulationen zum >Restrisiko< oder zu angeblich singulären Irrtümern in Grenzbereichen menschlichen Handelns.

Nistet sich in den Umgang mit Leben, Sterben, Tod auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unaufrichtigkeit ein, wie die Reglungen des völlig ungenügenden Organspenderausweises, haftet an der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, die Lebenserhaltung potentieller Organspender nur rhetorisch zu handhaben. Würden die Anzeichen für einen solchen Verdacht sich häufen, hätte die Transplantationsmedizin das humanmedizinische Bestreben unangebracht eng an Wirtschaftsinteressen gefesselt. Sie käme ohne Selbstverletzungen davon nicht mehr los.

Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren fremd gewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die allenthalben zu hörende Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar. Das Thema medizinischer Alternativen ist damit noch gar nicht angedacht.

Buchtipps zum Thema, in kompetenter Rezension präsentiert, könnten zu einer wünschenswerten Vertiefung beitragen:
1.)Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 2.)Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betreffen Fälle, die als >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod beschrieben sind. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen. Denn der humane Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod ist in unserem Land stark eingetrübt.

Zum Beispiel Wirtschaftsinteressen werden allgemein undurchsichtig dargestellt, unangemessen verklärt, tabuisiert oder verteufelt - etwa die Tätigkeit der Pharma- und Krankenhausindustrie, der Ärzte und ihrer Verbände, des Staates und der bestimmenden politischen Parteien. Alle diese wirtschaftlich bedeutsamen Akteure können nicht an der Tatsache vorbei, dass Leben, Arbeiten, Sterben und Tod in vielfältigen Formen Warencharakter angenommen haben, also handelbare Größen sind. Das tiefe Misstrauen, gerechtfertigt oder nicht, gegen diesen Grundzug unsrer Zivilisation wird uns verstärkt beschäftigen.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis nur ein praktisches Hilfsmittel für die >aktive Sterbehilfe< darstellt. Neueste Bestrebungen zielen auf Lockerungen der strafbaren Tatbestände in Deutschland.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Arzt macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< der Transplantation hat für die Fälle der Hirntod-Diagnose eine Kehrseite. Tote Organe können nicht transplantiert werden. Während ihrer Lebenszeit sind sie jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden. So entsteht im Zeitpunkt der Diagnose zwangsläufig für den >Organspender< ein breit gestreutes Risiko, mit dem Gesellschaft, Politik und Mediziner umgehen müssen.

Es sind nämlich die unterschiedlichen Kulturstandards und das mehr oder weniger aufgeklärte Bürgerbewusstsein, die dafür verantwortlich sind, ob der >Hirntode< weiter lebt, oder - darf man das so sagen? - sein Menschenrecht mittels einer medizinischen Diagnose liquidiert wird. Die politische Expertenmeinung, die kürzlich Prof. Lauterbach in einem Interview im Anschluss an die Bundestagsdebatte über das spezielle Problem der Transplantationsmedizin äußerte, lautet schlicht, dass die >deutsche< Diagnose des Hirntods gleich zu setzen sei mit >enthauptet<. Da verliert also nicht nur der Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte, indem sie unter den alternativlosen Druck der moralischen Verpflichtung der guten Tat gestellt werden.

Mit Blick auf den englischen Fall von möglichen >Fehldiagnosen< zu sprechen, entspricht etwa der typisch deutschen Art, das Problem zu banalisieren. Die ärgerliche, verblendete Unfähigkeit zu begreifen, erleben wir in diesen Tagen an dem arroganten Geschwafel über die griechische, spanische, italienische Staatsschuld. Wir fallen tölpelhaft auf die schon sprichwörtliche >Kulturlosigkeit< der US-Amerikaner herein. Wir machen uns, gedanken- und hilflos nach praktischen Lösungen suchend, die zynische Formel vom >Gutmenschentum< zu eigen. Auch dieser Text kann nur ein begrenztes Warnzeichen vor der Aufgabe eigenen Nachdenkens und der Ermächtigung eines fremden Willens sein. Und doch halte ich fest an der Kritik verführerisch schädlicher Spekulationen zum >Restrisiko< oder zu angeblich singulären Irrtümern in Grenzbereichen menschlichen Handelns.

Nistet sich in den Umgang mit Leben, Sterben, Tod auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unaufrichtigkeit ein, wie die Reglungen des völlig ungenügenden Organspenderausweises, haftet an der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, die Lebenserhaltung potentieller Organspender nur rhetorisch zu handhaben. Würden die Anzeichen für einen solchen Verdacht sich häufen, hätte die Transplantationsmedizin das humanmedizinische Bestreben unangebracht eng an Wirtschaftsinteressen gebunden. Sie käme ohne Selbstverletzungen davon nicht mehr los.

Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren fremd gewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die allenthalben zu hörende Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar. Das Thema medizinischer Alternativen ist damit noch gar nicht angedacht.

Buchtipps zum Thema, in kompetenter Rezension präsentiert, könnten zu einer wünschenswerten Vertiefung beitragen:
1.)Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 2.)Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 
Über eine Kulturerrungenschaft

Der Mediziner Bernd Hontschick * machte jetzt auf Zeitungsmeldungen aufmerksam, die auch ich gelesen hatte. Sie betreffen Fälle, die als >eigenartige Häufung< der Diagnose Hirntod beschrieben sind. Es handele sich um >ganz außergewöhnliche Nachrichten vom Tod – und von der Medizin<. >Außergewöhnlich<, das scheint mir beschränkt zuzutreffen. Denn der humane Umgang mit der Wirklichkeit von Leben, Sterben und Tod ist in unserem Land stark eingetrübt.

Zum Beispiel Wirtschaftsinteressen werden allgemein undurchsichtig dargestellt, unangemessen verklärt, tabuisiert oder verteufelt - etwa die Tätigkeit der Pharma- und Krankenhausindustrie, der Ärzte und ihrer Verbände, des Staates und der bestimmenden politischen Parteien. Alle diese wirtschaftlich bedeutsamen Akteure können nicht an der Tatsache vorbei, dass Leben, Arbeiten, Sterben und Tod in vielfältigen Formen Warencharakter angenommen haben, also handelbare Größen sind. Das tiefe Misstrauen, gerechtfertigt oder nicht, gegen diesen Grundzug unsrer Zivilisation wird uns verstärkt beschäftigen.

Mir scheint der >riskante Tod<, den Bernd Hontschick problematisiert, zunächst allgemeinen Zweifel an der Transplantationsmedizin wecken zu können. Ein Zweifel, der tief in unserer Gesellschaft sitzt und zunächst nur Misstrauen ist gegen ein fremdbestimmtes, manipuliertes Sterben und den dunklen, verschleierten Tod. Im deutschen Falle sind uns die Gründe für das Verbot der >aktiven Sterbehilfe< vielleicht noch geläufig, aber wir wissen schon nicht mehr sicher, ob der Organspenderausweis nur ein praktisches Hilfsmittel für die >aktive Sterbehilfe< darstellt. Neueste Bestrebungen zielen auf Lockerungen der strafbaren Tatbestände in Deutschland.

Der 17-jährige Steven Torpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für hirntot erklärt worden. Die Ärzte sprachen die Eltern zwecks Organentnahme an. Doch die ungläubigen Angehörigen zogen eine Ärztin zurate, die Lebenszeichen bei ihrem Sohn erkannte. Die intensivmedizinische Behandlung von Steven Torpe wurde fortgesetzt und war schließlich erfolgreich. Heute studiert der junge Mann in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen, schreibt Hontschick.*

Der Arzt macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: >Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? < Die aus Sicht des Organempfängers >segensreiche Erfindung< der Transplantation hat für die Fälle der Hirntod-Diagnose eine Kehrseite. Tote Organe können nicht transplantiert werden. Während ihrer Lebenszeit sind sie jedoch mit den Milliarden Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks verbunden. So entsteht im Zeitpunkt der Diagnose zwangsläufig für den >Organspender< ein breit gestreutes Risiko, mit dem Gesellschaft, Politik und Mediziner umgehen müssen.

Es sind nämlich die unterschiedlichen Kulturstandards und das mehr oder weniger aufgeklärte Bürgerbewusstsein, die dafür verantwortlich sind, ob der >Hirntote< weiter lebt, oder - darf man das so sagen? - sein Menschenrecht mittels einer medizinischen Diagnose liquidiert wird. Die politische Expertenmeinung, die kürzlich Prof. Lauterbach in einem Interview im Anschluss an die Bundestagsdebatte über das spezielle Problem der Transplantationsmedizin äußerte, lautet schlicht, dass die >deutsche< Diagnose des Hirntods gleich zu setzen sei mit >enthauptet<. Da verliert also nicht nur der Hirntode endgültig sein Leben, sondern auch seinen Angehörigen entschwinden Entscheidungsrechte, indem sie unter den alternativlosen Druck der moralischen Verpflichtung der guten Tat gestellt werden.

Mit Blick auf den englischen Fall von möglichen >Fehldiagnosen< zu sprechen, entspricht etwa der typisch deutschen Art, das Problem zu banalisieren. Die ärgerliche, verblendete Unfähigkeit zu begreifen, erleben wir in diesen Tagen an dem arroganten Geschwafel über die griechische, spanische, italienische Staatsschuld. Wir fallen tölpelhaft auf die schon sprichwörtliche >Kulturlosigkeit< der US-Amerikaner herein. Wir machen uns, gedanken- und hilflos nach praktischen Lösungen suchend, die zynische Formel vom >Gutmenschentum< zu eigen. Auch dieser Text kann nur ein begrenztes Warnzeichen vor der Aufgabe eigenen Nachdenkens und der Ermächtigung eines fremden Willens sein. Und doch halte ich fest an der Kritik verführerisch schädlicher Spekulationen zum >Restrisiko< oder zu angeblich singulären Irrtümern in Grenzbereichen menschlichen Handelns.

Nistet sich in den Umgang mit Leben, Sterben, Tod auch nur ein Hauch von geschäftiger Schlamperei oder gar Unaufrichtigkeit ein, wie die Reglungen des völlig ungenügenden Organspenderausweises, haftet an der Transplantantionsmedizin der schwer wiegende Verdacht, die Lebenserhaltung potentieller Organspender nur rhetorisch zu handhaben. Würden die Anzeichen für einen solchen Verdacht sich häufen, hätte die Transplantationsmedizin das humanmedizinische Bestreben unangebracht eng an Wirtschaftsinteressen gebunden. Sie käme ohne Selbstverletzungen davon nicht mehr los.

Selbstredend würde diese moralische Wunde bei Menschen virulent, die ihre Organspende zu Lebzeiten als ihren fremd gewollten, überflüssigen Tod interpretieren. Aus dieser Sicht ist die allenthalben zu hörende Klage über mangelnde Organspendenbereitschaft verstehbar. Das Thema medizinischer Alternativen ist damit noch gar nicht angedacht.

Buchtipps zum Thema, in kompetenter Rezension präsentiert, könnten zu einer wünschenswerten Vertiefung beitragen:
1.)Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Ffm 2009 2.)Alexandra Manzei, Werner Schneider Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis, Münster 2006

* Frankfurter Rundschau Diagnose Riskanter Tod 12./13.05.2012
 

 
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