Der Preis des Friedens - Teil 1

Der Preis des Friedens (Kinder des Velt) - Teil 1


Als Tovarjal nach der siegreichen Schlacht gegen die Vassu schließlich nach Hause zurückkehrte, erwartete ihn dort die freudige Nachricht, die Vassu und die Sarvar hätten Frieden geschlossen. Seine Heimkehr lag nun sechs Monate zurück und seitdem hatte er sich fast jeden Tag von seinem Vater anhören müssen, wie glücklich die Sarvar sich schätzen konnten. Sein Vater verheimlichte ihm auch seine Meinung nicht, Vassucit hätte ebenso gut ihre Kapitulation verlangen können und in diesem Fall wäre ihm nichts anderes übriggeblieben, als zuzustimmen. Aber der Princepo fühlte sich nicht im Geringsten glücklich und zwar seit dem Moment, an dem er erfuhr, wer den Preis für den Frieden zu zahlen hatte.

Ab diesem Zeitpunkt wurde sein, immer schon von allen gefürchtetes, Temperament noch unberechenbarer. Ab dann fühlte sich jeder in seiner Gegenwart, als würde er sich im gleichen Raum mit einer Gewitterwolke aufhalten. Mit einer aufgeladenen Gewitterwolke. Die ganze unsägliche Situation blieb für ihn zumindest so lange einigermaßen erträglich, wie er noch durch die Straßen von Dysarvar streifen konnte. Allerdings hatte er damit bereits vor etlichen Wochen aufhören müssen, weil er es nicht mehr ertrug, dass ihm jeder, der ihn sah, nichts als Verachtung entgegenbrachte. Wenn sie sich nicht stattdessen direkt von ihm abwandten. Dies rief dann regelmäßig den durch Frust gespeisten Zorn hervor und das hielt er irgendwann nicht mehr aus.

Princepo Tovarjal hatte im vor einigen Monaten zu Ende gegangenen Krieg wichtige Siege für sein Land errungen, den letzten nicht lange vor Ende des Konfliktes. Zwar hatte sein Land die Vassu nicht besiegen können, aber er war trotzdem als ein von allen geachteter Equito nach Dysarvar zurückgekehrt. Der Krieg hatte nur zwei Jahre gedauert, nichtsdestotrotz war er sehr froh darüber gewesen, nicht mehr kämpfen zu müssen. Vor allem war er froh darüber, nicht mehr die Waffen gegen die seltsamen Kriegerinnen der Vassu erheben zu müssen. Es war ihm nicht leicht gefallen, ihnen auf dem Schlachtfeld entgegenzutreten. Dieses Widerstreben, Frauen umzubringen, hatte in den ersten Monaten des Krieges die Sarvarer das Leben vieler ihrer Equitem gekostet und manche von den Kriegern waren bis zum Ende des Konfliktes nicht in der Lage gewesen, ihre Gegnerinnen zu töten. Die wiederum keinerlei Hemmungen dabei zeigten, Sarvarer vom Leben zum Tod zu befördern. Ganz offensichtlich war dies nicht das erste Mal, dass sie gegen Männer kämpften.

Die Sarvarer hatten hingegen noch nie mit einem solchen Gegner zu tun gehabt. Ab und zu hatten zwar schon mal Gerüchte über weibliche Kämpfer das Reich nördlich des Sees erreicht, aber sie waren immer als Fantasien abgetan worden. Im Nachhinein betrachtet wäre es für alle besser gewesen, hätten sich die Equitem nicht ausschließlich mit den Stämmen in ihrer Nähe beschäftigt oder mit den Städten der Renegaten. Aber immer schon wurde der Süden von den Sarvar fast schon aus Tradition gemieden. Hieß es nicht in ihren Überlieferungen, das Übel wäre von dort gekommen? Jenes Übel, welches die Sarvar aus ihrer alten Heimat vertrieben hatte und das sie dafür verantwortlich machten, jetzt im Norden des Sees leben zu müssen. Niemand hatte sich je mit dem Gebiet südlich des Sees beschäftigen wollen und auch nicht mit den Menschen, die dort lebten.

Der Princepo hatte keine andere Wahl gehabt, als einen Weg zu finden mit den Kriegerinnen fertigzuwerden. Schließlich blieb ihm nur die Möglichkeit die Vassu nicht mehr als Frauen anzusehen. Nur auf diese Weise konnte er verhindern, von ihnen getötet zu werden. Diese Entscheidung war ihm alles andere als einfach gefallen, denn seit er als kleiner Junge alt genug gewesen war die Traditionen seines Volkes zu verstehen, hatte er verinnerlicht, Frauen mit Respekt zu begegnen und sie zu beschützen, weil sie selbst nicht dazu in der Lage waren. Vor dem Krieg wäre er niemals auf die Idee gekommen, eine Frau vorsätzlich zu verletzen. Aber der Kampf gegen die Kriegerinnen hatte seinen Blick auf Frauen radikal verändert. Nach seiner Heimkehr ertappte er sich immer wieder dabei, dass er sich fragte, ob die Frauen, denen er nun begegnete, eine Gefahr für ihn werden könnten. Und er konnte auch nicht damit aufhören obwohl er genau wusste sarvarische Frauen würden niemals kämpfen. Aus diesem Grund hatte er eine immense Erleichterung verspürt, als sein Vater ihm nach seiner Rückkehr mitteilte, er müsse die Tochter des Duco von Sisca nicht mehr ehelichen. Zu diesem Zeitpunkt war ihm allerdings der Grund für die Entscheidung des Rego noch nicht bekannt gewesen.

Er erinnerte sich an den Tag, an dem sein Vater ihm mitteilte, wie der Preis des Friedens aussah, so genau, als wäre es erst gestern gewesen. Dies lag vor allem daran, dass sein Herrscher ihm an diesem Tag auch verboten hatte, sein Haar zu schneiden. Ebenso hatte er ihm befohlen, seinen Bart unverzüglich abzurasieren. Tovarjal hatte im ersten Moment geglaubt, seinen Vater missverstanden zu haben, denn dies war nichts, was ein Sarvar jemals tun würde. Solange er sich zurückerinnern konnte, war sein schwarzes Haar immer derart kurz geschoren gewesen, dass seine Kopfhaut durchschimmerte. Er unterschied sich damit allerdings nicht von vielen anderen Männern in Kisarvar. Jeder, der etwas auf sich hielt, trug sein Haar genauso. Und ebenso wie jeder andere Sarvarer hatte er als junger Mann den Tag herbeigesehnt, an dem ihm endlich ein ordentlicher Bart wachsen würde. Trotzdem konnte er sich einem Befehl des Rego nicht widersetzen, auch wenn er auf seine Fragen nach dem Grund dafür niemals eine befriedigende Antwort erhielt. Sein Vater erzählte ihm nur etwas über geheim zu haltende Bedingungen des Friedensvertrages und er zerbrach sich viele Tage lang den Kopf darüber, was die Länge seines Haares oder das Fehlen seines Bartes damit zu tun haben sollten.

Aber an diesem Tag war er nicht in der Lage gewesen, über den Befehl seines Herrschers nachzudenken. Als er erfahren hatte, er wäre derjenige, der den Preis für den Frieden zu zahlen hatte, war er nicht fähig gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Als man ihm mitteilte, es gäbe eine geheime Bedingung im Vertrag, die vorsähe, die beiden Herrscherhäuser miteinander zu verbinden, hatte er das zuerst nicht glauben wollen. Er hatte sich auch nicht vorstellen können, aus welchem Grund die Imperatra forderte, dass ausgerechnet Princepo Tovarjal der Gemahl ihrer Erbin werden müsse. Und warum zwang sie ihn dazu, zukünftig in Ssuyial zu leben, dem riesigen weit entfernt gelegenen Palast der Vassu? Aber schnell wurde ihm klar, dass er Kisarvar und alle, die er kannte, verlassen musste, sobald sein Vater seine Unterschrift unter den Friedensvertrag gesetzt hatte. Er würde den Rest seines Lebens unter Fremden verbringen und deshalb hätte es niemanden in seiner Umgebung verwundern dürfen, dass sich an dem Tag, als er all dies erfuhr, die Gewitterwolke seines Zorns mit ungeahnter Heftigkeit entlud.

In den darauffolgenden Monaten war sein Haar ungehindert gewachsen und er hatte sich sogar an das Gefühl seines nackten Gesichts gewöhnt. Zu Beginn hatte er es sogar noch fertiggebracht, die Verachtung in den Blicken der anderen zu ignorieren, wenn sie seiner in den Straßen der Hauptstadt ansichtig wurden. Schließlich brachte er dieses Opfer für den Frieden. Aber niemand wusste dies, weil es ja eine geheime Bedingung war und aus diesem Grund konnte er auch mit niemandem außer seinem Vater darüber sprechen. So waren ihm die Reaktionen der Sarvar irgendwann zu viel geworden und er hatte erneut seine Beherrschung verloren. Nachdem er eines Tages nach der Rückkehr in seine Räume etliche Spiegel zerschlug, wurden die verbliebenen auf Befehl des Rego entfernt. Danach fiel es Tovarjal viel leichter in seinen Räumen zu bleiben, wenn er auch feststellte, dass ihm der Mann, der ihm beim Rasieren aus seiner Waschschüssel entgegenblickte, nicht bekannt vorkam. Der Fremde hatte glattes schwarzes Haar, dunkle traurige Augen und die Haut seiner bartlosen Wangen war glatt und weiß wie die einer Frau.

Eine Zeitlang hatte er Zuflucht zu kindischem Benehmen genommen und sich geweigert, seine Haare zu waschen. Bis zu dem Moment, als ihm auf einmal der Gedanke kam mit seinem Verhalten könnte er vielleicht gegen irgendeine Bedingung des Friedensvertrages verstoßen. Auch wenn er sich einsam und ausgestoßen fühlte, wollte er nicht die Gründe für weiteres Leid seines Volkes liefern. In dem Moment nahm er sich vor, nie zu vergessen wie wichtig ihm die restlichen Sarvarer waren. Und dies würde sich auch nicht dadurch ändern, dass er bald kein Teil dieser Nation mehr wäre. Selbst als ihm später aufging, dass diese Angst unsinnig gewesen war, half ihm sein Entschluss trotzdem dabei, seine Wutausbrüche unter Kontrolle zu bekommen.

Während dieser ganzen Zeit besuchte ihn entweder sein Vater oder sein Bruder jeden Tag, obwohl den beiden das ganz offensichtlich nicht leichtfiel. Rego Lephan konnte bei keiner der Gelegenheiten verbergen, wie schwierig es für ihn war, dem jüngeren seiner beiden überlebenden Söhne ins Gesicht zu blicken. Allerdings war er der Meinung, ihm dies schuldig zu sein – und Tovarjal hatte das gewusst, bevor er es ihm mitteilte – und hielt deshalb daran fest. Der Blick seines Vaters zeigte jedoch bei jedem Besuch die gleiche Traurigkeit, die der Princepo in den Augen des Unbekannten erkennen konnte, der ihm aus seiner Waschschüssel entgegenblickte. Coronar Payn hingegen schaffte es nicht, ihm ins Gesicht zu blicken, weil er befürchtete, seine Verachtung nicht zurückhalten zu können. Tovarjal nahm dies seinem Bruder allerdings nie übel. Payn war immer ein vorbildlicher großer Bruder gewesen, der ihm alles beibrachte, was er selbst gelernt hatte, da konnte er ihm jetzt nicht vorwerfen, ihn im Stich zu lassen. Zumal das auch nicht der Wahrheit entsprach. Außerdem konnte Tovarjal sich auch noch gut daran erinnern, wie sehr Payn alle seiner vier Brüder geliebt hatte, allen voran die beiden älteren. Er hatte sich nie gewünscht, seinem Vater einstmals auf den Thron folgen zu müssen.

Dann endlich erreichte sie die Nachricht, die Delegation der Vassu würde am Nordufer des Hijiley-Sees auf den Rego von Kisarvar und seine Begleiter warten. Der Tag, den der Princepo seit Monaten fürchtete, war herangekommen. Gerne hätte er gewusst, wer dieser imperialen Delegation alles angehörte, aber davon stand in der Nachricht nichts. Für Tovarjal war dies ein weiterer Hinweis darauf, dass die Vassu der Meinung waren, auch die Kapitulation der Sarvar gefordert haben zu können. Deshalb ging er auch davon aus weitere Demütigungen – sowohl offene als auch verdeckte – würden auf die Sarvarer warten. Und natürlich auf ihn. Sehr wahrscheinlich besonders auf ihn. Dieser Gedanke brachte prompt wieder sein ungezügeltes Temperament zum Vorschein und es fiel ihm ziemlich schwer, seinen Zorn zu unterdrücken.

Und diese Kontrolle wurde vor seinem Aufbruch noch ein weiteres Mal auf eine harte Probe gestellt. Der Rego hatte bereits vor geraumer Zeit festgelegt, wer ihn und seine Söhne begleiten sollte, denn er wollte in der Lage sein, auf eine Nachricht unverzüglich zu reagieren und er wollte vermeiden, zu viel Zeit vor dem Aufbruch zu vergeuden. Auch Tovarjal selbst hatte sich auf diesen Tag vorbereitet, allerdings aus ganz anderen Gründen. Da er sich weder den Blicken der Stadtbewohner noch denen seiner Begleiter aussetzen wollte, hatte er sich einen Umhang mit Kapuze bereitgelegt. Aber er war noch nicht einmal dazu gekommen, seine Räume zu verlassen, als sein Vater ihm mitteilte, es wäre ihm nicht erlaubt, sein Haar oder sein Gesicht auf dem Weg zum See zu verbergen. In diesem Moment, als ihm klar wurde, er würde keine Möglichkeit haben, sich den verächtlichen Blicken der anderen zu entziehen, spürte der Princepo, wie ihm die Hitze seiner Schmach und seines Zorns ins Gesicht stieg. Aber auch dieses Mal blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Erneut wurde ihm – wie bereits in den letzten Wochen – bewusst, dass er in Wirklichkeit nicht mehr der Sohn des Rego war, sondern ein wehrloser Gefangener ohne irgendeine Möglichkeit seiner Demütigung zu entgehen. Jetzt konnte er sich nur noch bemühen, seinen Zorn zu zügeln. Dies war ihm allerdings schon in glücklicheren Zeiten schwergefallen und in seiner jetzigen Situation schien es ihm fast unmöglich zu sein. Wie es sich dann aber herausstellte doch nur fast.

Bevor der Princepo seine Räume zum letzten Mal verließ, gab es allerdings noch etwas Wichtiges zu erledigen. Weil sich alle nicht sicher waren, ob sie später noch Gelegenheit dazu haben würden, verabschiedete sich Lephan bereits vor ihrem Aufbruch von seinem Sohn und Payn von seinem Bruder. Das erschwerte den Aufbruch für Tovarjal noch zusätzlich.

Dem jüngeren Sohn des Rego – obwohl er sich inzwischen zumindest in Gedanken immer öfter als Gefangener des Rego bezeichnete – war nicht bekannt gewesen, wie schnell Männerhaar wachsen konnte. Er wusste auch nicht, wie schnell die Haare von Frauen wuchsen oder ob es da einen Unterschied gab. Aber inzwischen hatte er eine bessere Vorstellung davon, denn sein eigenes Haar reichte ihm nun bis zum Kinn. Noch nicht einmal als ganz kleines Kind war sein Haar derart lang gewesen. Vor seinem Aufbruch hatte er es gründlich gebürstet, damit er nicht versehentlich eine geheime Bedingung des Vertrages brach, so unsinnig sich das auch anhören mochte. Aber er wollte nicht versehentlich eine Reaktion der Vassu hervorrufen, die den Sarvar schaden könnte. Haare bürsten war im Übrigen eine Tätigkeit gewesen, mit der er sich überhaupt nicht auskannte. Rasieren war eine andere mit der er sich gleich zu Beginn seiner Gefangenschaft hatte auseinandersetzen müssen. Seine Haare beschäftigten ihn allerdings erst später, nachdem er begriffen hatte, dass er nicht umhin kam, dazuzulernen. Er schluckte seinen Stolz zumindest für eine kurze Zeit hinunter und ließ sich von einer älteren Dienerin zeigen, was er mit seinem längeren Haar machen musste. Bürsten war nur eins dieser Dinge, Haare waschen ein anderes. Als er also jetzt hinter dem Rego und dem Coronar durch die Straßen der Hauptstadt ritt, glänzte sein schwarzes Haar in der Sommersonne auf eine Art und Weise, wie es die Menschen, die die Straßen säumten, noch nie bei einem sarvarischen Equito gesehen hatten. Sein dunkles Haar betonte dabei auch noch die bleiche Haut seiner Wangen. Allerdings interessierte es in diesem Augenblick keinen der Schaulustigen und wahrscheinlich noch nicht einmal die Leibwache des Herrschers, die hinter ihm her ritt, dass die Wangen aller männlichen Sarvarer unter dem Schutz ihrer Bärte ähnlich bleich aussehen würden.

Die Menschen gafften den an ihnen vorbeireitenden Mann an, der sein Haar hatte wachsen lassen, als hielte er sich für eine Frau und dessen glatte nackte Wangen weibisch wirkten. Selbst die Personen, denen bekannt war, dass der jüngere Sohn des Rego als Geisel an den Hof der Imperatra gehen musste – eine Tatsache, die nicht hatte geheim gehalten werden können – und damit ein Faustpfand für den Frieden mit den Vassu darstellte, erkannten ihn in diesem Reiter nicht. Lautstark machten sie ihm genau wie der Rest der anwesenden Menschen klar, wie sehr sie ihn wegen seines Aussehens verachteten. Tovarjal versuchte starr geradeauszublicken und seine Augen auf den Rücken des Rego gerichtet zu halten, aber es gelang ihm nicht, sich dieser Verachtung zu entziehen. Er war sich sicher, jeder könne die Hitze seiner Schmach auf seinem Gesicht erkennen. Unter all diesen Blicken und als Ziel all dieser Schmähungen fühlte er sich so klein, dass er noch nicht einmal die Kraft aufbrachte, zornig zu werden.

Noch nie war ihm der Ritt zum Ufer des Sees derart lang vorgekommen wie an diesem Tag und mit jedem Meter, den sein Pferd zurücklegte, fühlte er sich mehr wie ein Gefangener, obwohl er sich bereits seit Monaten so bezeichnet hatte. Er glaubte aber jetzt, dass er nicht mehr lange der Zuständigkeit des Rego unterstehen würde, weil er bald ein Gefangener der Vassu wäre, egal wie sie es nennen mochten. Jeder hatte ihm versichert, er stelle das Unterpfand für den Frieden dar und doch fühlte er sich eher, als würde er zu seiner Hinrichtung geführt. Und er hatte mit diesem Gedanken noch nicht einmal völlig Unrecht, denn sein bisheriges Leben würde tatsächlich bald sein Ende finden.

Die Delegation der Vassu hatte den Hijiley-See in zwei Schiffen überquert und diese weit den Strand hinaufgezogen. Zwischen ihren hochaufragenden Vordersteven hatten sie ein großes Zelt errichtet. Das sollte nun der Ort sein, an dem der Vertrag unterschrieben und das Pfand übergeben wurde. Am Abend, nachdem alles geregelt worden war, würden die Vassu das Nordufer wieder verlassen. Und er musste mit ihnen gehen.

Bei ihrer Ankunft am See fielen der sarvarischen Delegation einige Personen auf, die sie ihrem Aussehen nach für die Einwohner eines Fischerdorfes hielten und die eng beieinander in der Nähe des Zelteingangs ausharrten. Ganz offensichtlich waren sie nicht freiwillig hier, denn sie warfen den Vassu furchtsame Blicke zu, während die Kriegerinnen wiederum die Fischer aufmerksam beobachteten. Der Zweck ihrer Anwesenheit erschloss sich Tovarjal allerdings nicht. Ebenso wenig wie dem Rego.

Eine der vor dem Zelt stationierten Kriegerinnen hatte sich etwas abseits von den anderen aufgestellt. Sie war groß – größer sogar als der Rego oder der Coronar, allerdings nicht als Tovarjal – und trug ihr dunkelrotes Haar genauso kurz wie die Equitem ihres. Eine lange weiße Narbe, die sich über ihre linke Wange zog, minderte den Eindruck ihrer, zugegebener Weise etwas herben, Schönheit nicht im Geringsten. Ihren Helm in der Armbeuge haltend, beugte sie kurz das Knie und den Kopf vor dem Rego, nachdem dieser vom Pferd gestiegen war, bevor sie wieder vor ihm aufragte. Die restlichen Sarvarer würdigte sie dagegen keines Blickes mit Ausnahme von Tovarjal, der sich dabei so fühlte, als wäre er ein Schlachtross, das sie zu erwerben wünschte, aber das ihrer Musterung nicht standgehalten hatte.

Sie stellte sich dem Rego als Primaduca Gajetu vor und erklärte ihm im Anschluss, sie wäre sowohl für den Schutz der Vassu als auch den der Sarvarer zuständig. Sie sprach ihn durchaus mit gebührendem Respekt an und Tovarjal konnte nicht umhin festzustellen, dass sie es wohl gewohnt war, mit hochgestellten Persönlichkeiten umzugehen. Ihr Verhalten einigen der jüngeren Fischer gegenüber, die sie mit einer knappen Handbewegung dazu aufforderte, sich um die Pferde ihrer Landsleute zu kümmern, war hingegen nicht von Respekt geprägt. Während die Reittiere weggeführt wurden, teilte sie allen anderen mit, es wäre nun an der Zeit, das Zelt zu betreten. Sie ließ dem Rego und dem Coronar den Vortritt und reihte sich dann an Tovarjals Seite ein, die Leibwache des Herrschers ignorierend. Bevor er den Eingang durchschritt, bekam der Princepo noch mit, wie die restlichen Fischer von den Kriegerinnen ebenfalls ins Zelt gedrängt wurden. Da ging ihm auf, dass sie wohl den Abschluss des Friedensvertrages bezeugen sollten.

Im ersten Moment kam Tovarjal das Innere des Zeltes seltsam klein vor, bis er verstand, dass man einen Teil davon mit Stoffbahnen abgetrennt hatte. Mit diesem einfachen Mittel hatte man einen vom Eingang aus nicht einsehbaren Bereich geschaffen, allerdings konnte er sich keinen Grund dafür vorstellen. Sein Blick fiel auch sofort auf die vor dieser Abtrennung stehende Delegation der Vassu. Während die Fischer dazu gedrängt wurden, neben dem Eingang Aufstellung zu nehmen und die Kriegerinnen, die als letzte das Zelt betraten, sich vor der inzwischen geschlossenen Öffnung aufstellten, nutzte Tovarjal die Gelegenheit, die Delegation der Vassu genauer zu betrachten. Dabei fiel ihm auf, dass sie vor allem aus weiteren Kriegerinnen bestand, die sich von denen hinter ihm nur dadurch unterschieden, dass statt eines schwarzen ein weißer Wolf ihre Rüstungen zierte. Aber mitten zwischen ihnen entdeckte er die erste Frau in den Reihen seiner Feinde, die für ihn auf den ersten Blick als Frau erkennbar war.

Er beachtete die Kriegerinnen nicht weiter, aber die fremde Frau fesselte seine Aufmerksamkeit. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als die Frauen, die sie umgaben. Ihr feuerrotes Haar war in einen dicken Zopf zusammengefasst, der bis zu ihren Oberschenkeln herunterhing. Unter einer schmalen Nase konnte er ihre vollen rotgeschminkten Lippen erkennen. Er war sich sicher, niemals einen sinnlicheren Mund gesehen zu haben. Dann ging sein Blick zu ihren Augen, deren leichte Mandelform durch die schwarze Schminke, mit der sie dick umrahmt waren, noch hervorgehoben wurde. Lange dunkle Wimpern verbargen ihren Blick und die Farbe ihrer Augen sittsam vor den Fremden, mit denen sie heute zusammentraf. Sie trug einen überaus voluminösen Rock, dessen Fülle an ungebleichtem Stoff sich auf dem Boden sammelte, darüber eine lange ärmellose Tunika in der gleichen Farbe, die von einem Ledergürtel mit einer Schnalle in Form eines weißen Wolfskopfs zusammengehalten wurde. Ihre nackten Arme waren weiß, schlank und wohlgeformt und obwohl ihre Brust eher knabenhaft war, tat dies ihrer Schönheit keinen Abbruch. Kein sarvarischer Mann würde jemals auf die Idee kommen, ihr wehzutun.

Ohne sich zu bewegen, wartete sie ab, bis der Rego von Kisarvar mit seinen zwei Söhnen bis auf wenige Meter an sie herangekommen war und fing erst dann an zu sprechen.

„Ich bin Serviri Ssutiss und wurde von meiner Mutter, der Imperatra, zu dir, Rego Lephan, gesandt, damit du deine Unterschrift unter den Friedensvertrag setzen kannst und ich mit eigenen Augen bezeuge, wie die abschließende Bedingung erfüllt wird und der Frieden somit in Kraft treten kann.“

Sie sprach diese Worte anders aus als er es gewohnt war und betonte sie auf unvertraute Weise, aber trotzdem war er in der Lage, sie ohne Probleme zu verstehen. Ihre Stimme war zwar leise, aber wohlmoduliert und Tovarjal bewunderte erneut ihre zarte Schönheit. Gleichzeitig konnte er aber feststellen, dass sie sich als Vertreterin ihrer Mutter ganz offensichtlich nicht wohlfühlte. Sie machte auf ihn den Eindruck einer Person, die zum ersten Mal eine solche Rolle übernehmen musste, aber nicht der Meinung war, alt genug dafür zu sein. Ihn wunderte das nicht, denn sie wirkte auf ihn wirklich sehr jung. Dann trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment, als sie ihrerseits Tovarjal musterte und ihre roten Lippen formten ein erstauntes „O“, bevor sie ihren Blick wieder auf den Boden richtete.

Sobald sie den aller Wahrscheinlichkeit nach auswendig gelernten Satz ausgesprochen hatte, teilte sich der Vorhang und weitere Kriegerinnen mit dem weißen Wolfsabzeichen erschienen aus dem abgetrennten Bereich. Sie brachten einen Tisch, einen reich verzierten Stuhl sowie ein gerolltes Pergament, eine Feder, einen Behälter mit Tinte und einen mit Sand und platzierten all dies vor dem Rego. Dann zogen sie sich sofort wieder hinter den Vorhang zurück.

Mit einer eleganten Handbewegung gab die Tochter der Imperatra dem Rego zu verstehen, er möge am Tisch Platz nehmen.

„Dies ist der zwischen Vassucit und Kisarvar ausgehandelte Friedensvertrag. Meine Mutter hat ihn bereits unterzeichnet. Setz auch du deine Unterschrift darunter, Rego, und lass uns dann die abschließende Bedingung erfüllen, sodass der Frieden zwischen unseren Völkern seinen Lauf nehmen kann.“

Sie zögerte kurz und blickte noch einmal zu Tovarjal hinüber, bevor sie fortfuhr: „Bei dieser Vermählung werde ich die Stelle meiner Schwester einnehmen. Zuvor werde ich Sorge tragen, den Bräutigam auf die Zeremonie vorzubereiten. Dies ist notwendig, weil die Bedingungen des Friedensvertrages bestimmen, dass die Vermählung nach den Gesetzen des Imperiums vollzogen wird.“ Nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, zog sie sich einige Schritte zurück.

Als sie von sich als der Tochter der Imperatra sprach kam, bei Tovarjal ganz kurz der Gedanke auf, ob es sich bei ihr wohl um die Erbin handeln könnte. Aber er verwarf diesen Gedanken schnell wieder, als er sie weiter beobachtete. Er bezweifelte, dass eine Frau, die zur Nachfolgerin einer Herrscherin erzogen wurde, einen derart schüchternen Eindruck erwecken könnte. Als sie sich dann als Schwester seiner Braut vorstellte, erkannte er, dass er recht gehabt hatte. Sollte die Thronerbin auch nur einen Bruchteil der Schönheit dieser jungen Frau besitzen, könnte sich seine lebenslange Strafe vielleicht doch erträglich gestalten.

Gerne hätte er im Vorhinein gewusst, was ihn bei den Vassu erwartete. Aber obwohl er seinen Vater in dieser Hinsicht oftmals bedrängt hatte, erhielt er nie eine Auskunft darüber. Mit großer Wahrscheinlichkeit besaß dieser selbst keine Informationen und deswegen ging der junge Mann inzwischen davon aus, dass die Imperatra kein Interesse daran hatte, ihm eine Vorbereitung auf sein Leben als Geisel zu gestatten. Irgendwann hatte er aufgehört, Fragen zu stellen und sich mit dem Unvermeidlichen abgefunden. Er wusste genau wie jeder andere Sarvarer so gut wie nichts über das Imperium, obwohl sie versucht hatten, die wenigen Kriegsgefangenen zu verhören. Aber die Kriegerinnen teilten ihnen nicht viel über sich oder das Land mit, für das sie kämpften. Wenn sie überhaupt etwas von sich gaben, war es die immer gleiche Behauptung, bei ihnen wäre es eben Brauch, ihre Männer vor Gefahren zu beschützen. Mehr wollten sie dazu nicht sagen. Die Sarvarer hatten sich auch nie dazu durchringen können, sie zu weiteren Aussagen zu zwingen, schließlich handelte es sich bei ihnen immer noch um Frauen. Und mit der Vereinbarung des Friedens wurden alle Frauen wieder freigelassen und kehrten unverzüglich ins Imperium zurück. Aus diesem Grund hatte er nun keine andere Möglichkeit, als auf die harte Tour herauszufinden, was ihn unter den Gesetzen und Bräuchen der Vassu erwarten würde. Und das stellte für ihn nur eine weitere Demütigung auf seinem Weg in die Geiselhaft dar.

Tovarjal beobachtete, wie sein Vater am Tisch Platz nahm und das Pergament entrollte, das sich schließlich als zwei einzelne Rollen entpuppte. ‚Natürlich‘; dachte der Princepo, ‚eine für Vassucit und eine für Kisarvar.‘ Er beobachtete weiter, wie der Rego Zeile für Zeile des Vertrags sorgfältig las, obwohl er an den Formulierungen nichts mehr ändern konnte. Wahrscheinlich wollte er sich nur vor irgendwelchen Überraschungen schützen, die die Vassu vielleicht noch eingefügt hatten. Offenbar fand er aber nichts daran auszusetzen, denn er griff ziemlich schnell nach der Feder, tauchte diese in die Tinte und setzte seine schwungvolle Unterschrift neben die der Imperatra. Während der Herrscher Sand darüber streute, um die Tinte zu trocknen, fragte sich der Princepo, ob seinem Vater tatsächlich der gesamte Inhalt des Friedensvertrages vorab bekannt gewesen war. Hatte er bereits zuvor von den geheimen Bedingungen und Klauseln gewusst? Und war es ihm nicht gestattet, seinem Sohn mitzuteilen, was er zu erwarten hatte, um den Frieden nicht zu gefährden? Wenn er sich an die Blicke erinnerte, die er ihm immer wieder zugeworfen hatte, konnte sich Tovarjal so etwas durchaus vorstellen. Aber nun war das auch egal, denn jetzt war er sich sicher, dass der weitere Verlauf der Zeremonie und alles was danach kam, für ihn unangenehm werden würde. Er hatte allerdings von vornherein keine Rücksicht von Seiten der Vassu erwartet und wurde daher von dieser Erkenntnis nicht überrascht.

Er war sich nur bisher nicht im Klaren darüber gewesen, ob die zu erwartenden Demütigungen sich eher gegen die Sarvar im Allgemeinen oder ihn im Einzelnen richten würden. Selbst die verschleierten Aussagen seines Vaters, die er in den seltenen Momenten von Redseligkeit während der vergangenen Monate von sich gegeben hatte und die die Opfer, die er von seinem jüngeren Sohn verlangte, betrafen, hatten in dieser Hinsicht keine für ihn schlüssige Antwort erbracht. Mal abgesehen von dem Moment vor wenigen Minuten, als der Rego seine Unterschrift auf das Pergament setzte und dabei den Eindruck erweckte, ihm persönlich eine Klinge an die Kehle zu setzen.

Der Rego erhob sich wieder und behielt eine der Pergamentrollen in der Hand, während er jeglichen Augenkontakt mit seinem jüngeren Sohn vermied. Stattdessen hielt er seinen Blick starr auf Ssutiss gerichtet. Sobald er weit genug vom Tisch zurückgetreten war, erschienen die Kriegerinnen erneut, um Tisch, Stuhl, Feder, Tinte, Sand und vor allem das Pergament an sich zu nehmen und begaben sich damit hinter die Abtrennung. Kaum waren sie aus dem Blickfeld der beiden Delegationen verschwunden, trat die junge Frau erneut nach vorn. Mit leiser Stimme ergriff sie noch einmal das Wort.

„Der Bräutigam wird nun auf die Zeremonie vorbereitet. Einzig er aus eurer Delegation hat die Erlaubnis, hinter den Vorhang zu treten. Für ihn ist es allerdings der einzig gangbare Weg.“

Sie drehte sich ziemlich abrupt um und verschwand mit schwingendem Rock und kurzen Schritten – wahrscheinlich um nicht auf den Saum ihres langen Rockes zu treten – hinter den Stoffbahnen der Abtrennung.

Tovarjal hatte sich völlig auf sie konzentriert und daher war ihm entgangen, dass sich die Primaduca lautlos von hinten genähert hatte. Bevor er auf ihre Anwesenheit reagieren konnte, hatte sie ihn bereits derart fest am Oberarm gepackt, dass er nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrücken konnte. Er war froh, den Vassu diese Genugtuung nicht zu gewähren.

„Es wird Zeit, dich in einen anständigen Promisi zu verwandeln, Junge“, sprach sie ihn in einem harschen Tonfall an und erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als wüsste sie, dass sie mit dem Sohn des Rego sprach und nicht zu einem Untergebenen oder Diener. Sie hielt seinen Oberarm fest im Griff und führte ihn regelrecht hinter den Vorhang ab. Er hatte gerade noch Zeit, einen kurzen Blick auf seinen Vater zu werfen. Es erfüllte ihn nicht gerade mit Hoffnung und Zuversicht, als er feststellte, der Rego sähe aus, als beobachte er einen Verurteilten auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Tovarjal spürte Zorn in sich hochsteigen und konnte ihn nur mit Mühe unterdrücken.

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Sobald der von der Primaduca abgeführte Sarvarer den von den Stoffbahnen gebildeten Vorhang durchschritten hatte, sah er, dass in dem Bereich, den er gerade betrat, weitere kleinere Räume abgetrennt worden waren, die sich um einen zentralen Raum herum gruppierten. Hier erwartete ihn die Tochter der Imperatra in einer auf Tovarjal seltsam demütig anmutenden Haltung, den Kopf gesenkt und die Hände scheinbar furchtsam vor dem Körper verschränkt. Sie machte auf ihn nicht im Geringsten den Eindruck, diese Delegation anzuführen. Als die Primaduca mit Tovarjal im Schlepptau erschien, trat sie sogar einen Schritt zurück, als fürchtete sie Gajetu. Diese Reaktion hatte der Princepo von der Tochter der Herrscherin auf keinen Fall erwartet.

Tovarjal spürte, wie wegen seiner Behandlung durch die Primaduca erneut Zorn in ihm aufstieg. „Nimm deine Hand von mir!“ befahl er ihr aufgebracht und konnte gerade noch verhindern, zu schreien. Er war es ganz und gar nicht gewohnt, wie ein Diener behandelt zu werden und es gefiel ihm auch nicht. Gajetu reagierte auf seinen Ausbruch zu seiner Überraschung allerdings nur mit einer Grimasse, die teils Verachtung, teils Vorfreude zeigte und verwirrte den Princepo damit. Sie ließ allerdings seinen Arm los und wandte sich stattdessen Serviri Ssutiss zu.

„Sieh zu, dass er anständige Kleidung anlegt, so wie es seinem Stand entspricht. Und bereite ihn gut auf seine Rolle bei der Zeremonie vor. Es liegt in deiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass er sich nicht ungehörig aufführt und damit Aississu Schande bereitet.“ Tovarjal glaubte im ersten Moment, nicht richtig gehört zu haben, aber er war sich sicher, dass die Kriegerin Ssutiss gerade einen Befehl erteilt hatte und plötzlich verstand er, wer hier tatsächlich das Sagen hatte. Bevor er allerdings darauf reagieren oder auch nur darüber nachdenken konnte, was das bedeutete, verschwand die Primaduca mit allen Kriegerinnen, die sich in diesem Teil des Zeltes aufgehalten hatten, durch einen weiteren Vorhang. Dahinter hatte er für einen kurzen Moment das Seeufer erkennen können. Auf einmal war er mit Ssutiss allein.

Die junge Frau lächelte ihn zaghaft an, obwohl er ihr anmerken konnte, dass sie Angst vor ihm hatte. Dies war kein Gefühl, das er in ihr hatte auslösen wollen. Aber sie hatte eindeutig noch mehr Angst davor, Gajetus Befehl nicht zu deren vollster Zufriedenheit auszuführen. Den Konsequenzen eines Versagens wollte sie sich ganz offensichtlich nicht stellen müssen.

Sie hielt ihm ihre Hand entgegen. „Komm, Bruder, lass mich dir helfen. Ich weiß, was getan werden muss, um dich in einen standesgemäßen Promisi zu verwandeln und ich bitte dich, mir in dieser Hinsicht zu vertrauen. Glaube mir, ich würde niemals einen Bruder hintergehen. Wir müssen zusammenhalten, sonst wird das zu unserer beider Schaden sein.“ Ihre Worte ergaben für Tovarjal keinen Sinn und er überlegte, ob es sein könnte, dass er sie vielleicht nicht richtig verstanden hatte. Die Art, wie sie die Worte aussprach und betonte, führte dazu, dass ihm manches erst mit einiger Verspätung verständlich wurde. Aber dann kam er zu dem Schluss, dass es nicht die Worte waren, die ihn verwirrten, sondern sein fehlendes Wissen. Er verstand aber auch, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als ihr zu vertrauen. Was immer auch mit ihm geschehen sollte, musste er über sich ergehen lassen und zwar unabhängig davon, wie demütigend er es empfand. Besser er gewöhnte sich sofort daran. Mal abgesehen davon hatte er auch nicht vor, ihr das Leben zu erschweren.

Aus all diesen Gründen fiel ihm seine Antwort nicht schwer. „Ich vertraue dir, denn ich habe keine Ahnung von dem, was man von mir verlangt.“ Daraufhin nahm sie seine Hand und zog ihn hinter einen weiteren Vorhang. Was er dort zu sehen bekam, hatte er allerdings nicht erwartet. Er fand sich in einem Ankleide- und Schminkzimmer wieder, wie er es auch von sarvarischen Frauen her kannte. Nela, die Frau seines Bruders Dyanip, hatte ihm einmal erlaubt, ihres zu betreten. Der kleine Raum hier im Inneren des riesigen Zeltes enthielt ebenfalls mehrere Sitzgelegenheiten in Form von Diwanen, aber auch einen kleinen Tisch mit einem Spiegel. Darauf konnte er verschiedene Utensilien erkennen, die seiner Meinung nach etwas mit Schminken und Frisieren zu tun haben mussten. Auf dem Boden verstreut lagen Unmengen von Kleidung. Auf den ersten Blick konnte er vor allem Röcke und Tuniken in der Art erkennen, wie sie sie auch trug, allerdings in verschiedenen Grüntönen. Er verstand nicht, was er hier sollte.

„Ist dies dein Raum?“, wollte er von Ssutiss wissen, aber sie errötete bei seiner Frage und schüttelte den Kopf.

„Ich bin das jüngste Kind und eines so schönen Raumes nicht würdig“, war ihre für ihn rätselhafte Antwort, die ihm wieder einmal nicht weiterhalf. Erneut streckte sie ihre Hand nach ihm aus.

„Bruder, komm zu mir, denn wir haben nicht viel Zeit und es ist vieles vorzubereiten. Ich werde dabei auch versuchen, dir einige Dinge zu erklären. Aber ich muss dir sagen, dass Gajetu eine ungeduldige Frau ist und ihr kann es nie schnell genug gehen. Sollte sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden sein, wird sie mich ohne Zweifel bestrafen.“ Ssutiss Augen begannen sich auf einmal mit Tränen zu füllen, aber sie schaffte es, diese zu unterdrücken, bevor sie es auf ihre Wangen schafften.

Tovarjal wollte auf keinen Fall, dass sie bestraft wurde. „Was möchtest du, das ich tue?“ Seine Frustration war allerdings so groß, dass es ihm schwerfiel, seine Frage einigermaßen höflich zu formulieren.

„Diese Kleidung musst du ausziehen“, sie deutete bei ihren Worten auf seine Hose, die Stiefel und das Hemd, „sie ist nicht standesgemäß für den Promisi der Erbin.“

Tovarjal war auch nicht davon ausgegangen, seine alte Kleidung behalten zu dürfen, deshalb hatte er kein Problem damit, sich ihrer zu entledigen. Allerdings musste er feststellen, dass es ihm nicht leicht fiel, nackt vor Ssutiss zu stehen. Noch nie hatte er sich vor einer Frau völlig entblößt mit der er nicht das Bett teilen wollte und er fühlte sich unter ihrem Blick unwohl. Sie hingegen schien sich an seiner Nacktheit nicht zu stören, denn sie ging völlig unbefangen einmal um ihn herum und als sie wieder vor ihm stand formten ihre Lippen erneut dieses erstaunte „O“. Sie kam ganz nahe an ihn heran und legte ihm ihre zarte Hand auf seine mit lockigem schwarzem Haar bedeckte Brust. Bei dieser leichten Berührung spürte er, wie sich etwas in ihm regte und er ermahnte sich selber streng zur Zurückhaltung. Er durfte nicht vergessen, dass sie die Schwester seiner Braut war.

Erneut schien sie mit den Tränen zu kämpfen, aber Tovarjal hatte diesmal keine Ahnung, was der Auslöser dafür gewesen sein könnte. Mit ihren Fingerspitzen strich sie sanft über sein Brusthaar. „Das habe ich nicht vorausgesehen.“

Tovarjal runzelte die Stirn. „Haben eure Männer keine Haare auf der Brust?“

Ssutiss schüttelte heftig den Kopf. „So etwas ist nicht erwünscht.“

Sie hob ihren Kopf und zum ersten Mal konnte er ihr direkt in die Augen schauen und er entdeckte, dass deren Farbe ein helles Grau war, das ihn an Nebel an einem Herbstmorgen erinnerte. „Hat man dir Gelegenheit gegeben, etwas über unsere Bräuche zu lernen?“

Nun war es an ihm, den Kopf zu schütteln und damit löste er ein Seufzen bei ihr aus. „Das hatte ich befürchtet.“

Nach einer kurzen Pause fuhr sie mit ihrer weichen Stimme fort: „Nachdem mir diese Aufgabe übertragen wurde, habe ich versucht, mich an alles zu erinnern, was ich je über Kisarvar erfahren habe. Aber ich muss zugeben, vieles, an das ich mich erinnern konnte, schien mir einfach zu seltsam zu sein und ich habe auch nie viel gewusst. Leider habe ich jetzt keine Zeit, dir mehr über unsere Bräuche zu erzählen. Ich kann dich nur noch einmal bitten mir zu vertrauen, auch wenn dir vieles ungewohnt vorkommt. Ich werde dich so vorbereiten, dass selbst Gajetu sich nicht darüber beschweren kann und bei der Zeremonie musst du nicht aktiv werden. Dir bleibt tatsächlich nichts anderes übrig, als alles über dich ergehen zu lassen, zu schweigen und dich nicht zu widersetzen, dann werden wir keine Probleme bekommen. Ich bitte dich aber inständig, Gajetu nicht noch einmal zu widersprechen oder sie so direkt wie vorhin anzusehen. Auch dein Status als Promisi meiner Schwester wird dich in einem Wiederholungsfall nicht vor einer Bestrafung schützen. Noch etwas. Es ist leider mehr als wahrscheinlich, dass sie den Vorfall von vorhin nicht einfach vergessen wird.“ Sie blickte ihn noch einmal eindringlich an, drehte sich dann um und begann in den Schubladen des kleinen Tisches zu kramen.

„Diese Haare musst du so schnell wie möglich loswerden und die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist, sie abzurasieren. Das könnte jetzt etwas unangenehm werden, aber wir haben …“

Tovarjal unterbrach sie, „… keine Zeit. Das sagtest du schon. Gib mir das Messer, ich mache es selbst. Inzwischen habe ich Übung darin, mich zu rasieren. Für mich macht es jetzt auch keinen Unterschied, ob es sich um Bart- oder Brusthaare handelt.“ Er nahm ihr ein kleines scharfgeschliffenes Messer aus der Hand, das sie einer der Schubladen entnommen hatte und machte sich sofort an die Arbeit. Es tat ihm zwar leid, jetzt auch noch sein Brusthaar zu verlieren, aber er konnte es nicht ändern. Er war ziemlich schnell fertig damit und hoffte dann nur, nicht auch noch seine Schambehaarung entfernen zu müssen.

In der Zwischenzeit hatte Ssutiss einen Tiegel vom Tisch genommen und ihn geöffnet. Sofort erfüllte ein angenehmer Duft nach Kräutern den kleinen Raum. Der kleine Behälter enthielt ganz offensichtlich eine wohlriechende Salbe und sie fing auch sofort an, seinen Oberkörper damit einzureiben. Als sie so nahe bei ihm stand, fiel ihm mit einem Mal auf, dass sie auch selbst nach dieser Kräutermischung roch. Vielleicht war es ja ihre eigene? Mit sanften, aber bestimmten Bewegungen brachte sie die wohlriechende Mischung auf seiner Brust und seinem Rücken auf, aber als ihre Finger sich in Richtung seines Unterleibs bewegten stoppte er sie.

„Wenn ich auch dort unten eingerieben werden muss, dann mache ich das doch lieber selbst.“ Ssutiss kicherte, überließ ihm aber den Tiegel. Er fühlte sich unter ihrem Blick immer noch unwohl.

„Wenn dir das tatsächlich lieber ist …“, sie beendete ihren Satz allerdings nicht, wandte sich stattdessen um und begann in dem Haufen mit Kleidungsstücken zu wühlen. „Du bist viel größer, als ich erwartet hatte, aber ich hoffe, trotzdem etwas Passendes für dich zu finden.“

Tovarjal hingegen hoffte nur, die Kleidung, die sie für ihn aussuchte, sähe nicht zu seltsam aus. Aber auf das, was sie schließlich aus dem Stapel zog war er überhaupt nicht vorbereitet.

Sie hielt ihm das ausgewählte Kleidungsstück entgegen, aber sobald er erkannte, worum es sich dabei handelte, wich er vor ihr zurück. Er spürte, wie ihm wieder die Hitze des Zorns ins Gesicht stieg. Einzig sein Vorsatz, ihr keine Schwierigkeiten bereiten zu wollen hielt ihn davon ab, sie anzuschreien. Der Friedensvertrag mit seinen unzähligen ihn betreffenden Bedingungen spielte auf einmal überhaupt keine Rolle mehr für ihn.

„Das werde ich auf keinen Fall anziehen.“ Er spuckte ihr seine aus wütender Ablehnung hervorgerufenen Worte praktisch entgegen. Ihr verzweifelter Gesichtsausdruck konnte seinen Zorn kaum abmildern.

„Was gefällt dir daran nicht?“, wollte sie mit leiser Stimme von ihm wissen. „Ist es vielleicht die Farbe? Aber Grün ist traditionell die Farbe der Vermählung, daran kann ich nichts ändern. Du wirst nicht darum herumkommen, etwas Grünes zu tragen. Oder ist es etwa die Länge? Es tut mir ja sehr leid, aber etwas Längeres habe ich nicht gefunden. Ich kann nicht verstehen, warum du dies nicht anziehen möchtest. Ich würde mich glücklich schätzen, dürfte ich bei meiner Verheiratung so etwas Schönes tragen, aber im Moment kann ich davon höchstens träumen, nicht jedoch darauf hoffen.“ Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

Er aber starrte nur auf den langen grünen Rock, den sie ihm entgegenhielt und der ähnlich geschnitten war wie ihr eigener. Er wirkte nur kostbarer.

„Ich bin ein Mann! Männer tragen keine Röcke!“ Er war so schockiert, dass er nur noch ein heiseres Flüstern hervorbrachte. Nun war ihm selbst nach Tränen zumute.

„Keine Röcke?“ Ssutiss wirkte völlig entgeistert. Aber ganz plötzlich nahm ihr Gesicht einen Ausdruck tiefer Traurigkeit an. Sie legte den Rock zur Seite, trat ganz nahe an ihn heran und nahm ihn dann behutsam, aber völlig unerwartet, in den Arm.

„Es tut mir so leid, Bruder, dass man dir nicht erlaubt hat dich auf das vorzubereiten, was dich erwarten wird.“ Sie ließ ihn wieder los und trat erneut einen Schritt zurück. „Im Imperium ist es Männern nicht erlaubt, Hosen zu tragen. Wie sagt man bei uns?“ Sie machte eine kurze Pause und überlegte. „‚Hosen machen hässlich‘.“

Tovarjal konnte sie nur anstarren. Er glaubte nicht, was er sie gerade hatte sagen hören. „Männern ist es nicht erlaubt, Hosen zu tragen?“

Sie nickte und fuhr in einem ernsthaften Tonfall fort. „Aber als Mitglied der imperialen Familie, auch wenn nur durch Heirat, ist es dir gestattet, Röcke zu tragen, die bis auf den Boden reichen. Du musst deine Füße und Beine nicht vor fremden Frauen entblößen.“ Sie nahm den Rock wieder zur Hand und hielt ihn ihm erneut hin.

Der Princepo blickte zuerst verzweifelt auf das Kleidungsstück und sah dann sie an. Während er ihr ins Gesicht schaute, fiel ihm auf einmal ein kleines Detail an ihr auf, das er zuvor wohl übersehen hatte. Vielleicht hatte er es auch übersehen wollen. Aber nun entdeckte er mit einem Mal einen leichten Schatten auf ihren Wangen, der allerdings sehr geschickt überschminkt worden war. Auf einmal verstand er, dass dieses hübsche Mädchen mit dem langen roten Haar überhaupt kein Mädchen war. Das hatte er wohl zuvor nicht sehen wollen.

Mit einem Mal verstand er auch in aller Klarheit, dass er überhaupt keine Wahl hatte. „Bruder“, brachte er leise hervor, obwohl es ihm die Kehle zuschnürte, „es liegt nicht in meiner Absicht, dir Probleme zu bereiten.“ Oder seinem Volk.

Ssutiss lächelte ihn dankbar an und Tovarjal schaffte es tatsächlich, den Rock aus seiner Hand entgegenzunehmen. „Wie ziehe ich das an?“, wollte er vom Bruder seiner Braut wissen.

„Schlüpf mit den Armen von unten hindurch und zieh ihn einfach über den Kopf. Deine Haare sind so kurz, da kann kein Schaden angerichtet werden. Außerdem bist du noch nicht frisiert.“ Tovarjal tat wie er ihm geraten hatte und zog den Rock dann bis zu seinen Hüften hinunter. Der Saum reichte gerade bis zum Boden. Er kam sich ziemlich lächerlich vor, während er das Kleidungsstück verschnürte.

Ssutiss lächelte ihn erneut aufmunternd an. In der Zwischenzeit hatte er eine ärmellose Tunika in einem etwas helleren Grün als dem Farbton des Rockes herausgesucht, die er Tovarjal nun entgegenhielt. Dieser schlüpfte auch in dieses Kleidungsstück und strich den Stoff glatt. Dabei stellte er fest, dass die Tunika gerade groß genug für seinen muskulösen Oberkörper war. Sie besaß allerdings einen extrem langen wie ein „V“ geschnittenen Ausschnitt, der fast bis zu seinem Bauchnabel reichte. Dadurch kam er sich in diesem Kleidungsstück halbnackt vor, obwohl es seinen gesamten Oberkörper bedeckte.

Ssutiss hatte ihm sofort angemerkt, wie unwohl er sich fühlte. „Meiner Meinung nach hat man mit Absicht nur Tuniken für dich ausgesucht, die einen derart tiefen Ausschnitt haben. Man will dir damit wohl zu verstehengeben, du würdest über deinen Stand heiraten. Es tut mir sehr leid, zu sehen, wie man dich demütigt, Bruder.“ Er konnte Ssutiss anhören, dass es ihm völlig ernst mit dieser Aussage war.

„Du hast keine Schuld daran“, versuchte Tovarjal ihn zu beruhigen. Auch wenn er jetzt wusste, dass Ssutiss kein Mädchen war, änderte das seltsamerweise nichts an seinem Bedürfnis, ihn nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Der junge Mann nahm einen Gürtel vom Tisch. „Dies ist dein Hochzeitsgürtel. Zukünftig wird er dich als Serviri, als Mitglied der Familie der Imperatra ausweisen und dir hoffentlich helfen, dich vor zu schweren Bestrafungen zu schützen.“ Er hielt ihm einen Ledergürtel wie seinen eigenen entgegen, mit einer weißen Schnalle in Form eines Wolfskopfes. Dann half er ihm dabei, diesen anzulegen.

„Jetzt bleibt uns nur noch, dich zu schminken und zu frisieren. Wenn du nur nicht so kurze Haare hättest, könntest du ein wirklich gutaussehender Promisi sein, Bruder.“

Er musste trotz der mehr als unangenehmen Lage, in der er sich befand, grinsen. „Du hättest mich vor einem halben Jahr sehen sollen, dann hättest du wahrscheinlich geweint. Mein Haar war so kurz wie das von Gajetu.“ Bei seinen Worten blickte Ssutiss ihn erschrocken an und einen Augenblick erschien es ihm so, als wolle der andere tatsächlich erneut auf der Stelle anfangen zu weinen. Aber er fing sich schnell wieder.

„Du hast so wunderbares Haar. Wie konntest du es nur so kurz schneiden? Einige Vassu kommen bestimmt auf die Idee, du wärst geschoren worden.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf und drückte Tovarjal gleichzeitig auf den Diwan vor dem Schminktisch. „Aber genug davon. Ich bin mir sicher, unsere Zeit ist fast abgelaufen. Aber ich bin geschickt und werde dich in kürzester Zeit geschminkt haben.“ Er legte sich einige Dinge bereit und ließ Tovarjal keine Zeit, etwas zu fragen. „Ich beneide dich um deine glatte weiße Haut. Es ist schade, dass wir den Schatten überschminken müssen.“ Ssutiss begann seine Wangen mit einem weißen Puder zu bestäuben, das jeglichen Hinweis auf seinen Bart überdeckte. Anschließend nahm er einen Tiegel mit schwarzer fettglänzender Schminke zur Hand. „Ich bitte dich, jetzt stillzuhalten. Für dich wird dies ungewohnt sein, aber ich weiß, was ich tue.“ Er begann Tovarjals Augen unter Zuhilfenahme eines kurzen dünnen Stäbchens mit der Schminke zu umrahmen. Im Spiegel konnte der Princepo verfolgen, wie er sich in eine fremde Person verwandelte. „So, das lässt deine Augen erstrahlen. Jetzt fehlt nur noch etwas Rot auf deinen Lippen …“, Ssutiss nahm einen anderen Tiegel und ein weiteres Stäbchen zur Hand und trug mit schnellen geschickten Bewegungen etwas auf seine Lippen auf, „… und du bist fertig.“

„Jetzt muss nur noch dein Haar gebürstet werden. Es ist wirklich zu schade, dass es nicht lang genug ist, um es zu einem Zopf zu flechten.“ Er nahm eine Bürste zur Hand, die um einiges schöner war als diejenige, die Tovarjal zu Hause benutzt hatte, um mit seinem längeren Haar zurechtzukommen. Mit ein paar kräftigen Bürstenstrichen brachte er Ordnung und Glanz in das schwarze Haar des Sarvarers.

Ssutiss betrachtete ihn noch einmal kritisch im Spiegel. „Du bist fertig. Aber sieh dich bitte vor, denn wir haben keine Zeit mehr, irgendwelche Schäden zu beseitigen. Jetzt muss ich nur noch mich selbst für die Zeremonie vorbereiten.“ Ssutiss warf einen ängstlichen Blick auf den Vorhang, der den Eingang zum Raum darstellte, als befürchtete er, Gajetu würde bereits davorstehen. Dann aber konzentrierte er sich wieder auf seine Vorbereitungen. Er hatte sich bereits zuvor einen grünen Rock und eine passende Tunika zur Seite gelegt und nahm diese nun an sich. Dann öffnete er seinen Gürtel und zog Tunika und Rock aus, unter denen er nichts weiter trug. Im ersten Moment war Tovarjal verwundert darüber, aber dann fiel ihm ein, dass er selbst ja auch nichts weiter als einen Rock und eine Tunika trug. Und einen Gürtel.

Ssutiss stand völlig nackt vor ihm und es schien ihn nicht im Geringsten zu kümmern. Bevor Tovarjal sich dessen bewusst wurde, hatte er seinen Blick über die schlanken weißen Gliedmaßen, den flachen Bauch und die haarlose Brust des Jungen wandern lassen. Dann sank sein Blick hinunter zu dem tiefroten Fleck auf seinem Unterleib. Die Schambehaarung wies die gleiche Farbe auf wie die Haare auf seinem Kopf und dieser Anblick erregte den Sarvarer unerwarteter Weise. Rasch lenkte er seinen Blick woanders hin.

Ssutiss war aber auch schon von oben in den Rock gestiegen, hatte ihn hochgezogen und an der Taille verschnürt. Danach streckte er Arme und Kopf durch die Öffnungen der Tunika und Tovarjal trat näher, um ihm dabei zu helfen, den Stoff glatt zu ziehen und danach den Gürtel wieder anzulegen. Das satte Grün seiner Kleidung bildete einen wunderbaren Farbkontrast zu seinem langen roten Zopf. Er musste allerdings seine Haare noch in Ordnung bringen, deshalb löste der junge Mann den Zopf, um dann mit geübten Bewegungen die Masse seines Haars auszubürsten. Obwohl Tovarjal sicher war der Jüngere käme auch gut alleine zurecht, ließ dieser sich trotzdem gerne bei einigen Stellen von ihm helfen, an die er nicht so gut herankam. Es freute den Sarvarer, ihm dabei behilflich sein zu können, einen guten Eindruck zu machen. Und er staunte darüber, wie schnell der junge Mann seinen Zopf wieder geflochten hatte.

Sie waren keinen Moment zu früh fertig geworden. Der Princepo hatte gerade noch einmal Gelegenheit, die fremde Person, in die er sich verwandelt hatte, im Spiegel zu betrachten, da schob Gajetu auch schon den Vorhang mit einer aggressiven Bewegung zur Seite. Als sie feststellte, dass Ssutiss und Tovarjal bereits fertig waren, wirkte sie enttäuscht, als wenn sie gehofft hatte, die beiden für ihre Trödelei maßregeln zu können. Zornig presste sie ihre Lippen zusammen.

Auch in Tovarjal stieg erneut Zorn auf, aber er erinnerte sich gerade noch rechtzeitig an Ssutiss Worte über die Primaduca. Seinen Blick gesenkt zu halten, half ihm dabei, die Wut in seinen Augen zu verbergen.

Gajetu wies die beiden Männer mit einer knappen Kopfbewegung an, den Raum zu verlassen. Der Sarvarer zögerte einen kurzen Moment, weil ihm davor graute, in dieser Aufmachung vor seinem Vater und seinem Bruder erscheinen zu müssen, ganz zu schweigen von den Wachen und den Fischern, die die Primaduca als Zeugen mit ins Zelt gebracht hatte. Erneut rettete ihn Ssutiss, der ihn an der Hand nahm und mit sich zog, den eigenen Blick folgsam und demütig auf den Boden gerichtet und Tovarjal folgte seinem Beispiel. Schließlich hatte sein neuer Bruder sehr viel mehr Erfahrung mit dieser Kriegerin als er selbst und wenn auch wegen der erneuten Demütigungen Zorn in ihm brodelte, schaffte er es trotzdem, ihn unter Kontrolle zu halten. Ihm war selbst klar, dies wäre nicht der richtige Zeitpunkt für einen Ausbruch seines berüchtigten Temperaments.

Die beiden Männer gingen Hand in Hand nebeneinander her. Tovarjal war zuvor noch nie auf die Idee gekommen, die Hand eines anderen Mannes zu halten, aber mit Ssutiss fühlte sich das nicht falsch an. Gemeinsam bewegten sie sich auf den Vorhang zu, der sie noch vor den Blicken der Sarvarer verbarg. Er musste feststellen, dass es gar nicht so einfach war, sich in diesem langen und voluminösen Rock zu bewegen, ohne über den Saum zu stolpern. Deshalb ahmte er die kurzen Schritte seines Begleiters nach und war froh über die Unterstützung des jungen Mannes.

Schließlich mussten sie zwischen den Stoffbahnen hindurchtreten und gerieten damit in das Blickfeld der Wartenden. Tovarjal hielt seine Augen zuerst fest auf den Boden gerichtet, weil er sich dem Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters oder auf dem von Payn nicht aussetzen wollte. Er hörte das erschrockene Einatmen der Delegation und konnte sich in diesem Moment nicht mehr zurückhalten. Er musste jetzt doch aufblicken, denn ihm war gerade aufgegangen, dies könnte die letzte Gelegenheit sein, bei der er seinen Vater oder seinen Bruder sehen würde. Er wollte diesen Moment auf keinen Fall ungenutzt verstreichen lassen, deshalb schluckte er seinen verletzten Stolz hinunter und sah den beiden ins Gesicht.

Allerdings bereute er seinen Entschluss fast sofort wieder, als er auf den Gesichtern der beiden Zorn über die Behandlung des Princepo Tovarjal entdeckte. Und zwar Zorn über die Art und Weise, wie mit einem Equito umgegangen wurde, der jetzt eine Geisel der Imperatra war. Ihm selbst war ja bereits aufgegangen, dass es überhaupt keine Rolle spielte, dass er die Erbin des Throns heiraten würde, weil dies an seiner Stellung als Gefangener nichts änderte. Dem Wenigen, das Ssutiss ihm hatte mitteilen können, hatte er entnommen, seine Position wäre nichts Besonderes und die Demütigungen würden erst richtig beginnen, nachdem er Ssuyial erreichte. Die Aussagen des jungen Mannes erweckten bei ihm nicht den Eindruck, als wäre ein Mann bei den Vassu viel wert. Vielmehr schien es ihm, als hätte ein Mann im Imperium nicht viele Rechte, wenn er überhaupt welche besaß.

Während dem Rego Tränen über das Gesicht liefen und der Coronar Mühe hatte, seinen Zorn zu zügeln, stand Tovarjal wie erstarrt vor dem Vorhang und bekam nur wie aus weiter Ferne mit, dass Ssutiss wieder zu sprechen begonnen hatte. Weil er Tovarjals Hand dafür losgelassen hatte, stand der Sarvarer nun alleine zwischen den Fremden.

„Ich stehe hier in Vertretung meiner Schwester Aississu und die Worte, die ich nun sprechen werde, sind ihre Worte.“ Tovarjal hob mühsam seinen Blick und schaffte es so gerade, den jungen Mann anzublicken. Dieser war offensichtlich ebenfalls ziemlich nervös, trotzdem gelang es ihm, mit einer enormen Anstrengung ruhig zu bleiben.

Ssutiss fuhr fort und sprach die Worte aus, die Tovarjals Vermutung über seinen zukünftigen Status bestätigten. „Hiermit binde und heirate ich dich.“ Der junge Mann machte eine Pause und Gajetu reichte ihm etwas, das sich als ein schmales grünes Band herausstellte. Er trat näher an Tovarjal heran und fesselte dessen Handgelenke mit diesem Band. Dieser war immer noch wie erstarrt und ließ alles widerstandslos über sich ergehen. „Ich verspreche, dich vor allem ungerechtfertigtem Harm und Schmerz zu schützen.“ Kaum hatte Ssutiss zu Ende gesprochen, da griff er schon hastig nach Tovarjals Handfessel, zog ihn daran hinter sich her und verschwand mit ihm wieder hinter dem Vorhang.

Praktisch ab dem ersten Wort, das Ssutiss von sich gab, hatte der ehemalige Princepo außer dessen Stimme nichts anderes mehr wahrgenommen. Er hatte auch nichts mehr gefühlt mit Ausnahme der Hoffnung, Ssutiss nicht in Schwierigkeiten gebracht zu haben.

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Während Tovarjal von Ssutiss weggezogen wurde, fingen die Kriegerinnen bereits an, Rego Lephan und seine Delegation aus dem Zelt hinauszudrängen und störten sich dabei auch nicht an den Protesten der Männer. Nur die Fischer bewegten sich noch schneller, denn sie waren in dem Moment aus dem Zelt geflüchtet, als der Eingang freigegeben wurde. Sie hatten offensichtlich kein Interesse daran, auf die Aufforderung durch die Vassu zu warten. Die Kriegerinnen bildeten sofort einen Kordon um das Zelt, als wollten sie die Sarvarer daran hindern, zurückzukehren. Tovarjal, der sich jetzt tatsächlich allein unter Fremden befand hatte allerdings eher den Eindruck, es ginge den Frauen um etwas anderes. Ihre Aufmerksamkeit war nämlich hauptsächlich auf das Zelt gerichtet. Auch wenn er nur die Seite zum Seeufer hin im Blick hatte und die Kriegerinnen auf der Vorderseite nicht sehen konnte, benötigte er diese Informationen auch nicht. Er hatte Gajetus Befehle nicht überhören können.

Ssutiss führte ihn nicht wieder in den kleinen Raum zurück, sondern stattdessen zu dem Ausgang, der zum See führte. Als Tovarjal mit ihm zusammen aus dem Zelt trat, erblickte er als erstes eine große Gruppe Männer, die direkt vor den Kriegerinnen standen. Er ging zumindest davon aus, es handele sich bei ihnen um Männer, weil sie ebenfalls Röcke und Tuniken trugen, wenn auch keiner von ihnen eine, die so lang war wie die von Ssutiss oder seine eigene. Aber genau wie der Jüngere hatten sie alle ihr langes Haar zu einem Zopf geflochten.

Er hörte, wie hinter ihm die herunterhängenden Stoffbahnen des Ausgangs zur Seite geschlagen wurden und dann schritt auch schon Gajetu an ihm und Ssutiss vorbei. Sie blieb vor ihnen stehen und musterte die Gruppe Männer mit finsterem Blick. Dann fuhr sie damit fort, Befehle zu erteilen.

„Alle Virei räumen unverzüglich das Zelt aus und bauen es schnellstens ab, um es auf den Schiffen zu verstauen. Ich will so bald wie möglich von hier aufbrechen.“ Sie hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als die Männer sich schon in Bewegung setzten. Tovarjal fiel auf, dass sie alle groß und kräftig gebaut waren, mit gut ausgebildeten Muskeln und sie sahen nicht aus, als ob sie mit schwerer Arbeit Probleme bekämen. Gajetu drehte sich um und sah nun den Sarvarer direkt an. „Versteh mich richtig, Viri, du hast genau wie alle anderen deinen Anteil an der Arbeit zu leisten.“ Mit diesen Worten zog sie einen Dolch aus ihrem Gürtel und durchtrennte das grüne Band, das seine Handgelenke fesselte. Er behielt an jedem Arm nur einen festverknoteten Rest davon zurück, der jetzt fast wie ein Armband aussah. Bevor er irgendwie auf die Worte der Primaduca reagieren konnte, zog Ssutiss ihn in Richtung Zelt zurück.

Gajetu war aber noch nicht fertig mit ihm. „Da du erst seit wenigen Momenten ein Viri bist, teile ich dir jetzt in aller Deutlichkeit mit, dass ich dich bestrafen werde, sollte ich der Meinung sein, du drückst dich vor der Arbeit. Ach ja“, setzte sie noch hinzu, „während ihr das Zelt abbaut, ist es euch nicht erlaubt, miteinander zu sprechen.“

Tovarjal verstand in diesem Moment, wieso die Männer die ihnen erteilten Befehle nicht noch einmal bestätigt hatten. Er fühlte sich allerdings gerade nicht in der Lage, weiter über seine Situation nachzudenken. Er stand immer noch unter Schock und war nicht fähig zu begreifen, was tatsächlich los war. Er hoffte, einige seiner Fragen würden sich im Laufe der nächsten Zeit von selbst beantworten. Er würde zum Beispiel gerne wissen, was ein Viri ist, aber Ssutiss zog erneut an ihm und Tovarjal gab ihm nach, ohne Widerstand zu leisten. Der Bruder seiner Frau wirkte nicht, als wäre er überrascht, mitarbeiten zu müssen. Und obwohl er so zart wirkte, packte er genauso tatkräftig an wie die anderen auch und Tovarjal nahm sich ein Beispiel an ihm. Er blieb die ganze Zeit direkt neben ihm und ließ sich wortlos zeigen, wo er sich bei der anstrengenden und schweißtreibenden Arbeit nützlich machen konnte. Dabei hatte er überhaupt keine Zeit, zornig zu werden und betrachtete das dann später tatsächlich als Vorteil.

Während er dabei half, das riesige Zelt abzubauen, erhielt er immer wieder Gelegenheit, die Männer zu beobachten, die von Gajetu als Viri bezeichnet worden waren. Sie hatte allerdings auch ihn selbst so benannt und deshalb kam ihm der Gedanke, ob Viri einfach nur „Mann“ bedeutete? Als er den anderen zusah stellte er fest, wie gut sie aufeinander eingespielt waren. Die Tatsache, dass sie nicht miteinander sprechen durften, schien sie nicht weiter zu stören. Er konnte erkennen, dass sie Handzeichen benutzten, um sich zu verständigen. Offensichtlich waren sie es gewöhnt, ohne Worte miteinander zu arbeiten. Nur Ssutiss und er selbst waren Fremdkörper, die sie aber geschickt mit einbezogen. Die kurzen abgerissen wirkenden Tuniken, die sie trugen, zeigten die Spuren schwerer Arbeit genau wie die Röcke, aber weil diese ihnen nur bis zur Wade gingen und auch nicht so voluminös wie sein eigener waren, konnten sie gut in ihnen arbeiten. Ssutiss hatte ganz offensichtlich auch gelernt, die Stofffülle seines Rockes zu kompensieren, aber Tovarjal tat sich schwer, schließlich trug er das Kleidungsstück erst seit kurzer Zeit. Es dauerte nicht lange, da kam er nicht umhin, die anderen einschließlich des rothaarigen jungen Mannes, wegen ihrer Ausdauer, aber auch wegen ihres Geschicks, zu bewundern.

Die Zeremonie hatte am späten Nachmittag stattgefunden und die Virei benötigten mehrere Stunden, um ihre Arbeit zu beenden. Deshalb dauerte es bis in den Abend hinein, ehe sie fertig wurden und an Bord der Schiffe gehen durften, und Ssutiss und Tovarjal gingen mit ihnen. Wie die anderen auch bekamen sie an Bord Essen und Wasser gereicht und wurden dann unter Deck getrieben. Die Leiter in einem Rock hinunterzuklettern und dies auch noch mit Essen und Wasser in den Händen, stellte eine weitere Herausforderung für Tovarjal dar, aber schnell merkte er, dass die Männer sich gegenseitig unterstützten und auch ihn davon nicht ausnahmen. Aus diesem Grund hatte er nach einem langen Tag, der ihn bis an den Rand der Erschöpfung gebracht hatte, endlich die Gelegenheit, sich hinzusetzen und Ssutiss befand sich direkt an seiner Seite. Er war jetzt von den ihm fremden Männern umgeben, die damit begonnen hatten, sich lebhaft, wenn auch sehr leise miteinander zu unterhalten. Der blödsinnige Eindruck, den sie zu Beginn auf ihn gemacht hatten, resultierte augenscheinlich nur daraus, dass sie nicht miteinander sprechen durften. Die Wirklichkeit stellte sich aber als etwas völlig anderes heraus. Er verstand nun, dass diese Männer einfach nur das Pech hatten, im Imperium der Vassu geboren worden zu sein und dazu wohl noch als eine Person niedrigen Standes, wenn er sich nicht irrte. Er verstand auch, dass sein zukünftiges Leben nicht sehr viel anders aussehen würde, nur nicht an Bord eines Schiffes. Sein Rock war zwar länger, aber das machte keinen Unterschied.

Der Tag, an dem aus einem Sarvarer ein Viri geworden war, hatte sich für diesen als äußerst anstrengend herausgestellt und dies lag weniger an der körperlichen Arbeit, die er in den letzten Stunden hatte leisten müssen. Die Demütigungen, denen er heute ausgesetzt gewesen war und seine Bemühungen, seinen immer wieder auflodernden Zorn zu unterdrücken, hatten ihn dagegen über alle Maßen erschöpft. Deshalb verwunderte es ihn nicht, dass er gerade noch die Kraft aufbrachte, sein Essen hinunterzuschlingen, bevor er sich auf dem harten Boden zusammenrollte. Erst nach einiger Zeit bekam er mit, dass Ssutiss von seiner Seite verschwunden war, aber er besaß nicht mehr die Kraft, sich nach ihm umzuschauen. Daher blieb er nun ganz allein und frierend auf dem kalten Untergrund liegen, aber er musste schnell feststellen, dass er Probleme damit hatte, einzuschlafen. Er hatte zwar auch schon zuvor an unangenehmen Orten schlafen müssen – vor allem während des Krieges - aber in diesen Fällen hatte er wenigstens einen Umhang oder eine Decke gehabt, um sich zu wärmen. Meistens hatte er sich seine Schlafstelle auch mit Kameraden geteilt, wie es unter Soldaten im Feld eben üblich war. Niemanden hatte es in diesen Situationen interessiert, dass er der Befehlshaber war und die anderen seine Untergebenen. Niemals aber hätte er gedacht, sich einmal nach diesen Gelegenheiten zurückzusehnen.

Er war allerdings so müde, dass er trotz dieser Widrigkeiten immer wieder einnickte, aber dann durch die Kälte wieder geweckt wurde. Diese hatte sich unter Deck festgesetzt, obwohl sich hier so viele Personen aufhielten und es noch Sommer war. Er hatte nicht gewusst, dass die Sommernächte auf dem See so kalt sein konnten. Wenn er dann wieder aus seinem kurzen und unruhigen Schlaf erwachte, musste er jedes Mal zu seinem großen Schrecken feststellen, dass er weinte. Er wusste nicht, ob dies durch seine Erschöpfung ausgelöst wurde, durch die Kälte oder das Gefühl, von allen verlassen worden zu sein.

Dann spürte er, wie sich auf einmal jemand neben ihn legte und eine Decke über sie beide ausbreitete. „Ich habe dir doch gesagt, Bruder, dass wir zusammenhalten“, wisperte Ssutiss ihm ins Ohr. „Es tut mir leid, dass ich nicht schneller mit der Decke zurückkommen konnte, aber mir war nicht bewusst, wie erschöpft du bist. Ich hatte nicht vor, dir das Gefühl zu vermitteln im Stich gelassen worden zu sein.“

Tovarjal machte sich nicht die Mühe zu antworten, sondern nahm den anderen einfach nur in den Arm und zog ihn an sich heran. Die Körperwärme des jungen Mannes tat ihm gut. Und Ssutiss würde ebenfalls von Tovarjals Umarmung profitieren, denn im Laufe der Nacht würde er ebenfalls zu frieren anfangen. Der letzte Gedanke des Sarvarers war tiefe Dankbarkeit dem Rothaarigen gegenüber, ohne den er den heutigen Tag nicht so gut überstanden hätte. Dann fiel er in einen traumlosen Schlaf.

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Die Überquerung des Hijiley-Sees von Norden nach Süden oder in die Gegenrichtung dauerte nicht länger als einige Stunden. Die Vassu nannten den See schmal, aber in Wirklichkeit war er das nicht. Er wirkte nur schmal im Vergleich zu seiner Länge. Den sarvarischen Equitem, die den See teilweise umrundet hatten, war auch nicht entgangen, dass er sich verdammt lang hinzog. Tovarjal war während des Krieges mehrmals an seinen Ufern entlang bis auf die südliche Seite vorgedrungen, um gegen die Vassu zu kämpfen. Immer, wenn er danach in seine Heimat zurückgekehrt war hatte er darüber nachgedacht wieso so viele aus seinem Volk das Gewässer für unüberwindlich hielten. Diese Überzeugung hatte sich zu einer Schwachstelle der Sarvar entwickelt und die hatte ihnen fast das Genick gebrochen.

Kurz vor Sonnenaufgang erreichten die Schiffe das südliche Ufer. Sobald sie festgemacht hatten, öffneten die Vassu die Luke zum Unterdeck und die Virei mussten an Deck kommen. Es war noch so früh am Tag, dass die Sonne gerade erst den Horizont über dem Wasser berührte und es war immer noch so kalt wie in der Nacht, aber die Vassu interessierte das nicht. Schließlich gab es für die Virei, die für die imperiale Armee arbeiten mussten, immer etwas zu tun.

Tovarjal und Ssutiss betraf das allerdings nicht. Die beiden mussten stattdessen unter Gajetus Aufsicht das Schiff, die Virei und die darauf stationierten Kriegerinnen verlassen, um zum Palast der Imperatra aufzubrechen. Mehrere berittene Kriegerinnen warteten bereits am Ufer auf sie. Sie hatten ein Pferd für die Primaduca dabei, außerdem noch eine Gruppe Virei und einen geschlossenen Kastenwagen. Die beiden Männer mussten aber dann doch noch in der Kälte des Morgengrauens ausharren, weil einige der Gegenstände, die Tovarjal im Zelt gesehen hatte, im Wagen verstaut werden mussten, bevor sie die mehrere Wochen dauernde Reise nach Ssuyial antreten konnten. Der Palast der Imperatra lag im Kernland von Vassucit, wo er bereits vor vielen hundert Jahren errichtet worden war, noch bevor das Imperium sich in alle Richtungen und eben auch nach Norden hin ausbreitete. Deswegen würden sie auch so lange benötigen, um von hier aus Ssuyial zu erreichen.

Gajetu und ihre Kriegerinnen würden den weiten Weg auf dem Rücken ihrer Pferde zurücklegen, aber die beiden Männer und die anderen den Frauen zugeteilten Virei mussten zu Fuß gehen. Damit jeder von ihnen verstand, was sie auf dieser Reise von ihnen erwartete, machte Gajetu den Männern das vor dem Aufbruch noch einmal ausdrücklich klar. Ssutiss und Tovarjal hatten sich von den anderen fernzuhalten und ohne ausdrückliche Erlaubnis war es ihnen auch nicht erlaubt, sich miteinander zu unterhalten. Damit keiner von den Virei die Regeln vergaß, halfen die Kriegerinnen dem Erinnerungsvermögen der Männer mit Schlägen nach und Gajetu stellte persönlich sicher, dass auch der Sarvarer verstand, wie er sich zu verhalten hatte. Dabei machte sie ihm auch ziemlich handfest begreiflich, dass sie seinen Temperamentsausbruch vor der Zeremonie nicht vergessen hatte. Tovarjal war nach dieser Lektion glücklich, ohne gebrochene Rippen davongekommen zu sein. Die gegen ihn gerichtete Gewalt hatte ihn trotz Ssutiss vorheriger Warnung überrascht.

Dies war aber nicht der einzige Grund, wieso sich der Beginn der Reise für den ehemaligen Princepo ziemlich anstrengend gestaltete. In der Nacht zuvor hatte er nicht besonders gut geschlafen und die Müdigkeit des Vortages hatte ihn noch nicht verlassen. Vor allem aber war er es nicht gewohnt zu laufen, dazu noch barfuß und in dem langen voluminösen Rock. Nicht nur an diesem, sondern auch an den nachfolgenden Tagen stürzte er des Öfteren, weil er auf den Saum des Kleidungsstückes trat. Wenn er dann nicht schnell genug wieder auf die Füße kam – und dies war besonders gegen Abend der Fall – dann verdiente er sich eine Kopfnuss. Und das Gelächter der Frauen verfolgte ihn. Er benötigte einige Tage, bis er den Kniff raushatte mit kurzen Schritten sowohl die Gefahr des Stolperns zu vermeiden als auch das von den berittenen Frauen gewünschte Tempo beizubehalten. Er lernte auch sehr schnell, sich bei eventuellen Stürzen rasch wieder aufzurappeln, egal wie müde er war.

Gegen Abend wurde das erste Nachtlager auf dieser Reise in der Nähe eines kleinen Wäldchens von wilden Obstbäumen aufgeschlagen. Tovarjal und Ssutiss erhielten die Erlaubnis, die kleinen gelben und roten Früchte zu pflücken und gingen mit Feuereifer zur Sache, denn sie hatten den Eindruck gewonnen, dies würde an diesem Tag ihre einzige Nahrung bleiben. Als man sie dann mit ihrer Beute in den Wagen sperrte, wussten sie, dass sie mit ihrer Annahme recht gehabt hatten.

Sobald er sich im Inneren befand, entdeckte Tovarjal, dass ein dicker Teppich den Boden des Wagens bedeckte und auf diesem Kissen und Decken verteilt worden waren. An einer Seite hatte man den kleinen Schminktisch aus dem Zelt platziert und darauf eine bereits entzündete Lampe. Daneben stand eine große Truhe. Als Ssutiss sie öffnete, entdeckten sie darin Röcke und Tuniken aus dem ungebleichten Stoff, der von den Männern offenbar im Alltag getragen wurde. Allerdings wusste Tovarjal nicht, ob es außer bei seiner Vermählung überhaupt noch Tage gab, an denen ein Viri etwas anderes tragen durfte. Am oberen Rand der Wände entdeckte er knapp unter der Decke einige Schlitze, durch die noch etwas Licht in den Wagen fiel. Sobald sie hineingeklettert waren, wurde die Tür hinter ihnen geschlossen und verriegelt. Die Vassu hatten sie für die Nacht eingesperrt. Tovarjal hatte nicht übersehen können, dass kein weiterer Wagen vorhanden war und deshalb ging er davon aus, die anderen müssten die Nacht im Freien verbringen. Er hatte nicht gedacht, dass es außer der Rocklänge noch weitere Unterschiede zwischen den Männern gab. Offensichtlich hatte er sich geirrt.

Ssutiss setzte sich ohne viele Umstände auf den Boden und gab Tovarjal mit einer Handbewegung zu verstehen, sich neben ihm niederzulassen. Dann beugte er sich zu dem größeren Mann hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: „Die Wände des Wagens sind dick und wenn wir leise sprechen, kann man uns draußen nicht hören.“

Er teilte das Obst auf, schob eine Hälfte zu Tovarjal hinüber und begann seinen Anteil sofort zu verspeisen. „Heute werden wir nichts anderes zu essen bekommen. Ab morgen werden wir jedoch die Gelegenheit erhalten, uns nach dem Aufstehen etwas zu kochen und abends nicht mehr hungern müssen, Bruder.“ Er klang nicht übermäßig besorgt.

In diesem Moment fühlte Tovarjal sich viel zu müde, um mehr als nur ein Nicken zustande bringen zu können. Sobald er seinen Teil des Obstes gegessen hatte, legte er sich daher auf den Teppich und wollte sich gerade mit einer der Decken zudecken, als Ssutiss sich über ihn beugte. „Lass mich einen Blick auf deine Seite werfen“, flüsterte er ihm zu.

„Mir geht es gut“, gab Tovarjal genau so leise zurück. „Ich habe schon größere Schmerzen ausgehalten. Ich komme zurecht.“ Er wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Der andere ließ aber nicht locker, deshalb zog der Sarvarer schließlich seine Tunika über den Kopf und legte sich mit nacktem Oberkörper zurück auf den Teppich. Er hatte aber nicht vor, selbst einen Blick auf seine Rippen zu werfen, denn ihm reichte es, die starken Schmerzen zu spüren. Obwohl … stark war eigentlich eine Untertreibung.

Ssutiss zog abrupt und gut hörbar seinen Atem ein. „Gajetu hat dir ihren Standpunkt ziemlich deutlich klargemacht, oder? Sie hat dich auch für deinen zornigen Ausbruch im Zelt bestraft.“ Der letzte Satz war keine Frage gewesen.

Tovarjal nickte. „Sie hat keinen Hehl daraus gemacht.“ Und dann blickte er doch auf seine Rippen und erschrak wegen des Ausmaßes der dunklen Verfärbungen. Trotz der Schmerzen hatte er nicht damit gerechnet, dass sich der Bluterguss über seine ganze Seite ziehen würde. Er blickte zu dem jüngeren Mann auf. „Trotz deiner Warnung war ich nicht auf diese Gewalt vorbereitet. Ich habe nicht geglaubt, dass sie so etwas darf.“

Da sie nichts für seine Heilung tun konnten, versuchte er eine Schlafstellung zu finden, bei der sein Körper nicht so stark schmerzte. Dabei stellte er dann fest, dass er trotz seiner Erschöpfung nicht sofort einschlafen konnte. Vielleicht würde Ssutiss noch einige seiner Fragen beantworten.

„Ssutiss, was ist ein Viri?“, wollte er von dem anderen wissen, der sich neben ihm ausgestreckt hatte.

„Ich bin ein Viri von Geburt, du einer, weil du geheiratet worden bist“, der Jüngere brachte bei diesen Worten sogar ein knappes Lächeln zustande. „Ein Viri ist ein Mann des Imperiums. Er ist ein Teil der Nation, aber er ist kein Vassu.“

Seine Worte verwirrten Tovarjal noch mehr, anstatt zu seinem Verständnis beizutragen. „Kein Vassu? Ich dachte, dies wäre der Name deines Volkes. Was meinst du damit, ein Viri wäre kein Vassu?“

Ssutiss runzelte die Stirn und antwortete nicht sofort. Stattdessen dachte er anscheinend darüber nach, wie er seine Worte wählen sollte. „Ich werde versuchen, es dir zu erklären, aber ich weiß nicht, ob es mir gelingt, das in für dich verständliche Worte zu fassen. Ich bin damit aufgewachsen, deshalb ist es für mich nichts Besonderes. Ich musste nichts davon bewusst lernen, deshalb fällt es mir schwer, mich so auszudrücken, dass du mich verstehen kannst.“ Er schloss für einen Moment die Augen, bevor er leise weitersprach. „Du hast recht, wenn du meinst, Vassu wäre die Bezeichnung für diejenigen, die Bürger des Imperiums sind. Du hast auch recht damit, dass es der Name unseres Volkes ist. Der Begriff bedeutet aber auch noch etwas anderes.“ Ziemlich abrupt verstummte er.

Die Pause zog sich so lange hin, dass Tovarjal ungeduldig wurde. „Was ist die zweite Bedeutung?“

„Ich habe gerade festgestellt, dass ich bisher nie genau darüber nachgedacht habe, Bruder. Ich habe es als gegeben hingenommen“, gab Ssutiss zurück. „Die andere Bedeutung von Vassu ist Frau.“

Der dunkelhaarige Sarvarer riss die Augen weit auf. „Willst du damit etwa sagen, das Volk der Vassu bestehe nur aus Frauen? Willst du mir erzählen, nur Frauen seien Bürger des Imperiums? Oder willst du mir beibringen, die Männer, die sogenannten Viri, seien keine Bürger?“

„Es heißt Virei“, antwortete Ssutiss abwesend, aber dann fokussierte sich sein Blick wieder. „Ein Mann ist ein Viri, mehrere sind Virei. Und ja, du hast die Situation gut zusammengefasst. Ein Viri ist zwar ein Teil von Vassucit, trotzdem ist er kein Bürger des Imperiums.“

Tovarjal konnte nicht glauben, was Ssutiss ihm gerade mitgeteilt hatte, deshalb musste er noch einmal nachfragen. „Wie sieht es mit den Gesetzen im Imperium aus? Gelten sie für einen Viri?“ Wenn er sich vorstellte, jetzt ein Teil von Vassucit zu sein, aber trotzdem keine Rechte zu besitzen wurde ihm schlecht.

Ssutiss nächste Worte bestätigten allerdings seine schlimmsten Befürchtungen. „Alle Gesetze im Imperium betreffen nur die Bürger, also die Vassu. Es gibt keine, die sich mit den Virei beschäftigen, zumindest nicht im Speziellen. Natürlich treffen alle Gesetze, die sich mit dem Eigentum der Vassu befassen, auch auf die Virei zu. So wie auf Pferde oder Hunde.“

Tovarjal konnte ein gequältes Stöhnen nicht unterdrücken. „Willst du mir sagen, ein Viri sei für die Vassu nicht mehr als ein Tier?“

„Für einige von ihnen trifft das durchaus zu, aber die meisten, die ich kenne, denken nicht so. Vor allem nicht die Mütter, die Söhne zur Welt gebracht haben. Es wird als schlechtes Benehmen angesehen, wenn eine Vassu sich nicht ordentlich um die Virei kümmert, die unter ihrer Aufsicht stehen.“ Ssutiss drehte sich von ihm weg und machte ihm damit klar, dass er keine Fragen mehr beantworten wollte.

Aber Tovarjal musste mindestens noch eine weitere Frage stellen. „Was bedeutet es, unter Aufsicht zu stehen?“

Ssutiss seufzte, drehte sich aber wieder um und blickte Tovarjal ernst an. „Du bringst mich dazu, über Dinge nachzudenken, die ich immer als unveränderliche Tatsachen angesehen habe.“ Er atmete tief ein. „Jeder Viri steht unter Aufsicht einer Vassu, die sein Leben regelt und ihm sagt, was er zu tun hat. Solange er ein Kind ist, wird das in der Regel seine Mutter sein. Später, wenn er geheiratet wurde, geht die Aufsicht auf seine Ehefrau über. Aber es kann sich genauso gut auch um ein anderes weibliches Mitglied seiner Familie handeln, eine Tante, eine Schwester oder eine Tochter. Manchmal wird die Aufsicht auch einer Vassu übertragen, die nicht mit ihm verwandt ist. Aber egal wer sie ist, diese Vassu bestimmt alles, was einen Viri betrifft. Wo er lebt, was er macht und auch seine Strafen.“

Tovarjal lief es eiskalt den Rücken hinunter. „Ssutiss, hat Gajetu die Aufsicht über mich?“ Dies war ein Gedanke, der ihn, einen erfahrenen Equito, mit Angst erfüllte. „Ich bin fest davon überzeugt, dass sie mich zutiefst hasst.“

Der andere legte ihm mitfühlend seine schmale Hand auf den Unterarm. „Nein, Tovarjal“, es war das erste Mal, dass er den Sarvarer mit seinem Namen ansprach, „ich weiß genau, dass dies nicht der Fall ist. Sie ist nur dafür verantwortlich, uns nach Ssuyial zu bringen. Sie darf dich nur bis zu einem bestimmten Punkt bestrafen. Es wundert mich allerdings, wie heftig deine Strafe ausgefallen ist. Viel zu heftig, selbst wenn ich deinen zornigen Ausbruch im Zelt mit einbeziehe. Aber warum sollte sie dich hassen? Ich meine, wieso sollte sie dich persönlich hassen?“

Tovarjal atmete erleichtert aus. „Also kann sie mich nicht einfach totschlagen?“ Dies war sein erster Gedanke gewesen, als Ssutiss ihm eben erzählt hatte, welche Macht eine Vassu über einen Viri ausübte, der unter ihrer Aufsicht stand. Allerdings musste er immer noch damit fertig werden, jetzt nicht mehr als ein Sklave zu sein, egal, ob er mit der Erbin vermählt worden war oder nicht. Alle Männer im Imperium waren Sklaven. Dies änderte aber nichts daran, dass er Ssutiss Frage nicht beantworten konnte.

Der andere schüttelte nur den Kopf und schloss dann seine Augen wieder. Ganz offensichtlich wollte er schlafen.

Tovarjal konnte aber nicht aufhören, Fragen zu stellen. Zumindest eine Sache musste er unbedingt noch wissen. „Würdest du mir bitte noch eine Frage beantworten, Ssutiss?“

Der Jüngere lachte leise. „Nur noch eine?“

Sein Lachen steckte Tovarjal an und er fühlte sich direkt etwas besser. „Eine noch für heute Abend, Bruder.“ Dann hob er seine Hände hoch, so dass Ssutiss seine Handgelenke sehen konnte, die immer noch mit den verknoteten Resten des grünen Bandes geschmückt waren. „Was ist das?“

„Das sind die Vinculae!“ Ssutiss drehte sich auf die Seite, um Tovarjal besser ansehen zu können. „Die Hochzeitsarmbänder.“ Er machte eine kurze Pause. „Da ich meine Schwester bei der Zeremonie vertreten habe, sind dies natürlich nicht die echten, sondern nur ein Ersatz. So wie auch ich nur ein Ersatz bin. Wenn du in Ssuyial ankommst, wird dir deine Gemahlin die richtigen anlegen, aber bis dahin musst du diese Bänder tragen. Und du solltest dich bemühen, sie nicht zu verlieren. Gajetu würde sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, dich zu bestrafen. Übrigens trägt jeder Viri, der geheiratet wurde, die Vinculae.“ Er hob ganz kurz seine nackten Unterarme an, dann schloss er seine Augen wieder.

Nun schloss auch Tovarjal seine Augen. Er ging davon aus, der nächste Tag würde erneut anstrengend werden und es wäre besser, wenn er jetzt einschliefe. Ssutiss würde seine Fragen auch am nächsten Abend noch beantworten. Solange musste er sich gedulden. Solange konnte er sich auch gedulden.

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Ssutiss sollte erneut recht behalten. Bevor die Gruppe am nächsten Tag weiterreiste, durften sie sich Essen zubereiten, allerdings mussten sie auch welches für Gajetu kochen und dies würde sich auch für den Rest der Reise nicht mehr ändern. Aber dies war nicht alles, was sie nach dem Aufstehen zu erledigen hatten. Ssutiss hatte die Aufgabe übertragen bekommen, dem neuen Viri alles beizubringen, was dieser für sein zukünftiges Leben wissen musste. Dies war für Tovarjal auf der einen Seite nicht ganz so einfach, weil er sich bei vielen Tätigkeiten am liebsten geweigert hätte, sie auszuführen, auf der anderen Seite aber nicht so schwierig, wie er befürchtet hatte, weil die beiden Männer dabei miteinander sprechen durften. Diese Erlaubnis galt allerdings ab dem Zeitpunkt nicht mehr, wenn die Gruppe sich wieder auf den Weg machte.

Auf diese Art und Weise lernte Tovarjal jeden Tag etwas von dem, was ein Viri normalerweise bereits als Kind beigebracht bekommen hatte. Angefangen dabei, dass man von ihm erwartete, jeden Morgen gewaschen, mit sauberer Kleidung, geschminkt und ordentlich frisiert aus dem Wagen zu steigen. Er lernte aber auch Kochen, Wäschewaschen, Nähen, Saubermachen und andere Tätigkeiten, von denen man in Zukunft erwartete, dass er sie beherrschte. Ssutiss zeigte ihm aber auch für ihn persönlich Nützliches, darunter, wie ein Viri urinierte, ohne den Rock nass zu machen. Während die anderen Virei für die Kriegerinnen arbeiteten, bereitete es Gajetu offenbar große Freude, ihre Kleidung von Tovarjal waschen und ihr Essen von den beiden Servirei zubereiten zu lassen.

Sobald die Männer mit ihren Arbeiten fertig waren, setzte sich die ganze Gruppe wieder in Bewegung, die Virei zu Fuß und die Vassu auf dem Rücken ihrer Pferde. Gegen Abend wurde dann ein neuer Lagerplatz für die Nacht gesucht und Ssutiss und Tovarjal in den Wagen gesperrt. Nachdem sie ihr Essen verspeist hatten und nebeneinander auf den Teppich lagen, beantwortete der Jüngere die Fragen des Sarvarers oder erzählte ihm etwas über die Dinge, auf die Tovarjals Auge im Laufe des Tages gefallen war. Ssutiss behielt ihn offenbar genau im Blick. Er versuchte aber auch, ihn aus Schwierigkeiten herauszuhalten und sorgte sozusagen nebenbei dafür, dass er alles lernte, was er als neuer Serviri, als ein Viri der imperialen Familie, wissen musste.

Die grün eingefärbte Kleidung hatten sie zu Beginn der Reise abgeben müssen, aber in der Truhe im Wagen befanden sich Kleidungsstücke in ausreichender Menge. Die meisten von ihnen mussten zwar umgeändert werden, weil sie entweder zu groß für Ssutiss oder zu klein für Tovarjal waren, aber dabei lernte Letzterer auch Nähen. Dabei stellte er erneut fest, wie geschickt der Jüngere war. Dies betraf nicht nur Hausarbeiten, sondern auch Schminken oder Frisieren. Der Sarvarer staunte jeden Morgen erneut darüber, wie schnell Ssutiss seine langen Haare zu einem dicken Zopf flechten konnte.

Aber obwohl Ssutiss unermüdlich damit beschäftigt war, dem Sarvarer bei dem Einstieg in sein neues Leben behilflich zu sein, fiel Tovarjal jeden Tag in tiefere Hoffnungslosigkeit. Dem jüngeren Mann fiel es immer schwerer, seinen Begleiter davor zu bewahren, in ein tiefes schwarzes Loch zu stürzen, aus dem er vielleicht nicht mehr herausgefunden hätte. Im Endeffekt war es aber sein eigener Zorn, den der neue Viri seit Beginn der Reise mit so viel Mühe zu unterdrücken versuchte, der schließlich dafür sorgte, dass er nicht aufgab. Eines Vormittags brachte Gajetu ihn wieder zum Vorschein und musste dafür nichts weiter tun, als sich darüber zu beschweren, dass ihre Kleidung nicht sauber sei. Tovarjal war nicht ihrer Meinung, weil er keinen Schmutz darauf erkennen konnte und deshalb hielt er sich mit seiner Antwort nicht zurück. Er teilte der Primaduca seinen Standpunkt lautstark mit. Später bestätigte ihm Ssutiss, dass sich dort auch kein Schmutz befunden hatte, aber er erklärte ihm auch, dies würde keinen Unterschied machen. Wenn Gajetu ihm befahl, ihre Kleidung noch einmal zu waschen, dann sollte er das einfach tun. Dies wäre auf jeden Fall weniger schmerzhaft für ihn gewesen.

Aber für dieses Mal kam die Erkenntnis zu spät. Gajetu ließ sich diese Gelegenheit selbstverständlich nicht entgehen und sie war äußerst gut darin, seine Bestrafung sehr schmerzhaft zu gestalten, ohne ihn dabei ernsthaft zu verletzen. Danach hatte er etliche Tage lang Probleme, sich zu bewegen und das brachte ihm wiederum weitere Bestrafungen ein, weil der Trupp seinetwegen nicht schnell genug vorwärtskam. Er fühlte sich ungerecht behandelt, obwohl Ssutiss ihn ja immer wieder vor Gajetu gewarnt hatte und daran änderte sich auch nichts, als er später feststellte, dass alles ohne Narben verheilt war. Darüber hinaus machte ihn die Primaduca bei dieser Gelegenheit auch mit einer weiteren Art Strafe für Virei bekannt, die ihm zuerst überhaupt nicht wie eine Strafe vorkam.

Die Bestrafung bestand darin, dass ihm für einige Tage verboten wurde, den bodenlangen Rock und die dazu gehörende Tunika, die ihm bis zum Oberschenkel reichte, zu tragen. Stattdessen erhielt er ziemlich zerschlissene Kleidung. Einen Rock, dessen Saum in Höhe seiner Waden endete und eine Tunika, die gerade noch bis zum Bund seines Rocks reichte. Für ihn bedeutete dies aber in erster Linie, sich besser bewegen zu können. Anderenfalls wäre er wegen der Prügel, die Gajetu ihm verabreicht hatte, mit großer Wahrscheinlichkeit öfter gestolpert. Trotzdem entgingen ihm die Reaktionen der Kriegerinnen nicht. Sobald sie ihn in seinem kürzeren Rock zu Gesicht bekamen, fingen sie an, hämisch zu grinsen. Er konnte auch nicht überhören, dass sie ihn als dumm und liederlich bezeichneten. Manche gaben auch noch Unflätigeres von sich. Das konnte er nicht verstehen und daher fragte er an dem Abend, der auf die Vollstreckung der Strafe folgte, Ssutiss nach dem Grund für das Verhalten der Frauen.

Als der Jüngere ihm die Hintergründe dieser Bestrafung erklärte, lernte Tovarjal eine weitere Facette aus dem Leben der Virei kennen. Die Männer, die den Wünschen und Befehlen der sie beaufsichtigenden Vassu ausgeliefert waren, hatten mit der Zeit ihre eigenen Regeln aufgestellt, auch für Situationen, die ihnen unangenehm waren. So empfanden sie offensichtlich Scham, wenn fremde Vassu ihre entblößten Füße und Knöchel in aller Öffentlichkeit zu Gesicht bekamen. Daraus hatte sich dann offensichtlich der Brauch entwickelt, die Virei, deren Familien einen höheren sozialen Status besaßen, längere Röcke tragen zu lassen. Ssutiss versicherte ihm, dass es ihn ziemlich bedrückt hätte, wäre er derjenige, der sich den Kriegerinnen in dem kürzeren Rock zeigen müsste.

Tovarjal dachte lange über dieses Konzept nach. Natürlich glaubte er dem Jüngeren und die Strafe ergab tatsächlich einen, wenn auch ziemlich verdrehten, Sinn. Aber ihn persönlich berührte das nicht und er war froh darüber. Bedeutete das doch für ihn, dass er noch nicht in das Verhaltensmuster eines Viri verfallen war. Am darauffolgenden Abend sprach er mit Ssutiss auch darüber.

„Bist du tatsächlich der Meinung, dies sei ein Grund zur Freude?“ wollte dieser aber von Tovarjal wissen, während er sich seinen zerschundenen Rücken ansah.

Der Sarvarer konnte den Einwand seines Freundes nicht nachvollziehen. „Natürlich ist das ein Grund zur Freude für mich, denn es bedeutet, dass ich mich immer noch als Princepo Tovarjal sehe, als jüngeren Sohn des Rego Lephan und nicht als Viri.“

„Diese Einstellung wird dir nichts als Probleme einbringen“, hielt ihm der andere entgegen und brachte Tovarjal mit diesen Worten erneut zum Nachdenken. Am Ende musste er zugeben, dass Ssutiss durchaus recht haben könnte, denn schließlich befand er sich nicht mehr in Kisarvar. Er durfte nicht vergessen, dass er nun ein Mann war, der in Vassucit leben musste. Er war nun ein Viri. Er musste auch daran denken, dass er eine Geisel oder besser gesagt ein Gefangener der Imperatra war. Für sein Volk stellte er das Unterpfand für den Frieden zwischen Sarvar und Vassu dar. Er selbst sah sich allerdings eher als das Opfer des Friedens. Trotz und Zorn würden ihm aber auf jeden Fall in seiner Situation nur noch mehr Probleme einbringen. Ebenso wie das Leugnen der Wahrheit.


Wird fortgesetzt in "Der Preis des Friedens (Kinder des Velt) - Teil 2"
 
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Als Tovarjal nach der siegreichen Schlacht gegen die Vassu schließlich nach Hause zurückkehrte, erwartete ihn dort die freudige Nachricht(Komma) die Vassu und die Sarvar hätten Frieden geschlossen. Seine Heimkehr lag nun sechs Monate zurück und seitdem hatte er sich fast jeden Tag von seinem Vater anhören müssen(Komma) wie glücklich die Sarvar sich schätzen konnten. Sein Vater verheimlichte ihm auch seine Meinung nicht (Komma)Vassucit hätte ebenso gut ihre Kapitulation verlangen können und in diesem Fall wäre ihm nichts anderes übriggeblieben(Komma) als zuzustimmen. Aber der Princepo fühlte sich nicht im Geringsten glücklich und zwar seit dem Moment, an dem er erfuhr (Komma)wer den Preis für den Frieden zu zahlen hatte.

Ab diesem Zeitpunkt wurde sein immer schon von allen gefürchtetes Temperament noch unberechenbarer. Ab dann fühlte sich jeder in seiner Gegenwart (Komma) als würde er sich im gleichen Raum mit einer Gewitterwolke aufhalten. Mit einer aufgeladenen Gewitterwolke. Die ganze unsägliche Situation blieb für ihn zumindest so lange einigermaßen erträglich (Komma) wie er noch durch die Straßen von Dysarvar streifen konnte. Allerdings hatte er damit bereits vor etlichen Wochen aufhören müssen, weil er es nicht mehr ertrug, dass ihm jeder, der ihn sah (Komma) nichts als Verachtung entgegenbrachte. Wenn sie sich nicht stattdessen direkt von ihm abwandten. Dies rief dann regelmäßig den durch Frust gespeisten Zorn hervor und das hielt er irgendwann nicht mehr aus.

Princepo Tovarjal hatte im vor einigen Monaten zu Ende gegangenen Krieg wichtige Siege für sein Land errungen, den letzten nicht lange vor Ende des Konfliktes. Zwar hatte sein Land die Vassu nicht besiegen können, aber er war trotzdem als ein von allen geachteter Equito nach Dysarvar zurückgekehrt. Der Krieg hatte nur zwei Jahre gedauert, nichtsdestotrotz war er sehr froh darüber gewesen (Komma) nicht mehr kämpfen zu müssen. Vor allem war er froh darüber (Komma) nicht mehr die Waffen gegen die seltsamen Kriegerinnen der Vassu erheben zu müssen. Es war ihm nicht leicht gefallen(Komma) ihnen auf dem Schlachtfeld entgegenzutreten. Dieses Widerstreben (Komma) Frauen umzubringen (Komma) hatte in den ersten Monaten des Krieges die Sarvarer das Leben vieler ihrer Equitem gekostet und manche von den Kriegern waren bis zum Ende des Konfliktes nicht in der Lage gewesen (Komma) ihre Gegnerinnen zu töten. Die wiederum keinerlei Hemmungen dabei zeigten (Komma) Sarvarer vom Leben zum Tod zu befördern. Ganz offensichtlich war dies nicht das erste Mal, dass sie gegen Männer kämpften.

Die Sarvarer hatten hingegen noch nie mit einem solchen Gegner zu tun gehabt. Ab und zu hatten zwar schon mal Gerüchte über weibliche Kämpfer das Reich nördlich des Sees erreicht, aber sie waren immer als Fantasien abgetan worden. Im Nachhinein betrachtet wäre es für alle besser gewesen (Komma) hätten sich die Equitem nicht ausschließlich mit den Stämmen in ihrer Nähe beschäftigt oder mit den Städten der Renegaten. Aber immer schon wurde der Süden von den Sarvar fast schon aus Tradition gemieden. Hieß es nicht in ihren Überlieferungen (Komma) das Übel wäre von dort gekommen? Jenes Übel (Komma) welches die Sarvar aus ihrer alten Heimat vertrieben hatte und das sie dafür verantwortlich machten (Komma) jetzt im Norden des Sees leben zu müssen. Niemand hatte sich je mit dem Gebiet südlich des Sees beschäftigen wollen und auch nicht mit den Menschen, die dort lebten.

Der Princepo hatte keine andere Wahl gehabt (Komma) als einen Weg zu finden mit den Kriegerinnen fertigzuwerden. Schließlich blieb ihm nur die Möglichkeit die Vassu nicht mehr als Frauen anzusehen. Nur auf diese Weise konnte er verhindern(Komma) von ihnen getötet zu werden. Diese Entscheidung war ihm alles andere als einfach gefallen, denn seit er als kleiner Junge alt genug gewesen war die Traditionen seines Volkes zu verstehen(Komma) hatte er verinnerlicht(Komma) Frauen mit Respekt zu begegnen und sie zu beschützen, weil sie selbst nicht dazu in der Lage waren. Vor dem Krieg wäre er niemals auf die Idee gekommen(Komma) eine Frau vorsätzlich zu verletzen. Aber der Kampf gegen die Kriegerinnen hatte seinen Blick auf Frauen radikal verändert. Nach seiner Heimkehr ertappte er sich immer wieder dabei, dass er sich fragte(Komma) ob die Frauen, denen er nun begegnete (Komma) eine Gefahr für ihn werden könnten. Und er konnte auch nicht damit aufhören obwohl er genau wusste sarvarische Frauen würden niemals kämpfen. Aus diesem Grund hatte er eine immense Erleichterung verspürt, als sein Vater ihm nach seiner Rückkehr mitteilte(Komma) er müsse die Tochter des Duco von Sisca nicht mehr ehelichen. Zu diesem Zeitpunkt war ihm allerdings der Grund für die Entscheidung des Rego noch nicht bekannt gewesen.

Er erinnerte sich an den Tag, an dem sein Vater ihm mitteilte(Komma) wie der Preis des Friedens aussah, so genau, als wäre es erst gestern gewesen. Dies lag vor allem daran, dass sein Herrscher ihm an diesem Tag auch verboten hatte (Komma) sein Haar zu schneiden. Ebenso hatte er ihm befohlen(Komma) seinen Bart unverzüglich abzurasieren. Tovarjal hatte im ersten Moment geglaubt (Komma) seinen Vater missverstanden zu haben, denn dies war nichts (Komma) was ein Sarvar jemals tun würde. Solange er sich zurückerinnern konnte (Komma) war sein schwarzes Haar immer derart kurz geschoren gewesen, dass seine Kopfhaut durchschimmerte. Er unterschied sich damit allerdings nicht von vielen anderen Männern in Kisarvar. Jeder(Komma) der etwas auf sich hielt (Komma) trug sein Haar genauso. Und ebenso wie jeder andere Sarvarer hatte er als junger Mann den Tag herbeigesehnt, an dem ihm endlich ein ordentlicher Bart wachsen würde. Trotzdem konnte er sich einem Befehl des Rego nicht widersetzen, auch wenn er auf seine Fragen nach dem Grund dafür niemals eine befriedigende Antwort erhielt. Sein Vater erzählte ihm nur etwas über geheim zu haltende Bedingungen des Friedensvertrages und er zerbrach sich viele Tage lang den Kopf darüber (Komma) was die Länge seines Haares oder das Fehlen seines Bartes damit zu tun haben sollten.

Aber an diesem Tag war er nicht in der Lage gewesen(Komma) über den Befehl seines Herrschers nachzudenken. Als er erfahren hatte (Komma) er wäre derjenige, der den Preis für den Frieden zu zahlen hatte, war er nicht fähig gewesen (Komma) einen klaren Gedanken zu fassen. Als man ihm mitteilte (Komma) es gäbe eine geheime Bedingung im Vertrag, die vorsähe (Komma) die beiden Herrscherhäuser miteinander zu verbinden, hatte er das zuerst nicht glauben wollen. Er hatte sich auch nicht vorstellen können(Komma) aus welchem Grund die Imperatra forderte (Komma) das(s) ausgerechnet Princepo Tovarjal der Gemahl ihrer Erbin werden müsse. Und warum zwang sie ihn dazu (Komma) zukünftig in Ssuyial zu leben, dem riesigen weit entfernt gelegenen Palast der Vassu? Aber schnell wurde ihm klar, dass er Kisarvar und alle, die er kannte (Komma) verlassen musste (Komma) sobald sein Vater seine Unterschrift unter den Friedensvertrag gesetzt hatte. Er würde den Rest seines Lebens unter Fremden verbringen und deshalb hätte es niemanden in seiner Umgebung verwundern dürfen, dass sich an dem Tag, als er all dies erfuhr, die Gewitterwolke seines Zorns mit ungeahnter Heftigkeit entlud.

In den darauffolgenden Monaten war sein Haar ungehindert gewachsen und er hatte sich sogar an das Gefühl seines nackten Gesichts gewöhnt. Zu Beginn hatte er es sogar noch fertiggebracht (Komma) die Verachtung in den Blicken der anderen zu ignorieren, wenn sie seiner in den Straßen der Hauptstadt ansichtig wurden. Schließlich brachte er dieses Opfer für den Frieden. Aber niemand wusste dies, weil es ja eine geheime Bedingung war und aus diesem Grund konnte er auch mit niemandem außer seinem Vater darüber sprechen. So waren ihm die Reaktionen der Sarvar irgendwann zu viel geworden und er hatte erneut seine Beherrschung verloren. Nachdem er eines Tages nach der Rückkehr in seine Räume etliche Spiegel zerschlug (Komma) wurden die verbliebenen auf Befehl des Rego entfernt. Danach fiel es Tovarjal viel leichter in seinen Räumen zu bleiben, wenn er auch feststellte, dass ihm der Mann, der ihm beim Rasieren aus seiner Waschschüssel entgegenblickte, nicht bekannt vorkam. Der Fremde hatte glattes schwarzes Haar, dunkle traurige Augen und die Haut seiner bartlosen Wangen war glatt und weiß wie die einer Frau.

Eine Zeitlang hatte er Zuflucht zu kindischem Benehmen genommen und sich geweigert (Komma) seine Haare zu waschen. Bis zu dem Moment, als ihm auf einmal der Gedanke kam mit seinem Verhalten könnte er vielleicht gegen irgendeine Bedingung des Friedensvertrages verstoßen. Auch wenn er sich einsam und ausgestoßen fühlte (Komma) wollte er nicht die Gründe für weiteres Leid seines Volkes liefern. In dem Moment nahm er sich vor (Komma) nie zu vergessen wie wichtig ihm die restlichen Sarvarer waren. Und dies würde sich auch nicht dadurch ändern, dass er bald kein Teil dieser Nation mehr wäre. Selbst als ihm später aufging, dass diese Angst unsinnig gewesen war, half ihm sein Entschluss trotzdem dabei (Komma) seine Wutausbrüche unter Kontrolle zu bekommen.

Während dieser ganzen Zeit besuchte ihn entweder sein Vater oder sein Bruder jeden Tag, obwohl den beiden das ganz offensichtlich nicht leichtfiel. Rego Lephan konnte bei keiner der Gelegenheiten verbergen, wie schwierig es für ihn war (Komma) dem jüngeren seiner beiden überlebenden Söhne ins Gesicht zu blicken. Allerdings war er der Meinung (Komma) ihm dies schuldig zu sein – und Tovarjal hatte das gewusst, bevor er es ihm mitteilte – und hielt deshalb daran fest. Der Blick seines Vaters zeigte jedoch bei jedem Besuch die gleiche Traurigkeit, die der Princepo in den Augen des Unbekannten erkennen konnte, der ihm aus seiner Waschschüssel entgegenblickte. Coronar Payn hingegen schaffte es nicht (Komma) ihm ins Gesicht zu blicken, weil er befürchtete (Komma) seine Verachtung nicht zurückhalten zu können. Tovarjal nahm dies seinem Bruder allerdings nie übel. Payn war immer ein vorbildlicher großer Bruder gewesen, der ihm alles beibrachte, was er selbst gelernt hatte, da konnte er ihm jetzt nicht vorwerfen (Komma) ihn im Stich zu lassen. Zumal das auch nicht der Wahrheit entsprach. Außerdem konnte Tovarjal sich auch noch gut daran erinnern, wie sehr Payn alle seiner vier Brüder geliebt hatte, allen voran die beiden älteren. Er hatte sich nie gewünscht (Komma) seinem Vater einstmals auf den Thron folgen zu müssen.

Dann endlich erreichte sie die Nachricht (Komma) die Delegation der Vassu würde am Nordufer des Hijiley-Sees auf den Rego von Kisarvar und seine Begleiter warten. Der Tag, den der Princepo seit Monaten fürchtete, war herangekommen. Gerne hätte er gewusst (Komma) wer dieser imperialen Delegation alles angehörte, aber davon stand in der Nachricht nichts. Für Tovarjal war dies ein weiterer Hinweis darauf, dass die Vassu der Meinung waren (Komma) auch die Kapitulation der Sarvar gefordert haben zu können. Deshalb ging er auch davon aus weitere Demütigungen – sowohl offene als auch verdeckte – würden auf die Sarvarer warten. Und natürlich auf ihn. Sehr wahrscheinlich besonders auf ihn. Dieser Gedanke brachte prompt wieder sein ungezügeltes Temperament zum Vorschein und es fiel ihm ziemlich schwer (Komma) seinen Zorn zu unterdrücken.

Und diese Kontrolle wurde vor seinem Aufbruch noch ein weiteres Mal auf eine harte Probe gestellt. Der Rego hatte bereits vor geraumer Zeit festgelegt (Komma) wer ihn und seine Söhne begleiten sollte, denn er wollte in der Lage sein (Komma) auf eine Nachricht unverzüglich zu reagieren und er wollte vermeiden (Komma) zu viel Zeit vor dem Aufbruch zu vergeuden. Auch Tovarjal selbst hatte sich auf diesen Tag vorbereitet, allerdings aus ganz anderen Gründen. Da er sich weder den Blicken der Stadtbewohner noch denen seiner Begleiter aussetzen wollte, hatte er sich einen Umhang mit Kapuze bereitgelegt. Aber er war noch nicht einmal dazu gekommen (Komma) seine Räume zu verlassen, als sein Vater ihm mitteilte (Komma) es wäre ihm nicht erlaubt (Komma) sein Haar oder sein Gesicht auf dem Weg zum See zu verbergen. In diesem Moment, als ihm klar wurde (Komma) er würde keine Möglichkeit haben (Komma) sich den verächtlichen Blicken der anderen zu entziehen, spürte der Princepo (Komma) wie ihm die Hitze seiner Schmach und seines Zorns ins Gesicht stieg. Aber auch dieses Mal blieb ihm nichts anderes übrig (Komma) als sich zu fügen. Erneut wurde ihm – wie bereits in den letzten Wochen – bewusst, dass er in Wirklichkeit nicht mehr der Sohn des Rego war, sondern ein wehrloser Gefangener ohne irgendeine Möglichkeit (Komma) seiner Demütigung zu entgehen. Jetzt konnte er sich nur noch bemühen (Komma) seinen Zorn zu zügeln. Dies war ihm allerdings schon in glücklicheren Zeiten schwergefallen und in seiner jetzigen Situation schien es ihm fast unmöglich zu sein. Wie es sich dann aber herausstellte doch nur fast.

Bevor der Princepo seine Räume zum letzten Mal verließ, gab es allerdings noch etwas Wichtiges zu erledigen. Weil sich alle nicht sicher waren, ob sie später noch Gelegenheit dazu haben würden (Komma) verabschiedete sich Lephan bereits vor ihrem Aufbruch von seinem Sohn und Payn von seinem Bruder. Das erschwerte den Aufbruch für Tovarjal noch zusätzlich.

Dem jüngeren Sohn des Rego – obwohl er sich inzwischen zumindest in Gedanken immer öfter als Gefangener des Rego bezeichnete – war nicht bekannt gewesen (Komma) wie schnell Männerhaar wachsen konnte. Er wusste auch nicht (Komma) wie schnell die Haare von Frauen wuchsen oder ob es da einen Unterschied gab. Aber inzwischen hatte er eine bessere Vorstellung davon, denn sein eigenes Haar reichte ihm nun bis zum Kinn. Noch nicht einmal als ganz kleines Kind war sein Haar derart lang gewesen. Vor seinem Aufbruch hatte er es gründlich gebürstet, damit er nicht versehentlich eine geheime Bedingung des Vertrages brach, so unsinnig sich das auch anhören mochte. Aber er wollte nicht versehentlich eine Reaktion der Vassu hervorrufen, die den Sarvar schaden könnte. Haare bürsten war im Übrigen eine Tätigkeit gewesen, mit der er sich überhaupt nicht auskannte. Rasieren war eine andere mit der er sich gleich zu Beginn seiner Gefangenschaft hatte auseinandersetzen müssen. Seine Haare beschäftigten ihn allerdings erst später, nachdem er begriffen hatte, dass er nicht umhin kam (Komma) dazuzulernen. Er schluckte seinen Stolz zumindest für eine kurze Zeit herunter (hinunter) und ließ sich von einer älteren Dienerin zeigen, was er mit seinem längeren Haar machen musste. Bürsten war nur eins dieser Dinge, Haare waschen ein anderes. Als er also jetzt hinter dem Rego und dem Coronar durch die Straßen der Hauptstadt ritt, glänzte sein schwarzes Haar in der Sommersonne auf eine Art und Weise (Komma) wie es die Menschen, die die Straßen säumten, noch nie bei einem sarvarischen Equito gesehen hatten. Sein dunkles Haar betonte dabei auch noch die bleiche Haut seiner Wangen. Allerdings interessierte es in diesem Augenblick keinen der Schaulustigen und wahrscheinlich noch nicht einmal die Leibwache des Herrschers, die hinter ihm her ritt, dass die Wangen aller männlichen Sarvarer unter dem Schutz ihrer Bärte ähnlich bleich aussehen würden.

Die Menschen gafften den an ihnen vorbeireitenden Mann an, der sein Haar hatte wachsen lassen, als hielte er sich für eine Frau und dessen glatte nackte Wangen weibisch wirkten. Selbst die Personen, denen bekannt war, dass der jüngere Sohn des Rego als Geisel an den Hof der Imperatra gehen musste – eine Tatsache, die nicht hatte geheim gehalten werden können – und damit ein Faustpfand für den Frieden mit den Vassu darstellte, erkannten ihn in diesem Reiter nicht. Lautstark machten sie ihm genau wie der Rest der anwesenden Menschen klar, wie sehr sie ihn wegen seines Aussehens verachteten. Tovarjal versuchte starr geradeauszublicken und seine Augen auf den Rücken des Rego gerichtet zu halten, aber es gelang ihm nicht (Komma) sich dieser Verachtung zu entziehen. Er war sich sicher (Komma) jeder könne die Hitze seiner Schmach auf seinem Gesicht erkennen. Unter all diesen Blicken und als Ziel all dieser Schmähungen fühlte er sich so klein, dass er noch nicht einmal die Kraft aufbrachte (Komma) zornig zu werden.

Noch nie war ihm der Ritt zum Ufer des Sees derart lang vorgekommen wie an diesem Tag und mit jedem Meter, den sein Pferd zurücklegte, fühlte er sich mehr wie ein Gefangener, obwohl er sich bereits seit Monaten so bezeichnet hatte. Er glaubte aber jetzt, dass er nicht mehr lange der Zuständigkeit des Rego unterstehen würde, weil er bald ein Gefangener der Vassu wäre, egal wie sie es nennen mochten. Jeder hatte ihm versichert (Komma) er stelle das Unterpfand für den Frieden dar und doch fühlte er sich eher(Komma) als würde er zu seiner Hinrichtung geführt. Und er hatte mit diesem Gedanken noch nicht einmal völlig Unrecht, denn sein bisheriges Leben würde tatsächlich bald sein Ende finden.

Die Delegation der Vassu hatte den Hijiley-See in(auf) zwei Schiffen überquert und diese weit den Strand hinaufgezogen. Zwischen ihren hochaufragenden Vordersteven hatten sie ein großes Zelt errichtet. Das sollte nun der Ort sein (Komma) an dem der Vertrag unterschrieben und das Pfand übergeben wurde. Am Abend, nachdem alles geregelt worden war, würden die Vassu das Nordufer wieder verlassen. Und er musste mit ihnen gehen.

Bei ihrer Ankunft am See fielen der sarvarischen Delegation einige Personen auf, die sie ihrem Aussehen nach für die Einwohner eines Fischerdorfes hielten und die eng beieinander in der Nähe des Zelteingangs ausharrten. Ganz offensichtlich waren sie nicht freiwillig hier, denn sie warfen den Vassu furchtsame Blicke zu, während die Kriegerinnen wiederum die Fischer aufmerksam beobachteten. Der Zweck ihrer Anwesenheit erschloss sich Tovarjal allerdings nicht. Ebenso wenig wie dem Rego.

Eine der vor dem Zelt stationierten Kriegerinnen hatte sich etwas abseits von den anderen aufgestellt. Sie war groß – größer sogar als der Rego oder der Coronar, allerdings nicht als Tovarjal – und trug ihr dunkelrotes Haar genauso kurz wie die Equitem ihres. Eine lange weiße Narbe, die sich über ihre linke Wange zog, minderte den Eindruck ihrer zugegebener Weise etwas herben Schönheit nicht im Geringsten. Ihren Helm in der Armbeuge haltend (Komma) beugte sie kurz das Knie und den Kopf vor dem Rego, nachdem dieser vom Pferd gestiegen war, bevor sie wieder vor ihm aufragte. Die restlichen Sarvarer würdigte sie dagegen keines Blickes mit Ausnahme von Tovarjal, der sich dabei so fühlte(Komma) als wäre er ein Schlachtross, das sie zu erwerben wünschte, aber das ihrer Musterung nicht standgehalten hatte.

Sie stellte sich dem Rego als Primaduca Gajetu vor und erklärte ihm im Anschluss, sie wäre sowohl für den Schutz der Vassu als auch den der Sarvarer zuständig. Sie sprach ihn durchaus mit gebührendem Respekt an und Tovarjal konnte nicht umhin festzustellen, dass sie es wohl gewohnt war (Komma) mit hochgestellten Persönlichkeiten umzugehen. Ihr Verhalten einigen der jüngeren Fischer gegenüber, die sie mit einer knappen Handbewegung dazu aufforderte (Komma) sich um die Pferde ihrer Landsleute zu kümmern, war hingegen nicht von Respekt geprägt. Während die Reittiere weggeführt wurden (Komma) teilte sie allen anderen mit, es wäre nun an der Zeit (Komma) das Zelt zu betreten. Sie ließ dem Rego und dem Coronar den Vortritt und reihte sich dann an Tovarjals Seite ein, die Leibwache des Herrschers ignorierend. Bevor er den Eingang durchschritt, bekam der Princepo noch mit (Komma) wie die restlichen Fischer von den Kriegerinnen ebenfalls ins Zelt gedrängt wurden. Da ging ihm auf, dass sie wohl den Abschluss des Friedensvertrages bezeugen sollten.

Im ersten Moment kam Tovarjal das Innere des Zeltes seltsam klein vor, bis er verstand, dass man einen Teil davon mit Stoffbahnen abgetrennt hatte. Mit diesem einfachen Mittel hatte man einen vom Eingang aus nicht einsehbaren Bereich geschaffen, allerdings konnte er sich keinen Grund dafür vorstellen. Sein Blick fiel auch sofort auf die vor dieser Abtrennung stehende Delegation der Vassu. Während die Fischer dazu gedrängt wurden (Komma) neben dem Eingang Aufstellung zu nehmen und die Kriegerinnen, die als letzte das Zelt betraten, sich vor der inzwischen geschlossenen Öffnung aufstellten, nutzte Tovarjal die Gelegenheit (Komma) die Delegation der Vassu genauer zu betrachten. Dabei fiel ihm auf, dass sie vor allem aus weiteren Kriegerinnen bestand, die sich von denen hinter ihm nur dadurch unterschieden, dass statt eines schwarzen ein weißer Wolf ihre Rüstungen zierte. Aber mitten zwischen ihnen entdeckte er die erste Frau in den Reihen seiner Feinde, die für ihn auf den ersten Blick als Frau erkennbar war.

Er beachtete die Kriegerinnen nicht weiter, aber die fremde Frau fesselte seine Aufmerksamkeit. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als die Frauen, die sie umgaben(Punkt Ihr feuerrotes Haar hatte war in einen dicken Zopf gefasst, der bis zu . . .) und besaß feuerrotes Haar, das sie in einem dicken Zopf zusammengefasst hatte, der bis zu ihren Oberschenkeln herunterhing. Unter einer schmalen Nase konnte er ihre vollen rotgeschminkten Lippen erkennen. Er war sich sicher (Komma) niemals einen sinnlicheren Mund gesehen zu haben. Dann ging sein Blick zu ihren Augen, deren leichte Mandelform durch die schwarze Schminke, mit der sie dick umrahmt waren, noch hervorgehoben wurde. Lange dunkle Wimpern verbargen ihren Blick und die Farbe ihrer Augen sittsam vor den Fremden, mit denen sie heute zusammentraf. Sie trug einen überaus voluminösen Rock, dessen Fülle an ungebleichtem Stoff sich auf dem Boden sammelte, darüber eine lange ärmellose Tunika in der gleichen Farbe, die von einem Ledergürtel mit einer Schnalle in Form eines weißen Wolfskopfs zusammengehalten wurde. Ihre nackten Arme waren weiß, schlank und wohlgeformt und obwohl ihre Brust eher knabenhaft war, tat dies ihrer Schönheit keinen Abbruch. Kein sarvarischer Mann würde jemals auf die Idee kommen (Komma) ihr wehzutun.

Ohne sich zu bewegen (Komma) wartete sie ab (Komma) bis der Rego von Kisarvar mit seinen zwei Söhnen bis auf wenige Meter an sie herangekommen war und fing erst dann an zu sprechen.

„Ich bin Serviri Ssutiss und wurde von meiner Mutter, der Imperatra, zu dir, Rego Lephan, gesandt, damit du deine Unterschrift unter den Friedensvertrag setzen kannst und ich mit eigenen Augen bezeuge, wie die abschließende Bedingung erfüllt wird und der Frieden somit in Kraft treten kann.“

Sie sprach diese Worte anders aus als er es gewohnt war und betonte sie auf unvertraute Weise, aber trotzdem war er in der Lage (Komma) sie ohne Probleme zu verstehen. Ihre Stimme war zwar leise, aber wohlmoduliert und Tovarjal bewunderte erneut ihre zarte Schönheit. Gleichzeitig konnte er aber feststellen, dass sie sich als Vertreterin ihrer Mutter ganz offensichtlich nicht wohlfühlte. Sie machte auf ihn den Eindruck einer Person, die zum ersten Mal eine solche Rolle übernehmen musste, aber nicht der Meinung war (Komma) alt genug dafür zu sein. Ihn wunderte das nicht, denn sie wirkte auf ihn wirklich sehr jung. Dann trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment, als sie ihrerseits Tovarjal musterte und ihre roten Lippen formten ein erstauntes „O“, bevor sie ihren Blick wieder auf den Boden richtete.

Sobald sie den aller Wahrscheinlichkeit nach auswendig gelernten Satz ausgesprochen hatte (Komma) teilte sich der Vorhang und weitere Kriegerinnen mit dem weißen Wolfsabzeichen erschienen aus dem abgetrennten Bereich. Sie brachten einen Tisch, einen reich verzierten Stuhl sowie ein gerolltes Pergament, eine Feder, einen Behälter mit Tinte und einen mit Sand und platzierten all dies vor dem Rego. Dann zogen sie sich sofort wieder hinter den Vorhang zurück.

Mit einer eleganten Handbewegung gab die Tochter der Imperatra dem Rego zu verstehen (Komma) er möge am Tisch Platz nehmen.

„Dies ist der zwischen Vassucit und Kisarvar ausgehandelte Friedensvertrag. Meine Mutter hat ihn bereits unterzeichnet. Setz auch du deine Unterschrift darunter, Rego(Komma) und lass uns dann die abschließende Bedingung erfüllen, sodass der Frieden zwischen unseren Völkern seinen Lauf nehmen kann.“

Sie zögerte kurz und blickte noch einmal zu Tovarjal hinüber, bevor sie fortfuhr. (besser Doppelpunkt)„Bei dieser Vermählung werde ich die Stelle meiner Schwester einnehmen. Zuvor werde ich Sorge tragen (Komma) den Bräutigam auf die Zeremonie vorzubereiten. Dies ist notwendig, weil die Bedingungen des Friedensvertrages bestimmen, dass die Vermählung nach den Gesetzen des Imperiums vollzogen wird.“ Nachdem sie zu Ende gesprochen hatte (Komma) zog sie sich einige Schritte zurück.

Als sie von sich als der Tochter der Imperatra sprach (Komma) kam bei Tovarjal ganz kurz der Gedanke auf, ob es sich bei ihr wohl um die Erbin handeln könnte. Aber er verwarf diesen Gedanken schnell wieder, als er sie weiter beobachtete. Er bezweifelte, dass eine Frau, die zur Nachfolgerin einer Herrscherin erzogen wurde (Komma) einen derart schüchternen Eindruck erwecken könnte. Al sie sich dann als Schwester seiner Braut vorstellte (Komma) erkannte er, dass er recht gehabt hatte. Sollte die Thronerbin auch nur einen Bruchteil der Schönheit dieser jungen Frau besitzen (Komma) könnte sich seine lebenslange Strafe vielleicht doch erträglich gestalten.

Gerne hätte er im Vorhinein gewusst (Komma) was ihn bei den Vassu erwartete. Aber obwohl er seinen Vater in dieser Hinsicht oftmals bedrängt hatte (Komma) erhielt er nie eine Auskunft darüber. Mit großer Wahrscheinlichkeit besaß dieser selbst keine Informationen und deswegen ging der junge Mann inzwischen davon aus, dass die Imperatra kein Interesse daran hatte(Komma) ihm eine Vorbereitung auf sein Leben als Geisel zu gestatten. Irgendwann hatte er aufgehört (Komma) Fragen zu stellen und sich mit dem Unvermeidlichen abgefunden. Er wusste genau wie jeder andere Sarvarer so gut wie nichts über das Imperium, obwohl sie versucht hatten (Komma) die wenigen Kriegsgefangenen zu verhören. Aber die Kriegerinnen teilten ihnen nicht viel über sich oder das Land mit, für das sie kämpften. Wenn sie überhaupt etwas von sich gaben, war es die immer gleiche Behauptung (Komma) bei ihnen wäre es eben Brauch (Komma) ihre Männer vor Gefahren zu beschützen. Mehr wollten sie dazu nicht sagen. Die Sarvarer hatten sich auch nie dazu durchringen können(Komma) sie zu weiteren Aussagen zu zwingen, schließlich handelte es sich bei ihnen immer noch um Frauen. Und mit der Vereinbarung des Friedens wurden alle Frauen wieder freigelassen und kehrten unverzüglich ins Imperium zurück. Aus diesem Grund hatte er nun keine andere Möglichkeit (Komma) als auf die harte Tour herauszufinden, was ihn unter den Gesetzen und Bräuchen der Vassu erwarten würde. Und das stellte für ihn nur eine weitere Demütigung auf seinem Weg in die Geiselhaft dar.

Tovarjal beobachtete (Komma) wie sein Vater am Tisch Platz nahm und das Pergament entrollte, das sich schließlich als zwei einzelne Rollen entpuppte. ‚Natürlich‘; dachte der Princepo, ‚eine für Vassucit und eine für Kisarvar.‘ Er beobachtete weiter (Komma) wie der Rego Zeile für Zeile des Vertrags sorgfältig las, obwohl er an den Formulierungen nichts mehr ändern konnte. Wahrscheinlich wollte er sich nur vor irgendwelchen Überraschungen schützen, die die Vassu vielleicht noch eingefügt hatten. Offenbar fand er aber nichts daran auszusetzen, denn er griff ziemlich schnell nach der Feder, tauchte diese in die Tinte und setzte seine schwungvolle Unterschrift neben die der Imperatra. Während der Herrscher Sand darüber streute, um die Tinte zu trocknen, fragte sich der Princepo, ob seinem Vater tatsächlich der gesamte Inhalt des Friedensvertrages vorab bekannt gewesen war. Hatte er bereits zuvor von den geheimen Bedingungen und Klauseln gewusst? Und war es ihm nicht gestattet gewesen (Komma) seinem Sohn mitzuteilen, was er zu erwarten hatte, um den Frieden nicht zu gefährden? Wenn er sich an die Blicke erinnerte, die er ihm immer wieder zugeworfen hatte (Komma) konnte sich Tovarjal so etwas durchaus vorstellen. Aber nun war das auch egal, denn jetzt war er sich sicher, dass der weitere Verlauf der Zeremonie und alles was danach kam (Komma) für ihn unangenehm werden würde. Er hatte allerdings von vornherein keine Rücksicht von Seiten der Vassu erwartet und wurde daher von dieser Erkenntnis nicht überrascht.

Er war sich nur bisher nicht im Klaren darüber gewesen, ob die zu erwartenden Demütigungen sich eher gegen die Sarvar im Allgemeinen oder ihn im Einzelnen richten würden. Selbst die verschleierten Aussagen seines Vaters, die er in den seltenen Momenten von Redseligkeit während der vergangenen Monate von sich gegeben hatte und die die Opfer, die er von seinem jüngeren Sohn verlangte (Komma) betrafen, hatten in dieser Hinsicht keine für ihn schlüssige Antwort erbracht. Mal abgesehen von dem Moment vor wenigen Minuten, als der Rego seine Unterschrift auf das Pergament setzte und dabei den Eindruck erweckte(Komma) ihm persönlich eine Klinge an die Kehle zu setzen.

Der Rego erhob sich wieder und behielt eine der Pergamentrollen in der Hand, während er jeglichen Augenkontakt mit seinem jüngeren Sohn vermied. Stattdessen hielt er seinen Blick starr auf Ssutiss gerichtet. Sobald er weit genug vom Tisch zurückgetreten war (Komma) erschienen die Kriegerinnen erneut, um Tisch, Stuhl, Feder, Tinte, Sand und vor allem das Pergament an sich zu nehmen und begaben sich damit hinter die Abtrennung. Kaum waren sie aus dem Blickfeld der beiden Delegationen verschwunden (Komma) trat die junge Frau erneut nach vorne(vorne ist Jargon, vorn ist Literatur). Mit leiser Stimme ergriff sie noch einmal das Wort.

„Der Bräutigam wird nun auf die Zeremonie vorbereitet. Einzig er aus eurer (Eurer) Delegation hat die Erlaubnis (Komma) hinter den Vorhang zu treten. Für ihn ist es allerdings der einzig gangbare Weg.“

Sie drehte sich ziemlich abrupt um und verschwand mit schwingendem Rock und kurzen Schritten – wahrscheinlich um nicht auf den Saum ihres langen Rockes zu treten – hinter den Stoffbahnen der Abtrennung.

Tovarjal hatte sich völlig auf sie konzentriert und daher war ihm entgangen, dass sich die Primaduca lautlos von hinten genähert hatte. Bevor er auf ihre Anwesenheit reagieren konnte (Komma) hatte sie ihn bereits derart fest am Oberarm gepackt, dass er nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrücken konnte. Er war froh, den Vassu diese Genugtuung nicht zu gewähren.

„Es wird Zeit (Komma) dich in einen anständigen Promisi zu verwandeln, Junge“, sprach sie ihn in einem harschen Tonfall an und erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als wüsste sie, dass sie mit dem Sohn des Rego sprach und nicht zu einem Untergebenen oder Diener. Sie hielt seinen Oberarm fest im Griff und führte ihn regelrecht hinter den Vorhang ab. Er hatte gerade noch Zeit (Komma) einen kurzen Blick auf seinen Vater zu werfen. Es erfüllte ihn nicht gerade mit Hoffnung und Zuversicht, als er feststellte (Komma) der Rego sähe aus, als beobachte er einen Verurteilten auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Tovarjal spürte Zorn in sich hochsteigen und konnte ihn nur mit Mühe unterdrücken.

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Sobald der von der Primaduca abgeführte Sarvarer den von den Stoffbahnen gebildeten Vorhang durchschritten hatte (Komma) sah er, dass in dem Bereich, den er gerade betrat (Komma) weitere kleinere Räume abgetrennt worden waren, die sich um einen zentralen Raum herum gruppierten. Hier erwartete ihn die Tochter der Imperatra in einer auf Tovarjal seltsam demütig anmutenden Haltung, den Kopf gesenkt und die Hände scheinbar furchtsam vor dem Körper verschränkt. Sie machte auf ihn nicht im Geringsten den Eindruck (Komma) diese Delegation anzuführen. Als die Primaduca mit Tovarjal im Schlepptau erschien (Komma) trat sie sogar einen Schritt zurück, als fürchtete sie Gajetu. Diese Reaktion hatte der Princepo von der Tochter der Herrscherin auf keinen Fall erwartet.

Tovarjal spürte (Komma) wie wegen seiner Behandlung durch die Primaduca erneut Zorn in ihm aufstieg. „Nimm deine Hand von mir!“ befahl er ihr aufgebracht und konnte gerade noch verhindern (Komma) zu schreien. Er war es ganz und gar nicht gewohnt (Komma) wie ein Diener behandelt zu werden und es gefiel ihm auch nicht. Gajetu reagierte auf seinen Ausbruch zu seiner Überraschung allerdings nur mit einer Grimasse, die teils Verachtung, teils Vorfreude zeigte und verwirrte den Princepo damit. Sie ließ allerdings seinen Arm los und wandte sich stattdessen Serviri Ssutiss zu.

„Sieh zu, dass er anständige Kleidung anlegt, so wie es seinem Stand entspricht. Und bereite ihn gut auf seine Rolle bei der Zeremonie vor. Es liegt in deiner Verantwortung (Komma) dafür zu sorgen, dass er sich nicht ungehörig aufführt und damit Aississu Schande bereitet.“ Tovarjal glaubte im ersten Moment (Komma) nicht richtig gehört zu haben, aber er war sich sicher, dass die Kriegerin Ssutiss gerade einen Befehl erteilt hatte und plötzlich verstand er (Komma) wer hier tatsächlich das Sagen hatte. Bevor er allerdings darauf reagieren oder auch nur darüber nachdenken konnte, was das bedeutete, verschwand die Primaduca mit allen Kriegerinnen, die sich in diesem Teil des Zeltes aufgehalten hatten, durch einen weiteren Vorhang. Dahinter hatte er für einen kurzen Moment das Seeufer erkennen können. Auf einmal war er mit Ssutiss allein.

Die junge Frau lächelte ihn zaghaft an, obwohl er ihr anmerken konnte, dass sie Angst vor ihm hatte. Dies war kein Gefühl, das er in ihr hatte auslösen wollen. Aber sie hatte eindeutig noch mehr Angst davor (Komma) Gajetus Befehl nicht zu deren vollster Zufriedenheit auszuführen. Den Konsequenzen eines Versagens wollte sie sich ganz offensichtlich nicht stellen müssen.

Sie hielt ihm ihre Hand entgegen. „Komm, Bruder, lass mich dir helfen. Ich weiß, was getan werden muss, um dich in einen standesgemäßen Promisi zu verwandeln und ich bitte dich (Komma) mir in dieser Hinsicht zu vertrauen. Glaube mir, ich würde niemals einen Bruder hintergehen. Wir müssen zusammenhalten, sonst wird das zu unserer beider Schaden sein.“ Ihre Worte ergaben für Tovarjal keinen Sinn und er überlegte, ob es sein könnte, dass er sie vielleicht nicht richtig verstanden hatte. Die Art (Komma) wie sie die Worte aussprach und betonte (Komma) führte dazu, dass ihm manches erst mit einiger Verspätung verständlich wurde. Aber dann kam er zu dem Schluss, dass es nicht die Worte waren, die ihn verwirrten, sondern sein fehlendes Wissen. Er verstand aber auch, dass ihm nichts anderes übrigblieb (Komma) als ihr zu vertrauen. Was immer auch mit ihm geschehen sollte (Komma) musste er über sich ergehen lassen und zwar unabhängig davon, wie demütigend er es empfand. Besser er gewöhnte sich sofort daran. Mal abgesehen davon hatte er auch nicht vor(Komma) ihr das Leben zu erschweren.

Aus all diesen Gründen fiel ihm seine Antwort nicht schwer. „Ich vertraue dir, denn ich habe keine Ahnung von dem, was man von mir verlangt.“ Daraufhin nahm sie seine Hand und zog ihn hinter einen weiteren Vorhang. Was er dort zu sehen bekam (Komma) hatte er allerdings nicht erwartet. Er fand sich in einem Ankleide- und Schminkzimmer wieder, wie er es auch von sarvarischen Frauen her kannte. Nela, die Frau seines Bruders Dyanip, hatte ihm einmal erlaubt (Komma) ihres zu betreten. Der kleine Raum hier im Inneren des riesigen Zeltes enthielt ebenfalls mehrere Sitzgelegenheiten in Form von Diwanen, aber auch einen kleinen Tisch mit einem Spiegel. Darauf konnte er verschiedene Utensilien erkennen, die seiner Meinung nach etwas mit Schminken und Frisieren zu tun haben mussten. Auf dem Boden verstreut lagen Unmengen von Kleidung. Auf den ersten Blick konnte er vor allem Röcke und Tuniken in der Art erkennen, wie sie sie auch trug, allerdings in verschiedenen Grüntönen. Er verstand nicht, was er hier sollte.

„Ist dies dein Raum?“ (Komma) wollte er von Ssutiss wissen, aber sie errötete bei seiner Frage und schüttelte den Kopf.

„Ich bin das jüngste Kind und eines so schönen Raumes nicht würdig“, war ihre für ihn rätselhafte Antwort, die ihm wieder einmal nicht weiterhalf. Erneut streckte sie ihre Hand nach ihm aus.

„Bruder, komm zu mir, denn wir haben nicht viel Zeit und es ist vieles vorzubereiten. Ich werde dabei auch versuchen (Komma) dir einige Dinge zu erklären. Aber ich muss dir sagen, dass Gajetu eine ungeduldige Frau ist und ihr kann es nie schnell genug gehen. Sollte sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden sein, wird sie mich ohne Zweifel bestrafen.“ Ssutiss Augen begannen sich auf einmal mit Tränen zu füllen, aber sie schaffte es (Komma) diese zu unterdrücken, bevor sie es auf ihre Wangen schafften.

Tovarjal wollte auf keinen Fall, dass sie bestraft wurde. „Was möchtest du, das ich tue?“ Seine Frustration war allerdings so groß, dass es ihm schwerfiel(Komma) seine Frage einigermaßen höflich zu formulieren.

„Diese Kleidung musst du ausziehen“, sie deutete bei ihren Worten auf seine Hose, die Stiefel und das Hemd, „sie ist nicht standesgemäß für den Promisi der Erbin.“

Tovarjal war auch nicht davon ausgegangen (Komma) seine alte Kleidung behalten zu dürfen, deshalb hatte er kein Problem damit (Komma) sich ihrer zu entledigen. Allerdings musste er feststellen, dass es ihm nicht leicht fiel (Komma) nackt vor Ssutiss zu stehen. Noch nie hatte er sich vor einer Frau völlig entblößt mit der er nicht das Bett teilen wollte und er fühlte sich unter ihrem Blick unwohl. Sie hingegen schien sich an seiner Nacktheit nicht zu stören, denn sie ging völlig unbefangen einmal um ihn herum und als sie wieder vor ihm stand formten ihre Lippen erneut dieses erstaunte „O“. Sie kam ganz nahe an ihn heran und legte ihm ihre zarte Hand auf seine mit lockigem schwarzem Haar bedeckte Brust. Bei dieser leichten Berührung spürte er, wie sich etwas in ihm regte und er ermahnte sich selber streng zur Zurückhaltung. Er durfte nicht vergessen, dass sie die Schwester seiner Braut war.

Erneut schien sie mit den Tränen zu kämpfen, aber Tovarjal hatte diesmal keine Ahnung, was der Auslöser dafür gewesen sein könnte. Mit ihren Fingerspitzen strich sie sanft über sein Brusthaar. „Das habe ich nicht vorausgesehen.“

Tovarjal runzelte die Stirn. „Haben eure Männer keine Haare auf der Brust?“

Ssutiss schüttelte heftig den Kopf. „So etwas ist nicht erwünscht.“

Sie hob ihren Kopf und zum ersten Mal konnte er ihr direkt in die Augen schauen und er entdeckte, dass deren Farbe ein helles Grau war, das ihn an Nebel an einem Herbstmorgen erinnerte. „Hat man dir Gelegenheit gegeben (Komma) etwas über unsere Bräuche zu lernen?“

Nun war es an ihm (Komma) den Kopf zu schütteln und damit löste er ein Seufzen bei ihr aus. „Das hatte ich befürchtet.“

Nach einer kurzen Pause fuhr sie mit ihrer weichen Stimme fort: „Nachdem mir diese Aufgabe übertragen wurde, habe ich versucht, mich an alles zu erinnern, was ich je über Kisarvar erfahren habe. Aber ich muss zugeben, vieles (Komma) an das ich mich erinnern konnte (Komma) schien mir einfach zu seltsam zu sein und ich habe auch nie viel gewusst. Leider habe ich jetzt keine Zeit (Komma) dir mehr über unsere Bräuche zu erzählen. Ich kann dich nur noch einmal bitten mir zu vertrauen, auch wenn dir vieles ungewohnt vorkommt. Ich werde dich so vorbereiten, dass selbst Gajetu sich nicht darüber beschweren kann und bei der Zeremonie musst du nicht aktiv werden. Dir bleibt tatsächlich nichts anderes übrig, als alles über dich ergehen zu lassen, zu schweigen und dich nicht zu widersetzen, dann werden wir keine Probleme bekommen. Ich bitte dich aber inständig, Gajetu nicht noch einmal zu widersprechen oder sie so direkt wie vorhin anzusehen. Auch dein Status als Promisi meiner Schwester wird dich in einem Wiederholungsfall nicht vor einer Bestrafung schützen. Noch etwas. Es ist leider mehr als wahrscheinlich, dass sie den Vorfall von vorhin nicht einfach vergessen wird.“ Sie blickte ihn noch einmal eindringlich an, drehte sich dann um und begann in den Schubladen des kleinen Tisches zu kramen.

„Diese Haare musst du so schnell wie möglich loswerden und die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist (Komma) sie abzurasieren. Das könnte jetzt etwas unangenehm werden, aber wir haben …“

Tovarjal unterbrach sie, „… keine Zeit. Das sagtest du schon. Gib mir das Messer, ich mache es selbst. Inzwischen habe ich Übung darin (Komma) mich zu rasieren. Für mich macht es jetzt auch keinen Unterschied, ob es sich um Bart- oder Brusthaare handelt.“ Er nahm ihr ein kleines scharfgeschliffenes Messer aus der Hand, das sie einer der Schubladen entnommen hatte und machte sich sofort an die Arbeit. Es tat ihm zwar leid (Komma) jetzt auch noch sein Brusthaar zu verlieren, aber er konnte es nicht ändern. Er war ziemlich schnell fertig damit und hoffte dann nur, nicht auch noch seine Schambehaarung entfernen zu müssen.

In der Zwischenzeit hatte Ssutiss einen Tiegel vom Tisch genommen und ihn geöffnet. Sofort erfüllte ein angenehmer Duft nach Kräutern den kleinen Raum. Der kleine Behälter enthielt ganz offensichtlich eine wohlriechende Salbe und sie fing auch sofort an (Komma) seinen Oberkörper damit einzureiben. Als sie so nahe bei ihm stand, fiel ihm mit einem Mal auf, dass sie auch selbst nach dieser Kräutermischung roch. Vielleicht war es ja ihre eigene? Mit sanften, aber bestimmten Bewegungen brachte sie die wohlriechende Mischung auf seiner Brust und seinem Rücken auf, aber als ihre Finger sich in Richtung seines Unterleibs bewegten stoppte er sie.

„Wenn ich auch dort unten eingerieben werden muss, dann mache ich das doch lieber selbst.“ Ssutiss kicherte, überließ ihm aber den Tiegel. Er fühlte sich unter ihrem Blick immer noch unwohl.

„Wenn dir das tatsächlich lieber ist …“, sie(Sie) beendete ihren Satz allerdings nicht, wandte sich stattdessen um und begann in dem Haufen mit Kleidungsstücken zu wühlen. „Du bist viel größer, als ich erwartet hatte, aber ich hoffe (Komma) trotzdem etwas Passendes für dich zu finden.“

Tovarjal hingegen hoffte nur (Komma) die Kleidung, die sie für ihn aussuchte, sähe nicht zu seltsam aus. Aber auf das, was sie schließlich aus dem Stapel zog war er überhaupt nicht vorbereitet.

Sie hielt ihm das ausgewählte Kleidungsstück entgegen, aber sobald er erkannte (Komma) worum es sich dabei handelte, wich er vor ihr zurück. Er spürte (Komma) wie ihm wieder die Hitze des Zorns ins Gesicht stieg. Einzig sein Vorsatz (Komma) ihr keine Schwierigkeiten bereiten zu wollen hielt ihn davon ab (Komma) sie anzuschreien. Der Friedensvertrag mit seinen unzähligen ihn betreffenden Bedingungen spielte auf einmal überhaupt keine Rolle mehr für ihn.

„Das werde ich auf keinen Fall anziehen.“ Er spuckte ihr seine aus wütender Ablehnung hervorgerufenen Worte praktisch entgegen. Ihr verzweifelter Gesichtsausdruck konnte seinen Zorn kaum abmildern.

„Was gefällt dir daran nicht?“ (Komma) wollte sie mit leiser Stimme von ihm wissen. „Ist es vielleicht die Farbe? Aber Grün ist traditionell die Farbe der Vermählung, daran kann ich nichts ändern. Du wirst nicht darum herumkommen (Komma) etwas Grünes zu tragen. Oder ist es etwa die Länge? Es tut mir ja sehr leid, aber etwas Längeres habe ich nicht gefunden. Ich kann nicht verstehen, warum du dies nicht anziehen möchtest. Ich würde mich glücklich schätzen (Komma) dürfte ich bei meiner Verheiratung so etwas Schönes tragen, aber im Moment kann ich davon höchstens träumen, nicht jedoch darauf hoffen.“ Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

Er aber starrte nur auf den langen grünen Rock, den sie ihm entgegenhielt und der ähnlich geschnitten war wie ihr eigener. Er wirkte nur kostbarer.

„Ich bin ein Mann! Männer tragen keine Röcke!“ Er war so schockiert, dass er nur noch ein heiseres Flüstern hervorbrachte. Nun war ihm selbst nach Tränen zumute.

„Keine Röcke?“ Ssutiss wirkte völlig entgeistert. Aber ganz plötzlich nahm ihr Gesicht einen Ausdruck tiefer Traurigkeit an. Sie legte den Rock zur Seite, trat ganz nahe an ihn heran und nahm ihn dann behutsam, aber völlig unerwartet(Komma) in den Arm.

„Es tut mir so leid, Bruder, dass man dir nicht erlaubt hat dich auf das vorzubereiten, was dich erwarten wird.“ Sie ließ ihn wieder los und trat erneut einen Schritt zurück. „Im Imperium ist es Männern nicht erlaubt (Komma) Hosen zu tragen. Wie sagt man bei uns?“ Sie machte eine kurze Pause und überlegte. „‚Hosen machen hässlich‘.“

Tovarjal konnte sie nur anstarren. Er glaubte nicht, was er sie gerade hatte sagen hören. „Männern ist es nicht erlaubt (Komma) Hosen zu tragen?“

Sie nickte und fuhr in einem ernsthaften Tonfall fort. „Aber als Mitglied der imperialen Familie, auch wenn nur durch Heirat, ist es dir gestattet (Komma) Röcke zu tragen, die bis auf den Boden reichen. Du musst deine Füße und Beine nicht vor fremden Frauen entblößen.“ Sie nahm den Rock wieder zur Hand und hielt ihn ihm erneut hin.

Der Princepo blickte zuerst verzweifelt auf das Kleidungsstück (in ihrer Hand überflüssig) und sah dann sie an. Während er ihr ins Gesicht schaute (Komma) fiel ihm auf einmal ein kleines Detail an ihr auf, das er zuvor wohl übersehen hatte. Vielleicht hatte er es auch übersehen wollen. Aber nun entdeckte er mit einem Mal einen leichten Schatten auf ihren Wangen, der allerdings sehr geschickt überschminkt worden war. Auf einmal verstand er, dass dieses hübsche Mädchen mit dem langen roten Haar überhaupt kein Mädchen war. Das hatte er wohl zuvor nicht sehen wollen.

Mit einem Mal verstand er auch in aller Klarheit, dass er überhaupt keine Wahl hatte. „Bruder“, brachte er leise hervor, obwohl es ihm die Kehle zuschnürte, „es liegt nicht in meiner Absicht (Komma) dir Probleme zu bereiten.“ Oder seinem Volk.

Ssutiss lächelte ihn dankbar an und Tovarjal schaffte es tatsächlich (Komma) den Rock aus seiner Hand entgegenzunehmen. „Wie ziehe ich das an?“ (Komma) wollte er vom Bruder seiner Braut wissen.

„Schlüpf mit den Armen von unten hindurch und zieh ihn einfach über den Kopf. Deine Haare sind so kurz, da kann kein Schaden angerichtet werden. Außerdem bist du noch nicht frisiert.“ Tovarjal tat wie er ihm geraten hatte und zog den Rock dann bis zu seinen Hüften hinunter. Der Saum reichte gerade bis zum Boden. Er kam sich ziemlich lächerlich vor (Komma) während er das Kleidungsstück verschnürte.

Ssutiss lächelte ihn erneut aufmunternd an. In der Zwischenzeit hatte er eine ärmellose Tunika in einem etwas helleren Grün als dem Farbton des Rockes herausgesucht, die er Tovarjal nun entgegenhielt. Dieser schlüpfte auch in dieses Kleidungsstück und strich den Stoff glatt. Dabei stellte er fest, dass die Tunika gerade groß genug für seinen muskulösen Oberkörper war. Sie besaß allerdings einen extrem langen wie ein „V“ geschnittenen Ausschnitt, der fast bis zu seinem Bauchnabel reichte. Dadurch kam er sich in diesem Kleidungsstück halbnackt vor, obwohl es seinen gesamten Oberkörper bedeckte.

Ssutiss hatte ihm sofort angemerkt (Komma) wie unwohl er sich fühlte. „Meiner Meinung nach hat man mit Absicht nur Tuniken für dich ausgesucht, die einen derart tiefen Ausschnitt haben. Man will dir damit wohl zu verstehengeben (Komma) du würdest über deinen Stand heiraten. Es tut mir sehr leid (Komma) zu sehen (Komma) wie man dich demütigt, Bruder.“ Er konnte Ssutiss anhören, dass es ihm völlig ernst mit dieser Aussage war.

„Du hast keine Schuld daran“, versuchte Tovarjal ihn zu beruhigen. Auch wenn er jetzt wusste, dass Ssutiss kein Mädchen war (Komma) änderte das seltsamerweise nichts an seinem Bedürfnis, ihn nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Der junge Mann nahm einen Gürtel vom Tisch. „Dies ist dein Hochzeitsgürtel. Zukünftig wird er dich als Serviri, als Mitglied der Familie der Imperatra ausweisen und dir hoffentlich helfen (Komma) dich vor zu schweren Bestrafungen zu schützen.“ Er hielt ihm einen Ledergürtel wie seinen eigenen entgegen, mit einer weißen Schnalle in Form eines Wolfskopfes. Dann half er ihm dabei (Komma) diesen anzulegen.

„Jetzt bleibt uns nur noch (Komma) dich zu schminken und zu frisieren. Wenn du nur nicht so kurze Haare hättest (Komma) könntest du ein wirklich gutaussehender Promisi sein, Bruder.“

Er musste trotz der mehr als unangenehmen Lage, in der er sich befand, grinsen. „Du hättest mich vor einem halben Jahr sehen sollen, dann hättest du wahrscheinlich geweint. Mein Haar war so kurz wie das von Gajetu.“ Bei seinen Worten blickte Ssutiss ihn erschrocken an und einen Augenblick erschien es ihm so, als wolle der andere tatsächlich erneut auf der Stelle anfangen zu weinen. Aber er fing sich schnell wieder.

„Du hast so wunderbares Haar. Wie konntest du es nur so kurz schneiden? Einige Vassu kommen bestimmt auf die Idee (Komma) du wärst geschoren worden.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf und drückte Tovarjal gleichzeitig auf den Diwan vor dem Schminktisch. „Aber genug davon. Ich bin mir sicher, unsere Zeit ist fast abgelaufen. Aber ich bin geschickt und werde dich in kürzester Zeit geschminkt haben.“ Er legte sich einige Dinge bereit und ließ Tovarjal keine Zeit, etwas zu fragen. „Ich beneide dich um deine glatte weiße Haut. Es ist schade, dass wir den Schatten überschminken müssen.“ Ssutiss begann seine Wangen mit einem weißen Puder zu bestäuben, das jeglichen Hinweis auf seinen Bart überdeckte. Anschließend nahm er einen Tiegel mit schwarzer fettglänzender Schminke zur Hand. „Ich bitte dich (Komma) jetzt stillzuhalten. Für dich wird dies ungewohnt sein, aber ich weiß (Komma) was ich tue.“ Er begann Tovarjals Augen unter Zuhilfenahme eines kurzen dünnen Stäbchens mit der Schminke zu umrahmen. Im Spiegel konnte der Princepo verfolgen (Komma) wie er sich in eine fremde Person verwandelte. „So, das lässt deine Augen erstrahlen. Jetzt fehlt nur noch etwas Rot auf deinen Lippen …“, Ssutiss nahm einen anderen Tiegel und ein weiteres Stäbchen zur Hand und trug mit schnellen geschickten Bewegungen etwas auf seine Lippen auf, „… und du bist fertig.“

„Jetzt muss nur noch dein Haar gebürstet werden. Es ist wirklich zu schade, dass es nicht lang genug ist, um es zu einem Zopf zu flechten.“ Er nahm eine Bürste zur Hand, die um einiges schöner war als diejenige, die Tovarjal zu Hause benutzt hatte, um mit seinem längeren Haar zurechtzukommen. Mit ein paar kräftigen Bürstenstrichen brachte er Ordnung und Glanz in das schwarze Haar des Sarvarers.

Ssutiss betrachtete ihn noch einmal kritisch im Spiegel. „Du bist fertig. Aber sieh dich bitte vor, denn wir haben keine Zeit mehr (Komma) irgendwelche Schäden zu beseitigen. Jetzt muss ich nur noch mich selbst für die Zeremonie vorbereiten.“ Ssutiss warf einen ängstlichen Blick auf den Vorhang, der den Eingang zum Raum darstellte, als befürchtete er (Komma) Gajetu würde bereits davorstehen. Dann aber konzentrierte er sich wieder auf seine Vorbereitungen. Er hatte sich bereits zuvor einen grünen Rock und eine passende Tunika zur Seite gelegt und nahm diese nun an sich. Dann öffnete er seinen Gürtel und zog Tunika und Rock aus, unter denen er nichts weiter trug. Im ersten Moment war Tovarjal verwundert darüber, aber dann fiel ihm ein, dass er selbst ja auch nichts weiter als einen Rock und eine Tunika trug. Und einen Gürtel.

Ssutiss stand völlig nackt vor ihm und es schien ihn nicht im Geringsten zu kümmern. Bevor Tovarjal sich dessen bewusst wurde (Komma) hatte er seinen Blick über die schlanken weißen Gliedmaßen, den flachen Bauch und die haarlose Brust des Jungen wandern lassen. Dann sank sein Blick hinunter zu dem tiefroten Fleck auf seinem Unterleib. Die Schambehaarung wies die gleiche Farbe auf wie die Haare auf seinem Kopf und dieser Anblick erregte den Sarvarer unerwarteter Weise. Rasch lenkte er seinen Blick woanders hin.

Ssutiss war aber auch schon von oben in den Rock gestiegen, hatte ihn hochgezogen und an der Taille verschnürt. Danach streckte er Arme und Kopf durch die Öffnungen der Tunika und Tovarjal trat näher, um ihm dabei zu helfen(das glaubt dir keiner, wird aber hoffentlich im weiteren Verlauf verständlich), den Stoff glatt zu ziehen und danach den Gürtel wieder anzulegen. Das satte Grün seiner Kleidung bildete einen wunderbaren Farbkontrast zu seinem langen roten Zopf. Er musste allerdings seine Haare noch in Ordnung bringen, deshalb löste der junge Mann den Zopf, um dann mit geübten Bewegungen die Masse seines Haars auszubürsten. Obwohl Tovarjal sicher war der Jüngere käme auch gut alleine zurecht, ließ dieser sich trotzdem gerne bei einigen Stellen von ihm helfen, an die er nicht so gut herankam. Es freute den Sarvarer (Komma) ihm dabei behilflich sein zu können (Komma) einen guten Eindruck zu machen. Und er staunte darüber (Komma) wie schnell der junge Mann seinen Zopf wieder geflochten hatte.

Sie waren (aber überflüssig)keinen Moment zu früh fertig geworden. Der Princepo hatte gerade noch einmal Gelegenheit (Komma) die fremde Person, in die er sich verwandelt hatte, im Spiegel zu betrachten, da schob Gajetu auch schon den Vorhang mit einer aggressiven Bewegung zur Seite. Als sie feststellte, dass Ssutiss und Tovarjal bereits fertig waren (Komma) wirkte sie enttäuscht, als wenn sie gehofft hatte (Komma) die beiden für ihre Trödelei maßregeln zu können. Zornig presste sie ihre Lippen zusammen.

Auch in Tovarjal stieg erneut Zorn auf, aber er erinnerte sich gerade noch rechtzeitig an Ssutiss Worte über die Primaduca. Seinen Blick gesenkt zu halten (Komma) half ihm dabei (Komma) die Wut in seinen Augen zu verbergen.

Gajetu wies die beiden Männer mit einer knappen Kopfbewegung an (Komma) den Raum zu verlassen. Der Sarvarer zögerte einen kurzen Moment, weil ihm davor graute (Komma) in dieser Aufmachung vor seinem Vater und seinem Bruder erscheinen zu müssen, ganz zu schweigen von den Wachen und den Fischern, die die Primaduca als Zeugen mit ins Zelt gebracht hatte. Erneut rettete ihn Ssutiss, der ihn an der Hand nahm und mit sich zog, den eigenen Blick folgsam und demütig auf den Boden gerichtet und Tovarjal folgte seinem Beispiel. Schließlich hatte sein neuer Bruder sehr viel mehr Erfahrung mit dieser Kriegerin als er selbst und wenn auch wegen der erneuten Demütigungen Zorn in ihm brodelte, schaffte er es trotzdem(Komma) ihn unter Kontrolle zu halten. Ihm war selbst klar (Komma) dies wäre nicht der richtige Zeitpunkt für einen Ausbruch seines berüchtigten Temperaments.

Die beiden Männer gingen Hand in Hand nebeneinander her. Tovarjal war zuvor noch nie auf die Idee gekommen (Komma) die Hand eines anderen Mannes zu halten, aber mit Ssutiss fühlte sich das nicht falsch an. Gemeinsam bewegten sie sich auf den Vorhang zu, der sie noch vor den Blicken der Sarvarer verbarg. Er musste feststellen, dass es gar nicht so einfach war (Komma) sich in diesem langen und voluminösen Rock zu bewegen, ohne über den Saum zu stolpern. Deshalb ahmte er die kurzen Schritte seines Begleiters nach und war froh über die Unterstützung des jungen Mannes.

Schließlich mussten sie zwischen den Stoffbahnen hindurchtreten und gerieten damit in das Blickfeld der Wartenden. Tovarjal hielt seine Augen zuerst fest auf den Boden gerichtet, weil er sich dem Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters oder auf dem von Payn nicht aussetzen wollte. Er hörte das erschrockene Einatmen der Delegation und konnte sich in diesem Moment nicht mehr zurückhalten. Er musste jetzt doch aufblicken, denn ihm war gerade aufgegangen (Komma) dies könnte die letzte Gelegenheit sein, bei der er seinen Vater oder seinen Bruder sehen würde. Er wollte diesen Moment auf keinen Fall ungenutzt verstreichen lassen, deshalb schluckte er seinen verletzten Stolz hinunter und sah den beiden ins Gesicht.

Allerdings bereute er seinen Entschluss fast sofort wieder (Komma) als er auf den Gesichtern der beiden Zorn über die Behandlung des Princepo Tovarjal entdeckte. Und zwar Zorn über die Art und Weise, wie mit einem Equito umgegangen wurde, der jetzt eine Geisel der Imperatra war. Ihm selbst war ja bereits aufgegangen, dass es überhaupt keine Rolle spielte, dass er die Erbin des Throns heiraten würde, weil dies an seiner Stellung als Gefangener nichts änderte. Dem Wenigen, das Ssutiss ihm hatte mitteilen können, hatte er entnommen (Komma) seine Position wäre nichts Besonderes und die Demütigungen würden erst richtig beginnen (Komma) nachdem er Ssuyial erreichte. Die Aussagen des jungen Mannes erweckten bei ihm nicht den Eindruck (Komma) als wäre ein Mann bei den Vassu viel wert. Vielmehr schien es ihm (Komma) als hätte ein Mann im Imperium nicht viele Rechte, wenn er überhaupt welche besaß.

Während dem Rego Tränen über das Gesicht liefen und der Coronar Mühe hatte (Komma) seinen Zorn zu zügeln, stand Tovarjal wie erstarrt vor dem Vorhang und bekam nur wie aus weiter Ferne mit, dass Ssutiss wieder (zu sprechen begonnen hatte) angefangen hatte zu sprechen. Weil er Tovarjals Hand dafür losgelassen hatte (Komma) stand der Sarvarer nun alleine zwischen den Fremden.

„Ich stehe hier in Vertretung meiner Schwester Aississu und die Worte, die ich nun sprechen werde, sind ihre Worte.“ Tovarjal hob mühsam seinen Blick und schaffte es so gerade (Komma) den jungen Mann anzublicken. Dieser war offensichtlich ebenfalls ziemlich nervös, trotzdem gelang es ihm (Komma) mit einer enormen Anstrengung ruhig zu bleiben.

Ssutiss fuhr fort und sprach die Worte aus, die Tovarjals Vermutung über seinen zukünftigen Status bestätigten. „Hiermit binde und heirate ich dich.“ Der junge Mann machte eine Pause und Gajetu reichte ihm etwas, das sich als ein schmales grünes Band herausstellte. Er trat näher an Tovarjal heran und fesselte dessen Handgelenke mit diesem Band. Dieser war immer noch wie erstarrt und ließ alles widerstandslos über sich ergehen. „Ich verspreche, dich vor allem ungerechtfertigtem Harm und Schmerz zu schützen.“ Kaum hatte Ssutiss zu Ende gesprochen, da griff er schon hastig nach Tovarjals Handfessel, zog ihn daran hinter sich her und verschwand mit ihm wieder hinter dem Vorhang.

Praktisch ab dem ersten Wort, das Ssutiss von sich gab (Komma) hatte der ehemalige Princepo außer dessen Stimme nichts anderes mehr wahrgenommen. Er hatte auch nichts mehr gefühlt mit Ausnahme der Hoffnung, Ssutiss nicht in Schwierigkeiten gebracht zu haben.

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Während Tovarjal von Ssutiss weggezogen wurde (Komma) fingen die Kriegerinnen bereits an (Komma) Rego Lephan und seine Delegation aus dem Zelt hinauszudrängen und störten sich dabei auch nicht an den Protesten der Männer. Nur die Fischer bewegten sich noch schneller, denn sie waren in dem Moment aus dem Zelt geflüchtet, als der Eingang freigegeben wurde. Sie hatten offensichtlich kein Interesse daran (Komma) auf die Aufforderung durch die Vassu zu warten. Die Kriegerinnen bildeten sofort einen Kordon um das Zelt, als wollten sie die Sarvarer daran hindern (Komma) zurückzukehren. Tovarjal, der sich jetzt tatsächlich allein unter Fremden befand hatte allerdings eher den Eindruck, es ginge den Frauen um etwas anderes. Ihre Aufmerksamkeit war nämlich hauptsächlich auf das Zelt gerichtet. Auch wenn er nur die Seite zum Seeufer hin im Blick hatte und die Kriegerinnen auf der Vorderseite nicht sehen konnte, benötigte er diese Informationen auch nicht. Er hatte Gajetus Befehle nicht überhören können.

Ssutiss führte ihn nicht wieder in den kleinen Raum zurück, sondern stattdessen zu dem Ausgang, der zum See führte. Als Tovarjal mit ihm zusammen aus dem Zelt trat (Komma) erblickte er als erstes eine große Gruppe Männer, die direkt vor den Kriegerinnen standen. Er ging zumindest davon aus (Komma) es handele sich bei ihnen um Männer, weil sie ebenfalls Röcke und Tuniken trugen, wenn auch keiner von ihnen eine, die so lang war wie die von Ssutiss oder seine eigene. Aber genau wie der Jüngere hatten sie alle ihr langes Haar zu einem Zopf geflochten.

Er hörte (Komma) wie hinter ihm die herunterhängenden Stoffbahnen des Ausgangs zur Seite geschlagen wurden und dann schritt auch schon Gajetu an ihm und Ssutiss vorbei. Sie blieb vor ihnen stehen und musterte die Gruppe Männer mit finsterem Blick. Dann fuhr sie damit fort (Komma) Befehle zu erteilen.

„Alle Virei räumen unverzüglich das Zelt aus und bauen es schnellstens ab, um es auf den Schiffen zu verstauen. Ich will so bald wie möglich von hier aufbrechen.“ Sie hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als die Männer sich schon in Bewegung setzten. Tovarjal fiel auf, dass sie alle groß und kräftig gebaut waren, mit gut ausgebildeten Muskeln und sie sahen nicht aus, als ob sie mit schwerer Arbeit Probleme bekämen. Gajetu drehte sich um und sah nun den Sarvarer direkt an. „Versteh mich richtig, Viri, du hast genau wie alle anderen deinen Anteil an der Arbeit zu leisten.“ Mit diesen Worten zog sie einen Dolch aus ihrem Gürtel und durchtrennte das grüne Band, das seine Handgelenke fesselte. Er behielt an jedem Arm nur einen festverknoteten Rest davon zurück, der jetzt fast wie ein Armband aussah. Bevor er irgendwie auf die Worte der Primaduca reagieren konnte (Komma) zog Ssutiss ihn in Richtung Zelt zurück.

Gajetu war aber noch nicht fertig mit ihm. „Da du erst seit wenigen Momenten ein Viri bist (Komma) teile ich dir jetzt in aller Deutlichkeit mit, dass ich dich bestrafen werde (Komma) sollte ich der Meinung sein, du drückst dich vor der Arbeit. Ach ja“, setzte sie noch hinzu, „während ihr das Zelt abbaut (Komma) ist es euch nicht erlaubt (Komma) miteinander zu sprechen.“

Tovarjal verstand in diesem Moment (Komma) wieso die Männer die ihnen erteilten Befehle nicht noch einmal bestätigt hatten. Er fühlte sich allerdings gerade nicht in der Lage (Komma) weiter über seine Situation nachzudenken. Er stand immer noch unter Schock und war nicht fähig zu begreifen (Komma) was tatsächlich los war. Er hoffte(Komma) einige seiner Fragen würden sich im Laufe der nächsten Zeit von selbst beantworten. Er würde zum Beispiel gerne wissen (Komma) was ein Viri ist, aber Ssutiss zog erneut an ihm und Tovarjal gab ihm nach (Komma) ohne Widerstand zu leisten. Der Bruder seiner Frau wirkte nicht, als wäre er überrascht (Komma) mitarbeiten zu müssen. Und obwohl er so zart wirkte (Komma) packte er genauso tatkräftig an wie die anderen auch und Tovarjal nahm sich ein Beispiel an ihm. Er blieb die ganze Zeit direkt neben ihm und ließ sich wortlos zeigen, wo er sich bei der anstrengenden und schweißtreibenden Arbeit nützlich machen konnte. Dabei hatte er überhaupt keine Zeit (Komma) zornig zu werden und betrachtete das dann später tatsächlich als Vorteil.

Während er dabei half (Komma) das riesige Zelt abzubauen (Komma) erhielt er immer wieder Gelegenheit, die Männer zu beobachten, die von Gajetu als Viri bezeichnet worden waren. Sie hatte allerdings auch ihn selbst so benannt und deshalb kam ihm der Gedanke, ob Viri einfach nur „Mann“ bedeutete? Als er den anderen zusah stellte er fest, wie gut sie aufeinander eingespielt waren. Die Tatsache, dass sie nicht miteinander sprechen durften (Komma) schien sie nicht weiter zu stören. Er konnte erkennen, dass sie Handzeichen benutzten, um sich zu verständigen. Offensichtlich waren sie es gewöhnt (Komma) ohne Worte miteinander zu arbeiten. Nur Ssutiss und er selbst waren Fremdkörper, die sie aber geschickt mit einbezogen. Die kurzen abgerissen wirkenden Tuniken, die sie trugen, zeigten die Spuren schwerer Arbeit genau wie die Röcke, aber weil diese ihnen nur bis zur Wade gingen und auch nicht so voluminös wie sein eigener waren (Komma) konnten sie gut in ihnen arbeiten. Ssutiss hatte ganz offensichtlich auch gelernt (Komma) die Stofffülle seines Rockes zu kompensieren, aber Tovarjal tat sich schwer, schließlich trug er das Kleidungsstück erst seit kurzer Zeit. Es dauerte nicht lange, da kam er nicht umhin (Komma) die anderen einschließlich des rothaarigen jungen Mannes, wegen ihrer Ausdauer, aber auch wegen ihres Geschicks (Komma) zu bewundern.

Die Zeremonie hatte am späten Nachmittag stattgefunden und die Viri benötigten mehrere Stunden, um ihre Arbeit zu beenden. Deshalb dauerte es bis in den Abend hinein (Komma) bis(ehe) sie fertig wurden und an Bord der Schiffe gehen durften, und Ssutiss und Tovarjal gingen mit ihnen. Wie die anderen auch bekamen sie an Bord Essen und Wasser gereicht und wurden dann unter Deck getrieben. Die Leiter in einem Rock hinunterzuklettern und dies auch noch mit Essen und Wasser in den Händen, stellte eine weitere Herausforderung für Tovarjal dar, aber schnell merkte er, dass die Männer sich gegenseitig unterstützten und auch ihn davon nicht ausnahmen. Aus diesem Grund hatte er nach einem langen Tag, der ihn bis an den Rand der Erschöpfung gebracht hatte, endlich die Gelegenheit (Komma) sich hinzusetzen und Ssutiss befand sich direkt an seiner Seite. Er war jetzt von den ihm fremden Männern umgeben, die damit begonnen hatten (Komma) sich lebhaft, wenn auch sehr leise miteinander zu unterhalten. Der blödsinnige Eindruck, den sie zu Beginn auf ihn gemacht hatten, resultierte augenscheinlich nur daraus, dass sie nicht miteinander sprechen durften. Die Wirklichkeit stellte sich aber als etwas völlig anderes heraus. Er verstand nun, dass diese Männer einfach nur das Pech hatten (Komma) im Imperium der Vassu geboren worden zu sein und dazu wohl noch als eine Person niedrigen Standes, wenn er sich nicht irrte. Er verstand auch, dass sein zukünftiges Leben nicht sehr viel anders aussehen würde, nur nicht an Bord eines Schiffes. Sein Rock war zwar länger, aber das machte keinen Unterschied.

Der Tag, an dem aus einem Sarvarer ein Viri geworden war, hatte sich für diesen als äußerst anstrengend herausgestellt und dies lag weniger an der körperlichen Arbeit, die er in den letzten Stunden hatte leisten müssen. Die (ganzen überflüssig) Demütigungen, denen er heute ausgesetzt gewesen war und seine Bemühungen(Komma) seinen immer wieder auflodernden Zorn zu unterdrücken (Komma) hatten ihn dagegen über alle Maßen erschöpft. Deshalb verwunderte es ihn nicht, dass er gerade noch die Kraft aufbrachte (Komma) sein Essen hinunterzuschlingen, bevor er sich auf dem harten Boden zusammenrollte. Erst nach einiger Zeit bekam er mit, dass Ssutiss von seiner Seite verschwunden war, aber er besaß nicht mehr die Kraft (Komma) sich nach ihm umzuschauen. Daher blieb er nun ganz allein und frierend auf dem kalten Untergrund liegen, aber er musste schnell feststellen, dass er Probleme damit hatte (Komma) einzuschlafen. Er hatte zwar auch schon zuvor an unangenehmen Orten schlafen müssen – vor allem während des Krieges - aber in diesen Fällen hatte er wenigstens einen Umhang oder eine Decke gehabt, um sich zu wärmen. Meistens hatte er sich seine Schlafstelle auch mit Kameraden geteilt, wie es unter Soldaten im Feld eben üblich war. Niemanden hatte es in diesen Situationen interessiert, dass er der Befehlshaber war und die anderen seine Untergebenen. Niemals aber hätte er gedacht (Komma) sich einmal nach diesen Gelegenheiten zurückzusehnen.

Er war allerdings so müde, dass er trotz dieser Widrigkeiten immer wieder einnickte, aber dann durch die Kälte wieder geweckt wurde. Diese hatte sich unter Deck festgesetzt, obwohl sich hier so viele Personen aufhielten und es noch Sommer war. Er hatte nicht gewusst, dass die Sommernächte auf dem See so kalt sein konnten. Wenn er dann wieder aus seinem kurzen und unruhigen Schlaf erwachte, musste er jedes Mal zu seinem großen Schrecken feststellen, dass er weinte. Er wusste nicht, ob dies durch seine Erschöpfung ausgelöst wurde, durch die Kälte oder das Gefühl (Komma) von allen verlassen worden zu sein.

Dann spürte er (Komma) wie sich auf einmal jemand neben ihn legte und eine Decke über sie beide ausbreitete. „Ich habe dir doch gesagt, Bruder, dass wir zusammenhalten“, wisperte Ssutiss ihm ins Ohr. „Es tut mir leid, dass ich nicht schneller mit der Decke zurückkommen konnte, aber mir war nicht bewusst (Komma) wie erschöpft du bist. Ich hatte nicht vor (Komma) dir das Gefühl zu vermitteln im Stich gelassen worden zu sein.“

Tovarjal machte sich nicht die Mühe zu antworten, sondern nahm den anderen einfach nur in den Arm und zog ihn an sich heran. Die Körperwärme des jungen Mannes tat ihm gut. Und Ssutiss würde ebenfalls von Tovarjals Umarmung profitieren, denn im Laufe der Nacht würde er ebenfalls zu frieren anfangen. Der letzte Gedanke des Sarvarers war tiefe Dankbarkeit dem Rothaarigen gegenüber, ohne den er den heutigen Tag nicht so gut überstanden hätte. Dann fiel er in einen traumlosen Schlaf.

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Die Überquerung des Hijiley-Sees von Norden nach Süden oder in die Gegenrichtung dauerte nicht länger als einige Stunden. Die Vassu nannten den See schmal, aber in Wirklichkeit war er das nicht. Er wirkte nur schmal im Vergleich zu seiner Länge. Den sarvarischen Equitem, die den See teilweise umrundet hatten, war auch nicht entgangen, dass er sich verdammt lang hinzog. Tovarjal war während des Krieges mehrmals an seinen Ufern entlang bis auf die südliche Seite vorgedrungen, um gegen die Vassu zu kämpfen. Immer (Komma) wenn er danach in seine Heimat zurückgekehrt war hatte er darüber nachgedacht wieso so viele aus seinem Volk das Gewässer für unüberwindlich hielten. Diese Überzeugung hatte sich zu einer Schwachstelle der Sarvar entwickelt und die hatte ihnen fast das Genick gebrochen.

Kurz vor Sonnenaufgang erreichten die Schiffe das südliche Ufer. Sobald sie festgemacht hatten (Komma) öffneten die Vassu die Luke zum Unterdeck und die Virei mussten an Deck kommen. Es war noch so früh am Tag, dass die Sonne gerade erst den Horizont über dem Wasser berührte und es war immer noch so kalt wie in der Nacht, aber die Vassu interessierte das nicht. Schließlich gab es für die Virei, die für die imperiale Armee arbeiten mussten, immer etwas zu tun.

Tovarjal und Ssutiss betraf das allerdings nicht. Die beiden mussten stattdessen unter Gajetus Aufsicht das Schiff, die Virei und die darauf stationierten Kriegerinnen verlassen, um zum Palast der Imperatra aufzubrechen. Mehrere berittene Kriegerinnen warteten bereits am Ufer auf sie. Sie hatten ein Pferd für die Primaduca dabei, außerdem noch eine Gruppe Virei und einen geschlossenen Kastenwagen. Die beiden Männer mussten aber dann doch noch in der Kälte des Morgengrauens ausharren, weil einige der Gegenstände, die Tovarjal im Zelt gesehen hatte, im Wagen verstaut werden mussten, bevor sie die mehrere Wochen dauernde Reise nach Ssuyial antreten konnten. Der Palast der Imperatra lag im Kernland von Vassucit, wo er bereits vor vielen hundert Jahren errichtet worden war, noch bevor das Imperium sich in alle Richtungen und eben auch nach Norden hin ausbreitete. Deswegen würden sie auch so lange benötigen, um von hier aus Ssuyial zu erreichen.

Gajetu und ihre Kriegerinnen würden den weiten Weg auf dem Rücken ihrer Pferde zurücklegen, aber die beiden Männer und die anderen den Frauen zugeteilten Virei mussten zu Fuß gehen. Damit jeder von ihnen verstand, was sie auf dieser Reise von ihnen erwartete (Komma) machte Gajetu den Männern das vor dem Aufbruch noch einmal ausdrücklich klar. Ssutiss und Tovarjal hatten sich von den anderen fernzuhalten und ohne ausdrückliche Erlaubnis war es ihnen auch nicht erlaubt (Komma) sich miteinander zu unterhalten. Damit keiner von den Virei die Regeln vergaß (Komma) halfen die Kriegerinnen dem Erinnerungsvermögen der Männer mit Schlägen nach und Gajetu stellte persönlich sicher, dass auch der Sarvarer verstand, wie er sich zu verhalten hatte. Dabei machte sie ihm auch ziemlich handfest begreiflich, dass sie seinen Temperamentsausbruch vor der Zeremonie nicht vergessen hatte. Tovarjal war nach dieser Lektion glücklich (Komma) ohne gebrochene Rippen davongekommen zu sein. Die gegen ihn gerichtete Gewalt hatte ihn trotz Ssutiss vorheriger Warnung überrascht.

Dies war aber nicht der einzige Grund (Komma) wieso sich der Beginn der Reise für den ehemaligen Princepo ziemlich anstrengend gestaltete. In der Nacht zuvor hatte er nicht besonders gut geschlafen und die Müdigkeit des Vortages hatte ihn noch nicht verlassen. Vor allem aber war er es nicht gewohnt zu laufen, dazu noch barfuß und in dem langen voluminösen Rock. Nicht nur an diesem, sondern auch an den nachfolgenden Tagen stürzte er des Öfteren, weil er auf den Saum des Kleidungsstückes trat. Wenn er dann nicht schnell genug wieder auf die Füße kam – und dies war besonders gegen Abend der Fall – dann verdiente er sich eine Kopfnuss. Und das Gelächter der Frauen verfolgte ihn. Er benötigte einige Tage (Komma) bis er den Kniff raushatte mit kurzen Schritten sowohl die Gefahr des Stolperns zu vermeiden als auch das von den berittenen Frauen gewünschte Tempo beizubehalten. Er lernte auch sehr schnell (Komma) sich bei eventuellen Stürzen rasch wieder aufzurappeln, egal wie müde er war.

Gegen Abend wurde das erste Nachtlager auf dieser Reise in der Nähe eines kleinen Wäldchens von wilden Obstbäumen aufgeschlagen. Tovarjal und Ssutiss erhielten die Erlaubnis (Komma) die kleinen gelben und roten Früchte zu pflücken und gingen mit Feuereifer zur Sache, denn sie hatten den Eindruck gewonnen (Komma) dies würde an diesem Tag ihre einzige Nahrung bleiben. Als man sie dann mit ihrer Beute in den Wagen sperrte (Komma) wussten sie, dass sie mit ihrer Annahme recht gehabt hatten.

Sobald er sich im Inneren befand (Komma) entdeckte Tovarjal, dass ein dicker Teppich den Boden des Wagens bedeckte und auf diesem Kissen und Decken verteilt worden waren. An einer Seite hatte man den kleinen Schminktisch aus dem Zelt platziert und darauf eine bereits entzündete Lampe. Daneben stand eine große Truhe. Als Ssutiss sie öffnete (Komma) entdeckten sie darin Röcke und Tuniken aus dem ungebleichten Stoff, der von den Männern offenbar im Alltag getragen wurde. Allerdings wusste Tovarjal nicht, ob es außer bei seiner Vermählung überhaupt noch Tage gab, an denen ein Viri etwas anderes tragen durfte. Am oberen Rand der Wände entdeckte er knapp unter der Decke einige Schlitze, durch die noch etwas Licht in den Wagen fiel. Sobald sie hineingeklettert waren (Komma) wurde die Tür hinter ihnen geschlossen und verriegelt. Die Vassu hatten sie für die Nacht eingesperrt. Tovarjal hatte nicht übersehen können, dass kein weiterer Wagen vorhanden war und deshalb ging er davon aus (Komma) die anderen müssten die Nacht im Freien verbringen. Er hatte nicht gedacht, dass es außer der Rocklänge noch weitere Unterschiede zwischen den Männern gab. Offensichtlich hatte er sich geirrt.

Ssutiss setzte sich ohne viele Umstände auf den Boden und gab Tovarjal mit einer Handbewegung zu verstehen, sich neben ihm niederzulassen. Dann beugte er sich zu dem größeren Mann hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: „Die Wände des Wagens sind dick und wenn wir leise sprechen, kann man uns draußen nicht hören.“

Er teilte das Obst auf, schob eine Hälfte zu Tovarjal hinüber und begann seinen Anteil sofort zu verspeisen. „Heute werden wir nichts anderes zu essen bekommen. Ab morgen werden wir jedoch die Gelegenheit erhalten (Komma) uns nach dem Aufstehen etwas zu kochen und abends nicht mehr hungern müssen, Bruder.“ Er klang nicht übermäßig besorgt.

In diesem Moment fühlte Tovarjal sich viel zu müde, um mehr als nur ein Nicken zustande bringen zu können. Sobald er seinen Teil des Obstes gegessen hatte (Komma) legte er sich daher auf den Teppich und wollte sich gerade mit einer der Decken zudecken, als Ssutiss sich über ihn beugte. „Lass mich einen Blick auf deine Seite werfen“, flüsterte er ihm zu.

„Mir geht es gut“, gab Tovarjal genau so leise zurück. „Ich habe schon größere Schmerzen ausgehalten. Ich komme zurecht.“ Er wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Der andere ließ aber nicht locker, deshalb zog der Sarvarer schließlich seine Tunika über den Kopf und legte sich mit nacktem Oberkörper zurück auf den Teppich. Er hatte aber nicht vor (Komma) selbst einen Blick auf seine Rippen zu werfen, denn ihm reichte es (Komma) die starken Schmerzen zu spüren. Obwohl … stark war eigentlich eine Untertreibung.

Ssutiss zog abrupt und gut hörbar seinen Atem ein. „Gajetu hat dir ihren Standpunkt ziemlich deutlich klargemacht, oder? Sie hat dich auch für deinen zornigen Ausbruch im Zelt bestraft.“ Der letzte Satz war keine Frage gewesen.

Tovarjal nickte. „Sie hat keinen Hehl daraus gemacht.“ Und dann blickte er doch auf seine Rippen und erschrak wegen des Ausmaßes der dunklen Verfärbungen. Trotz der Schmerzen hatte er nicht damit gerechnet, dass sich der Bluterguss über seine ganze Seite ziehen würde. Er blickte zu dem jüngeren Mann auf. „Trotz deiner Warnung war ich nicht auf diese Gewalt vorbereitet. Ich habe nicht geglaubt, dass sie so etwas darf.“

Da sie nichts für seine Verletzung(Heilung) tun konnten (Komma) versuchte er eine Schlafstellung zu finden, bei der sein Körper nicht so stark schmerzte. Dabei stellte er dann fest, dass er trotz seiner Erschöpfung nicht sofort einschlafen konnte. Vielleicht würde Ssutiss noch einige seiner Fragen beantworten.

„Ssutiss, was ist ein Viri?“ (Komma) wollte er von dem anderen wissen, der sich neben ihm ausgestreckt hatte.

„Ich bin ein Viri von Geburt, du einer, weil du geheiratet worden bist“, der Jüngere brachte bei diesen Worten sogar ein knappes Lächeln zustande. „Ein Viri ist ein Mann des Imperiums. Er ist ein Teil der Nation, aber er ist kein Vassu.“

Seine Worte verwirrten Tovarjal noch mehr(Komma) anstatt zu seinem Verständnis beizutragen. „Kein Vassu? Ich dachte, dies wäre der Name deines Volkes. Was meinst du damit, ein Viri wäre kein Vassu?“

Ssutiss runzelte die Stirn und antwortete nicht sofort. Stattdessen dachte er anscheinend darüber nach (Komma) wie er seine Worte wählen sollte. „Ich werde versuchen(Komma) es dir zu erklären, aber ich weiß nicht, ob es mir gelingt (Komma) das in für dich verständliche Worte zu fassen. Ich bin damit aufgewachsen, deshalb ist es für mich nichts Besonderes. Ich musste nichts davon bewusst lernen, deshalb fällt es mir schwer (Komma) mich so auszudrücken, dass du mich verstehen kannst.“ Er schloss für einen Moment die Augen, bevor er leise weitersprach. „Du hast recht, wenn du meinst (Komma) Vassu wäre die Bezeichnung für diejenigen, die Bürger des Imperiums sind. Du hast auch recht damit, dass es der Name unseres Volkes ist. Der Begriff bedeutet aber auch noch etwas anderes.“ Ziemlich abrupt verstummte er.

Die Pause zog sich so lange hin, dass Tovarjal ungeduldig wurde. „Was ist die zweite Bedeutung?“

„Ich habe gerade festgestellt, dass ich bisher nie genau darüber nachgedacht habe, Bruder. Ich habe es als gegeben hingenommen“, gab Ssutiss zurück. „Die andere Bedeutung von Vassu ist Frau.“

Der dunkelhaarige Sarvarer riss die Augen weit auf. „Willst du damit etwa sagen (Komma) das Volk der Vassu bestehe nur aus Frauen? Willst du mir erzählen (Komma) nur Frauen seien Bürger des Imperiums? Oder willst du mir beibringen, die Männer, die sogenannten Viri, seien keine Bürger?“

„Es heißt Virei“, antwortete Ssutiss abwesend, aber dann fokussierte sich sein Blick wieder. „Ein Mann ist ein Viri, mehrere sind Virei. Und ja, du hast die Situation gut zusammengefasst. Ein Viri ist zwar ein Teil von Vassucit, trotzdem ist er kein Bürger des Imperiums.“

Tovarjal konnte nicht glauben (Komma) was Ssutiss ihm gerade mitgeteilt hatte, deshalb musste er noch einmal nachfragen. „Wie sieht es mit den Gesetzen im Imperium aus? Gelten sie für einen Viri?“ Wenn er sich vorstellte (Komma) jetzt ein Teil von Vassucit zu sein, aber trotzdem keine Rechte zu besitzen wurde ihm schlecht.

Ssutiss nächste Worte bestätigten allerdings seine schlimmsten Befürchtungen. „Alle Gesetze im Imperium betreffen nur die Bürger, also die Vassu. Es gibt keine, die sich mit den Virei beschäftigen, zumindest nicht im Speziellen. Natürlich treffen alle Gesetze, die sich mit dem Eigentum der Vassu befassen, auch auf die Virei zu. So wie auf Pferde oder Hunde.“

Tovarjal konnte ein gequältes Stöhnen nicht unterdrücken. „Willst du mir sagen (Komma) ein Viri sei für die Vassu nicht mehr als ein Tier?“

„Für einige von ihnen trifft das durchaus zu, aber die meisten, die ich kenne, denken nicht so. Vor allem nicht die Mütter, die Söhne zur Welt gebracht haben. Es wird als schlechtes Benehmen angesehen, wenn eine Vassu sich nicht ordentlich um die Virei kümmert, die unter ihrer Aufsicht stehen.“ Ssutiss drehte sich von ihm weg und machte ihm damit klar, dass er keine Fragen mehr beantworten wollte.

Aber Tovarjal musste mindestens noch eine weitere Frage stellen. „Was bedeutet es (Komma) unter Aufsicht zu stehen?“

Ssutiss seufzte, drehte sich aber wieder um und blickte Tovarjal ernst an. „Du bringst mich dazu (Komma) über Dinge nachzudenken, die ich immer als unveränderliche Tatsachen angesehen habe.“ Er atmete tief ein. „Jeder Viri steht unter Aufsicht einer Vassu, die sein Leben regelt und ihm sagt, was er zu tun hat. Solange er ein Kind ist (Komma) wird das in der Regel seine Mutter sein. Später, wenn er geheiratet wurde, geht die Aufsicht auf seine Ehefrau über. Aber es kann sich genauso gut auch um ein anderes weibliches Mitglied seiner Familie handeln, eine Tante, eine Schwester oder eine Tochter. Manchmal wird die Aufsicht auch einer Vassu übertragen, die nicht mit ihm verwandt ist. Aber egal wer sie ist, diese Vassu bestimmt alles (Komma) was einen Viri betrifft. Wo er lebt, was er macht und auch seine Strafen.“

Tovarjal lief es eiskalt den Rücken hinunter. „Ssutiss, hat Gajetu die Aufsicht über mich?“ Dies war ein Gedanke, der ihn, einen erfahrenen Equito, mit Angst erfüllte. „Ich bin fest davon überzeugt, dass sie mich zutiefst hasst.“

Der andere legte ihm mitfühlend seine schmale Hand auf den Unterarm. „Nein, Tovarjal“, es war das erste Mal, dass er den Sarvarer mit seinem Namen ansprach, „ich weiß genau, dass dies nicht der Fall ist. Sie ist nur dafür verantwortlich (Komma) uns nach Ssuyial zu bringen. Sie darf dich nur bis zu einem bestimmten Punkt bestrafen. Es wundert mich allerdings (Komma) wie heftig deine Strafe ausgefallen ist. Viel zu heftig, selbst wenn ich deinen zornigen Ausbruch im Zelt mit einbeziehe. Aber warum sollte sie dich hassen? Ich meine (Komma) wieso sollte sie dich persönlich hassen?“

Tovarjal atmete erleichtert aus. „Also kann sie mich nicht einfach totschlagen?“ Dies war sein erster Gedanke gewesen, als Ssutiss ihm eben erzählt hatte (Komma) welche Macht eine Vassu über einen Viri ausübte, der unter ihrer Aufsicht stand. Allerdings musste er immer noch damit fertig werden (Komma) jetzt nicht mehr als ein Sklave zu sein, egal (Komma) ob er mit der Erbin vermählt worden war oder nicht. Alle Männer im Imperium waren Sklaven. Dies änderte aber nichts daran, dass er Ssutiss Frage nicht beantworten konnte.

Der andere schüttelte nur den Kopf und schloss dann seine Augen wieder. Ganz offensichtlich wollte er schlafen.

Tovarjal konnte aber nicht aufhören (Komma) Fragen zu stellen. Zumindest eine Sache musste er unbedingt noch wissen. „Würdest du mir bitte noch eine Frage beantworten, Ssutiss?“

Der Jüngere lachte leise. „Nur noch eine?“

Sein Lachen steckte Tovarjal an und er fühlte sich direkt etwas besser. „Eine noch für heute Abend, Bruder.“ Dann hob er seine Hände hoch, so dass Ssutiss seine Handgelenke sehen konnte, die immer noch mit den verknoteten Resten des grünen Bandes geschmückt waren. „Was ist das?“

„Das sind die Vinculae!“ Ssutiss drehte sich auf die Seite, um Tovarjal besser ansehen zu können. „Die Hochzeitsarmbänder.“ Er machte eine kurze Pause. „Da ich meine Schwester bei der Zeremonie vertreten habe (Komma) sind dies natürlich nicht die echten, sondern nur ein Ersatz. So wie auch ich nur ein Ersatz bin. Wenn du in Ssuyial ankommst (Komma) wird dir deine Gemahlin die richtigen anlegen, aber bis dahin musst du diese Bänder tragen. Und du solltest dich bemühen (Komma) sie nicht zu verlieren. Gajetu würde sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen (Komma) dich zu bestrafen. Übrigens trägt jeder Viri, der geheiratet wurde, die Vinculae.“ Er hob ganz kurz seine nackten Unterarme an, dann schloss er seine Augen wieder.

Nun schloss auch Tovarjal seine Augen. Er ging davon aus (Komma) der nächste Tag würde erneut anstrengend werden und es wäre besser, wenn er jetzt einschliefe. Ssutiss würde seine Fragen auch am nächsten Abend noch beantworten. Solange musste er sich gedulden. Solange konnte er sich auch gedulden.

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Ssutiss sollte erneut recht behalten. Bevor die Gruppe am nächsten Tag weiterreiste (Komma) durften sie sich Essen zubereiten, allerdings mussten sie auch welches für Gajetu kochen und dies würde sich auch für den Rest der Reise nicht mehr ändern. Aber dies war nicht alles, was sie nach dem Aufstehen zu erledigen hatten. Ssutiss hatte die Aufgabe übertragen bekommen (Komma) dem neuen Viri alles beizubringen, was dieser für sein zukünftiges Leben wissen musste. Dies war für Tovarjal auf der einen Seite nicht ganz so einfach, weil er sich bei vielen Tätigkeiten am liebsten geweigert hätte (Komma) sie auszuführen, auf der anderen Seite aber nicht so schwierig, wie er befürchtet hatte, weil die beiden Männer dabei miteinander sprechen durften. Diese Erlaubnis galt allerdings ab dem Zeitpunkt nicht mehr, wenn die Gruppe sich wieder auf den Weg machte.

Auf diese Art und Weise lernte Tovarjal jeden Tag etwas von dem, was ein Viri normalerweise bereits als Kind beigebracht bekommen hatte. Angefangen dabei, dass man von ihm erwartete(Komma) jeden Morgen gewaschen, mit sauberer Kleidung, geschminkt und ordentlich frisiert aus dem Wagen zu steigen. Er lernte aber auch Kochen, Wäschewaschen, Nähen, Saubermachen und andere Tätigkeiten, von denen man in Zukunft erwartete, dass er sie beherrschte. Ssutiss zeigte ihm aber auch für ihn persönlich Nützliches, darunter (Komma) wie ein Viri pinkelte (urinierte Komma) ohne den Rock nass zu machen. Während die anderen Virei für die Kriegerinnen arbeiteten, bereitete es Gajetu offenbar große Freude (Komma) ihre Kleidung von Tovarjal waschen und ihr Essen von den beiden Servirei zubereiten zu lassen.

Sobald die Männer mit ihren Arbeiten fertig waren (Komma) setzte sich die ganze Gruppe wieder in Bewegung, die Virei zu Fuß und die Vassu auf dem Rücken ihrer Pferde. Gegen Abend wurde dann ein neuer Lagerplatz für die Nacht gesucht und Ssutiss und Tovarjal in den Wagen gesperrt. Nachdem sie ihr Essen verspeist hatten und nebeneinander auf den Teppich lagen, beantwortete der Jüngere die Fragen des Sarvarers oder erzählte ihm etwas über die Dinge, auf die Tovarjals Auge im Laufe des Tages gefallen war. Ssutiss behielt ihn offenbar genau im Blick. Er versuchte aber auch (Komma) ihn aus Schwierigkeiten herauszuhalten und sorgte sozusagen nebenbei dafür, dass er alles lernte, was er als neuer Serviri, als ein Viri der imperialen Familie, wissen musste.

Die grün eingefärbte Kleidung hatten sie zu Beginn der Reise abgeben müssen, aber in der Truhe im Wagen befanden sich Kleidungsstücke in ausreichender Menge. Die meisten von ihnen mussten zwar umgeändert werden, weil sie entweder zu groß für Ssutiss oder zu klein für Tovarjal waren, aber dabei lernte Letzterer auch Nähen. Dabei stellte er erneut fest (Komma) wie geschickt der Jüngere (mit seinen Händen war überflüssig). Dies betraf nicht nur Hausarbeiten, sondern auch Schminken oder Frisieren. Der Sarvarer staunte jeden Morgen erneut darüber (Komma) wie schnell Ssutiss seine langen Haare zu einem dicken Zopf flechten konnte.

Aber obwohl Ssutiss unermüdlich damit beschäftigt war (Komma) dem Sarvarer bei dem Einstieg in sein neues Leben behilflich zu sein, fiel Tovarjal jeden Tag in tiefere Hoffnungslosigkeit. Dem jüngeren Mann fiel es immer schwerer (Komma) seinen Begleiter davor zu bewahren (Komma) in ein tiefes schwarzes Loch zu stürzen, aus dem er vielleicht nicht mehr herausgefunden hätte. Im Endeffekt war es aber sein eigener Zorn, den der neue Viri seit Beginn der Reise mit so viel Mühe zu unterdrücken versuchte, der schließlich dafür sorgte, dass er nicht aufgab. Eines Vormittags brachte Gajetu ihn wieder zum Vorschein und musste dafür nichts weiter tun, als sich darüber zu beschweren, dass ihre Kleidung nicht sauber sei. Tovarjal war nicht ihrer Meinung, weil er keinen Schmutz darauf erkennen konnte und deshalb hielt er sich mit seiner Antwort nicht zurück. Er teilte der Primaduca seinen Standpunkt lautstark mit. Später bestätigte ihm Ssutiss, dass sich dort auch kein Schmutz befunden hatte, aber er erklärte ihm auch (Komma) dies würde keinen Unterschied machen. Wenn Gajetu ihm befahl (Komma) ihre Kleidung noch einmal zu waschen, dann sollte er das einfach tun. Dies wäre auf jeden Fall weniger schmerzhaft für ihn gewesen.

Aber für dieses Mal kam die Erkenntnis zu spät. Gajetu ließ sich diese Gelegenheit selbstverständlich nicht entgehen und sie war äußerst gut darin (Komma) seine Bestrafung sehr schmerzhaft zu gestalten (Komma) ohne ihn dabei ernsthaft zu verletzen. Danach hatte er etliche Tage lang Probleme (Komma) sich zu bewegen und das brachte ihm wiederum weitere Bestrafungen ein, weil der Trupp seinetwegen nicht schnell genug vorwärtskam. Er fühlte sich ungerecht behandelt, obwohl Ssutiss ihn ja immer wieder vor Gajetu gewarnt hatte und daran änderte sich auch nichts, als er später feststellte, dass alles ohne Narben verheilt war. Darüber hinaus machte ihn die Primaduca bei dieser Gelegenheit auch mit einer weiteren Art Strafe für Vir(e)i bekannt, die ihm zuerst überhaupt nicht wie eine Strafe vorkam.

Die Bestrafung bestand darin, dass ihm für einige Tage verboten wurde (Komma) den bodenlangen Rock und die dazu gehörende Tunika, die ihm bis zum Oberschenkel reichte, zu tragen. Stattdessen erhielt er ziemlich zerschlissene Kleidung. Einen Rock, dessen Saum in Höhe seiner Waden endete und eine Tunika, die gerade noch bis zum Bund seines Rocks reichte. Für ihn bedeutete dies aber in erster Linie (Komma) sich besser bewegen zu können. Anderenfalls wäre er wegen der Prügel, die Gajetu ihm verabreicht hatte (Komma) mit großer Wahrscheinlichkeit öfter gestolpert. Trotzdem entgingen ihm die Reaktionen der Kriegerinnen nicht. Sobald sie ihn in seinem kürzeren Rock zu Gesicht bekamen (Komma) fingen sie an (Komma) hämisch zu grinsen. Er konnte auch nicht überhören, dass sie ihn als dumm und liederlich bezeichneten. Manche gaben auch noch Unflätigeres von sich. Das konnte er nicht verstehen und daher fragte er an dem Abend, der auf die Vollstreckung der Strafe folgte, Ssutiss nach dem Grund für das Verhalten der Frauen.

Als der Jüngere ihm die Hintergründe dieser Bestrafung erklärte (Komma) lernte Tovarjal eine weitere Facette aus dem Leben der Virei kennen. Die Männer, die den Wünschen und Befehlen der sie beaufsichtigenden Vassu ausgeliefert waren, hatten mit der Zeit ihre eigenen Regeln aufgestellt, auch für Situationen, die ihnen unangenehm waren. So empfanden sie offensichtlich Scham, wenn fremde Vassu ihre entblößten Füße und Knöchel in aller Öffentlichkeit zu Gesicht bekamen. Daraus hatte sich dann offensichtlich der Brauch entwickelt (Komma) die Virei, deren Familien einen höheren sozialen Status besaßen, längere Röcke tragen zu lassen. Ssutiss versicherte ihm, dass es ihn ziemlich bedrückt hätte, wäre er derjenige, der sich den Kriegerinnen in dem kürzeren Rock zeigen müsste.

Tovarjal dachte lange über dieses Konzept nach. Natürlich glaubte er dem Jüngeren und die Strafe ergab tatsächlich einen, wenn auch ziemlich verdrehten, Sinn. Aber ihn persönlich berührte das nicht und er war froh darüber. Bedeutete das doch für ihn, dass er noch nicht in das Verhaltensmuster eines Viri verfallen war. Am darauffolgenden Abend sprach er mit Ssutiss auch darüber.

„Bist du tatsächlich der Meinung (Komma) dies sei ein Grund zur Freude?“ wollte dieser aber von Tovarjal wissen, während er sich seinen zerschundenen Rücken ansah.

Der Sarvarer konnte den Einwand seines Freundes nicht nachvollziehen. „Natürlich ist das ein Grund zur Freude für mich, denn es bedeutet, dass ich mich immer noch als Princepo Tovarjal sehe, als jüngeren Sohn des Rego Lephan und nicht als Viri.“

„Diese Einstellung wird dir nichts als Probleme einbringen“, hielt ihm der andere entgegen und brachte Tovarjal mit diesen Worten erneut zum Nachdenken. Am Ende musste er zugeben, dass Ssutiss durchaus recht haben könnte, denn schließlich befand er sich nicht mehr in Kisarvar. Er durfte nicht vergessen, dass er nun ein Mann war, der in Vassucit leben musste. Er war nun ein Viri. Er musste auch daran denken, dass er eine Geisel oder besser gesagt ein Gefangener der Imperatra war. Für sein Volk stellte er das Unterpfand für den Frieden zwischen Sarvar und Vassu dar. Er selbst sah sich allerdings eher als das Opfer des Friedens. Trotz und Zorn würden ihm aber auf jeden Fall in seiner Situation nur noch mehr Probleme einbringen. Ebenso wie das Leugnen der Wahrheit.



Na endlich ist mal ein Prinz an der Stelle einer Prinzessin.

Bin gespannt, wie es weitergeht.

Üprinx habe ich ein Problem mit der Formulierung „war gewesen“. Ich glaube, das ist nicht korrekt – es ist, es war, es ist gewesen – so habe ich es gelernt.

lg
 
Danke. Ich werde mir alles genau ansehen. Ich habe inzwischen selbst gemerkt, wie knauserig ich mit Kommata umgegangen bin und begonnen, meine Geschichten durchzusehen. Aber manchmal scheine ich einfach ein Brett vor dem Kopf zu haben.
 


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