Der Schwan

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CB90

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Sterne sind gestorbene Sonnen, dessen Licht noch nicht komplett erloschen ist, dachte M, als er den Friedhof betrat. Er hatte nach einer aussagekräftigen Bewerbung und einem soliden und ehrlich geführten Vorstellungsgespräch eine Stelle als Pförtner bekommen. Heute hatte er seinen ersten Arbeitstag. Begrüßt wurde er von Herrn Brühl, der die Tagschicht schmiss. Herr Brühl war ein untersetzter, dicker und auf den ersten Blick unfreundlicher Mann. Der aber, sobald er anfing zu sprechen, eine Besonnenheit und wenn M. sich nicht täuschte, väterliche Weisheit ausstrahlte.Herr Brühl reichte M. einen Schlüsselbund und eine Taschenlampe. „Wenn man so lange wie ich in der Nacht gearbeitet hat, dann muss man verdammt noch mal wissen, dass man eine Taschenlampe braucht, um sich hier zurechtzufinden“, sagte Herr Brühl zu M.

Der Friedhof hatte unzählige Lampen auf seinen verwinkelten Wegen. Diese wurden in der Nacht ausgeschaltet. Nachts erwachen die Untoten aus ihren Gräbern und suchen ihre Wege. Haben sie kein Licht, dann bleiben sie liegen. So war die Lage. In der Nacht konnte man die Tiere des Friedhofes hören. Ihre Triller, ihre Rufe, aber zu Gesicht bekam man sie fast nie, abgesehen von kleinen Wildschweinen. Dieses Grunzen, das fast wie ein Schreien wirkte, das konnte verrückt machen. Aber wenn man nachschauen ging, blieb dort keine Spur der Schweine über. Als wären sie nicht da gewesen. Anders waren die Insekten im Sommer. Zu Tausenden tummelten sie sich. All diese über die Jahrhunderte gestapelten Knochen, Haare und Kleidungsstücke hatten also jede Nacht Besuch von Tieren, die auf dem Friedhof ihren neuen Lebensraum gefunden hatten.

Neben den Ehrengräbern waren ein Teich und darauf ein kleines, fast verrottetes Ruderboot, das mit einem Strick am immer bewegungslosen schwarzen Wasser an einen Baum am Ufer gehalten wurde. Damals hatte es einen schwarzen Schwan gegeben, bevor der Friedhof eingeweiht wurde. Der Schwan erhob sich bei der Öffnung lautlos aus seinem Teich und flog davon. Sein schwarzes Gefieder verdeckt die Mittagssonne und warf für einen kurzen Augenblick einen dunklen Schatten. Seitdem Tag war dort kein Leben mehr im Teich. Es wurde versucht, Karpfen und Goldfische auszusetzen, selbst Schildkröten wurden organisiert, aber keines dieser vielen Tiere überlebte lange. Der Teich wurde von Experten untersucht, es gab keine Auffälligkeiten, pH Wert ok, einfach nichts. So nah lagen Tod und Leben zusammen. Für jeden fand sich ein Plätzchen und das galt auch für M., der zuvor bei all seinen Jobs gescheitert war. Keiner gab ihm Anweisungen, keine Verpflichtungen, keine größeren Projekte mehr, nur hier in der Pförtnerbude hocken. Die Augen aufhalten. Ab und zu Jugendliche vor den Toren des Friedhofes verjagen. Das war´s dann. Ein entspanntes Leben und morgens um 06:00 die Biege machen. Mit einer Frau unterhalten, oder mehr, das war nicht. Denn da war schon lange keine Frau mehr. So blieben M. nur die Nachtschicht und die Einsamkeit in der Pförtnerbude. Die Bude, hatte einen Bildschirm, der den Bereich vor den Toren des Friedhofes filmte. Der hintere Bereich, also der Bereich bei den Gräbern, der war der finsterste. Herr Brühls verabschiedete sich , als er die Tür der Pförtnerbude schloss. Herr Brühls blickte den letzten Moment, bevor er die Tür schloss zurück und seine Augen blicken M. an. Als hätte er M. noch irgendetwas zu sagen, was er aber nicht loswerden konnte. M. empfand diesen Moment, konnte ihn aber nicht einordnen. Augenblicke sind schon so gewesen, dachte M.

Gelangweilt sortierte M. die Besucherprospekte und schnitt seine Fingernägel. Getrunken hatte er nie, aber hier hätte er jeden Grund dazu. Es gab einen Kühlschrank. Er öffnete ihn und fand nichts. Ein muffiger Gestank kam M. entgegen. Er schloss den Kühlschrank. Er hatte ein geschmiertes Butterbrot vom Bäcker dabei. Die Verkäuferin nannte ihn immer „Schatzi“. Er hatte sich einmal mit ihrer zum Essen verabredet. Nach dem Essen, fragte er nach einem zweiten Treffen. Das wies sie barsch zurück. Es schien ihm, dass sie nur Essen wollte. Sie nannte ihn weiterhin Schatzi, machte ihm Komplimente und plauderte mit ihm, als sei nichts gewesen. Als er aufgegessen hatte, blickte er auf den Hofeingang des Friedhofes, dort wo die Pferde für spendierfreudige Angehörige standen. Wo waren die Pferde jetzt, dachte M. . Standen die Pferde schon bereit für den nächsten Tag. M. schlief ein. Er streckte sich auf seinem Bürostuhl und Spucke lief ihm aus seinen Mundwinkeln. Er träumte nicht. Er träumte nie, er wusste nicht, was das ist. Plötzlich schlug es an seine Tür. Es hörte sich an, als würde ein nasser Lappen an die Wand geschlagen werden. Er schreckte auf und öffnete die Tür. Er blickte in Reines schwarz, schwärzer als die Nacht. Er war geblendet von so viel Schwarz. Eine Umdrehung der Tatsachen. Seine Augen schmerzten, er taumelte zur Seite. Das war ein Schwan, ein schwarzer Schwan. Die müssen noch irgendwie riechen, dachte M, aber der Schwan roch nach nichts. Kein schlechter Geruch, kein guter Geruch und kein Tod. Wie konnte er das alles in so wenig Augenblicken bemerken, dachte er. Der Schwan zog, seine Flügel ein und lief M. entgegen. Schwäne können nicht sprechen, das war klar und das tat der Schwan auch nicht.

Der Schwan streckte seinen linken Flügel aus, so als würde er eine Hand ausstrecken. M. war in einem dieser Momente, in dem er dachte, dass das nicht die Realität war, dass er gleich aufwachen wird. Aber es passierte nichts, gar nichts. Er und der Schwan liefen aus der Pförtnerbude heraus und standen an der Stelle des Pferdeplatzes. Sie liefen gemeinsam in einem unerklärlichen Takt der Zweisamkeit. Wie hatten sie das so schnell geschafft. Schwäne können nicht laufen wie Menschen? Oder hatte er die Geschwindigkeit des Schwans angenommen. Waren sie vielleicht sogar geflogen? M. war weg. Er war keine Vergangenheit. Es war, als hätte er nie existiert. Als wäre er ein Teil dieser Gräber geworden, die einfach niemand mehr besucht wurden. Die Tür der Pförtnerbude war verschlossen. Tau war auf dem Gestrüpp neben der Bude. Kleine Raupen krochen an winzigen Wassertropfen vorbei, als dürften sie nie nass werden. Ein Hund bellte. Die Pferde klopften mit ihren Hufen auf den Asphalt. Die ersten Besucher und Angehörigen kamen.
 
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Franke

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Halo CB90,

Ständig "hatte", "hätte" "war", "wäre".
Da verliert man schnell die Lust am Lesen.
Wie schrieb doch ein verehrter User bei mir: Das hat man schon besser gelesen!

Liebe Grüße
Manfred
 

Franke

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Oh, ich kommentiere immer wohlwollend und versuche Tipps zu geben. Ein Heckenschützendasein war noch nie mein Ding.

Liebe Grüße
Manfred
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
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Hallo CB90,

richtig schöner skurriler Text. M verschwindet mit dem Schwan. Wieso auch nicht? Wenn die Höhepunkte im Leben darin bestehen, einen Job als Nachtwächter zu bekommen, der todlangweilig ist, zur Körperpflege genutzt wird und dass sich sonst Misserfolge aneinanderreihen - warum nicht mit einem Schwan verschwinden?

Das Ende ist traurig, nicht besuchte namenlose Gräber gibt es genug und nun ist M auch eines davon. Wie das eines Unbekannten Soldaten.

Kleine Rechtschreibfehler kannst Du noch verbessern.

Ich liebe Geschichten, die man nicht sofort versteht. Erst beim zweiten oder dritten Lesen. So wie diese hier. Alleine schon der Gedanke, dass der erste Arbeitstag eine Nachtschicht ist ... :)

Gern gelesen!

Viele Grüße

DS
 

Mimi

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Hallo @CB90
... nun, ich habe ja einen Faible für skurrile Geschichten und deine hier ist wirklich mal skurril ... aber mich stören, wie bereits schon oben erwähnt, diese ständigen Wortwiederholungen... z.B. beginnen viele deiner Sätze mit "Er" ... manche Sätze ließen sich leicht "umbauen" , da würdest du sicher auch einige Wiederholung einsparen können...

Das Ende deiner Geschichte ist für mich das eigentliche Highlight der Story...
also ein wenig Überarbeitung und es wäre eine runde Sache...

liebe Grüße
Mimi
 

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