Der Sturz

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Roger Izzy

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Bis anhin war ja noch alles irgendwie aufgegangen, zumindest was meine somatische und neurologische Befindlichkeit anbelangte. Ausser meiner komplexen Psychopathologie hatte ich viele Narben von meinen alkoholbedingten Stürzen, mein linker Fuss, das heisst die Mittelknochen der Zehen waren gebrochen und scheisse zusammengewachsen.
Das Band zwischen Schulterblatt und Schlüsselbein war auch gerissen, aber wieder zusammengewachsen.
Doch es kam, wie es kommen musste, auch wenn es traurig und beschissen war und bleibt.

Ich war wieder unterwegs gewesen, soff mit Frauen, fickte auswärts oder zu Hause. Eine Nutte schloss mich bei ihr ein und verlangte mit ihrem Zuhälter eine Art Kaution, damit ich gehen konnte.
Ich zahlte natürlich.
Zwei andere Weiber klauten mir Geld und meine Halskette mit dem Keltenkreuz, dafür hatten sie meine eingeschissene Unterhose unterm Bett. Eine lud mich zu ihr nach Hause ein, den restlichen Abend mit ihr zu verbringen. Als sie ihre Wohnungstüre aufschloss und ich ins Wohnzimmer trat, sah ich einen Typen am Crack rauchen und einen anderen am Fixen. Da gehörte ich nicht hin. Ich umarmte sie, gab ihr einen Kuss und verpisste mich so schnell wie möglich.

Ich spürte, dass es nicht mein Tag war, das heisst wohl eher nicht meine Woche. Obwohl ich eigentlich sensibel auf exogene und endogene Zeichen reagiere und mich meine Intuition und mein Instinkt nie trügen, so war mir doch alles scheissegal.
Dafür sollte ich büssen, und zwar in einer Heftigkeit, die ich zwar überlebte, die mich aber jeden Tag daran erinnert, was und wie es war und nicht mehr ist.
In einem Restaurant soff ich meinen letzten Gin und ass noch etwas. Dann schwankte ich zum Bahnhof und betrat die Gehtreppe, obwohl ich sonst immer die Rolltreppe nahm. Ich verlor das Gleichgewicht, stürzte aus fünf Metern Höhe die Treppe hinunter und blieb laut Unfallprotokoll bewusstlos in einer Blutlache liegen.

Mein verhängnisvoller Rückfall mit Alkohol und Benzodiazepinen und mein tragischer Treppensturz waren anno domini, ja, irgendwann im Namen des Herrn. Jeden Tag denke ich daran. Ich vermeide es sogar bis heute, an diesem Bahnhof auszusteigen.
Laut Protokoll kam ich erst auf die Notaufnahme, dann in ein Zimmer auf eine Station. Von dort aus, wir wissen um meine Reflexe, verpisste ich mich und stiess später irgendwo mit einem anfahrenden Tram zusammen. Inzwischen wurde auch nach mir gefahndet. Darüber muss man sich nicht wundern, denn ich hatte mir im Spital wieder mal die Infusionen herausgerissen und einen blutigen Abgang gemacht.

Da lag ich nun mit drei Hirnblutungen auf der Intensivstation, mein Zustand war kritisch, meine Liebsten verabschiedeten sich schon mal…

Ich kam immer wieder zu Bewusstsein. Was ich wahrnahm, war schockierend, düster, apokalyptisch! Dem Patienten im Bett gegenüber erteilte der Priester gerade die Sterbesakramente. Mir hätte er drei Kerzen der Dreifaltigkeit und natürlich einen Krug mit Gin auf meinen letzten Weg mitgeben dürfen.
Dazu kam es aber Gott sei Dank nicht. Ich erholte mich soweit, dass ich zum Stabilisieren in eine Psychiatrie verlegt wurde. Dort ging es mir noch beschissener. Ich weiss nur noch, dass ich ins Zimmer gekotzt hatte. Später brachte man mich wieder ins Spital zum Stabilisieren mit einer Sitzwache im Zimmer. Im Spital wusste man genau, dass man mich wegen Fluchtgefahr rund um die Uhr bewachen musste. Die Fenster waren geschlossen und der Sicherheitsdienst informiert.
Ach ja, als sie mich in die Psychiatrie verlegen wollten, standen vor meinem Zimmer zwei Polizisten zur Sicherheit aller Beteiligten. Mein Gott, da übertrieben sie aber! Ich weiss noch, dass ich mich gegen eine Zwangseinweisung verbal und sachlich wehrte, leider erfolglos.
Na ja, ein Freund der Familie und selber Polizist sprach mit seinen Kollegen. Die Ambulanz brachte mich in die Klapsmühle und bald wieder zurück ins Spital...

Mir ging es jeden Tag besser, dem Personal auch. Ich schätzte meine Sitzwachen. Sie wechselten sich alle sechs Stunden ab. Ausser einer frustrierten Emanze namens Gudrun waren sie sehr hilfsbereit und charmant. Bei der einen hatte ich unter der Decke immer einen Dauerständer…
Es gab tagsüber natürlich weitere Untersuchungen. Das Pflegepersonal und die Herren Doktoren analysierten den Verlauf meiner somatischen und neurologischen Genesung sowie meiner psychischen Befindlichkeit anhand von Tests (dabei kommt es ja auf die Kompetenz im Performanzbereich an oder umgekehrt) und berieten sich über das weitere Prozedere.

Klar, dass es dabei auch zu Missverständnissen kam, wie sie die Angestellten mit mir oder untereinander hatten. Oder ich mit mir. Oder wohl eher jeder mit sich selbst. Eine harmlose Situation, falsch interpretiert durch die beschissene Sitzwache und der Krankenschwester, die ich auch zum Kotzen fand, führte zu einem Aufschrei.
Ich war mit der Sitzwache Hannelore, der Aufseherin, auf der Terrasse am Rauchen. Es war dunkel, nur der Mond schien. Ich rezitierte meine lyrischen Zeilen über den Killing Moon. Das kam natürlich bei der Arztvisite am nächsten Morgen falsch rüber. Ich sei suizidgefährdet und bla, bla, bla, hiess es. Ich konnte schliesslich alles richtigstellen mit Hilfe eines Psychiaters, der alle aufklärte und mit der Krankenschwester sprach.
Sie mochte mich aber immer noch nicht.
Ich sie schon…

Nach zwei Wochen Universitätsspital wurde ich zum Stabilisieren in ein anderes Spital verlegt. Dort fühlte ich mich wohl, ernstgenommen, respektiert. Meine behandelnde Fachärztin Dr. Scharf war eine junge, schöne und charmante Frau. Ich muss ja nicht erwähnen, dass ich bei ihr auch eine Erektion hatte, nicht nur unter der Decke...
Ich brauchte keine Sitzwache mehr, musste mich aber immer abmelden bei den Schwestern, wenn ich eine Zigarette rauchen wollte oder auf dem Spitalareal spazieren ging. Beim Gehen war ich ziemlich unsicher, hatte Koordinationsprobleme und mir war schwindlig.
Das waren und bleiben Folgeschäden meines schweren Schädel-Hirn-Traumas.
Nach zehn Tagen wurde ich nach Hause entlassen. Ich verabschiedete mich herzlich vom Personal und von meiner Fachärztin. Ab und zu rief ich sie im Spital an, um sie auf dem Laufenden zu halten. Zu mehr kam es leider nicht...

Ich war nach dem langen Spitalaufenthalt etwa sieben Monate stabil, das heisst, ich versuchte den ganzen Scheiss seelisch zu verarbeiten und anzunehmen. Natürlich hatte ich auch noch weitere somatische und neurologische Untersuchungen wegen meiner drei Hirnblutungen. Die Konsultationen bei meiner lieben Hausärztin und meinem Psychiater hielt ich natürlich auch ein.

Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Es wurde Herbst. Ich erinnere mich noch ganz genau. Ich schrieb sieben Tage wie im Rausch durch, ass sehr wenig und schlief kaum. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch. Mir war schon die ganze Woche schwindlig. Ich war unsicher auf den Beinen, fühlte mich einfach beschissen, als hätte ich heftige Entzugserscheinungen.
Gegen Abend verabschiedete ich mich von meiner Familie und ging zum Bahnhof. Ich war zu früh, setzte mich ins Wartehäuschen und wartete auf den Zug. Er fuhr ein, plötzlich begann ich zu zittern, mein Herz raste, und ich verkrampfte mich.
Scheisse, mir gingen die Lichter aus und ich erwachte auf der Notfallstation. Eine Assistenzärztin sprach von einem epileptischen Anfall im Wartehäuschen am Bahnhof. Ich erklärte ihr meine Vorgeschichte, meine somatischen, neurologischen und psychischen Erkrankungen. Das wäre gar nicht nötig gewesen, sie war ja informiert, in Spitälern und Psychiatrien bin ich aktenkundig. Das hat natürlich seine Vorteile oder auch nicht…
Ich hatte mich beim Krampfanfall eingepisst, glücklicherweise aber nicht eingeschissen. Sie machten noch ein paar Untersuchungen und entliessen mich dann mit vollgepisster Hose mit einem Taxi nach Hause.

Das war ein ziemlicher Schock für mich, jetzt litt ich also neben meiner Psychopathologie, meiner Trunksucht und meinem schweren Schädel-Hirn-Trauma auch noch an symptomatischer Epilepsie.
Ein paar Tage später hatte ich meine erste EEG-Untersuchung.
Bei einer Epilepsie muss man die Hirnströme messen, analysieren und den Verlauf beobachten. Dazu kam natürlich auch das Einstellen eines Antiepileptikums.
Stabil würde ich nachher nicht mehr lange bleiben.

Das wusste ich.

Kurzgeschichte aus dem E-Book "Titten, Tränen, Gin&Tonic"
 
Zuletzt bearbeitet:

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Izzy,

diese Geschichte liest sich ähnlich wie "Last Order in Belfast": Ereignisse werden heruntererzählt, ohne dass sich ein wirkliches Scheinwerferlicht auf einen Punkt richtet.

Wenn alles autobiographisch ist, dann verarbeitest Du auf diese Weise Dein Leben ... was letztendlich für Dich spricht.

Also weiter schreiben ... und vielleicht gelingt noch einmal ein Text wie Heinz-Rüdiger ....

Viele Grüße

DS
 

Roger Izzy

Mitglied
Hallo Doc

Vielen Dank für Deine Rezension.
Das Scheinwerferlicht auf einen Punkt
gerichtet... Das fällt mir wirklich schwer... Mein bipolarer Dachschaden kennt nur die Gedankenraserei durch verschiedene Settings, Expositionen, Durchführungen und Reprisen – er erinnert mich an den Entwurf einer Sonate...

Ich hoffe, dass in meiner Birne die Beleuchtung nie ausgeht...
Das kann aber durchaus geschehen –
verdammt, verflucht auf den Schwingen der Kreativität:
Meine E-Books im Handel:
– 'manisch - drunken bastard'
– 'Titten, Tränen, Gin&Tonic'

Meine Bilder: www.printart.ch/shop/rogeriseli-johniseli Im Kunstkatalog Gallery Shop
Die meisten Bilder entstanden in Nervenheilanstalten...
Wo sonst?

Dear Doc
Mach's gut. Keep writing.
Bleib gesund. Cheers.

Roger Izzy aus Zürich
 

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