Der unbeherrschbare Trieb der Gräfin

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Susi M. Paul

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Der unbeherrschbare Trieb der Gräfin

Gleich beim Aufwachen wusste Gräfin Friederike, dass heute wieder solch ein Tag werden würde. Ihr Tag. Ihr ganz spezieller Tag. Noch im Bett stellte sich bei ihr leichte Nervosität ein, dazu ein Kribbeln am ganzen Körper und vor allem ein sehnsüchtiges Ziehen im Bauch, das in ihre tieferen Regionen hinunterreichte. Seit mehr als 50 Jahren überkam sie regelmäßig diese Lust. So etwa einmal im Monat. Über Jahre hinweg hatte sie gegen das plötzlich auftretende Verlangen angekämpft. Vor allem während ihrer Ehe. Nicht so sehr ihres Mannes wegen, der hatte sie wenig interessiert. Aber zumindest wollte sie den beiden Kindern ein gutes Vorbild sein. Doch es hatte nichts geholfen. Je stärker sie sich dagegen gewehrt hatte, desto verheerender waren die zügellosen Orgien geworden, die sie letzten Endes dann einige Tage später gefeiert hatte. Jetzt, da sie alleine auf ihrem Anwesen wohnte, hatte sie alle Rücksichtnahme beiseite geschoben und gab den periodischen Versuchungen schier wollüstig nach.

Angesichts der Anstrengungen, die ihr bevorstanden, wählte sie die frugale Version ihres Frühstücks: zwei Semmeln, Marmelade, Butter, schwarzen Kaffee, sonst nichts. Die Dienerschaft lächelte sich wissend an, als sie darum bat, dazu passend Mit 66 Jahren von Udo Jürgens aufzulegen. Danach schloss sie sich im Badezimmer ein.

An den Tagen des genügsamen Frühstücks pflegte sie gut eineinhalb Stunden für die Körperpflege aufzuwenden. Niemand wusste, was sie hinter der massiven Tür trieb, welche geheimen Waschungen oder Riten sie dort vollzog. Alle Versuche ihrer Hausangestellten, durch das Schlüsselloch etwas von den intensiven Vorbereitungen auf die Ausschweifungen des Nachmittags zu sehen oder zu hören, waren fehl geschlagen.

Glückselig und voller Vorfreude schwebte sie nach der Reinigungszeremonie in ihre Gemächer. Zur Feier des Tages hatte sie den Bestand ihrer Seidendessous konsultiert und den bereits verschollen geglaubten, fleischfarbenen, unvergleichlich verrucht aussehenden Unterrock gefunden, den sie bei ihrer Affäre mit Mister Miller über ihre Nacktheit zu streifen gewagt hatte. Für heute erschien er ihr perfekt. Später würde sie dazu ein schlichtes Goldkettchen anlegen und das schmucke, gelbe Kostüm darüberziehen. Sonst nichts. Reine, kühle Seide auf lechzender Haut und direkte Frischluftzufuhr von unten: die aufreizende Frivolität in ihrer Vollkommenheit.

Das Telefon lag schon auf dem scharlachroten Kissen neben ihrem Bett bereit. Genau acht Namen umfasste das exklusiv für diese besagten Tage angelegte, roséfarbene Adressbuch. Nur ihre treuesten Gefährten und Gefährtinnen im Exzess waren darin verzeichnet. Doch die vergangenen Jahre war es immer schwieriger geworden, die angemessenen Gefährten zu finden. Es lag wohl am Alter, wie sie sich zögernd eingestand. Sie konnte nur hoffen, dass ihr heute ein Fehlschlag wie vor zwei Monaten erspart bleiben würde, als sie zum ersten Mal seit ihrer Jugend keinen Partner für ihr Bacchanal gefunden hatte. Welch eine Frustration, welche Beschämung, es alleine tun zu müssen!

Es begann nicht gut. Jacques, der ehemalige Butler ihres Mannes, der sie schon seit gut zwei Jahren in dieser delikaten Angelegenheit im Stich ließ, schob mit seiner gekünstelt französischen Aussprache eine geradezu lächerliche Ausrede vor: »Isch ‘abe Fiebär«. Als ob sie das jemals abgehalten hätte, wenn es um wichtige Angelegenheiten ging. Ihn übrigens auch nicht, früher. Sie konnte sich noch genau an die guten Tage des hochherrschaftlich auftretenden Dieners erinnern. Er hatte immer dafür gesorgt, dass die ehelichen Pflichten ihres Mannes erfüllt wurden, auch wenn dieser, wie lange Jahre üblich, die meisten Nächte bei seinem jeweiligen Flietscherl zugebracht hatte. Nur gut, dass ihre Jüngste ganz nach ihr gekommen war, sonst wäre der Herr Gemahl vielleicht auf dumme Gedanken gekommen. Eigentlich schade, dass Jacques mich verlassen hat, sinnierte sie und streichelte sich gedankenverloren.

Auf der nächsten Seite war die Nummer der Freifrau verzeichnet. Etwas schnippisch, aber mit enormem Durchhaltevermögen, wenn es darauf ankam. Doch Friederike überschlug sie, denn an diesem Tag war ihr nach einem Mann zumute.

Zu ihrem Bedauern musste sie erfahren, dass der Herr Geheimrat Schneider weiterhin ausfiel. Er weilte noch immer in St. Moritz und man erwartete seine Rückkunft nicht vor Ende Oktober. Zu schade, gerade auf seine werte und witzige Begleitung hatte sie gehofft. Immer, wenn er von seinen Schweizer Affären erzählte, hatte sie ihre eigenen Ausschweifungen in besonderer Weise genossen. Aber da war nichts zu machen.

Dann eben der Herr Professor. Etwas steif, wenn er höflich Konversation betrieb. Allerdings nicht ohne das gewisses Etwas, wenn es darum ging, mit ihr zusammen die körperlichen Gelüste der einschlägigen Tage zu befriedigen. Doch Gymnasialprofessor i.R. Huberstein ließ sich verleugnen. Seine Nichte bedauerte am Telefon, dass er aushäusig sei. »Nichte? Dass ich nicht lache«, grummelte Frau Gräfin in sich hinein, als sie auflegte. »Wo soll er die denn hergezaubert haben? Als ob ausgerechnet der einer Verwandten auch nur eine Minute seine Wohnung überlassen würde.« Natürlich war er daheim und natürlich war das Mädchen, mit dem sie gesprochen hatte… Ja, wer eigentlich? »Vielleicht die Physiotherapeutin? Wahrscheinlich für die Körperteile, die zwischen seinen Beinen schon an Spannkraft verloren haben«, kicherte sie vor sich hin. Aber ganz egal, wer sie sein mochte, sie war jedenfalls eine elende Konkurrentin für ihre eigenen Pläne, diese hinterlistige und der Stimme nach viel zu junge Schlange!

Der Herr Direktor Becher war in einer Besprechung. Also versuchte sie es zunächst bei Alois, dem Faktotum der Gräfin Edeltraud. Die hatte ihn so gut gezogen, dass er nicht nur alle allgemein weiblichen Erwartungen an ihn übertraf, sondern zudem noch ganz ungezwungen auf Friederikes spezielle körperlichen Bedürfnisse einging. Der Standesunterschied fiel dabei gar nicht weiter auf. Lustig war es mit ihm allemal.

Sie schaute auf die Statistik, die sie sorgfältig auf den Adresskarteien führte. Mit fast drei Dutzend Mal in gut zehn Jahren führte er deutlich die aktuelle Liste an, nachdem sie ja inzwischen so viele Blätter früherer Zeiten aus dem Ringbuch hatte entfernen müssen. Doch mit einem windelweichen: »Wie aufrichtig leid es mir tut, gnädige Frau, aber der Arzt hat es mir allerstrengstens verboten«, brachte selbst dieses treue Wesen eine Entschuldigung vor. Vielleicht in drei Monaten wieder, beruhigte er sie hinsichtlich der Zukunft, wenn es mit seiner Gesundheit aufwärts ginge. Doch im Augenblick sähe er keine Chance für einen schnellen, ähem, Fehltritt. Ausgerechnet morgen hätte er eine Untersuchung in der Klinik, da könnte er sich nichts erlauben.

Beim Herrn Direktor, gerade aus der Sitzung zurückgekehrt, war es noch schlimmer. Angina pectoris, Verdacht auf einen kleinen Herzkasper, auf Wasser und Brot gesetzt. »Meine Güte, wie schlägt doch das Leben zu, wenn man die 70 überschritten hat«, sagte er und dachte sich die Gräfin, nachdem sie ihm aus reinem Eigennutz gute Besserung gewünscht hatte. Bei dem Lebenswandel, den er hinter sich hatte, war dieser Einbruch kein Wunder. Zugegeben, sie hatte nicht unerheblich davon profitiert. »Da muss ich ihm wohl oder übel jetzt die nötige Pause zugestehen«, sagte sie sich, in diesem Fall sogar ohne Groll.

Blieb der strenge ehemalige Oberbibliothekar. So trocken wie nur irgend vorstellbar. Aber, und das musste man ihm lassen, nahezu unersättlich. Die allerbesten Erinnerungen hätte er an das letzte Mal, vermeldete er durch die Leitung. Als er die Sache mit der Sahne erwähnte, kam er sogar ins Kichern, was ihrer Erinnerung nach erst dreimal in zwölf Jahren vorgefallen war. Es hatte aber in der Tat allgemeines Aufsehen erregt, wie er ihr vor aller Augen die weißlichen Überreste vom Ohrläppchen geputzt hatte, bevor sie Arm in Arm das Hotel verlassen hatten.

»Und erst die überreife Heidelbeere, die ich mit letzter Kraft aufgesaugt und an der ich mich fast verschluckt hätte!« Sie fiel in sein Lachen ein, schon hoffend, ihn überzeugt zu haben. »Doch heute tut es mir unsäglich leid, meine allerliebste Friederike. Sie können ja immer auf mich zählen, für fast jede, nunja, Schweinerei, wenn man angesichts der erwähnten letzterlebten Situationen so sagen will.« Aber ausgerechnet an diesem Tag, der, wie er sehr wohl wisse, für sie, die hochverehrte Friederike, so bedeutsam und, nunja, anregend sei, käme seine Tochter, ihn abzuholen. Er habe vor, den August bei ihr in den Bergen zu verbringen, dort sei es kühler. In seinem Alter, sie verstehe das doch bestimmt.

»O tempora!«, rief die Gräfin aus, nachdem sie aufgelegt hatte. »Kein Mann erhört mehr mein Rufen.« Also doch eine Frau, sinnierte sie, während sie zurückblätterte. Auch wenn ihr eigentlich nicht schon wieder danach war. Natürlich war das bisweilen stimulierend. Aber beim Aufwachen hatte sie sofort eine spezifisch männliche Art von Gelage vor Augen gehabt. Und zu allem Überfluss musste sie bei Freifrau von Hohltal auch noch Überzeugungsarbeit aufwenden. Das war eigentlich unter ihrer Würde.

»Als ob es gestern gewesen wäre... Wie du meinen Löffel ausgeschleckt und von der Geschmacksexplosion auf deiner Zunge gesprochen hast! ... Stimmt, fast hätte ich nicht mehr daran gedacht. Wirklich ganz köstlich, wie du darüber philosophiert hast, wie ähnlich sich doch die Lust- und die Geschmacksempfindungen sind. ... Du hast ja so recht, wie haben wir hinterher gelacht, als wir erhobenen Hauptes aus dem Hotel stolziert sind. ... Das Gesicht von dem unmöglichen Menschen an der Rezeption werde ich auch mein Leben lang nicht vergessen. Als ob die Flecken auf meinem Kleid und auf deinem Rock so ungewöhnlich gewesen wären. Das müssen wir unbedingt wieder einmal machen.«

Umso größer war dann die Enttäuschung für Friederike, als die Freifrau sich entwand. »Wie, heute? Aber ich bin doch am Gardasee. ... Wie, das hast du nicht gewusst? ... Ja, ich habe eine Umleitung vom Festnetz auf mein Handy. Hast du das etwa noch nicht? ... Also wirklich, meine Liebe, du lebst ja noch in der Steinzeit. ... Also Bussi, Bussi, bis bald! Dann lassen wir es aber richtig krachen. ... Genau, dass uns Hören und Sehen vergeht. Versprochen!«

Also der Notnagel. Noch einmal die gleiche Auserwählte wie beim letzten Mal. Simone von Freifels. In Adel erstarrt, in Armut versunken. Die morgendliche, heißhungrige Gier, die Friederike überfallen hatte, wollte sich schon verflüchtigen. Aber sie würde wiederkommen, noch stärker, noch drängender, von ihr nicht zu beherrschen, das wusste sie und streichelte wieder zärtlich ihre Leibesmitte. Nur deshalb erniedrigte sich die Gräfin, den wohlbekannten Dialog zu führen, bei dem sich letztlich beide prostituierten und sich dessen auch noch bewusst waren.

»Wie, tatsächlich, die Aktienkurse sind gesunken? Oh, wie schrecklich für dich. ... Aber natürlich, ist doch klar, dass ich bezahle, wenn du nicht flüssig bist. ... Aber sicher, wenn wir letztes Mal im Ambassador waren, dann gehen wir dieses Mal ins Vier Jahreszeiten. ... Aber bestimmt, wie du möchtest, meine Liebe, wenn es dir zu viel wird, brauchst du es nur zu sagen. Ich richte mich da ganz nach deinen Wünschen und Bedürfnissen. ... Nein, keiner wird davon erfahren.« Und tief in ihrem Inneren ergänzte Friederike: Wen sollte das denn bei dir auch interessieren?

Aber angesichts ihres unstillbaren Verlangens kroch sie weiterhin zu Kreuze. »Wie haben wir uns amüsiert, vor einem Monat, stimmt doch, oder? ... Der Ober hat richtig Stielaugen bekommen, als er uns in dieser Verfassung gesehen hat. ... Du hast ja so recht, nichts ist schöner als solch eine Todsünde. Wie sagte schon mein Großvater, Gott hab ihn selig: Nur Wollust und Völlerei halten Leib und Seele zusammen. ... Nein, gar nicht, nur deinen ungezügelten Appetit musst du mitbringen und deine Lust auf eine Ausschweifung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Den Rest erledige ich. ... Ja, das gilt selbstverständlich auch für die Reservierung, ich weiß doch, dass du dich dabei genierst. ... Also bis dann, meine Liebe, wir sehen uns um drei, ich kanns kaum erwarten. ... Ach, meine Liebe, vergiss nicht, richte dich nett her. Du weißt doch, dass ich in der Beziehung ein bisschen eigen bin bei unseren Exzessen.«

Wenige Stunden später nickte der Portier freundlich wissend, als die beiden älteren Damen Arm in Arm ins Foyer traten. Gleich nach der Reservierung hatte er Anweisungen gegeben, zu ihrem Empfang Udo Jürgens auflegen zu lassen. Entsprechend erklang, als die beiden mächtigen Gestalten zu ihrem Tisch geführt wurden, aus allen Lautsprechern die stadtbekannte Erkennungsmelodie von Gräfin Friederikes Orgien: Aber bitte mit Sahne. Die Gräfin bestellte sich als Vorspeise zwei Stücke Schwarzwälder Kirsch und ein Himbeerschnittchen. Simone von Freifels bat mit der ganzen Kraft ihrer zwei Zentner Körperfülle für den Anfang um eine angemessene Portion Frankfurter Kranz und ihre übliche Auswahl vom Schmalzgebackenen. Dazu Schokolade mit einer Extraportion Schlagobers. Die sündige Völlerei konnte beginnen.
 
G

Gelöschtes Mitglied 21758

Gast
Eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack (und hier ja auch irgendwie im wahrsten Sinne des Wortes).
Weil ich selber etwas Ähnliches im Repertoire habe (allerdings weitaus weniger ausgemalt und somit auch viel bescheidener), bin ich nun doch versucht, den kurzen Text hier zu bringen.
 
Hallo Susi M. Paul,
nicht, dass man der Dame in diesem Alter die sinnlichen Genüsse erotischer Natur absprechen wollte, aber bei Udo Jürgens denkt man bei alten Damen sofort an diese beiden bekannten Melodien ;) Warum auch immer ... Aber trafen die von ihm Besungenen sich nicht um viertel nach drei?
Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

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