Der unfassbare Augenblick (Sonett)

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blackout

Mitglied
Dich zu vergessen ist mir nicht gelungen,
doch mit den Jahren ging es leidlich gut.
Ein Traum erweckte wieder alte Glut –
es war, als hätte es in mir geklungen.

Ich habe diese Nacht mit mir gerungen,
verfluchte noch im Traum den Wankelmut,
doch willenlos erlag ich meinem Blut,
die ganze Seele war von dir durchdrungen.

In mir erwachte wieder die Begier,
dich zu umarmen – doch ich spürt' dich kaum.
Der Traum entfloh, ich blieb allein zurück.

Durch alle Zeiten trag ich dich in mir,
und sei's auch nur des Nachts im Traum
ein schöner, unfassbarer Augenblick.
 

blackout

Mitglied
Akzeptiert. Retourkutschen weiß ich zu verkraften. Nicht deine Welt, fehlt die Absteige, Joe Fliedestein, hm?

Gruß, blackout
 

James Blond

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Na, na, meine Dichter,

hat man sich anstelle der Textarbeit nun ganz auf Autorenschelte verlegt?

Ich sehe das in auffälligem Widerspruch zur hier unlängst verbreiteten Forderung der getrennten Betrachtung von Autor und Werk. Auch wenn ich dem nicht uneingeschränkt zustimmen würde, sollte man sich zumindest die Mühe machen, dem beanstandeten Geist, bzw. seiner Gesinnung in seinen Werken nachzuspüren, eine lohnenswerte Aufgabe, wie ich meine.

In diesem Sonett geht es unverkennbar um Träume, immerhin taucht das Wort 'Traum' in jeder Strophe jeweils einmal auf, vielleicht etwas zu oft, wenn es nicht um eine beabsichtigte Überbetonung ginge. Hier werden nacheinander die Traumaspekte dekliniert:

- in Q1 die Reminiszenz vergangener Leidenschaft : "Ein Traum erweckte wieder alte Glut – "
- in Q2 die Angstreaktion aus dem erinnerten Verlust: "verfluchte noch im Traum den Wankelmut,"
- in T1 der erneut durchlebte Verlust "Der Traum entfloh, ich blieb allein zurück. "
- in T2 die tröstliche Erfahrung der Erinnerung: "und sei's auch nur des Nachts im Traum"

Es lässt sich unschwer erkennen, dass neben den formalen Aspekten hier auch eine sonetttypische inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Thema angestrebt wird, die in die Einsicht "Durch alle Zeiten trag ich dich in mir, " mündet. Der Traum als Offenbarung der Seele, seine typische Melange aus Ängsten und Begierden sprechen hier eine deutliche Sprache. Dabei wird der Sonett-Widerspruch formuliert als 'von etwas durchdrungen sein' , es aber in der Umarmung kaum zu spüren' , was in Bezug auf seine Erotik durchaus auch wörtlich aufgefasst werden kann. Und dieser Widerspruch ist keineswegs auf die Imagination beschränkt, er bestand schon zu realeren Zeiten der Beziehung, wenn die Umarmung nur noch eine innere Leere umschließt.

Leider wird diese Dialektik von Haben und Spüren, von Nähe und Wahrnehmung nicht weitergedacht und der "unfassbare Augenblick" zur tröstlichen Autosuggestion. Dabei war die Einsicht "Durch alle Zeiten trag ich dich in mir," dem Ziel schon sehr nah. 'Aus der Ferne bist du mir am nächsten' formulierte es ein anderer Dichter. Der hätte allerdings 'du warst doch schon des Nachts im Traum' geschrieben.

Grüße
JB
 

blackout

Mitglied
Danke, James Blond, für deine ausführliche Beschäftigung mit dem Text. Womit ich nicht klarkomme: dem Ausbau der Dialektik von Haben und Spüren, Nähe und Wahrnehmung. Was verstehst du unter Haben in diesem Sinne? Die Arbeit des Gehirns im Schlaf ist der Traum, die Träumerin hat nichts in Händen. Dort wird, was noch offen ist, aufgearbeitet, weil während des Tages die Dinge verdrängt werden. Im Traum "hat" sie nichts, sondern im Grunde nimmt sie den Traum wahr, als sei er Realität. Der Traum spiegelt ihr vor, dass dies ein realer Vorgang sei. Und im Traum "handelt" sie auch "real". Diesem Traum ist Trennung vorausgegangen, und es wird deutlich, dass diese Trennung etwas Endgültiges hat, dass aber die Gefühle für den anderen immer noch vorhanden sind. Der Traum sagt der Träumerin: Du bist noch lange nicht mit ihm auseinander. Vielleicht hätte ich diese Erkenntnis in das 2. Terzett nehmen sollen, die Träumerin aber ist noch nicht so weit, sie hofft im Traum immer noch. Sie träumt nicht eigentlich ihren eigenen Abschied, sondern seinen endgültigen Abschied. (Das ist das Verrückte im Traum: Man träumt, man hätte im Lotto gewonnen, wenn man real gerade absolut blank ist.) Während sie sich also in der Realität durchaus im klaren darüber ist, dass es kein Zurück gibt. Was erwartest du mit dem angesprochenen "Weiterdenken"?

Hab vielen Dank noch mal.

Gruß, blackout
 

James Blond

Mitglied
Also jetzt noch einmal weitergedacht.
Zunächst erscheint alles klar:
Es gibt die Realität und es gibt die Imagination, hier als Traum bezeichnet.
Und es gab eine reale Liebesbeziehung in physischer Nähe. Jetzt liefert der Traum davon nur noch eine Erinnerung. Ein Täuschung, die verschwindet, sobald man sie zu greifen versucht, die also - wörtlich genommen - unfassbar ist.

Aber ist alles so einfach?
Schließlich hielt man sich einst real in den Armen, wähnte sich zu "haben" - und doch kam es schließlich zu einem schmerzhaften Verlust, zu einem Erwachen aus dem Liebestraum. Was machte die Liebe demnach aus? Die physische Gegenwart des Geliebten oder seine imaginierte Anwesenheit? Man kann so vieles Haben und es doch nicht spüren. Eine grenzenlose Gier ist das untrügliche Zeichen einer abgestorbenen Seele, die nichts mehr zu spüren vermag. Dies ist die Dialektik von Sein und Bewusstsein am Beispiel von Haben und Spüren.

Parallel dazu entwickelt sich am Traum eine Dialektik von Distanz und Nähe. Der Traum holt das real Entschwundene zurück und verleiht ihm eine intensive Nähe, weil er, allein aus der Verinnerlichung schöpfend, die höchste Kongruenz von Wahrnehmung und Empfindung erzeugen kann. Denn es ist hier allein die Empfindung, die eine entsprechende Wahrnehmung auslöst und nicht etwa umgekehrt. So wird der Traum zum phantasmagorischen Support für Gefühle. Ohne die geträumten Bilder könnten wir Liebe und Erotik nicht wahrnehmen.

Im Sinne des Sonetts weitergedacht wäre demnach die Einsicht, dass der Traum eigentlich schon zu Zeiten der Beziehung das Medium war, in dem die "unfassbare" Leidenschaft und Liebe erfahrbar wurden.

Grüße
JB
 

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