Der verlorene Ring

Terminator

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Der verlorene Ring




Es war ein rabenschwarzer Tag. Annika fand überall ein Haar in der Suppe, Peter stört selbst die Fliege an der Wand. Die Worte, die die beiden wechselten, waren erst mürrisch, dann spitz und schließlich ausgesprochen giftig. Kurz: Annika und Peter, seit vier Monaten eigentlich ein Herz und eine Seele, hatten Knatsch. Und was für einen.

„Nie mehr betrete ich deine Bude“, waren Annikas letzte Worte, als sie endgültig die Tür hinter sich zuwarf. Und Peter brüllte ihr nach: „Eher stürzt das Universum ein, bevor ich wieder eine Silbe mit dir wechsle...“

Annika loderte vor Zorn, als sie die sieben Straßen weiter zu ihrer kleinen Junggesellenwohnung rannte.

Aber schon Stunden später hatte sich die Wut in Traurigkeit verwandelt, dann kam der Schmerz, und schließlich waren da nur noch unendlich viele Tränen um ein verlorenes Glück.

Annika war erst 18, temperamentvoll, ein bisschen störrisch, oft ziemlich eigensinnig – lauter Eigenschaften, die ihr das Verzeihen schwer machten. „Nie!“ schwor sie sich. Und ihre Augen wurden immer trauriger. „Soll Peter doch anrufen, sich entschuldigen, liebe versöhnende Worte finden. Dann vielleicht...“

Aber Peter rief nicht an. Er reagierte genauso stur und bockig...und litt wie ein junger Hund.

Einen Tag später entdeckte Annika die Katastrophe: Ihr kleiner Ring war weg. Es war nicht irgendein Schmuckstück. Nein, nein, der Ring mit dem winzigen grünen Stein war doch von ihrem Peter. Und wenn´s zehnmal „aus“ sein sollte, den Ring, den heißgeliebten Ring, den er ihr in der ersten Nacht geschenkt hatte, ihn wollte sie bis an ihr Lebensende tragen. Und nun war er weg.

Annika grübelte und grübelte, und schließlich wusste sie, wo sie ihn verloren hatte. Bei Peter. In seinem Badezimmer. Ganz oben auf das Schränkchen hatte sie ihn gelegt, als sie kurz ihre Hände gewaschen hatte.

Annika kämpfte drei Tage mit sich. Es gab drei Möglichkeiten: Peter anrufen, fragen, ob der Ring bei ihm ist...Aber irgendwie traute sich Annika nicht. Vielleicht knallte er dann gleich den Hörer auf. Oder er lachte höhnisch: „Tja, meine Süße, erst der Mann, und dann auch noch der Ring futsch. Recht geschieht dir.“

Nein, so ging es auch nicht. Auf den Ring ganz verzichten? Annika seufzte vor Kummer. Oder ist es am besten, einfach hinzugehen? Ganz hoheitsvoll, ganz cool und in dürren Worten erklären, man wolle nur den Kulturbeutel, das winzige Shorty und den Jogging-Anzug abholen, lauter Dinge, die seit der zweiten Nacht bei Peter ihren festen Platz hatten. Und dabei könnte man ja unbemerkt mal schnell ins Badezimmer huschen...

Annika wartete bis Sonnabend. Erst trank sie einen Kamillentee, dann einen winzigen Schluck Cognac (für den Mut) und schluckte schließlich noch `ne kleine Baldrianpille (wegen der Aufregung), bevor sie sich auf den Weg zu Peter machte.

Sie läutete. Das Herz klopfte wie ein Preßlufthammer. Der Mund wurde trocken, die Hände klatschnass. Peter öffnete.

„Annika!“ Erstaunen, Erleichterung, Glück, Seligkeit – alles lag in diesem Wort. Peter zog das Mädchen an sich, küsste es hundert-und-hundert-mal. Und dazwischen stammelte er Worte, kleine Seufzer und immer wieder den himmlischen Satz: „Ich liebe dich. Ich liebe dich!“

Annika lächelte. Ihr Herz glich nach wie vor einem Preßlufthammer. Aber diesmal klopfte es,

weil sie fühlte, wie heiße Wellen der Zärtlichkeit über sie schwappten. Sie sprach tausend Worte – nur das eine Wort „Ring“, die eine Erklärung „ich wollte nur meinen Ring abholen“, die schlüpften ihr nicht über die Lippen.

Peter hob Annika hoch, trug sie auf seinen Armen. „Komm, wir haben so viel nachzuholen...“



„Und warum hast du mich nicht angerufen?“ fragte Annika ein wenig später, da hatte sie nur noch ein niedliches kleines, blau getupftes Höschen an.

„Weil ich ein Schaf, nein, ein sturer Bock bin“, flüsterte Peter. „Aber du, du kommst und verzeihst – ohne Worte, stehst einfach vor der Tür. Du bist einfach riesig! Riesig toll! Riesig lieb! Und ich bin riesig glücklich!“

Annika erwiderte nichts. Erst viele, viele Stunden später löste sie sich sanft aus seinen Armen.

Sie streichelte sein schlafendes Gesicht, und dann schlich sie ins Badezimmer. Ihre Hand tastete über das Schränkchen. Ganz langsam. Schließlich fand sie den Ring. Er war hinter eine Rolle Leukoplast gerutscht. Annika steckte sich den Ring auf und schwor sich: „Nie, nie werd` ich Peter sagen, warum ich wirklich noch mal zurückgekehrt bin. Und immer, immer soll mich der Ring erinnern, dass eine Liebe ganz schnell durch Sturheit, Eigensinnigkeit und Bockigkeit sterben kann...“
 

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