Die Ausnahme

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Ciconia

Mitglied
„Wer sich einmal als Arschloch geoutet hat, ist bei mir auf ewig untendurch. Da bin ich konsequent“, sagt Bernie, nachdem er langatmig über die neueste Fehde mit seinem Nachbarn berichtet hat. Er braucht jetzt einen kräftigen Schluck Bier.
Ich schaue skeptisch. „Galt das auch für deinen Vater?“
Irritiert starrt Bernie einen Moment ins Nichts, dann seufzt er: „Das war was Anderes.“
„Und warum war das anders?“

Bernies Stirn legt sich in dackelartige Falten, er überlegt eine Weile, wie er mir das am besten erklären soll.
„Du weißt doch, was der Alte meiner Familie alles angetan hat.“
Eben. Wir kennen uns seit frühesten Kindertagen, unsere Elternhäuser lagen in derselben Straße. Er ist zwei Jahre älter als ich und hat uns Jüngere früher oft drangsaliert. Ein kleiner Wilder, der den Mädchen schon mal auf offener Straße den Roller wegnahm. Ich habe erst spät erkannt, warum Bernie in jungen Jahren so ein zorniges Bürschlein war. Aber heute treffen wir uns immer noch jedes Mal, wenn ich zu Besuch in mein Heimatdorf komme, in Dreyers Landkrug auf ein Bier – der alten Zeiten wegen. Die meisten aus unserer Clique sind sowieso weggezogen. Bernie ist letztlich geblieben.

„Ich weiß nicht, ob du das damals als Kind verstanden hast, was in mir vorgegangen ist. Du warst ja eher die Behütete. Na ja, vor allem die Begüterte … "
Bernie sieht mich prüfend an, ob ich eine Regung zeige. Den Gefallen tue ich ihm nicht.
„Ich hab dem Alten viele Jahre nicht verzeihen können, dass er gesoffen, geprügelt und die ganze Familie gequält hat. Dass wir im Dorf nicht besonders gut angesehen waren. Seine Exzesse haben doch auch uns Kindern den Ruf versaut. ‚Das ist Bernie, Willem sein Sohn‘, haben sie gesagt und die Augen verdreht, wenn ich mal wieder was ausgefressen hatte. Ich hab mich oft geschämt … Deswegen bin ich ja gleich nach der Schule zur See gefahren, um weit weg zu sein.
Als der Alte dann so krank wurde, hat meine Mutter mich angefleht, mir einen Ruck zu geben und mich von ihm zu verabschieden. Ich hab sehr mit mir gerungen, ob ich mir das antue. Damals war ich ja noch mit Bärbel zusammen ...“
Ich wundere mich, dass er dieses Thema überhaupt anschneidet. Bärbel hat sich nach nur einem Jahr Ehe scheiden lassen - Bernie wollte nie über die Gründe reden.
„Sie hat mir geraten, meinen Frieden mit ihm zu schließen, weil dies auch für meine eigene Seele besser sein würde. Und sie hat Recht gehabt. Der Vadder war zwar ein böser Mensch, aber wenn jemand im Sterben liegt, sollte man keine negativen Gedanken mehr hegen, denke ich. Deshalb war ich einmal im Leben inkonsequent. Ich hab’s nicht bereut.“

Wir schweigen sehr lange. Ich würde gern meinen Respekt für sein Verhalten ausdrücken, bin aber nicht sicher, ob er einen Kommentar von mir erwartet.
„Ich muss dann mal los“, beendet er das Schweigen und leert zügig sein Bierglas.
„Dein Bruder ist übrigens auch 'n Arschloch, nach dem, was der letztes Mal politisch so von sich gegeben hat. Bring den bloß nicht wieder mit hierher.“
Beim Hinausgehen dreht er sich noch einmal kurz um und fügt grinsend hinzu:
„Aber du bist nach wie vor in Ordnung, Lotte!“
 
G

Gelöschtes Mitglied 22298

Gast
ich staune, dass diese story so wenig beachtung findet

sie ist angenehm und aufmerksam formuliert
hat linie und schluss

und allemal vier sterne verdient

gruß
gun.
 
Hallo Gunnar,

nur weil eine Story nicht direkt kommentiert wird, heißt das nicht, dass sie keine Beachtung findet. Ich hatte noch nichts dazu geschrieben, weil ich ein paar Tage darüber nachgegrübelt habe: Ist Lotte die Ausnahme, weil sie weiblich ist? Oder kann Bernie nur keine anderen Menschen leiden als sie? Oder mag er überhaupt keine anderen Menschen, will aber am Schluss etwas Nettes sagen? Oder geht es um ganz etwas anderes?
Ich hätte noch weiter überlegt, aber jetzt fühlte ich mich angesprochen ;)

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 

Ofterdingen

Mitglied
Hallo Ciconia,

Gunnar wundert sich, dass deine "story so wenig beachtung findet".
Du schreibst glatt und fehlerlos, bist eine der angenehmen Autorinnen. Deine kleine Kneipenszene beruht vermutlich auf Selbsterlebtem, auch das ein Pluspunkt. Und doch fehlt mir etwas. Der Vater säuft, prügelt und stirbt schließlich, für den Sohn ist und bleibt jeder, der sich übel benommen hat, "auf ewig" ein "Arschloch", doch befolgt er im Fall seines üblen Vaters den Spruch `Nil nisi bene de mortuis´. Über die Ich-Erzählerin erfährt man, dass sie "in Ordnung" und ihr Bruder "auch n´Arschloch" ist. Schade, dass du in diesem Text über Gemeinplätze nicht hinauskommst, dass deine drei Figuren ohne eigenes Profil und ohne Tiefenschärfe bleiben. Ich brauche keine weitschweifige Beschreibung. Mir würden schon ein gelegentliches genaues Hinsehen der Autorin und eine oder zwei treffende Kennzeichnungen genügen, irgendetwas, das die Figuren zu individuellen Charakteren und den Text für Leser interessant macht. Ich habe schon Besseres von dir gelesen.

Gruß,
Ofterdingen
 
Zuletzt bearbeitet:

Ciconia

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,

ich weiß, dass du meistens länger über solchen Geschichten grübelst und keine Schnellschüsse abgibst. Das ehrt Dich.

Ist Lotte die Ausnahme, weil sie weiblich ist?
Macht es für die Geschichte einen Unterschied, ob am Schluss eine „Lotte“ oder ein „Torsten“ angesprochen wird? Für mich war das eigentlich egal.
Oder geht es um ganz etwas anderes?
Mir ging es in erster Linie um die Beschreibung konsequenten Handelns, das dann doch irgendwann im Leben durch besondere Umstände gebrochen wird.

Danke fürs Reinschauen!

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Ofterdingen,

schön, dass Du Dich auch mal bei mir sehen lässt. Allerdings ärgert mich dabei Dein zweiter Satz:
Deine kleine Kneipenszene beruht vermutlich auf Selbsterlebtem
Diese Vermutung, dass man alles selbst erlebt haben müsste, was man hier schreibt, verfolgt mich seit meinen ersten Schreibversuchen 2012. Und man traut mir anscheinend immer noch nicht zu, mir Geschichten auszudenken.
Glaub mir: Wenn ich Selbsterlebtes aufschreiben möchte, tue ich dies im Tagebuch. Dort findest Du einiges von mir.
Über die Ich-Erzählerin erfährt man, dass sie "in Ordnung" und ihr Bruder "auch n´Arschloch" ist.
Eigentlich geht es hier nur um Bernie. Dazu brauchte ich eine Ich-Erzählerin, über die man gar nicht mehr wissen muss. Auch die Erwähnung des Bruders ist belanglos und dient nur als Klammer zum ersten Satz.
Ich habe schon Besseres von dir gelesen.
Ich gebe Dir Recht: Diese Geschichte gehört nicht zu meinen besseren. Leider hast Du zu den besseren aber nie etwas gesagt. :rolleyes:

Gruß, Ciconia
 
Zuletzt bearbeitet:

John Wein

Mitglied
Hallo Ciconia,
Eine kurze Episode anschaulich und verständlich geschrieben. Irgendwie kennt jeder ein ähnliche Geschichte aus seinem Alltagsleben und Mitmenschen, die ohne Zurückhaltung ihre Gefühlswelt offenbaren. Man kann Ihnen im Grunde auch nicht böse sein.
Ich habe es gern gelesen und freue mich auf weitere Episoden aus deinem Fundus.
Ich grüße, John
 

Ofterdingen

Mitglied
Meinen Satz "Deine kleine Kneipenszene beruht vermutlich auf Selbsterlebtem" meine ich nicht so, dass nun alles reine Autobiographie wäre. Dir traue ich durchaus genug Kreativität zu, dass du eine Geschichte erfinden kannst, nur denke ich, dass man bloß über solche Dinge glaubwürdig schreiben kann, die man aus eigenem Erleben kennt. Wer noch nie in einer Kneipe war, kriegt keine überzeugende Kneipenunterhaltung hin. Du schaffst das, doch sind da bestimmt diverse Gaststättenerlebnisse zusammengeflossen. Gegen die reine Autobiographie spricht im Übrigen, dass den drei handelnden Personen und den Gesprächsinhalten wirklich Spezifisches fehlt. Die Wiedergabe von dem, was sie sagen und tun, bleibt ziemlich allgemein. Bei der Erinnerung an zurückliegende Begegnungen, z.B. im Tagebuch, bleiben bei einer guten Beobachterin wie dir mit Sicherheit Details hängen, und die sind es, die eine Geschichte interessant machen.
Auch die Erwähnung des Bruders ist belanglos und dient nur als Klammer zum ersten Satz.
Das habe ich auch so aufgefasst, deswegen auch nur von
drei Figuren gesprochen (Ich-Erzählerin, Bernie, der Vater).

Leider hast Du zu den besseren aber nie etwas gesagt. :rolleyes:
Kann ja noch kommen. ;)Ich hoffe, mit diesem Texterl ist dein Schreiben guter Geschichten noch nicht zu Ende.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo John,

danke für Deinen Beitrag. Mal sehen, ob ich noch weitere Episoden zustande bringe. ;)

Gruß, Ciconia
 

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