Die Beliebigkeit der Literatur

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Anonym

Gast
Die Beliebigkeit der Literatur

Es hat sich viel geändert in meiner Einstellung zur Literatur. Früher konnte ich nicht genug davon bekommen. Bemüht man ein gängiges, leider schiefes Bild, müsste ich sagen: Ich verbiss mich in die Bücher, ich fraß sie regelrecht in mich hinein.

Zum Glück geht das natürlich nicht; selbst diverse Insektenarten, die man unter dem Begriff „Bücherwürmer“ zusammenfasst, weil sie tatsächlich in die Bücher migrieren, dort nisten und sich davon ernähren, fressen sie letztlich nicht völlig auf, sondern bohren zumeist darin herum. Vermutlich ohne tiefere Absicht einer Suche nach dem Sinn des Buches.

Meine frühere Lesewut und –begeisterung ist einer grundlegenden Skepsis gewichen: Ich habe über Jahrzehnte zunehmend Zweifel entwickelt, dass Bücher mit belletristischer Literatur die Welt abbilden, dass sie etwas verändern können, dass sie dem Fortschritt nützen, dass sie uns schlauer machen. Bestenfalls können sie, denke ich heute, uns unterhalten, ablenken, ein bisschen verführen, trösten oder – was ja immerhin auch etwas wäre – wütend machen.

So stehe ich denn mitunter in meiner Buchhandlung vor den Tischen oder Regalen, greife mir eine der Neuerscheinungen, beäuge kritisch das Cover, schlage die erste Seite auf, lese ein wenig hier und dort.

Schüttele den Kopf.

Wie kommt es zum Beispiel, sinniere ich in solchen Augenblicken, dass gerade dieser unbekannte Autor mit einem derart seltsamen Buchtitel einen bekannten Verlag fand? Der Autor, nennen wir ihn an dieser Stelle einmal Mirko Müller, ist ein absoluter No Name, den man im nächsten Moment wieder vergessen haben wird. Der Titel – sagen wir, er heiße „Schnee – die Geschichte einer Liebe in Zeiten des Klimawandels“ – lässt an Vieles gleichzeitig denken: an Liebe, ein Paar im Packeis, einen kalbenden Gletscher, der das Leben der zwei Liebenden bedroht; eine Schneelawine, die mit der ganzen Ortschaft auch zwei Liebende mitreißt, die sich, fest umschlungen, bis zum Letzten aneinander wärmen… Derlei Dinge eben.
Die Frage, warum dieser Autor mit dieser Geschichte von einem bekannten Verlag promotet wird, kann ich nicht beantworten.

Ich kann lediglich wieder schlussfolgern: Es ist nicht wichtig, was einer schreibt, wie gut er schreibt und welche Bedeutung das Produkt für den Erkenntnisgewinn der Leser hat. Wichtig ist allein, dass eine höhere Instanz sich eines Ergusses annimmt und ihm die notwendigen Weihen erteilt. Es ist also völlig egal, was der Schreiber zu Papier oder auf den Stick gebracht hat. Im Prinzip kann er alles schreiben oder nichts und den Schaffensprozess einem Automaten überlassen: dieser Teil hat keinen Wert, und wäre der Autor mit noch so großem Enthusiasmus und Eifer ans Werk gegangen; erst die nachfolgenden Schritte lassen Werte entstehen, indem sie ein verkaufsfähiges Produkt aus dem vorliegenden Gekritzel zaubern. (Ich erinnere mich an eine Anektdote, die man einem der begabtesten Rhetoriker der Antike zuschreibt: Marcus Tullius Cicero hielt auf dem Forum Romanum eine Rede, die seine Zuhörer restlos überzeugte. Am nächsten Tag stellte er sich wieder hin und erzählte das genaue Gegenteil. Seiner Überzeugungskraft soll der offenbare Widerspruch nicht geschadet haben, das Volk nahm ihm beide Geschichten ab… Oder Heine: er behauptete in jugendlichem Übermut, er schreibe so gut für eine Sache wie gegen selbige.)

Die erwähnten wichtigen Schritte zur „Veredelung von Beliebigem“ können sein: Vorabbesprechung in Literaturzeitschriften, Ankündigung eines bedeutenden Werkes, Werbung vor dem Verkaufsstart in Massenmedien, Garnierung mit lobenden Rezensionen bekannter Persönlichkeiten sofort nach Verkaufsbeginn, Erzeugung von Skandalen, um dem Autor eine Aura, eine Persönlichkeit einzuhauchen u.s.w.

Nun mag mancher einwenden, bei wirklich guter Schreibqualität steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein unbekannter Autor durchsetzt, dass er also schon mit einem Debüt einen Durchbruch schafft.
Ich glaube, dass dem nicht so ist. Um es am Beispiel des ins Leben gerufenen Mirko Müller festzumachen: Wenn dieser wirklich begabte, hochtalentierte Autor so intensiv, plastisch und psychologisch eingängig den Schnee beschrieben hätte, wie das bisher noch nie jemandem aus gemäßigten Breiten gelang, und der Verlag würde das Buch einem Publikum, zum Beispiel, in einem tropischen Lande präsentieren, in dem es noch nie geschneit hat: wer würde die hohe Kunst schneeiger Erklärungen wohl nachvollziehen können?
Niemand, denke ich. Das Publikum dächte vermutlich nicht an die Axt, die den gefrorenen See in der eigenen Seele aufzuschlagen in der Lage wäre, sondern einfach nur an einen Autor, der Schnee schreibt, um nicht von Schneematsch zu reden.

Die Folge von Schnee oder auch Schneematsch käme nicht unbedingt einem endgültigen Ausrutscher auf dem heißem Parkett unverständiger Leserinteressen gleich; sie brächte lediglich einen erhöhten Aufwand für die promotion – siehe die Anekdote zu Marcus Tullius dem Widersprüchlichen – mit sich, um die eindeutig vorhandene Nichtnachvollziehbarkeit der Texte Mirko Müllers, zumindest beim tropischen Publikum, das ja einfach null Ahnung von Schnee hat, umzuwerten in einen wertvoll-kühlenden Schlamm, der selbst ein begriffsstutziges Nashorn gierig auf ein Bad darin macht.

Zugegeben ein schwieriges Unterfangen, denn jeder weiß ja um das hornochsige Wesen solcher tumben Tiere. Doch einem guten Promoter ist selbst das keine Unmöglichkeit, ich schwöre es!

Das Beispiel zeigt: Der unter Umständen hochbegabte und tief engagierte Mirko Müller spielt keine Rolle im System. Er kann soviel Schnee schreiben, wie seine Feder hergibt, ganze Berge von Schnee kann er aufs Papier schaufeln und niemand stolperte darüber oder rutschte drauf aus. Achtlos würde die ganze Pracht dahindämmern, grau werden, schmelzen, in feinen Rinnsalen unsichtbar im Boden versickern… Erst die Veredelung durch die beschriebenen Schritte macht aus belanglosem Schnee eine begehrte Ware, eine wuchtige Lawine, die Menschenherzen mitreißt, auch wenn sie nicht verstehen, warum.

Und Geld in die Kassen spült für nichts als Schnee.

Und wenn der Schnee von Mirko Müller überhaupt nicht zündet, wenn er also trotz aller promotion und überregionaler Werbung, trotz aller Empfehlungen durch anerkannte Spezialisten und Think tanks, gleich einem lahmen Schneeball nach kurzem Flug in der rauen Luft der öffentlichen Meinung in unsichtbare Partikel zerstiebt, welche traurig ins bodenlose Vergessen sinken, so ist auch das nicht schade: Der Verlag hat ja jede Menge weiteren Schnee und jede Menge Mirko Müllers zur Verfügung, er kann mit Schneebällen feuern, was das Zeug hält, er muss es nur systematisch und nachhaltig tun, und er muss sich ein wenig ins Zeug legen bei der Suche nach neuen Namen für den alten Schnee…
 

Anonym

Gast
Hallo anonymus,

eine präzise wie beeindruckende Beschreibung bedeutsamer Wirkmechanismen, gefällt mir ausgesprochen gut!

VG
Ariel
 

Anonym

Gast
Hallo Ariel,

danke für die Einschätzung, die sich mit meiner wohl deckt. Ich hörte gerade heute Morgen einen Beitrag im Rundfunk zu einem neuen Roman, er heißt "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" von Thomas Klupp. Im Interview hat er Ähnliches gesagt, wie ich es in dem kurzen Text niederschrieb.

Herzlich

A.
 

Anonym

Gast
Hallo anonym

Ich verstehe die Absicht, sicher, ja ... Ich sehe hier Potential für einen wirklich, guten satirischen Text, der die Qualität zweifelhafter Massenware auf die Schippe nimmt. Das schöpft dieser Text leider nicht aus, es klingt zum Teil belehrend oder gar als frustgeladener Seufzer eines "verdammt-ich-habe-immer-noch-keinen-Verlag-gefunden" Autors.

LG
Tula
 

Anonym

Gast
Das Potential für einen guhten "satirischen Text" sieht @ali hier nicht.

Wer wähnt, "Belletristik" müsse
die Welt abbilden, etwas verändern können, dem Fortschritt nützen, uns schlauer machen,
ist schwer auf dem Holzweg. Dafür war und ist die Unterhaltungsliteratur nie gebaut. Sie kann und will, wie unser tapf'rer @anonymus ja ganz richtig bemerkt, nie mehr als
uns unterhalten, ablenken, ein bisschen verführen, trösten oder – was ja immerhin auch etwas wäre – wütend machen.
Gute und schlechte Belletrisitk hat's zu allen Zeiten und in allen Jahrhunderten gegeben.

Die Verlage verlegen nur die Belletristik, von der sie sich ein Geschäfterl versprechen; es beginnt dies bei einer verkauften Auflage von etwa 2000 Exemplaren. Dass man mit hohem Werbeeinsatz auch schlechte Romane an die Frau oder den Mann bringen kann, zeigen uns Beispiele wie die "Feuchtgebiete", die "50 Grauabstufungen" oder "Jenseits von Afrika".

Wer sich wirklich bilden und was lernen will, darf nicht in der trivialen Belletristik herumwühlen (das sind ohnehin nur etwa zwanzig Protzent des Gesamt-Literaturaufkommens), sondern sollte sich bei dem großen "Rest" schlau machen - bei den seriösen Sach- und Fachbüchern, den Histografien, den Biografien oder gleich gar bei den Lehrbüchern und Rathgebern.

Wer sucht, findet auch heute immer wieder guhte und sehr guhte belletristische Literatur - Buchs "Stillleben mit Totenkopf", Herrndorfs "Bilder deiner großen Liebe", Geigers "Selbstproträt mit Flusspferd", Juli Zehs "Unterleuten" oder aligagas "Häuser am Fluss".

Amüsiert

aligaga
 

Anonym

Gast
Hallo Tula,

der Text ist ernst gemeint! Und was die Suche nach einem Verlag angeht: ich habe zwei.
 

Anonym

Gast
Hallo Ali,

Du hast wie immer recht: Der Text ist kein satirischer, und Potential hat er schon gar nicht. Deinen Empfehlungen für gude Lideraduhr folge ich mit einem Unterschiehd: die genannten Schreiberlinge machen es ganz guht, doch reichen sie mit ihren Produkten nicht ansatzweise an die "Häuser am Fluss" heran, das meine ich wirklich ernsd!
 

 
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