Die Foppgeisterprinzessin

4,00 Stern(e) 3 Bewertungen

Elli44

Mitglied
Ich wohne in einer ruhigen Straße, die quer zu einer Einkaufsstraße verläuft. Seit fünf Jahren haben wir hier ein Obdachlosenheim, über das sich die Anrainer anfangs fürchterlich aufregten und das Treiben auf der Straße wurde zum täglichen Gesprächsstoff. Ich kenne etliche, die einen Brief an den Bürgermeister geschrieben haben, man möge doch die Einrichtung wieder schließen und andernorts eröffnen, doch ohne Erfolg. Mittlerweile hat sich die Lage einigermaßen beruhigt, aber immer wieder gibt es Vorfälle mit Betrunkenen, die sich lauthals beschimpfen oder sogar prügeln und mindestens einmal am Tag fährt die Polizei vor, und manchmal auch der Rettungsdienst.

Ich finde die Aufregung übertrieben, da die Foppgeister, so nenne ich die Obdachlosen, sonst niemandem etwas tun und höchstens mal um ein paar Münzen betteln. Sie haben nur Augen für einander und meiden Menschen. Allerdings sind sie nicht sehr schön anzusehen, sie haben ausgefallene Zähne, ungekämmtes Haar, gebrauchte Klamotten und sind ein Warnsignal dafür, dass ein sozialer Abstieg jedem passieren könnte. Der Mensch wird als Mensch geboren und hat die Möglichkeit, entweder solch einer zu bleiben oder sich emporzuentwickeln zu einem Engel oder hinabzustürzen und als Foppgeist sein Dasein zu fristen.

Im Vorbeigehen schnappe ich meistens kurze Gesprächsfetzen auf, und es geht fast immer um das persönliche Befinden oder Geschichten aus dem eigenen Leben, aber auch um Politik oder Klatsch und Tratsch aus den Medien. Die meisten von ihnen sind alleine und wer eine Freundin hat, hat einen besonderen Stellenwert, so wie fünfzehn-, sechzehnjährige, so als würden sie noch einmal von vorne anfangen.

Seit einigen Wochen fällt mir eine junge Frau auf, mit taillenlangem, blondem Haar und einem hübschen Gesicht - zu hübsch für eine Verstoßene. Sie trägt immer dasselbe kurze Kleid, etwas kalt für die Jahreszeit, aber ihr scheint das nichts auszumachen, oder sie registriert die Temperatur nicht. Viel zu beschäftigt ist sie mit Zeitungen kommentieren, sie wirft einen Blick hinein und hält knappe Vorträge, sie erklärt der Menge, warum bestimmte Politiker gewählt werden und Stars so lange in der Öffentlichkeit sind und andere wiederum nur Eintagsfliegen sind. Doch die Menschen scheinen sich nicht dafür zu interessieren und gehen an ihr vorbei.

Sie isst von den Tischen vor den Cafeterias übriggebliebene Kuchenstücke und bettelt vor der Trafik um Zigaretten. Sie pinkelt im Freien und kämmt ihr Haar im Gehen mit gespreizten Fingern, sie hat es immer eilig, als würde sie jemand verfolgen. Und sie treibt sich liebend gerne in Geschäften herum. Gestern habe ich sie im "Designal", einer Boutique, gesehen, sie sah mich an, ich wusste gar nicht, dass sie einzelne Menschen wahrnehmen kann, und sagte mir, dass ihre Tochter nicht geboren werden konnte und die spektralfarbigen Kreise auf den Kleidern und den Taschen stünden für die verschiedenen Kinder, die in etwa zur selben Zeit geboren wurden. Jede Farbe stünde für eine Planetensphäre. Während sie sprach, nahm sie einige Kleider aus dem Regal, hielt sie an sich, wie um zu sehen, ob sie ihr passten und hängte sie wieder hinein, und noch bevor ich antworten konnte, war sie schon wieder weg. Gleichzeitig mit ihrem Weggehen hörte ich noch im Hintergrund die Stimme einer Verkäuferin: "Sie haben Hausverbot!"

Heute habe ich sie beim "Libro" gesehen, sie saß am Boden und las in einem Buch. Eine Mutter mit einem etwa dreijährigen Kind hatten gerade eine Auseinandersetzung, der Junge wollte unbedingt ein bestimmtes Stickeralbum, die Mutter erwiderte, dass sie nicht bereit wäre, 20 Euro dafür auszugeben und machte sich auf den Weg zur Kassa. Der Junge blieb weinend zurück, da blickte die junge Obdachlose auf und reichte ihm einen 20-Euro-Schein, den sie in der Hand festgehalten hatte. Der Junge war überglücklich und lief zu seiner Mutter zur Kassa. Sie tauschten ein paar Worte und ohne sich zu bedanken warf sie einen undefinierbaren Blick auf die am Boden sitzende Frau, bezahlte das Buch, nahm ihren Sohn an der Hand und ging.
 
ja, die besten Handlungen und Wandlungen im Leben treten nicht immer ein, wo und wenn wir sie erwarten.
Gern gelesen - Gruß Rainer
 

Elli44

Mitglied
Ja, Handlungen und Wandlungen... In Irland wurde ein neuer Kornkreis entdeckt, die Blume des Lebens, sehr schön und präzise gemacht.

Die Blume des Lebens steht für Neubeginn, ein gutes Zeichen.

Freut mich, dass dir meine Geschichte gefällt.

LG

Elli
 

Oben Unten