Die Freuden des Frühsports

Terminator

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Die Freuden des Frühsports




„Ich bin doch nicht dein Typ“, sagte Antonia, als Otto ihr vorschlug, ihn bei ihr übernachten zu lassen. Er protestierte sofort. Wahrscheinlich etwas zu verhement und zu schnell. Eine Bestätigung für ihre Skepsis. Er merkte es an ihrem Lächeln. Sie glaubte ihm nicht, und er versuchte es mit der Wahrheit: Gut, stimmt, bis vor kurzem sei sie tatsächlich nicht sein Typ gewesen. Er habe bisher eher für den südlichen Frauentyp geschwärmt.

„Was heißt `eher´“, sagte Antonia, „ausschließlich!“

Otto schrieb Romane, die Antonia kannte. Es war ihr nicht verborgen geblieben, dass seine Heldinnen sämtlich wie glühende Griechinnen und Türkinnen aussahen, wie Jüdinnen, Palästinenserinnen, Sizilianerinnen.

„Eine Frau mit blauen Augen hat keine Chance bei dir“, sagte Antonia.

„Es ist doch nur Literatur“, sagte er.

„Wieso `nur´!“ Antonia forderte ihn auf, dazu zu stehen. „Ist doch gut, was du schreibst. Nur eben etwas eintönig – dieses Frauenbild.“

Otto litt. Sie hatte recht. „Die nächste Heldin wird so aussehen wie du“, sagte er.

Sie glaubte ihm nicht.

„Aber nur, wenn ich hier schlafen darf“, sagte Otto. Der gespielt abweisende Ausdruck wich von ihrem Gesicht und machte einer Miene Platz, die Otto bereitwillig vorkam. Um den Prozess der Umstimmung zu beschleunigen, sagte er: „Mein Gott, was ist dabei, ich schlafe auch auf dem Sofa, sag wenigstens meinem Führerschein zuliebe `ja´.“

Antonia triumphierte. „Wenn ich dein Typ wäre, würdest du mit mir in meinem Bett übernachten wollen und nicht auf dem Sofa. Es geht dir nicht um mich. Es geht dir nur um deinen Führerschein.“ Sie strahlte stolz. „Raus!“ sagte sie, umarmte ihn, und er ließ es lachend zu, dass sie ihn mit ihrem Unterleib kräftig zur Tür drückte. Sie küssten sich zehn Minuten, hatten Spaß daran, sich heiß zu machen und sprachen kein Wort. Seine Hand durfte wandern, wohin sie wollte. Dennoch verzichtete Otto auf einen weiteren Vorstoß. Er wollte keine Niederlage riskieren. Es war gut jetzt. Er ging fast glücklich. „Ich will jetzt nicht mit dir schlafen, ich will von dir träumen“, sagte er und war froh, dass ihm das eingefallen war. Es war die Wahrheit. Sie spürte es, und ihre Blicke hielten ihn nicht. Es war nicht schwer zu gehen, denn morgen würden sie sich noch einmal sehen.

Im Hotelzimmer schüttete er ein Päckchen Erdnüsse in sich hinein und fing an, über sein Leben nachzudenken. Er hatte sich gerade daran gewöhnt, allein zurechtzukommen. Jahrelang war er das Gegenteil von einsam gewesen. Eine schwierige Ehe hatte verschiedene Liebschaften hervorgerufen, die das Eheleben noch schwieriger machten. Ein Teufelskreis. Kaum hatte er einer schönen fremden Frau von seinen Konflikten und seinem Liebestumult erzählt und seine Unfähigkeit zur Treue verflucht, schon war diese Frau dazugewonnen. Prompt wurde es noch komplizierter und aufreibender, ein Jahr später schüttete er wieder einer anderen Frau sein Herz aus, und wieder gewann er sie. Als walte ein unbegreifliches Akkumulationsgesetz. In elf Jahren hatten sich auf diese Weise neben dem Eheweib sieben Frauen angesammelt, die Otto verehrte und begehrte, bedachte und um lachte, küsste und vermisste, entkleidete und auf deren Körpern er weidete.

Dann war dieses aufreibende, aber auch brisante Polygamie Modell völlig unerwartet geplatzt. Ottos Frau wollte die Scheidung, damit zerbrach das Imperium und Ottos Liebesschmerz war achtfach, wie eben noch sein Glück achtfach gewesen war.

Etwa um drei Uhr nachts klingelte das Telefon.

Antonia. „Na?“ fragte sie.

Otto verstand nicht. Antonia schimpfte fast ernsthaft. „Ich dachte, du wolltest von mir träumen! Hast du das vergessen? Ich wollte fragen, wie es war.“

„Ich bin noch nicht soweit“, sagte Otto.

„Wovon hast du stattdessen geträumt?“ Antonia wollte es wissen.

„Solche Fragen stellt man normalerweise erst nach sieben Jahren Ehe“, sagte er, „du bist wie

eine Kommissarin, du verhörst mich geradezu.“

„Kommissarinnen dürfen verhören.“ Antonia gefiel es, dass sie ihm als Kommissarin erschien. „Ich habe an meine Frau gedacht“, sagte Otto, „und an meine sieben weggelaufenen Geliebten – diese glühenden Griechinnen, Türkinnen, Jüdinnen, Palästinenserinnen, Sizilianerinnen mit ihrer braunen Haut, den kiloschweren pechschwarzen Haaren und der rasenden Leidenschaft.“

„Entschuldige, dass ich nicht wenigstens Carmen heiße“, sagte Antonia.

„Du bist Kommissarin“, sagte Otto, „das ist noch viel schärfer als Carmen heißen.“

Sie lagen beide in ihren Betten, und es war ihnen wohl. „Ich wäre jetzt gern bei dir“, sagte Otto. Was anderes fiel ihm nicht ein. Es war die Wahrheit. „Hmmm…“ Antonias Summen war weich, müde und zustimmend. Ottos Arm begann vom Halten des Telefonhörers zu schmerzen. Er drehte sich auf die andere Seite. Dabei erst fiel ihm seine Erektion auf. Stocksteif war das Ding, und er hatte es nicht bemerkt. Antonias müde, weiche Laute mussten den Apparat unauffällig hart und wach gemacht haben. „Kommissarin“, sagte er, „ich muss dir etwas gestehen.“ Er erzählte Antonia von dem stocksteifsten Ding, das er je im Leben hatte. Und dann sagte sie, sie sei nicht sein Typ. So etwas von Mast habe er noch nie an sich erlebt.

„Schön“, sagte Antonia, sehr müde, aber nicht gleichgültig.

„Soll ich kommen?“ fragte Otto.

Sie lachte. Etwas dreckig. Er verstand und stellte klar: „Ich meine, zu dir kommen. Jetzt.“

„So lange hält die Lust nicht“, sagte sie. Nach ihrer Theorie hatte die Erektion nichts mit ihrer Anziehungskraft zu tun. Auf die Entfernung geil sein, sei nichts Besonderes. – Auch da konnte er nicht widersprechen: So schwer vor Lust war er vorhin bei ihr nicht gewesen.

Otto protestierte trotzdem: Das ganze Typengeschwätz könne er nicht mehr hören. Ab sofort finde er helle Zivilisationshaut, braune, glatte Pagenhaare und dunkelrot angemalte Lippen aufregend.

„Schon gut“, sagte Antonia. Überzeugt war sie nicht, aber sie erkannte seinen guten Willen. Selbst wenn er log, dann doch nur, weil er sich aus ihr etwas machte. Das spürte sie.

Otto hatte bisher nicht nach Antonias bevorzugtem Typ gefragt. War ihm zu plump. Jetzt wagte er es.

„Ich bin nicht festgelegt“, sagte sie, „Frauen sind offener.“

Sie wurden jetzt sehr müde und sie waren sich sehr nah. Es dauerte eine Viertelstunde, bis sie auflegen konnten. Otto erinnerte sich plötzlich an ein dummes Wirtshausgedicht: „Am andren Ende saß die Maid / und hielt den Hörer unters Kleid.“ Der alberne Reim rutschte ihm heraus,

er genierte sich, aber Antonia lachte leise. „Wie geht der ganze Vers?“ Hatte er vergessen. Sie schlug vor, das zotige Gedicht bei Gelegenheit gemeinsam zu ergänzen. „Wir werden noch beim Telefonsex landen“, sagte Otto.

„Wäre das schlimm?“ fragte Antonia.

Um zehn Uhr trafen sie sich im Funkhaus bei Antonias Chef und besprachen das geplante Projekt. Antonias Lippen glänzten frisch dunkelrot in ihrem hellen Gesicht. Sie trug ihre schwarze Kommissarinnen-Lederjacke, und es sah aus, als hätte sie darunter nichts an. Otto spürte einen Stock in der Hose und trat unter dem Tisch auf Antonias Fuß. Sie trat zurück, streifte einen Schuh ab, fuhr seine Beine hoch, ließ die Zehen tasten, nickte dabei ihrem Chef aufmerksam zu, notierte etwas und schob Otto den Zettel zu: „Er hatte eine Erektion / durchaus nicht nur am Telefon.“ Otto revanchierte sich mit den Zeilen: „Die Aussicht, Tonia zu gewinnen / begann sofort ihn zu verjüngen. / Er genoss sein Pubertieren / und freute sich aufs Onanieren.“

Am frühen Nachmittag trennten sie sich. Den nächsten Termin in zehn Tagen empfand Otto als ein Großglück, als ein Geschenk, eine Gnade, einen Millionengewinn. „Ich auch“, sagte Antonia. Sie hielten sich eine halbe Stunde lang umarmt.

Zwei Tage später brach Otto auf eine Lesereise auf. Trostlose Orte in Ost und West. Jena, Chemnitz, Halle, dann Hamm, Recklinghausen, Gelsenkirchen. Nach der Lesung in Jena und dem anschließenden Saufen mit frustrierten Ostdeutschen lag er in einem absurd luxuriösen Hotelzimmer und dachte an Antonia. Er roch ihr Haar, er spürte ihren schmalen Körper unter der festen Kommissarinnen-Lederjacke, er atmete schwer und befreite sich im Handumdrehen von seiner Lust – und lachte ins Kopfkissen. Lange nicht mehr getan.

„Frühsport“ hatte Otto es ganz früher genannt. Für sich. Er hatte nicht zu denen gehört, die mit anderen Jungen darüber reden. Sie nannten es „wichsen“ und prahlten blöde. Das mochte er nicht. Es war ihm heilig. Er war den Traumfrauen nah. Onanieren war auch kein passendes Wort. Zu steril. Frühsport war besser. Es gab einen bayerischen Fragewitz: „Treiben Sie Frühsport?“ Antwort: „O. Na. Nie.“

Ob am Morgen, am Abend oder am Nachmittag: Frühsport war immer befreiend. Und obendrein ein Sieg über Gott, Kirche und alles dumme Gerede. Der Pfaffe erklärte es zur Sünde. Was aber so guttat, konnte nicht schlecht sein. Damit war der Beweis erbracht, dass Gott und seine Gebote eine Erfindung der perfiden Kirche waren. Kaum hatte der zwölf- oder dreizehnjährige Otto die Freuden des Frühsports entdeckt, war er auch schon Kirchenhasser und Gotteslästerer. Und was man sonst an Warnungen hörte, klang nicht überzeugend: „Jeder hat 1000 Schuss“, oder das Rückenmark werde weich – das konnte nicht stimmen, denn so viel begriff man von seinem Körper, dass Übung eher den Meister macht.

Otto hatte den Frühsport immer als Vorbereitung für die heißersehnte Begegnung mit heißersehnten Frauen angesehen. Allerdings weniger als konkrete physiologische Prophylaxe zum Spannungsabbau vor aufregenden Rendezvous, um im unwahrscheinlichen Fall eines Zum-Zug-Kommens mehr Ausdauer zu haben. Das auch. Das aber machten viele. Frühsport war für den jungen Otto vor allem ein Mittel, um herauszubekommen, ob nach dem Gebeutelt werden noch Liebe übrig war. Das aber funktionierte nur, wenn man keine erbärmlichen optischen Vorlagen benutzte, sondern ausschließlich seine Phantasie anstrengte, um aus der rasend begehrten Frau eine rasend begehrende zu machen. Auch später, als Otto genug Gelegenheit hatte, in den von der Natur vorgesehenen Höhlen Erlösung zu finden, war der Frühsport wichtig geblieben. Er nannte es nicht mehr Frühsport, sondern „imagonanieren“.

Das Imagonanieren war der zuverlässigste Liebestest. Otto war, wie jeder seiner selbst einigermaßen bewusste Mensch, oft nicht sicher, wie echt seine Liebe zu einer neuen Flamme war. Der Anfang ist so überwältigend. Wer ein paar Mal geliebt hat, weiß, dass die Fehlerlosigkeit der neuen Flamme verdächtig ist. Lust und Sehnsucht sind gewaltig und schwemmen Kritik und Bedenken hinweg.

Hier hilft nur systematische Imagonanie: Man imaginiere, das heißt, man mache sich zunächst einmal allein für sich ein Bild von den ersten gemeinsamen Nächten mit der neuen Frau des Lebens. Soviel Zeit muss sein. Man stellt sich vor, wie das zärtliche Vorspiel heftiger wird, wie man das berühmte Eindringen mit einer kleinen ironischen feministischen Bemerkung so lange herauszögert, bis sie darum bittet, wie man sich wälzt und wie man herumkeucht, wie man einhält, um sie zu reizen und um Kräfte zu sparen, wie man dann wieder loslegt, wie sie kommt – und wie es einen schließlich selber beutelt. Natürlich begleitet man diese Vorstellung simult-an mit einer sensibel abgestimmten Onanie, die in dem Fall einem höheren Zweck dient. Denn jetzt, in diesen Minuten, wo der Druck der Lust fürs erste gewichen ist, kann der Liebestest durchgeführt werden. Dazu muss die Imagination nach der Onanie nahtlos fortgesetzt werden. Man prüfe nun genauestens alle seine Empfindungen: Möchte man mit der Flammenfrau zärtlich im Bett liegen bleiben, oder ist im Hinterkopf eine Ungeduld zu spüren? Würde man etwa lieber allmählich gehen und allein sein? Wenn man dieses Gefühl auch nur ahnt, sollte man die Flamme vergessen. Dann ist diese Liebe nicht echt und damit nicht nötig. Man stelle sich vor, wie man der Neuen sein T-Shirt zum Auffangen des Spermas reicht, wie man sich an sie drückt. Liebt man sie bei diesem Ritual und in den Viertelstunden der Erkaltung. Kann man sich auch jetzt ungeniert verhalten. Dringend abzuraten von der erstrebten Liebschaft ist, wenn man jetzt, wo die Lust einen nicht mehr benebelt, das Gefühl hat, irgendjemand anderen betrogen zu haben. Gibt es irgendwelche Skrupel der Ehefrau oder einer anderen Geliebten gegenüber? Man muss das Gefühl haben, dass sie einem diese Liebschaft gönnen oder zumindest verzeihen würden. Sonst ist es Betrug. Oder sehnt man sich gar ins unproblematische Ehebett? Auch das wäre ein Zeichen dafür, dass man besser nichts anfangen sollte mit dieser Frau, dass sie das Wahre nicht ist, dass einen diese Liebschaft überfordern würde, dass man nicht reif genug ist dafür. Oder hat man umgekehrt das Gefühl, alle Brücken abbrechen und mit dieser Frau allein ans Ende der Welt gehen zu müssen, weil es mit noch keiner so toll war wie mit ihr? Auch das ist bedenklich.

In den glücklichen Jahren der Vielweiberei hatte Otto mit Hilfe der Imagonanie sein Gewissen immer genauestens geprüft, ehe er sich auf eine neue Affäre einließ. Man musste den Test mehrmals durchführen. Man war nicht immer in derselben Stimmung. Hatte er dreimal ein ungutes Gefühl bei der Sache, ließ er seine Nachstellungen sein und löschte die Flammen so gut es ging. Dadurch kam er nie in klassische Situationen geschmackloser Männer, die sich untereinander dumm und zynisch beraten, wie sie die eben eroberte Frau am besten loswerden können. Natürlich war dieses herzlose Gerede im Zuge der Emanzipation auch von den Frauen übernommen worden, die lästige Liebhaber abstoßen wollten.

Befriedigt ist kein schlechtes Wort. Befriedigt lag Otto auf seinem Hotelbett in Jena und hatte große und gute Gefühle, was Antonia betraf. Er hatte sie nicht betrogen und sich nicht, nicht ihren komischen Ehemann und auch seine acht Verflossenen nicht. Es war alles in Ordnung. Keine Spur einer Post koitalen Tristesse. Wenn die Menschheit mehr imagonanierte, würde diese lachhafte Art der Depression nicht existieren. Er jedenfalls kannte das angeblich leere Gefühl nicht. Und jetzt schon gar nicht. Jetzt fühlte er sich erfüllt und derart wohl, dass er es gleich noch einmal mit Antonia trieb. Man musste die Liebe mehrmals testen. Er hörte sie lachen, als er sich etwas mühte: „Erzwing es nicht!“ Es war entschieden zu früh für den zweiten Durchgang. „Doch!“ sagte er. Es war aufregend. Ihre helle Haut unter der schwarzen Jacke, ihre Unerschrockenheit. Er wusste, was sie wollte. Mit einer Kommissarin schlafen war ziemlich gewaltig. Die Nähe des kriminellen Milieus war ein Kick.

Kein Abfall der Liebesspannung. Kein Alleinsein wollen. Der zweite Test verlief so zufriedenstellend, dass er Antonia sofort anrief und ihr alles erzählte. Alles. Es war zwei Uhr nachts. Um halb vier dachte sie an die hohen Hoteltelefongebühren und rief zurück. Die 162 Mark beim Verlassen des Hotels am nächsten Morgen zahlte Otto gern und fuhr beschwingt nach Chemnitz.

Er konnte nicht mehr an Antonia denken, ohne stocksteif zu werden und diese komischen Tropfen abzusondern. So hatte er schon lange nicht mehr in einem Zug gesessen. Sie hatten Abmachungen getroffen: kein Telefonsex, das war langweilig. Antonia war von der segensreichen Wirkung der Imagonanie sofort überzeugt gewesen. Sie hatten ausgemacht, zu einer festgelegten Zeit ihre imagonanistischen Übungen zu verrichten, damit der andere in Gedanken teilnehmen konnte. Danach würden sie telefonieren und sich sagen, wie es war. Berichterstattung. Rapport. Keine Lügen. Antonia hatte ihm einen Auftrag gegeben. Sie selbst wollte einen Befehl, wann was zu tun war. So waren die Kommissarinnen. Entzückend. Ordnung muss sein. Heute sollte er es nachts von halb zwölf bis zwölf mit ihr treiben und ihr von halb eins bis eins davon erzählen. Dann würde sie es sich besorgen und ihn anrufen.

Die Lesung in Chemnitz war lang, die Reaktionen des Publikums spannend. Danach wurde gegessen und getrunken. Otto sah auf die Uhr. Schade zu gehen. Pünktlich um halb eins rief er Antonia aus dem Hotel an. Er sei nicht dazu gekommen, sagte er und war überrascht und beeindruckt, dass sie wütend war. So kannte er sie nicht. Pflicht muss erfüllt werden.

Otto reiste nach Halle, Hamm und Recklinghausen. Und Gelsenkirchen. In den verschiedenen Hotelzimmern testete er seine Liebe zu Antonia und erstattete ihr Report. Um Ottos Liebe sicher zu sein, stellte Antonia harte Forderungen. Er musste mit ihr vögeln und immer käme eine andere seiner Verflossenen hinzu. Wie wird er reagieren? Wird er bei Antonia bleiben? „Ich weiß es nicht, ich probiere es aus“, sagte Otto, legte auf, bemühte erst seine Vorstellungskraft, dann seine Manneskraft, beobachtete jede seiner Regungen und rief dann wieder Antonia an. Sie verhörte ihn. Er mochte das. Die Kommissarin. Sie wollte es genau wissen. Sie stellte Fangfragen. „Was hat Agnes für ein Gesicht gemacht, als ich so stöhnte?“ Ottos Hauptverflossene hieß Ines, und Antonia quälte ihn, indem sie so tat, als könne sie sich den Namen nicht merken. Agnes. Ein frommes Lamm war Ines nicht gewesen.

In Gelsenkirchen hatte Otto eine Erleuchtung: Es war völlig natürlich, fand er, etwas mit einer Frau zu haben, die seinem Typ entsprach. Das Natürliche aber war auf die Dauer langweilig. Viel schärfer war der Sex mit einer, auf die man nicht sofort abfuhr. Das war unnatürlicher, fast schon pervers. Und genau deswegen war er so nimmersatt verrückt nach Antonia, weil sie tatsächlich nicht sein Typ war und nie sein Typ sein würde. Das war es.

Diese gewagte Deutung gefiel Antonia. „Ich bin sprachlos“, sagte sie und verzieh ihm einen kurzen Seitensprung mit Ines, der ihm in Hamm zwischen drei Viertel vier und Viertel nach fünf Uhr morgens unterlaufen war. Er hatte es nicht zugeben wollen, aber die Kommissarin hatte ihn überführt. Otto wiederum war verärgert, weil er herausbekommen hatte, dass Antonia bei einer morgendlichen Imagonanie-Übung den Schlafanzug angehabt hatte. Diesen lieben netten, völlig ungeilen Fetzen! Sie waren mit dem albernen Gedicht nicht recht weitergekommen, und Otto kleidete seine Kritik an ihrem Aufzug in hoppelige Zotenreime: „Halt, ruft Otto, halt, Betrug! / Du trägst einen Schlafanzug. / Das ist mir nicht scharf genug. / Hol sofort die Lederjacke…“ Er wusste nicht weiter. Antonia half ihm: „Sonst schlag ich dich auf die Backe…“ Welche Backe? Otto war perplex und fuhr fort: „Trag sie auf der weißen Haut / und sei meine schwarze Braut. / Und so holten sie sich munter / einen nach dem andern runter.“

Als Otto aus dem Ruhrgebiet nach Berlin zurückfuhr, rief er Antonia aus dem Zug in ihrer Frankfurter Redaktion an. Er sagte ihr, dass er sich nachher in sein Abteil setzen und sich vorstellen werde, sie säße ihm gegenüber. Sie dürfen sich nicht berühren, lautet die Spielregel. Hände weg! Nur sich lüstern anstarren. Mehr nicht. Wer zuerst am Ziel ist. Autosuggestive Imagonanie für Fortgeschrittene. Er beschrieb ihr, wie sie aussehen würde, wenn sie hinschmilzt. Sie konnte nicht genug hören. Er verbrauchte all seine vierzehn Telefonkarten. „Ich glaube“, sagte Antonia, als ein Warnton das Ende der letzten Karte ankündigte, „ich glaube, ich muss dich morgen besuchen kommen.“
 

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