Die Geschichte vom Einfüßer

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CPMan

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Es war einmal ein kleines Tier namens Einfüßer, das hatte, na klar, nur einen Fuß. Der Einfüßer hatte, wie ihr euch sicher vorstellen könnt, kein einfaches Leben. Wann immer er irgendwo hingehen wollte, sei es zum Urlaub an den See, zum Hellwald oder auch nur zum Nachbarn, dem Maulwurf, immer musste er auf seinem einen Fuß herum hüpfen und viele Pausen machen. Auch das Gleichgewicht konnte er nicht gut halten, denn wenn man auf nur einem Fuß steht, kippt man schon mal um. Ihr habt es bestimmt selbst schon ausprobiert, oder? Eben. Auf einem Fuß durch die Gegend hüpfen, das ist auf die Dauer doof. Das dachte sich auch der Einfüßer.
„Mann, ey“, sagte der Einfüßer morgens nach dem Aufstehen und Hinfallen. „Jetzt bin ich gerade erst aus dem Bett gestiegen und schon hingefallen. Voll blöd!“
Sobald er nach draußen hüpfte, wurde ihm noch klarer, wie ungerecht das alles war. Er sah zwei Menschen mit einem Hund gemütlich an sich vorbei laufen.
„Der Mensch hat zwei Beine, der Hund hat sogar vier, aber ich muss mit einem Fuß klar kommen. Das ist so gemein!“
Aber als wäre das nicht schon genug, kam auch noch eine Spinne um die Ecke gekrabbelt. Sie sah den Einfüßer kurz an, lächelte verlegen, grüßte höflich und krabbelte dann schnell weiter. Der Einfüßer hatte trotzdem mitgezählt.
„Acht Beine!“, rief er laut. „Acht Beine hat die Spinne. Vier an jeder Seite. Nee, ist klar. Ich krieg nur eins, aber die Spinne kriegt acht. Was will die Spinne mit acht Beinen? Was will die damit? Jetzt mal ehrlich!“.
Nun hatte der Einfüßer echt die Schnauze voll.
„So geht es nicht weiter!“, sagte er. „So geht es nicht weiter, im wahrsten Sinne des Wortes. Mir reicht’s! Ich geh jetzt zur Hexe Rumpelpumpel, die soll mir ein zweites Bein zaubern.“

Die Hexe Rumpelpumpel wohnte tief im finsteren Finsterwald und wohnte dort, weil sie nicht gestört werden wollte. Aber ständig kam jemand vorbei und klopfte an ihre Tür und wollte irgendetwas umsonst gezaubert bekommen.
„Zauber meinen blöden Bruder weg“, forderte ein kleines Mädchen, das ganz allein gekommen war.
„Verzauber meinen ‚Prinzen’ wieder zurück in einen Frosch!“, forderte die Prinzessin, der einmal beim Spielen ihre goldene Kugel in den Brunnen gefallen war.
„Kauf mir ein Auto“, sagte ihr Neffe, auf den sie alle zwei Monate aufpassen ‚durfte’.
„Wieso kaufen?“, fragte sie. „Ich kann dir doch ein Auto zaubern!“
„Wegen der Garantie“, hatte der Neffe erklärt. „Auf Gezaubertes gibt es keine Garantie.“

Sie war also ziemlich erschöpft vom ganzen Zaubern und wollte ihre Ruhe haben. Sie hatte sogar schon überlegt, umzuziehen, aber viel tiefer als ganz tief im finsteren Finsterwald konnte man nicht wohnen. Beste Lage, hatte ihr der Makler damals schließlich gesagt.
Und trotzdem klopfte es jetzt wieder an ihrer Tür.
„Hexe Rumpelpumpel, hallo, huhu, Hexe!“, kam es von draußen.
Die Hexe versuchte erst einmal, sich tot zu stellen und gab keinen Mucks von sich. Sie blieb einfach am Frühstückstisch sitzen und bewegte sich nicht. Aber dann stand da plötzlich dieser Einfüßer am Fenster und schaute ihr direkt ins Gesicht.
„Hexe Rumpelpumpel, hallo, huhu, Hexe!“, kam es wieder von ihm. Die Hexe schaute ihn entnervt an.
„Was willst du?“, fragte sie barsch.
„Also, es ist so“, sagte der Einfüßer, „ich habe nur einen Fuß und das ist ganz schön anstrengend. Ich kann mich kaum fortbewegen, immer muss ich mich irgendwo anlehnen, mit den Händen abstützen, oder auf Krücken laufen. Ich bin den ganzen Weg hierher gehüpft. Und ich dachte, ich hab mich gefragt, na, weil du doch zaubern kannst, ob du mir nicht ein zweites Bein zaubern kannst?“
Zaubern, zaubern, dachte die Hexe. Immer soll ich zaubern. Jetzt ist mal Schluss mit Zaubern.
„Nein, kann ich nicht“, antwortete die Hexe.
„Aber es ist so anstrengend für mich“, jammerte der Einfüßer.
„Tja, wir haben alle unser Päckchen zu tragen“, meinte die Hexe knapp und biss in ihr Ciabatta-Brötchen mit Mozzarella, Tomate und Basilikum.
„Ich habe zum Beispiel kein Balsamico-Öl mehr!“, fügte sie hinzu.
Der Einfüßer stutzte. Dann lächelte er gezwungen.
„Das tut mir leid für dich. Das ist echt blöd. Aber um nochmal auf mein Problem zu sprechen zu kommen ...“
Die Hexe hörte gar nicht mehr zu. Sie schloss das Fenster und machte den Vorhang zu, so dass sie diesen Einfüßer nicht mehr sehen oder hören musste.
„So, den bin ich los.“
Denkste.

Am nächsten Morgen stand sie früh auf, sie wollte nämlich ihren Freund, den Wolf besuchen. Der Wolf hatte ihr eine E-Mail geschrieben. Irgend so ein Jäger hatte ihm wohl Steine in den Bauch gelegt und dann alles zugenäht. Wer tut so was? Er lag seit einer Woche im Krankenhaus.
Doch als sie die Tür öffnete, fiel ihr der schnarchende Einfüßer vor die Füße. Er hatte sich wohl an die Tür gelehnt und war dann irgendwann eingeschlafen.
„Uppala“, sagte die Hexe, als der Einfüßer, durch den Sturz aufgeschreckt, aufwachte.
„Guten Morgen, liebe Hexe Rumpelpumpel“, sagte der Einfüßer sogleich. Er rappelte sich auf. „Hast du gut geschlafen?“
„Besser als du, denke ich“, erwiderte die Hexe. Sie lief schnurstracks an ihm vorbei und machte sich auf den Weg zu ihrer Garage.
„Das ist wohl wahr. Naja, wie dem auch sei, ich wollte nochmal auf meinen Wunsch zu sprechen kommen.“
„Geht jetzt nicht“, sagte die Hexe Rumpelpumpel und öffnete das Tor zu ihrer Garage.
„Aber wieso de ... DU HAST EIN AUTO?“, fragte der Einfüßer entgeistert.
Die Hexe Rumpelpumpel lachte.
„Na, was hast du denn gedacht. Meinst du, ich lauf jeden Tag zu Fuß? Wir sind mitten im Finsterwald.“
„Ich dachte, du würdest auf einem Besen reiten.“
„Auf einem Besen, phhhh. Du liest zu viele Märchen. Wir leben im 21. Jahrhundert.“
Die Hexe öffnete die Tür zu ihrem Mercedes und stieg ein. Als sie die Tür schließen wollte, hüpfte der Einfüßer dazwischen.
„Bitte, liebe Hexe, ich brauche nur ein Bein.“
Die Hexe merkte, dass sie den Einfüßer nicht loswerden würde. Aber sie hatte eine Idee.
„Nur EIN Bein?“, fragte sie den Einfüßer.
„Nur EIN EINZIGES Bein!“, antwortete er treudackeldoof.
„Weißt du was?“, sagte die Hexe. „Ich mag dich. Ich will dir helfen. Aber ein Bein mit nur einem Fuß, das ist doch viel zu wenig. Ich schenk dir noch etwas mehr.“
Der Einfüßer strahlte übers ganze Gesicht.
„Danke, liebe Hexe!“
Die Hexe Rumpelpumpel holte ihren Ersatzzauberstab aus dem Handschuhfach und richtete diesen auf den Einfüßer.
„Eeene, meene, Müße, ich schenk dir tausend Füße. Hex, hex!“
Und Plopp! hatte der Einfüßer plötzlich tausend Füße. Er schaute an sich runter und kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Die Hexe Rumpelpumpel nutzte diesen Moment, schlug die Autotür zu und fuhr davon.

Der Einfüßer, der jetzt ein Tausendfüßer war, blieb auf dem Hof vor dem Hexenhaus zurück.
„Wow, tausend Füße, wie geil ist das denn?“, dachte er. Stolz besah er sich jeden einzelnen seiner neunhundertneunundneunzig dazugewonnenen Füße ganz genau.
„Juchhu“, schrie er zwei Stunden später laut in den leeren Himmel. „Ich bin jetzt ein Tausendfüßer.“
Doch als er losgehen wollte, merkte er schnell, dass tausend Füße nicht nur geil waren. Als er nämlich seinen dreihundertvierundachtzigsten linken Fuß nach vorne setzte, verhedderte dieser sich in seinem dreihundertfünfundachtzigsten Fuß, und dadurch kamen alle seine Füße von Nummer dreihundertfünfundachtzig bis Nummer fünfhundert ins Ungleichgewicht. Es war wie bei einem Dominospiel. Am Ende kippte man um.
Jetzt lag der Tausendfüßer zur Seite gekippt auf dem Hof der Hexe. Da er mit den neuen Füßen auch enorm an Länge gewonnen hatte, sah er jetzt aus wie ein langes Baguette mit Beinen, die seitlich in den luftleeren Raum ragten. Egal, wie sehr der Tausendfüßer sich auch anstrengte, er kam nicht wieder auf seine tausend Füße.
„Buhu“, weinte der Tausendfüßer, und sehnte sich zurück zu der Zeit, als er noch mit einem Fuß glücklich über die Wiesen gehoppelt war.

Am Abend, als es dunkel wurde, kam die Hexe Rumpelpumpel mit ihrem Mercedes wieder auf den Hof gebraust. Als sie aus dem Auto ausstieg, sah sie den Tausendfüßer (Ex-Einfüßer) immer noch auf dem Boden liegen. Aber er war eingeschlafen. Die Hexe bückte sich zu ihm herunter, stellte sich in die Mitte und richtete ihn mit einem Ruck so auf, dass er wieder auf seinen tausend Füßen stand. Vom Ruck wachte der Tausendfüßer auf.
„Na?“, meinte die Hexe. „Ich hoffe, du hast etwas gelernt heute!“
Der Tausendfüßer brauchte einen Moment, um zu sich zu kommen.
„Ähm, was soll ich denn gelernt haben?“
„Na, zum Beispiel, dass man bei seinen Wünschen nicht allzu gierig sein sollte.“
„War ich ja nicht“, antwortete der Tausendfüßer. „Ich habe mir nur ein zweites Bein mit einem zweiten Fuß gewünscht. Du hast mir einfach neunhundertachtundneunzig Beine, beziehungsweise Füße oben drauf gepackt“.
„Ach ja“, erwiderte die Hexe und erinnerte sich. „Stimmt, das war ja ich. Okay, dann hast du eben nichts gelernt. Tschüss dann!“
Die Hexe wollte gerade zu ihrem Haus gehen, als der Tausendfüßer schon wieder umfiel.
„Oh, Mist“, sagt er. „Ich bin über meinen dreihundertachtundzwanzigsten Fuß gestolpert.“
Wieder lag der Tausendfüßer auf dem Boden und konnte sich von alleine nicht aufrichten. Die Hexe seufzte.
„Also gut, ich helfe dir.“
„Oh, super“, sagte der Tausendfüßer und freute sich auf zwei gesunde Beine mit Füßen dran.
„Eene, meene Mhythmus, deine Beine ham jetzt Rhythmus, hex, hex!“
Der Tausendfüßer schaute an sich herunter und sah, dass er immer noch tausend Füße hatte. Langsam setzte er sich in Bewegung und bemerkte sogleich, dass sich alle fünfhundert linken und alle fünfhundert rechten Beine synchron in Bewegung setzten. Jeder Schritt klang jetzt wie eine Armee von fünfhundert Soldaten, die im Gleichschritt über den Exerzierplatz marschierten. Wumm, wumm, wumm, wumm.
„Juchu“, rief der Tausendfüßer entzückt. „Ich kann laufen. Und ich klinge wie fünfhundert starke Männer. Meine natürlichen Feinde werden mich fürchten.“

Die Hexe Rumpelpumpel lächelte zufrieden.
„Jeden Tag eine gute Tat“, dachte sie und ging zufrieden ins Haus.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo CPMan,

ich fand die Geschichte neulich schon beim ersten Lesen sehr gut und - wie bei Dir üblich - fehlerfrei geschrieben. Das blieb heute auch beim zweiten Durchgang so. Herzallerliebst, würde meine Generation sagen.

Warum sich nicht mehr Leser dazu äußern, kann ich nur mutmaßen.

Gruß, Ciconia
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo CPMan,
Eine gut geschriebene Geschichte, mit vielen lustigen Stellen:
Doch als er losgehen wollte, merkte er schnell, dass tausend Füße nicht nur geil waren. Als er nämlich seinen dreihundertvierundachtzigsten linken Fuß nach vorne setzte, verhedderte dieser sich in seinem dreihundertfünfundachtzigsten Fuß, und dadurch kamen alle seine Füße von Nummer dreihundertfünfundachtzig bis Nummer fünfhundert ins Ungleichgewicht.
;)

Ich fragte mich, für welches Alter diese Geschichte wohl gedacht ist? Ich weiss es nicht.

Ja, warum sich nicht mehr Leser zu dieser Geschichte äussern? Vielleicht gab es früher in der Leselupe mehr Kindergeschichten, glaube ich.
Manchmal kann auch das Lesen anderer Texte hilfreich sein: Man liest und kommentiert die Texte anderer und schwupps! bekommt einen Kommentar zum eigenen Text.

Gern gelesen,
Mit Gruss, Ji
 

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