Die Graphitperspektive

4,80 Stern(e) 4 Bewertungen

Aina

Mitglied
Die Graphit-Perspektive

„Ich verstehe es einfach nicht.“
Seine verschränkten Arme unterstreichen das Statement. Der missbilligende Zug um seinen Mund ist mit einer Spur Ekel garniert.
„Was genau verstehst du nicht?“, bietet sie zum wiederholten Mal ihre Gesprächsbereitschaft an. Eigentlich findet sie, dass sie es schon oft genug durchgekaut haben und dass es nicht an ihr ist, sich ein weiteres Mal zu rechtfertigen. Aber, und das ist vermutlich der Grund für ihre Geduld, insgeheim hofft sie, dass er sie doch verstehen wird.
„Findest du unser, hm, unser Beziehungsleben denn langweilig?“
Sie ist überrascht.
„Beziehst du das etwa auf dich?“
„Na klar, wie sollte ich es sonst sehen? Also, ist dir langweilig?“
„Schatz, wir sind jetzt 15 Jahre verheiratet, da wird es manchmal routiniert. Aber langweilig ist mir nicht. Ich finde es schön, wie wir es haben.“
Stille. Hinter seiner Stirn arbeitet es sichtbar. Sie spielt selbstvergessen an dem Bleistift, mit dem sie normalerweise den Einkaufszettel schreiben und schaut aus dem Fenster. Wie soll sie ihm erklären, dass das, was sie schreibt, nicht das ist, was sie in Wirklichkeit erleben will, dass es aber zugleich anregend, mitunter sogar abenteuerlich ist, sich in ihre Schreibwelt zu begeben.
„Was ist denn so spannend an dieser ...“
„... an erotischen Geschichten ...“, wirft sie schnell ein, bevor er wieder „Pornoschreiberei“ mit einer Abscheu ausspricht, als müsse er danach duschen.
„Ja, eben daran.“
„Es ist eine ganz andere Welt, finde ich.“
„Das kannst du wohl sagen“, bestätigt er. Nur leider mit einer Abfälligkeit, als würde es sich um das heruntergekommene Programmkino in der Bittergasse handeln, das in den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts die letzte Renovierung erlebte. Alter Zigarettenmief, abgestandener Bierdunst, verschwitzt-klebrige Griffe und abgewetzte Polster, in denen nicht nur Limonade ihren Gärprozess vollzieht. Über Jahrzehnte hat sich in jeder Ritze faszinierende Widerwärtigkeit verfangen. Aber auch hier, schwirrt es in ihren Gedanken vorwitzig vorbei, wäre es sicher reizvoll, eine erotische Geschichte spielen zu lassen. Sie sollte sich das als Aufgabe vornehmen und diese unwirtliche Umgebung in ein anderes Licht tauchen. Erotik kann das. Sie weiß es. Oft genug hat sie es in ihren Geschichten hautnah erlebt. Soll sie ihm jetzt damit kommen? Sie versucht es anders: „Mit Märchen ist das ganz ähnlich. Sie entführen dich auch in eine völlig andere Welt.“
„Meinetwegen. Warum schreibst du dann keine Märchen? Das müsste man wenigstens nicht vor den Kindern und unseren Freunden verheimlichen.“
„Ach, darum geht es also?“
„Ja, nein, also schon“, stammelt er hastig und löst seine verschränkten Arme, um sich durch die Haare zu fahren. Ein untrügliches Zeichen von Verunsicherung und gleichzeitig eine Warnung, dass der Diskussionston rauer werden könnte, falls sie sich jetzt nicht weich zeigt. Sie hat keine Lust auf Konfrontation. Der innere Kampf gegen anerzogene Anstandsregeln und alte verkrampfte Moralvorstellungen, für freiheitliches Gedankengut ist beim Schreiben schon schwer genug.
„Bisher haben wir das doch auch gut hinbekommen. Oder nicht? Das Pseudonym erlaubt mir das Veröffentlichen im Internet. Ich muss es nicht rumerzählen.“
„Das wäre ja noch schöner“, murmelt er verächtlich.
Sie stoppt das Stift-Gespiele und tippt mit der grauen Spitze auf den Küchentisch. Würde er ihr nicht gegenüber sitzen und sie erwartungsvoll anstarren, hätte sie Lust, den Stift auf der Resopalplatte frei laufen zu lassen. Kleine Kringel, wie hüpfende Flummis, eine Spirale, die in struppigem Blattwerk endet und dann von einem großen Herz eingerahmt wird. Einfach tun, wonach ihr der Sinn steht, jetzt und hier, unberechenbar, unerklärlich. Spielen. Spielen dürfen ihre Figuren. Vor allem das. Frei und ohne Einschränkung. In manchen Geschichten setzt sogar das Gesetz der Schwerkraft oder die Linearität der Zeit aus. Alles ist erlaubt. Genau das ist das Schöne am Erfinden von Geschichten. Und nichts Schlimmes passiert, ebenso wie auf dem Küchentisch. Einmal drüberwischen und alles ist wie vorher. Eigentlich kein Problem. Eigentlich. Doch, würde sie jetzt zu malen beginnen – was wäre seine Reaktion? Entsetzen oder gar Wut? Würde er sie für verrückt erklären? Vermutlich. Daher keinen Nebenschauplatz eröffnen und schön den Stift von der Platte weghalten. Sie legt den Bleistift hin und richtet ihren Blick auf ihn. Soll sie ihm jetzt sagen, wie gut es aussieht, wenn seine Haare nicht so streng nach hinten gekämmt sind? Es macht ihn lebendiger und viel freundlicher. Er ist der gutherzigste Mensch, den sie kennt, wenn er ihr nicht gerade patzig und widerständig gegenübersitzt.
„Märchen faszinieren mich, aber ich schreibe lieber mit Realitätsbezug und ich beschreibe Szenen und Personen gerne ausführlicher, wie du weißt“, versucht sie grinsend den friedlicheren Verhandlungsstrang aufzunehmen.
Dass er als erfolgreicher Wirtschaftsjournalist völlig anders schreibt, müssen sie nicht schon wieder erörtern. Dass sie einen anderen Schreibstil pflegt und daran festhalten möchte, selbst wenn sie es „nur“ als Hobby betreibt, muss auch nicht neuerlich besprochen werden. Aber sie hätte große Lust, ihm verständlich zu machen, wie reizvoll sie es findet, Wörter zu entdecken, mit denen sie eine Emotion oder eine Stimmung nachzeichnen kann. Wie aufregend es ist, innere Bilder lesbar zu machen, die andere berühren und in ihre Welt mitnehmen. Wenn ‚er‘, ihr Protagonist, sich im Kino in der Bittergasse zu seiner Begleiterin hinüberbeugt und, statt ihr etwas ins Ohr zu flüstern, sachte mit der Zunge am Rand der Ohrmuschel entlangfährt. Wenn sich jedes ihrer kleinen Härchen aufstellt und im nächsten Moment, wenn er sich verschmitzt lächelnd zurückzieht, mit dem kühlen Luftzug einen wohligen Schauer durch sie hindurchschickt. Wenn sie das schreibt, empfindet sie es selbst – die Härchen, das sehnsuchtsvolle Ziehen an allen empfindlichen Körperstellen und die Ermutigung ihrer Protagonistin, den nächsten Schritt zu wagen. Sie spürt die Textur seiner Jeans unter ihren schmalen Fingern, die feste Naht, die sie an der Innenseite seiner Schenkel langsam hinaufgleitet und wie sich bei jeder Falte die Spannung erhöht, ob sie sich noch weiter in die Nähe seines pochenden Zentrums traut. Er versucht, seinen Atem unter Kontrolle zu behalten, während die Bilder der Leinwand schemenhaft als Werbebanner an seinem Frontallappen vorbeiziehen. Reduziert auf seine rudimentärsten Empfindungen, spürt er die aufsteigende Hitze zwischen den Beinen, seine wachsende Wölbung, seinen trockenen Mund und die Lehne des Kinosessels - das Einzige, was ihm Halt gibt.
„Okay, also kein Märchen, das verstehe ich. Aber eines verstehe ich nicht: Warum kann es nicht eine Erzählung sein, ohne dieses sexuelle Zeug?“, forscht er nach.
Warum kann er es nicht einfach stehen lassen? Reicht es nicht, wenn sie es ihm sagt? Nein, natürlich reicht ihm das nicht. Er will den Dingen schon immer bis zum Mittelpunkt der Erde auf den Grund gehen und erst dann aufhören zu prüfen, wenn es keine passende Warum-Frage mehr gibt. Das war eine der Eigenschaften, die sie faszinierte, als sie sich kennenlernten. Eine Eigenheit, die sie bei sich nur wenig entdecken kann. Sie vertraut schnell darauf, dass die Dinge so sind, wie sie sich ihr auf den ersten Blick zeigen. Sie schätzt seine Gründlichkeit. Oft. Doch manchmal, so wie jetzt, hofft sie heimlich, aber vergeblich, dass er einmal großzügig wäre und ihr recht gibt, ohne es ganz und gar nachvollziehen zu können. Fünfe gerade sein lassen. Auch so ein Spruch, den er mit einem Stirnrunzeln quittieren würde. Deshalb sagt sie ihn lieber nicht.
„Stimmt, Erzählungen oder Kurzgeschichten oder Gedichte gehen auch ohne Erotik. Aber ich will das nicht.“
Die Verfolgungsjagd auf der Leinwand ist laut und wirr. Die Guten werden gewinnen. Er kann sich zurücklehnen und abwarten, ob sie sich traut ihre Finger bis ganz nach oben zu schieben. Sie befinden sich gerade in einem Tunnel. Neonröhrenstroboskop, Motorengeheul, Kollisionen, glänzender Lack scheuert kreischend an der Betonwand und sprüht Funken, alles illustriert von treibenden Rockklängen. Adrenalin, Testosteron, Serotonin. Der Hormon-Cocktail, der sie mutig macht. Sie tastet sich bis zur Mitte und lässt ihre ganze Handfläche dort nieder. Er wendet sich ihr zu. Sie zwinkert zurück und erhöht leicht den Druck.
„Wie? Schreibst du auch Gedichte? Jetzt bin ich verwirrt.“
So verwirrt wie der Kinobesucher, als sie mit einem Mal ihre Hand wegzieht und seine Manneskraft unangenehm kühl wird. Will sie es doch nicht? Unruhe von rechts, eine schwache Blase will geleert werden. Ob sie nachher wieder da weitermacht, wo sie gerade war? Oder noch einmal von vorne? Er nutzt die Unterbrechung, sich bequem hinzusetzen und seinen Arm um sie zu legen, während der Held sein verbeultes Auto stehen lässt und die Verfolgungsjagd in einem Gebäude zu Fuß fortsetzt. Auch nicht heller als der Tunnel. Angenehm. Keiner kann sehen, dass seine Hand unter ihrem T-Shirt verschwindet.
„Nein, ich schreibe keine Gedichte. Zur Zeit zumindest nicht. Aber ist das wichtig?“
„In gewisser Weise schon. Es geht doch darum, dass wir wissen, von was wir hier reden. Die mangelnde Eingrenzung der Problematik beziehungsweise die ungenaue Definition des Problems führt in vielen Fällen zu unbefriedigenden Lösungen“, postuliert er sein Konfliktmanagement-Wissen und rückt auf dem Stuhl zurecht, als bekomme er damit sicheren Boden unter seine Argumentationsfüße. Ob sie ihm sagen soll, dass es doch etwas gibt, was sie in ihrer Beziehung vermisst? Ist das der richtige Moment? Jetzt, wo es sowieso schwierig ist? Neulich, beim Schreiben, war ihr aufgefallen, dass sie diesen Erfahrungsbereich noch nicht betreten hatte, aber gerne darüber schrieb. Hatte er doch recht mit seiner Vermutung, dass ihr etwas fehlte und sie deshalb diese Geschichten schrieb?
Der Blasenerleichterer kehrt zurück. Was, wenn seine Hand unter ihrem T-Shirt bemerkt wird? Er lässt nicht ab. Was kann schon passieren? Sie reagiert nicht irritiert, im Gegenteil, sie scheint das zufällige Publikum anregend zu finden und legt ihre Hand eindeutig zu weit oben auf seinen Oberschenkel. Als würde sie der Konfirmandenblase zeigen wollen, wie sehr sie stört. Überhaupt zeigt sie sich abenteuerlustiger, als er vermutet hatte. Tatsächlich ins nächstbeste Kino zu steuern, auch wenn es dieses abgehalfterte Ding ist – er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich an ihre unbedachte Blödelei halten würde. Auch sein bester Freund hält sich nicht an seine Erwartungen. Er reagiert mit Entspannung auf die Unterbrechung. Er ist empfindlich und zweifelt schnell mal an sich. Selbstzweifel. Nichts ist hemmender fürs Schreiben als dieses nagende fiese Stimmchen, das flüstert: „Du schreibst nicht gut genug, das will sowieso keiner lesen, wen interessiert denn sowas?“ Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, dieser Stimme kein Gewicht mehr beizumessen. Eigentlich. Nur was ist, wenn der Ehemann, der sie so gut kennt wie sonst niemand, der es zu allen Zeiten gut mit ihr meint, belesen ist und selbst schreibt, unisono mit dieser Stimme spricht? Was dann? Sollte sie dem widersprechen? Wäre es an der Zeit, darauf zu hören und sich von diesen liederlichen, unanständigen Geschichten zu verabschieden? Andererseits hatte sie ausgerechnet von ihm das größte Lob erhalten, als er zugab, dass er bei einer ihrer ersten Geschichten schon auf Seite elf nicht mehr an sich halten konnte. Auf das Papier. Sie sollte sich diese Seite elf als Bestätigung über den Schreibtisch hängen. Warum also lehnt er die Geschichten ab, wenn es ihn doch berührt? Stellt er sich vor, dass andere ähnlich reagieren? Etwa so: Fremde Männer befriedigen sich anhand der Gedanken meiner Frau.
„Befriedigen ist das Stichwort, fürchte ich“, ploppt es ohne Vorbereitung aus ihr heraus.
„Ja, unbefriedigende Lösungen kommen von ungenauen Problemdefinitionen. Das war es, was ich meinte.“
„Ich nicht.“
„Wie?“
„Ich meinte mich.“
Stille. Der Held steht an eine Wand gelehnt, lauscht angestrengt in die Dunkelheit, die Musik beschränkt sich auf ein leises, nervöses Geigentremolo, die Spannung ist kollektiv spürbar. Er ist eingekreist, weiß es nicht, ahnt es nur, die Zuschauerherzschläge gleichen sich seinem an, reihenweise angehaltener Atem. Sie drängt sich ein wenig näher an ihn, gräbt ihren Kopf in seinen Hals, als wolle sie nicht sehen, was vorne geschieht. Er hält die Luft an, spürt ihre Hand zügig über seine Brust und den Bauch gleiten. Wird sein bester Freund wieder erstarkt sein, bis sie dort ist? Sich auf die hinreißende Rundung in seiner Hand konzentrieren, keine Ablenkung, nur die freudige Erwartung, ihr angehaltener Atem, ihr Duft ... ja, da ist ihre Hand und sowohl sein Recke als auch der Held haben es geschafft, sich rechtzeitig aus der Affäre zu ziehen. Er steht seinen Mann und die Verfolger werden durch die aufheulenden Sirenen verschreckt. Ihre Hand liegt warm auf seiner Beule und lässt ihn in kaum sichtbaren Kreisen ihr Begehren spüren.
„Du meinst, also ... ich verstehe nicht“, er mustert sie forschend.
„Ich meine, dass wir es gut haben, aber ich glaube, es gibt noch mehr, als das, was ich bisher erlebt habe.“
„Warum?“
Da war es, das forschende Verhör, das sie fürchtete und hasste. Es trieb sie jedes Mal in die Enge und war weder konstruktiv noch erhellend. Oder fühlte sie sich nur so bedrängt, weil die Frage peinlich entlarvend war? Warum sie das dachte, wie lange sie schon davon infiziert war, sollte nicht das Thema sein. Weiter nichts als ein Nebenschauplatz. Der Held muss sich mit Bürointrigen und Papierkram herumschlagen. Der Chef und die Kollegin verhören den Verdächtigen. Drastische Worte, Verweigerung, Gewaltandrohung. Der Verdächtige fühlt sich dennoch sicher und reizt den Chef bis zur Weißglut. Sie treibt ihr reizvolles Spiel der kleinen Kreise bis zu seinem Reißverschluss und öffnet ihn Zähnchen für Zähnchen. Nicht daran denken, dass die lose Boxershort darin hängen bleiben könnte, wenn sein Erstarkter sich so vordrängelt. Locker bleiben, darauf vertrauen, dass alles irgendwie gut geht.
„Ich halte es für unwichtig, wo ich das her habe. Eigentlich wollte ich es auch nicht thematisieren. Es ist nur ...“
„Wie, du wolltest mir nicht sagen, dass du seit fünfzehn Jahren, eigentlich noch länger ... oh Gott, wenn ich mir das vorstelle, ich dachte, ich mach es richtig ...“
Er schaut sie fragend an, senkt den Blick, knetet seine Hände.
„Du machst es richtig. Ich denke es liegt an mir. Deshalb wollte ich nichts sagen.“
„Und das, was zwischen uns war, also, hast du das nur gespielt?“
„Nein, nein, du verstehst mich falsch. Es ist gut, wie es ist. Ich komme auf meine Kosten und du machst es ganz richtig. Nichts ist gespielt. Aber ich glaube, dass es noch mehr gibt, als das, was wir kennen.“
Sie will damit den Druck rausnehmen, doch die Furchen auf seiner Stirn vertiefen sich. Ihr Verdacht, es wäre besser gewesen das Thema nicht anzusprechen, bestätigt sich. Wie sie den entwichenen Geist wieder in die Flasche hineinbugsieren soll und gleichzeitig ihrem Mann das Gefühl geben kann, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt, ist ihr völlig schleierhaft. Der Held sitzt am Schreibtisch, nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche. Hochprozentiges - genauso ein Klischee, wie die Tatsache, dass es schon wieder Nacht ist. Ihm soll es recht sein, das lässt den Kinosaal im Dunkeln und er kann mit seiner Hand bleiben, wo er ist. Sie feuert ihn durch ihre leisen Seufzer an. Ihre Hand hat sich bis unter alle Stoffschichten gewühlt und krault sachte sein Gemächt. Nicht denken, nur spüren, nicht vorstellen wie es weiter geht, nicht planen, nur erleben und sie machen lassen. Wenn der Film keine Überlänge hat, dürften sie jetzt bei der Hälfte sein. Überlänge. Zum Glück hat sie noch nie etwas zu seiner Länge gesagt. Er liegt perfekt in ihrer Hand, sie hat ein gutes Gespür, wie fest er es mag. Und wie gut, fast zu gut für einen Kinosaal. Wenn jetzt der Inkontinente vorbei gehen müsste, wäre ihm das nicht mehr egal. Die Grenze zur „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ ist überschritten.
„Erregung ist nicht das Problem. Wirklich.“
„Aber irgendetwas scheint dir zu fehlen“, stellt er fest, noch immer knetend.
Sie beugt sich über den Tisch und legt ihre Hände beruhigend auf seine.
„Ehrlich gesagt“, gibt sie zu, „weiß ich nicht, ob das nur ein Hirngespinst ist. Vielleicht fantasiere ich mir was zusammen. Wahrscheinlich wird es schöngeredet ....“
Er schüttelt ihre Hände ab: „Na, rück schon raus. Komm zum Punkt.“
Leichte Ungeduld kommt zum Vorschein. Das ist der andere Punkt, der es ihnen manchmal schwer macht. Sie neigt zu ausschweifenden Beschreibungen, schwelgt gern mal in Worten. Er hingegen bringt die Dinge immer auf den Punkt. Immer. Beim Schreiben muss sie sich seiner Vorliebe nicht anpassen, im Gespräch schon – vorausgesetzt sie will, dass er ihr zuhört. In einem Kinosessel hingegen ist Zeit für Ausschweifendes. Stoff auf Haut spüren, Wege bis zur weichen Haut finden, zärtliches Streicheln. Andere Begrenzungen, wie die Schamgrenze, spielen eher eine Rolle. Die scheint sie jedoch nicht zu haben: Irgendwie hat sie es geschafft, ihr Höschen unter ihrem Rock auszuziehen. Mit einem schelmischen Grinsen zeigt sie es ihm, bevor sie es in die Handtasche stopft. Der Held hat den nächsten Lösungsschritt für seinen Fall gefunden und rast mit aberwitziger Geschwindigkeit durch die Nacht. Ohrenbetäubendes Geröhr füllt den Kinosaal und kaschiert sein Keuchen beim Anblick ihres Strings. Über seine Standfestigkeit muss er sich bei dieser Vorstellung keine Sorgen mehr machen.
‚Standhaft bleiben‘, ermutigt sie sich selbst. In ihrer Ehe haben sie schon länger keine Gespräche mehr geführt, die von Belang waren. Das war einmal eine Stärke ihrer Beziehung. Was fünfzehn Jahre anrichten können. Oder waren es die Ereignisse in dieser Zeit, die ihnen die bedingungslose Nähe und die Offenheit für den Anderen raubten? Drei Kinder, der Tod seines Vaters und ihrer Schwester, ein Hausbau, seine Kündigung, der Neuanfang und der mühsame Aufstieg in seine jetzige Position, die finanzielle Notwendigkeit, ihr Studium abzubrechen und als Bibliothekarin zu arbeiten. Bald sind die Kinder aus dem Haus, sie bekommen zunehmend Zeit zurück. Doch wofür? Dafür, dass sie diese Zeit weiter mit Unnötigkeiten und erworbenen Pflichten füllen? Ja, er hat recht, sie sollte zum Punkt kommen. Sie will nicht, dass es bleibt, wie es ist, sie will Veränderung. Doch was wünscht sie sich konkret? Wie würde der Satz lauten, wenn sie ihn knapp und treffend formuliert?
„Also der Punkt ist ...“
„... der G-Punkt? Dachte ich es mir doch.“
„Äh, nein, den kennst du gut. Manchmal würde ich mir wünschen, du würdest länger dort verweilen. Aber das ist es nicht. Es ist die Ekstase“, präziser kann sie es nicht sagen.
Im schummrigen Leinwandlicht hat sich seine Hand zwischen ihre Beine geschoben. Er scheint an der richtigen Stelle zu sein. Sie lässt sie auseinanderfallen und ihre eigene Hand ruhen – gibt sich vollständig seiner hin. Ihre Atmung stockt, sie keucht leise auf. Der Held hat den Nachtclub erreicht. Springt aus dem Auto, zückt die Waffe, entsichert und schleicht mit wachsamem Blick zum Hinterausgang.
Mit dem Rücken zur Wand, verunsichert, suchend, blickt er sie über den Küchentisch an. Er hat sich den Bleistift genommen, hält ihn so fest, dass seine Fingernägel weiß werden. Ja, so etwas hatte sie fast erwartet. So lange er sie wie im Lehrbuch befriedigen konnte, war er auf sicherem Terrain. Aber „Ekstase“ war auf keiner einzigen Seite zu finden. So wenig wie „stundenlang wiederkehrende Orgasmen“, „nicht enden wollendes Hochgefühl“ oder „Hingabe bis zur Selbstaufgabe“. Er ist ergebnisorientiert und das auf eine perfektionistische Weise. Sie zum Höhepunkt zu bringen, beherrscht er optimal. Er selbst kommt dabei auch nicht zu kurz. Was zu kurz kommt, ist die Zeit, der Genuss, das Gefühl, die Ekstase.
„Und das weißt du aus deinen Geschichten?“ Der Bleistift landet ein wenig zu unsanft auf der Tischplatte.
„Hm“, wiegt sie unbestimmt den Kopf, „ich wünsche mir mehr Zeit, das tolle Gefühl länger hinauszuzögern. Das würde ich gerne erleben.“
„Und wie soll das gehen? Ich mache doch schon alles, so gut ich kann.“ Während er spricht, bekommt der Stift ein Eigenleben und hinterlässt eine Spur auf der Tischplatte. Bei „so gut ich kann“ tippt er mit jedem Wort auf die Platte und verursacht schwarze Graphitstaubflecken.
„Ja, ich weiß. Und ich sage auch nicht, dass es falsch ist.“
„Aber wie soll es gehen?“
Der Bleistift unterstreicht jedes Wort mit kleinen Zacken, die sich über den Punkten wie ein Gartenzaun gegen sie abgrenzen.
„Keine Ahnung. Ich hab da auch keine fertige Lösung.“
„Ach so, dann willst du weiter am Schreibtisch in deiner Traumwelt einem Zustand hinterher schmachten, statt etwas zu ändern?“
Die Schärfe in seinem Ton, ist unerwartet heftig und der Gartenzaun wird höher und schwärzer. Jetzt zurückzurudern erscheint ihr unsinnig, ebenso wie weitere wortreiche Erklärungen. Auf der Suche nach einer Lösung folgt sie dem Bleistift auf der Platte und einer unerklärlichen Eingebung. Sie umfasst seine kritzelnde Faust, ignoriert sein Zurückzucken und führt sie ein Stückchen weiter. Einen Kreis, klein und unscheinbar, setzt sie an das Ende der letzten Gartenzaunlatte. Er senkt seinen Blick und wird erst jetzt gewahr, was auf dem Tisch geschieht. Der unsichere Kontrollblick verrät seine Überraschung. Sie erhöht den Druck auf seine Hand. Er soll nicht in Versuchung kommen zurückzuziehen. Nicht schon wieder zu früh beenden, nicht bevor die letzten Tropfen der Inspiration ausgekostet wurden. Selbst wenn es sich nur um Gekritzel handelt. Sie schiebt seine Faust weiter. Ein Bogen, wieder zurück, eine Welle. Konzentriert schaut sie auf ihre Hände, sie will sich von seinem Gesichtsausdruck nicht entmutigen lassen. Das hier fühlt sich zu angenehm an. Sie lässt im Druck etwas nach, riskiert Stillstand. Für einen kurzen, schwebenden Moment, befinden sie sich in einem Bewegungsvakuum, nichts geht. Spannung, erwartungsvolle Stille, keine Musik, alle halten die Luft an. Der Held wird die Bösen stellen und dabei sein Leben riskieren. Sie steuert unter seinem sanften Kreisen auf den Höhepunkt zu, spürt, wie sich die Hitze zwischen ihren Beinen versammelt. Er konzentriert sich auf die kleinen Zuckungen, die Anspannung ihrer Hand, mit der sie ihn fest im Griff hat, die stockende Atmung, das Anhalten der Welt, die Lautlosigkeit vor dem großen Knall, den unheimlichen Rückzug der Welle. Der Held springt unvermittelt mit dem Fuß gegen die Türklinke und eröffnet im Flug das Feuer. Bass, Schlagzeug, volles Streichorchester. Er rollt sich hinter einem Wandvorsprung ab und lässt unterdessen den Kugelregen auf seine schockierten Gegner niederprasseln. Knallen, Krachen, Explosion, verzerrte Gesichter. E-Gitarre. Sie seufzt hörbar, drängt sich ihm entgegen. In Zeitlupe der Kugelhagel, Patrone für Patrone, Blutspritzer, Tropfen für Tropfen. Vulkanausbruch, Überschwemmung, zuckende Blitze, alles in ihrem zarten Körper vereint.
„Hm, hm“, räuspert er sich, legt seine Linke auf ihre Hand und fängt ihren Blick ein: „Unglaublich ...“ Sie betrachten das Ergebnis auf dem Küchentisch. Eine wilde Graphitwolke, die über den Tisch getrieben wird. Der Gartenzaun ist in den großen und kleinen Bausch-Wolkenschichten verschwunden. Schlieren verleihen Tempo, verschmierter Staub gibt Tiefe und Weichheit. Ihre Handballen sind schwarz vom Bleistiftstaub, seine weißen Hemdärmel grau und trotzdem strahlen seine Augen. Ein Leuchten, das sie wiedererkennt.
„Ja ...“, sie ist außer Atem, spürt ihre erhitzten Wangen, überhaupt ist ihr heiß. Die roten Flecken an seinem Hals verraten Erregung.
„Was war das denn?“, fragt er leise.
Soll sie versuchen, es zu erklären? Bohrende Fragen, Ablehnung riskieren?
„Es war so ein Gefühl ... zwischen uns“, probiert sie es mit einem Fragment.
Er nickt.

Als die Kinder nachhause kamen, war der Tisch blütenweiß gewischt und der Bleistift lag frisch gespitzt neben der Einkaufsliste. Kurz darauf reduzierte sie die Stundenzahl als Bibliothekarin, um mehr Zeit fürs Schreiben ihrer Geschichten zu bekommen. Er besuchte ein einwöchiges Tantraseminar, das er im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit verarbeitete. Im Wochenmagazin seiner Zeitung erschien der sechsseitige, viel besprochene Artikel, in dem er seine neuen Erfahrungen erstaunlich unterhaltsam und zugleich nachdenklich beschrieb. Darin wünschte er, dass seine Frau dieselben tiefgreifenden Erfahrungen machen dürfe.


Anmerkung: Der Name Graphit leitet sich aus dem altgriechischen γράφειν (graphein) ab, was schreiben bedeutet. (Wikipedia)
 

Susi M. Paul

Mitglied
Liebe Aina: endlich! Endlich bist du zurück, hier, in diesem deinem angestammten Forum. Müssen wir mehr dazu sagen (unübertroffenes Sprachgefühl, wunderbar konstruiert)? Eher nicht. Nur die Kritik: Warum hast du uns so lange darben lassen? Tu das bitte nicht mehr mehr! Alles Gute im Neuen Jahr!
 

Aina

Mitglied
Hallo zusammen,
vielen Dank für die freundlichen Rückmeldungen und Bewertungen.
Ich wünsche allen einen guten Start ins neue Jahrzehnt - mögen alle die passenden Worte finden und Spaß am Schreiben behalten.
Herzliche Grüße,
Aina
 

Oben Unten