Die Grenzgänger

Ich stand allein vor dem Spiegel. Es war im Waschraum des Alabama, morgens um halb vier, und es war gerade keiner in der Nähe. Ich sah mich prüfend an. War alles in Ordnung?
Es kommt nur selten vor, dass ich mich im Spiegel näher betrachte. Die Frage, ob ich gut aussehe, beschäftigt mich gewöhnlich nicht. Auch finde ich mich selbst nicht weiter problematisch. Menschen, die sich häufig spiegeln, wecken mein Misstrauen. Ihnen möchte ich nicht ähneln, auch deshalb vermeide ich gern den Blick in den Spiegel. Das ist noch kein Verdienst, ich weiß es.
Diese Geschichte erzähle ich mir jetzt selbst. Als Gedächtnisprotokoll kommt sie Jahre zu spät. Doch habe ich mich schon damals, als der Film noch lief, fortlaufend vergewissert. Es gibt nichts zu beschönigen, auch nicht im Rückblick.
Ich hasse es, wenn einer sich selbst belügt. Oder genauer: wenn er es versucht und es ihm nicht gelingt und er trotzdem nicht damit aufhört. Bei mir war die Sache damals die: Ich wurde allmählich zu alt für die Disco. Es war weniger mein Äußeres, der Blick in den Spiegel bestätigte es mir: Mitte zwanzig und zum Glück nicht älter aussehend. Doch erschienen mir neuerdings die meisten anderen Besucher im Vergleich zu mir immer jünger. Auch das hing nicht allein mit dem Aussehen zusammen. Es war vor allem ihr Verhalten, es kam mir viel jünger als mein eigenes vor.
Die meisten anderen ließen sich entweder treiben oder verfolgten leicht nachvollziehbare Zwecke. Einfach Spaß haben oder einen Partner finden, eine Partnerin natürlich, wenn es ein Mann war. Und ich? Meistens beobachtete ich damals die Paare. Was reizte mich daran? Wollte ich etwas von ihnen lernen? Ich glaube es nicht.
Ich hatte keineswegs darauf verzichtet, Frauen kennen lernen zu wollen. Manchmal gelang es mir. Offen gestanden, es berührte mich nie sehr tief. Vielleicht ist das sogar der Normalfall. Ich sah lange keinen Grund, darüber nachzudenken.
In dieser Nacht gab es wieder ein Pärchen, das mich stark anzog. Er sah ein wenig wie James Dean aus, auch wenn er dunkelbraune Haare hatte, genau wie die Frau an seiner Seite … Sie fand ich unvergleichlich. Schlank und fest. Selbstbewusster Blick. Alles sehr ebenmäßig und gepflegt. Ich bin nicht gut darin, eine Frau zu beschreiben, die mich beeindruckt.
Unser Blickwechsel ging von ihr aus. Ich merkte, dass sie mit ihm über mich sprach. Dann tanzten die beiden, sie tanzten hervorragend. Ich dagegen bin nur ein mittelmäßiger Tänzer. Sie sah wieder ab und zu herüber. Da ging auch ich zur Tanzfläche, schon um nicht gewisse Vermutungen aufkommen zu lassen. Ich suchte dort die Nähe der beiden, und sie wandten sich mir allmählich zu, unmerklich, wie Blüten sich nach dem Licht drehen. Wir tanzten also zu dritt, so konnte ich es auffassen. Nach zehn oder fünfzehn Minuten hörten sie plötzlich auf, und ich ging hinaus, um mich abzukühlen.
Ich sah ihn nun im Spiegel hereinkommen. Er trat auf mich zu. Ich drehte mich halb nach ihm um.
Er sagte: „Du hast gerade mit uns getanzt, mit meiner Schwester und mir.“
„Wenn du der Bruder bist.“
„Was soll das? Natürlich bin ich der Bruder.“ Er sah mich unfreundlich an. Ich hatte ihn schon irritiert. Mit ihm würde ich nie klar kommen.
Er fuhr fort: „Sie will einmal mit dir reden. Sie hat eine Bitte an dich. Kommst du mit mir? Sie wartet auf dem Parkplatz.“
Wir gingen hinaus. Wenn wir eine Tür passierten, ließ er mich vorangehen. Das war nicht höflich, er führte mich fort, so kam es mir vor. Und tatsächlich, ich bin danach nie mehr ins Alabama gekommen …
Ich konnte mir nicht vorstellen, worum sie mich bitten würde. Ich glaube, ich habe nicht zu viel und nicht zu wenig Phantasie. Nur in bestimmten Situationen versagt mein Vorstellungsvermögen vollständig. Das ist dann sogar von Vorteil. Man bleibt bis zur entscheidenden Sekunde kaltblütig. Wenn sie da ist, handelt man instinktiv, ich setze voraus: richtig.
Das Auto sah nach Geld aus. Seine Schwester, halb im Stehen, halb auf der Kühlerhaube liegend, lehnte ihren Kopf gegen die Windschutzscheibe, das Gesicht in das halb lange braune Haar gedrückt, die Beine dicht zusammen. So spielte sie die Übermüdete oder sogar die Schlafende und gab dabei vor, unser Näherkommen zu überhören. Im Profil ähnelte sie jetzt ihrem Bruder, ich hatte sie vorher so nicht gesehen. Ein Fuchskopf, wenig sympathisch. Als wir vor ihr stehen blieben und noch nichts sagten, gab sie ihre Verstellung schon auf. Sie löste sich vom Wagen, das Haar fiel herunter. Sie sah jetzt wieder aus wie beim Tanzen, elegant, gescheit, ein wenig burschikos.
„Dirk“, sagte sie mit ihrer Altstimme, „stell uns doch vor. Ich weiß bisher nicht einmal seinen Namen.“
Er zuckte die Achseln, ich kam mir linkisch vor. Unreif. „Heinrich“, sagte ich so unbeteiligt wie möglich.
„Ich glaube, ich nenne dich Hein“, sagte sie. Mir gefiel es nicht, wie sie da gewissermaßen etwas abschnitt. Wir waren doch nicht in Deutschland. Ich glaube, diese Kurzform gibt es nur ganz im Norden häufig. Sie hieß Doris.
„Bist du nicht auch aus der Gegend von Rosenberg? Ich habe dich da mal gesehen.“
„Das muss lange her sein, fünf Jahre mindestens. Ich war da beim Heer.“ Sie ging darauf nicht ein. „Ich komme von Grafung, sogar noch ein gutes Stück weiter.“
Dirk sagte, sie hätten gehofft, ich würde sie mitnehmen.
„Was ist mit dem Auto?“
„Fährt sich gut“, sagte Doris, „nur wir sind nicht mehr gut drauf. Dirk, dieses Rindvieh, hat wieder zu viel getrunken. Und ich fühl mich auch nicht mehr. Wir riskieren nicht gern was. Wir brauchen den Führerschein jeden Tag.“
Sie hatten zu Hause eine Bäckerei. Dirk musste schnell nach Rosenberg und in die Backstube. Ich bot ihnen an, sie mit meinem Wagen heimzubringen. Es sei kein Problem für sie, sagte Doris, später am Tag zu zweit mit dem Lieferwagen hierher zu kommen und den Pkw abzuholen.
Es war nicht mein Auto, sondern das von Fritz. Ich hatte es mir ausgeliehen und war jetzt in Sorge, es könnte drinnen nach Landwirtschaft riechen. Auf dem Beifahrersitz lag seine Stall- und Feldmütze. Ich griff nach ihr und warf sie ins Handschuhfach. Doris überließ den Rücksitz Dirk. Während er sich hineinzwängte, sagte ich: „Es ist der Wagen von meinem kleinen Bruder.“
„Kleiner Bruder, kleines Auto“, meinte Dirk. Ich ärgerte mich und beschloss, es nicht zu zeigen.
„Oh, du bist der große Bruder“, sagte Doris.
„Der mittlere. Von dreien.“
„Und Schwestern sind keine da? Dirk, es ist ein Dreibubenhaus.“ Das war eine Manier von ihr, Dirk wie eine Autorität anzurufen oder bei ihm ihre Erkenntnisse zu deponieren wie Ersparnisse auf einer Bank. Ich sagte, Edmund lebe nicht mehr daheim auf dem Hof, sondern in Grafung.
„Was macht er?“ wollte Dirk wissen.
„Er ist bei der Bank.“
Doris fragte nach meinem Auto, ob es kaputt sei. Nein, sagte ich, ich hätte zurzeit keines.
Wir waren schon ein Stück gefahren, und Doris sagte: „Du fährst gut, auch wenn du kein Auto hast. Man merkt, du hast genug Fahrpraxis.“
„Kommt wohl von der Arbeit.“
„Du bist nicht auch bei der Bank?“
„Nein, Polizei.“
„Dirk, ich muss es geahnt haben. Er ist bei der Gendarmerie! Ein Gendarm bringt uns nach Hause.“
„Nein, nicht Gendarmerie, in der Hauptstadt.“
„Ah, in der Hauptstadt. Wie er das sagt …“ Sie gab sich ironisch, aber ich glaubte, sie sei wirklich etwas beeindruckt. Dirk schlief schon.
Doris schwieg dann. Ich weiß nicht, ob sie auch ein wenig geschlafen hat. Ich konnte nicht einmal herausbekommen, ob ihre Augen geschlossen waren. Wir kamen um diese Zeit rasch voran. Wir fuhren der Morgendämmerung entgegen. Ich entfernte mich immer mehr von Grafung und meinem Dorf. Rosenberg liegt in der entgegengesetzten Richtung, wenn man von der Disco aufbricht. Ich würde alles zurückfahren müssen.
Das Hochland senkt sich allmählich nach Osten. Wir fuhren gewissermaßen von der Höhe der Dunkelheit ins Licht hinunter. Ich liebe die ersten Anzeichen des beginnenden Tages. Man hat die Vorstellung oder Illusion, dass alles noch einmal neu anfangen kann. Einige Kilometer vor der Stadt, in der Dirk und Doris wohnten, führt die Landstraße steil hinunter ins Rosental. Als die ersten Häuser auftauchten, begann ich mich zu erinnern. Diese und jene Ecke kamen mir vertraut vor. Doris dirigierte mich ins alte Zentrum hinein.
Rosenberg ist früher so oft abgebrannt, dass es fast keine schönen alten Häuser mehr hat. Eine der wenigen Ausnahmen ist das Sgraffito-Haus am unteren Ende des Hauptplatzes. Dort hatte sich zu meiner Militärzeit die Konditorei Althammer befunden. Ich wunderte mich, dass Doris mich da halten ließ. Wie sich herausstellte, gab es die Konditorei noch immer. Doris war eine Althammer und Dirk war ein Althammer.
„Du kommst doch noch mit hinauf?“ forderte Doris mich auf. „Dirk bekommt jetzt seinen Kaffee, damit er überhaupt arbeiten kann. Und du solltest nicht gleich wieder zurückfahren.“
Ich nickte und stieg auch aus. Sie hatten nur von einer Bäckerei gesprochen, und nun waren es die Althammers, die Konditoren. Ich sah auf die Fassade, sie wirkte wie ein Blumenbeet im ersten Frühlicht, noch ein wenig grau, doch reich an Formen, ein Garten, den an diesem Tag noch niemand betreten hat. Ich machte mir klar, dass Doris nur ironisch von dem Polizisten aus der Hauptstadt gesprochen haben konnte, sie, die Tochter aus reichem Haus. Sie hatte mich sogar bloß für einen Landgendarmen gehalten.
Im Erdgeschoss befanden sich Verkaufsräume in uralten Gewölben, im ersten Stock waren die Gasträume, wie ich mich erinnerte, ein Saal mit Stuckdecke und Nebenzimmer. Die Etage darüber musste eine Wohnung enthalten. Die beiden führten mich durch das offen stehende Tor in den Innenhof. Ich sah die Laubengänge aus Holz wieder und den wilden Wein, er hatte noch nicht ausgetrieben. Die Geschwister gingen mit mir zwei Außentreppen hinauf. Dann betraten wir von der oberen Loggia aus eine kleine Wohnung, die mir diejenige von Doris zu sein schien. Sie bestätigte es mir.
„Früher war hier ein Gasthof. Wir haben für jeden von uns aus je zwei Zimmern eine kleine Wohnung hergerichtet. Daher die unmöglichen Fenster. Sieh darüber hinweg, wenn du kannst … Ich muss jetzt schnell den Kaffee machen.“
Dirk verschwand gerade durch eine Tür in der linken Seitenwand. Ich sah jetzt, dass er den Kragen seiner dunkelbraunen Lederjacke hochgeschlagen trug. Das passte zu ihm, so genau glaubte ich ihn schon zu kennen.
Während Doris in der Kochnische hantierte, stand ich an einem der beiden schmalen, hohen Fenster. Sie lagen viel zu nahe beieinander, und ihr Flächeninhalt war im Verhältnis zur Wandlänge und auch zur Größe des Zimmers zu gering. Vermutlich erhielt der Raum am Tag nur wenig Licht, doch an heißen Sommertagen würde es hier angenehm sein. Unten im Hof sah ich jetzt leere Bankreihen vor langen, blanken Holztischen. Ein schmuckloser Anbau aus jüngerer Zeit schloss den Hof an der rückwärtigen Schmalseite ab. Er hatte nur zwei hoch gelegene Fenster, aus denen Neonlicht drang. Das musste die Backstube sein. Vielleicht arbeiteten die Gesellen schon, Dirk hatte vorhin davon gesprochen. Aus der Backstube ragte ein hoher runder Schornstein in den zunehmend heller werdenden Himmel.
Dirk kam durch die schmale Tür zurück. Er war jetzt ganz in Weiß. So gefiel er mir sofort viel besser, er sah nicht mehr aus wie ein Filmstar der fünfziger Jahre, der sich wahrscheinlich umbringen wird. Der Kaffee war fertig. Wir versanken in hellbraune Ledersessel, die auch nach Geld aussahen.
Doris nippte nur einmal an ihrem Kaffee. Sie sagte, sie werde ja ohnehin bald schlafen gehen. Da ließ ich meinen Kaffee nach dem zweiten Schluck auch stehen.
Dirk trank seine Tasse schnell aus, stand auf und bedankte sich kurz angebunden bei mir. „Ich dank dir schön fürs Herbringen. Wir werden noch öfter miteinander reden.“ Er verließ uns durch die Tür zum Laubengang. Die Verbindungstür zu seiner Wohnung hatte er vorhin nicht geschlossen, sie stand noch immer offen. Ich konnte aber von meinem Platz nicht hinübersehen. Diese Tür beunruhigte mich etwas.
Doris sagte: „Hein, bleib doch noch. Fahr noch nicht gleich heim. Lass uns etwas Richtiges trinken. Cinzano? Pur?“
Ich nickte nur zu jeder Frage und dachte bei mir: Darauf ist es doch von Anfang an hinausgelaufen. Es ist die normalste Sache auf der Welt. Und sie hat es gut eingefädelt.
Das rote Getränk veränderte rasch unsere Stimmung. Bitter macht auch lustig. Wir lachten schon, bevor das Gespräch zwischen uns richtig in Gang kam. Dann redeten wir über Dirk.
Ich fing damit an, ich sagte: „Ich stelle mir Dirk in seiner Bäckerkleidung in der Disco vor.“ Ich grinste dabei, es war ein Versuch, sie musste es nicht komisch finden.
Sie lachte laut. „Der arme Dirk, was machst du mit ihm. Du ziehst ihn neu an …“
„Ja, ich modelliere ein wenig an seiner Erscheinung.“
Sie warf sich zurück und kreischte: „Dirk ganz in Weiß? Wie eine Braut? Und auch noch mit einem Blumenstrauß? Der arme Dirk!“
Ihre Reaktion erstaunte mich. Sie war viel stärker, als ich vorausgefühlt hatte. Ich hielt mich dann etwas zurück und ließ sie erst wieder zu Atem kommen.
„Sah er immer schon so aus?“
„Du meinst, wie ein falscher Fünfziger? Nein, erst seit kurzem, das ist Reginas Werk.“
„Seine Freundin?“
„Seine Verlobte. Auf diesen Titel legt sie Wert. Sie hat viel für Stil übrig … Sie studiert in Italien. Du solltest sie einmal sehen.“
„Sieht sie auch gut aus?“
„Oh! Bellissima!“
„Ist sie eine Italienerin?“
„Nein. Aber frag sie einmal, wo sie herkommt. Sie kommt aus - Stinkenbrunn! Sie ist unsere Bellissima aus Stinkenbrunn.“
Sie lachte ein wenig hysterisch und verließ ihren Sessel. Sie kam zu mir herüber und nahm auf der linken Armlehne meines Sessels Platz. Sie hing schon halb über mir und legte erst noch den rechten Arm um meinen Hals. Gleich würde sie mich küssen. Ich ließ mich küssen. Wie meistens empfand ich dabei wenig oder nichts, jedenfalls nichts Angenehmes. Zwei dünne Schleimhäute auf zwei anderen dünnen Schleimhäuten, im Lauf einer langen Nacht etwas ausgetrocknete Schleimhäute, zuletzt noch vom Wermut oder etwas Naturidentischem gegerbt. Wieder dieses Gefühl von befeuchteten Krokohandtaschen. Und dann dieser Fremdkörper im eigenen Mund … Wir hätten vor dem ersten Kuss Erdbeeren essen sollen. Ich hatte noch nie einen Mann geküsst, ich stellte es mir ebenso fad vor.
Sie führte mich zu ihrem Bett. Es war geschmackvoll wie alles im Raum.
Nur gegen das Küssen hatte ich eine Abneigung. Das Folgende ließ mich wie üblich innerlich unbeteiligt. Ich funktionierte meiner Bestimmung entsprechend. Ich habe insofern noch nie versagt. Als Polizist bin ich körperlichen Einsatz gewöhnt, ich habe Körperbeherrschung gelernt, ich habe sie trainiert. Ich fasse Sex als eine Art Turnübung auf. Ich konzentriere mich auf mich selbst. Ich bin dann ziemlich allein. Was kann dabei herauskommen – vermutlich eine nur mittelmäßige Leistung. Wie ich ein mittelmäßiger Tänzer bin, so bin ich auch ein mittelmäßiger Beischläfer.
Sie gehörte zu jenen Frauen, die es erregt, wenn ein Mann sich nur physisch verausgabt. Sie versuchte, diese merkwürdige Sache zwischen uns zu interpretieren. Sie sagte: „Oh, du bist ja ein Pascha!“ Sie missverstand mich von Anfang an. Wahrscheinlich wollte sie mich missverstehen, sie war ja so klug.
Nachher lagen wir ruhig nebeneinander. Sie gefiel mir noch immer. Sie war hübsch und gescheit. Sie war nett zu mir.
Sie sagte auch: „Du bist ein richtiger Polizist, so diszipliniert. Ich habe es gespürt, wie du dich zurückgehalten hast. Du würdest gern mehr aus dir herausgehen, aber du kannst es nicht.“ Dazu sagte ich nichts. Wir dämmerten in den Tag hinein.
Später sah Doris auf die Uhr und stand dann rasch auf. Sie zog sich an.
„Bleib du nur liegen. Ich muss mal kurz weg, Ware ausliefern. Wir haben draußen noch eine Filiale. Ich will es Dirk heute nicht zumuten.“
„Ich kann auch aufstehen. Ich muss ja doch heim.“
„Also, Hein, also, bitte! Es ist noch nicht lange her, dass du etwas getrunken hast. Bleib noch ein oder zwei Stunden. Ich bin bald zurück. Dann gibt es Frühstück.“ Sie war in Eile. Ich blieb liegen.
Ich muss dann richtig eingeschlafen sein, ich weiß nicht, für wie lange. Ein Geräusch weckte mich, es kam von den Fenstern her. Im Hof war anscheinend ein Ausrufer am Werk, dazu auch etwas wie Volksgemurmel. Es hörte sich beinahe wie ein Volksauflauf an. Mit drei Sätzen war ich an einem der Fenster. Da unten standen tatsächlich Leute und sahen alle zu meinem Fenster herauf. Ein sehr junger Mann deutete mit ausgestrecktem Arm in meine Richtung und hielt eine Rede dabei. Ich verstand nicht, was er sagte, doch musste es sich auf mich beziehen. Dann erst erriet ich, es war eine Stadtführung. Ich war ja im Sgraffito-Haus, der schöne Hof mit den Laubengängen, und es war Samstagvormittag. Nicht mir galt die Aufmerksamkeit.
Ich war nackt und verbarg meinen Körper hinter dem Vorhang für den Fall, dass die Gardine durchscheinend war. Doch lugte ich weiter durch ihr Gewebe. Der Führer erzählte noch immer irgendetwas. Er war hübsch, schwarzhaarig, ein wenig bullig, er hatte sehr ebenmäßige Züge. Sein Rundschädel ließ mich slawische Abstammung vermuten. Er trug einen blauen Jeansanzug und unter der Jacke ein knallgelbes Hemd. Das waren die Farben einer Blaumeise, doch hatte er sonst nichts von diesen unruhigen Vögeln an sich. Für sein Alter wirkte er fast zu gelassen. Ich hätte ihn gern etwas in Unruhe versetzt. Nun führte er die Gruppe langsam aus dem Hof hinaus.
Ich suchte das WC und kam an Dirks Tür vorbei. Sie war jetzt geschlossen. Er war also zurückgekommen, während ich schlief. Durch das Zimmer gegangen? Und hatte mich nackt daliegen sehen? Vielleicht besaß seine Wohnung noch einen anderen Zugang. Im Bad dachte ich an den Stadtführer. Ich sah ihn deutlich vor mir. Ich kam darüber hinweg.
Damals unter den Soldaten hatte ich davon reden hören. Man muss nur viel zuhören, dann erfährt man, was man wissen muss. Sie sagten, wenn in Rosenberg ein Bursche einen Burschen haben will, dann geht er in jene Bedürfnisanstalt und schaut sich um und wartet. Oder er versucht es in den Anlagen im Rosental. Ich ertrug den Gestank im Pissoir nicht und machte meine ersten Erfahrungen lieber in den Anlagen. Es war immer in der Abenddämmerung. Später hielt ich meine Augen offen, wenn ich alle zwei Wochen von der Polizeischule nach Hause fuhr. Das wurde meine Spezialität, mich in den Zügen und auf den Bahnhöfen umzusehen. Es blieb fast immer anonym, manchmal war es hochdramatisch, und meistens kam gar nichts dabei heraus. Es gab niemals Scherereien. Ich hütete mich, es auch in der Stadt zu versuchen. Ich bin dann immer so verfahren, ich habe es nie aufgegeben. Es hat mich zeitweise beschäftigt, aber nie beherrscht. Das Ergebnis meiner Lebensweise war Folgendes: Viel mehr als mit bestimmten realen Frauen tatsächlich zu schlafen, hat es mich erregt, es mit bestimmten, ebenso realen Männern nicht zu tun.
Doris kam zurück. Sie brachte einen Brotgeruch mit herein. Ich sah sie jetzt wieder gern an. Sie erlaubte nicht, dass ich aufstand. Sie wollte, dass ich im Bett frühstückte. Und sie wollte mich bedienen. Während sie alles in der Kochnische vorbereitete, unterhielt sie sich mit mir.
„Ja, Dirk und ich, wir führen das Geschäft schon weitgehend allein. Papa zieht sich sukzessive zurück. Im Laufe des Jahres wird er es ganz tun.“
„Er wird schon Pensionist?“
„O nein! Unser Papa ist noch ziemlich jung, dreiundfünfzig. Er kümmert sich dann um … seine Angelegenheiten.“ Ich verstand: Das war eine Umschreibung für sein Vermögen.
„Außerdem ist er in der Politik.“
„Volkspartei?“
„Ja, freilich.“
Sie sagte, bald nach Dirks Hochzeit werde der Betrieb überschrieben. Etwas unvermittelt setzte sie hinzu: „Ich hab dich früher schon im Alabama gesehen.“
Da sie mir bisher nie aufgefallen war, antwortete ich ausweichend: „Ich komme nicht so oft hin. Alle paar Wochen, wenn ich am Wochenende frei habe und heimkomme.“
„Ich verstehe: der Dienst in der Hauptstadt.“
Ich wurde beinahe von ihr gefüttert. Sie saß auf der Bettkante und aß selbst nur wenig.
„Und Dirk?“ fragte ich. „Frühstückt er nicht? Schläft er?“
„Ja, nebenan. Er isst erst wieder zu Mittag. Wir sind dann alle bei unserer Mama eingeladen. Nur deshalb halte ich mich so zurück.“
„Dirk ist jünger als du?“
„Ja, zweieinhalb Jahre.“
Sie war jetzt viel sanfter als in der Nacht. War das die Wirkung unseres Zusammenseins? Ich wollte es nicht glauben. Ihr Familiensinn imponierte mir. Ich ließ mich wieder küssen. Lieber war es mir, wenn sie mir das Haar streichelte.
Sie sagte: „Du hast schwarze Haare. Das ist schön, wenn die Natur sich so eindeutig festgelegt hat.“ Ich dachte an den Stadtführer.
Sie verstand nicht, wie ich ohne eigenen Wagen durchs Leben käme. Ich musste es ihr erklären.
„Ich spare noch. Ich will einmal nach Südamerika. Es soll eine richtig lange Reise werden. Deshalb lerne ich jetzt auch Spanisch.“
„Nach Rio?“ Das war alles, was ihr zu Südamerika einfiel.
„Nein, Argentinien, weißt du, die Steppen, die Pampas.“
„Die Steppen …“ Sie sah vor sich hin. Sie hatte plötzlich einen leeren Ausdruck im Gesicht.
Im Grunde ist es sehr unbequem, im Bett zu frühstücken. Der Körper findet dabei keinen rechten Halt. Ich hasse Krümel auf dem Laken. Es rührte mich etwas, dass sie mich gern ansah, wie ich im Bett aß.
Nachher half ich ihr beim Abräumen. Ich glaube, ich stellte mich ungeschickt an. Sie wusch ab. Die Spüle war so klein, dass wir dort nicht zu zweit arbeiten konnten. Also ging ich in dem großen Raum auf und ab und blieb dann an einem der beiden Fenster stehen. Ich sah hinaus. Mein Blick fiel wieder auf den Schornstein, der aus der Backstube herauswuchs. Ich sah jetzt, dass er nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck diente. Er trug ein Storchennest. Ich schwieg schon seit einiger Zeit.
„Du sieht dir den Horst an? Ja, wir haben hier fast jedes Jahr Störche. Noch ein paar Wochen und sie kommen wohl wieder zurück. Dirk kann das Geklapper nicht leiden. Mich freut es.“
Die Anspielung war deutlich. Ich fand, es war Zeit für mich.
Sie wollte nicht zum Disco-Parkplatz mitgenommen werden, sie würde den Wagen am Nachmittag mit Dirk abholen. Sie käme sonst zu spät zum Mittagessen. Dabei sah ich ihr an, sie wäre gern mit mir gefahren.
Unser Abschied war kurz. Ich versprach, sie anzurufen, bevor ich das nächste Mal zu meinen Leuten aufs Land kommen würde. Am Schluss sagt man meist etwas in der Art. Dann verließ ich diese Stadt, in der es im Sommer Störche gibt. Nach Grafung kommen sie nicht. Es ist bei uns dort oben zu kalt für sie, und ich glaube, auch zu trocken. Je weiter man nach Westen fährt, desto karger und steiniger wird das Land. Und die Höfe sind meist klein. Dort leben nur zähe Geschlechter. Man hängt am Althergebrachten, man klebt daran.
Ich musste mich ihr gegenüber zu nichts verpflichtet fühlen. Dennoch tat ich es. Ihre Zuneigung zu mir kam mir absurd vor. Sie erstaunte mich und rührte mich auch etwas. Gewöhnlich erfahre ich von Seiten einer Frau nur kalte Rückstrahlung, wenn sie mich näher kennen gelernt hat. Dass es hier anders war, schmeichelte mir auch. Das war vielleicht schon Grund genug, mich in Zukunft von ihr fern zu halten. Ich war kein Pascha. Und ich wusste sehr gut, dass sie es mit mir nicht gut treffen würde. Darüber konnte ich nicht hinwegsehen.
Ich betrachte mich übrigens nicht als homosexuell. Ich vermeide diesen Begriff sonst. Ein Mensch ist immer zuerst das, als was er sich erklärt. Ich kann es in meinem Fall auch begründen: Immer wieder habe ich von ernst zu nehmenden Menschen meiner Umgebung gehört, es sei wider die Natur. Dagegen kann ich mich nicht stellen, nicht gegen ihre Einsichten oder ihre Erfahrungen. Meine eigene Erfahrung lehrt mich nur eines: dass meine Lust aus mir selbst kommt und dass sie meine Natur ist und nur Natur, nichts anderes. Bei mir ist nichts verfälscht worden. Wenn homosexuell bedeutet, wider die Natur zu sein – dann bin ich es eben nicht. Was bin ich dann? In meinen Augen ein Einzelfall innerhalb der Natur.
Meine Unlust Frauen gegenüber muss nicht einmal mit meiner Lust zu tun haben. Diese Unlust gibt es, wie ich gehört habe, auch bei anders gearteten Männern.
Wer bin ich denn, dass ich zu derart grundlegenden Erkenntnissen gelangen kann? Es ist vielleicht nur Wortklauberei, eine unreife Spielerei. Wahrscheinlich heirate ich irgendwann doch einmal und beruhige mich und werde trotzdem unzufrieden sein, wie die Mehrheit im Land. Ja, ich werde heiraten und hoffentlich Kinder haben. Muss es denn so bald schon sein? Wer weiß, was ich noch tue.
 

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