Die Großmutter

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blackout

Mitglied
Als sie dem Alten, deinem Otto,
endlich Arbeit gaben nach
sieben Hungerjahren, zog kleines Glück ein
in die Arme-Leute-Stube.
Da gab es wieder einen Happen im Magen,
sonntags auch Kuchen mit Sahne, mal rausfahren
an den Wannsee, Damenwahl beim Ball verkehrt,
das neue Nadelstrichkostüm, die Bluse
mit Rüschen.

Durch die Arbeiterstraßen marschierten
Proleten in braunen Uniformen.
Dir taten sie nichts zuleide, du
warst keine wie die Goldsteins von nebenan,
du warst ja eine von ihnen, von
deutscher Rasse, von deutschem Blut.
Im neuen Radio bellte der Führer.

Du fragtest dich nichts,
deine Welt war in Ordnung.
Und der Alte, immer noch
mit seiner Drückebergerstelle bei Borsig,
brachte Geld ins Haus.

Es hätte so schön sein können.

Wäre da nur nicht
der Krieg, der verfluchte Krieg! gewesen.
Und als sie euch den Brief schickten,
der Sohn gefallen an der Ostfront,
weintest du nicht, du warst
eine stolze Mutter.

Manchmal fragte die Enkelin
nach dem Vater. Das ging vorüber.
Sein Foto mit Stahlhelm und Hakenkreuz
stand auf dem Vertiko – der Held
der Familie.

Und während der Alte schlief,
wühltest du dich aus dem Bett, fielst auf die Knie,
rangst die Hände: Der Junge, mein Gott!
Womit hattest du DAS verdient?
 

noah-p

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Der Krieg war eine sehr schlimme Zeit.
Die unterdrückten Gefühle sind schlimmer.
Durch sie lebt das Schreckliche heute noch weiter.
 

Ciconia

Mitglied
Ein starkes Stück, blackout!

Die Fotos auf dem alten Vertiko (wer weiß heute noch, was das ist!) waren in den Fünfzigerjahren in fast jedem Haushalt allgegenwärtig, denn es gab kaum eine Familie ohne „Helden“ – gefallen, verschollen, oder (wie mein Großvater) kurz nach Kriegsende noch ermordet. Und immer waren es „die Besten“ gewesen, wie ich mich aus Erzählungen erinnere.

Dieses sehr einfühlsam geschriebene Gedicht hat bei mir wehmütige Erinnerungen geweckt.

Gruß Ciconia
 

blackout

Mitglied
Danke, Noah, fürs Reinsehen. Es war schrecklich, gerade für die Mütter, es war nicht erwünscht, seine Trauer zu deutlich zu zeigen. Aber welche Mutter kann verdrängen, dass ihr Kind nicht mehr lebt?

Auch dir vielen Dank, Ciconia. Tja, das Vertiko! Es ist mir noch deutlich in Erinnerung mit seinen gedrehten Säulchen (echt Nussbaum!) und den Bildern von der ganzen Verwandtschaft, zwischen Nippes und Strohblumen sowie einem Granatsplitter an der Fensterseite. Das Vertiko in einem Arbeiterhaushalt war der Tribut an die Schönheit und Eleganz, auch wenn es nur Stube und Küche gab und das Klo eine halbe Treppe tiefer. Heute kann man sich diese Wohnverhältnisse kaum noch vorstellen. Als ich 1989 aus reiner Nostalgie noch einmal das Haus sehen wollte, stand an seinem Platz ein Verwaltungspalast von Schering.

blackout
 

Ciconia

Mitglied
Das Vertiko in einem Arbeiterhaushalt war der Tribut an die Schönheit und Eleganz
Dazu gehörte auch die spezielle Uhr auf dem Vertiko. Heute gibt es sie wieder als "Kaminuhr" im Versandhandel.
das Klo eine halbe Treppe tiefer.
Welch städtischer Luxus! Auf dem Land musste man dazu erst mal über den Hof ...

Aber genug der Nostalgie. Das Gedicht ist wirklich beeindruckend.

Gruß Ciconia
 

 
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