Die Hinrichtung

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CPMan

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„Ich habe einundzwanzig Freiwillige“, erklärte Gefängnisdirektor Avrahami stolz.
Die zwei Staatsvertreter nickten anerkennend.
„Sind auch europäische Juden darunter?“, fragte sogleich der eine, ein untersetzter, eher beleibter Mann mit fast schwarzen, aber lichten Haaren.
Uri Avrahami dachte kurz nach.
„Ich denke schon, wieso?“
„Wir sollten es nicht von einem europäischen Juden machen lassen.“
„Warum nicht?“, fragte Avrahami sogleich. „Glauben Sie ernsthaft, dass die es nicht abwarten können und ihn vorher zur Strecke bringen?“
„Ich weiß“, warf der zweite Staatsbeamte, ein kleiner, drahtiger Typ, ein. „Es ist unwahrscheinlich, aber eben nicht auszuschließen. Außerdem soll der Eindruck einer rachsüchtigen Justiz vermieden werden. Also, haben sie nicht-europäische Juden in ihrer Einheit?“
„Natürlich. Sechs oder sieben sogar, ich müsste nur mal gucken. Der Einzige, der sich nicht freiwillig gemeldet hat, wäre zum Beispiel so einer: Schalom Nagar, erst vierundzwanzig Jahre alt, kam mit fünfzehn aus dem Jemen hierher.“
Die Augen der beiden Staatsvertreter leuchteten auf.
„Den nehmen wir. Der passt. Jung und leicht beeinflussbar, hoffe ich?“
„Nun“, erwiderte Avrahami. „Er ist sicher nicht der Hellste. Aber was ist mit den Freiwilligen?“
Es entstand eine kurze Pause. Dann hatte der kleine, drahtige Typ eine Eingebung.
„Wir losen aus“, sagte er. „Aber alle zweiundzwanzig Männer kommen in die Lostrommel. Auch ihr kleiner Jemenit. Sorgen Sie dafür, dass das Los auf ihn fällt.“
Avrahami nickte. Er verstand sich in dieser Sache als ausführende Gewalt, es oblag ihm nicht, Recht zu sprechen.

*

Beim langen Fall wird die Länge des Seils anhand von Körpergröße und Gewicht so bestimmt, dass es dem Delinquenten das Genick bricht, er aber nicht enthauptet wird. Beim kurzen Fall, wenn zum Beispiel der Hocker, auf dem der Verurteilte steht, weggezogen wird, tritt nach zehn bis dreißig Sekunden die Bewusstlosigkeit ein. In diesen Sekunden aber nimmt der Verurteilte alles wahr, fühlt den Schmerz, erkennt die Umstehenden, läuft rot an, stößt Geräusche aus, zappelt und kämpft. Erst dann wird durch die Kompression der arteriellen Gefäße das Hirn nicht mehr durchblutet und die Wahrnehmung lässt nach. Der Sauerstoffmangel führt in drei bis fünf Minuten zu irreversiblen Schäden, letztendlich, wenn alles glatt läuft, zum Tod.
Beim Standardfall beträgt die Fallhöhe zwischen 1,20 und 1,80 Meter. Hier steht der Verurteilte gewöhnlich auf einer Falltür, die mittels eines Hebels vom Henker geöffnet wird.

Alle diese Methoden nutzen das Körpergewicht des Todeskandidaten. So entsteht der Eindruck, der Erhängte habe sich durch sein eigenes Gewicht getötet, nicht durch den von fremder Hand ausgelösten Fall. Der Tod am Galgen unterscheidet sich im Anblick nicht groß vom Suizid.
Man stelle sich alle Hinrichtungen einmal wie folgt vor: Der Henker umschließt mit seinen beiden, im Idealfall großen, kräftigen Pranken den Hals des Verurteilten und drückt mit aller Kraft zu. Täter und Opfer stehen sich Auge in Auge gegenüber. Anders als beim Erhängen tritt der Tod durch Ersticken und nicht durch das Abschneiden der Blutzufuhr ein, aber der Effekt ist derselbe: Man stirbt.

Nur wäre der Blick auf die Todesstrafe wohl ein anderer.


*

Schalom saß in der Zelle des Gefangenen. Dieser saß am Schreibtisch und schrieb. Hinter der vergitterten Metalltür saß ein anderer Wärter und beobachtete Schalom und den Gefangenen. Aber auch dieser Wärter wurde von einem weiteren Aufseher beobachtet. Die Entscheider wollten keinen Fehler machen und trauten niemandem. Der Gefangene sollte davon abgehalten werden, sich selbst umzubringen, gleichzeitig fürchtete man aber auch, dass er von einem der Wärter umgebracht werden könne. Erst, wenn der Häftling erhängt worden war, würde es Ruhe geben.

Plötzlich kam ein weiterer Wächter zu Schalom und dem Gefangenen in die Zelle. Schalom schaute fragend zu ihm hoch. Der Gefangene reagierte gar nicht.
„Du sollst zum Chef“, sagte der Kollege.
Schalom nickte und stand auf. Er überließ dem Kollegen seinen Platz und ging zum Büro des Direktors.

Als die Aufforderung kam, ging Schalom in das Büro hinein, salutierte und machte Meldung. Direktor Avrahami sah nur kurz zu seinem Mitarbeiter auf, dann wandte er sich weder den Unterlagen vor sich auf dem Schreibtisch zu.
„Setzen Sie sich“.
Schalom tat wie ihm geheißen. Ungefähr vier Minuten verharrte er schweigend auf dem Stuhl, während der Gefängnisdirektor irgendwelche Blätter durchforstete und hier und da mit einem Kugelschreiber Paraphen setzte. Dann sah er zu ihm auf.
„Das Los ist auf Sie gefallen“, sagte er lakonisch.
Schalom wurde plötzlich ganz heiß. Die Hitze stieg ihm zu Kopf, er fühlte, dass er rot anlief. Er umklammerte den Sitz mit seinen Händen und drückte sein ganzes Gewicht in den Stuhl hinein. Außerstande, etwas zu sagen, nickte er bloß verhalten.
„Alles Weitere erfahren Sie zu gegebener Zeit“.
Wieder brachte Schalom nur ein Nicken zustande.
„Das wäre dann alles. Zurück auf ihren Posten“.
Langsam erhob sich Schalom vom Sitz und ging auf die Tür zu. Als er diese fast erreicht hatte, räusperte sich der Gefängnisdirektor nochmal.
„Eine Frage hätte ich noch“.
Schalom drehte sich noch einmal um.
„Ja!?“, krächzte er.
„Sie haben sich nicht freiwillig gemeldet. Wieso nicht?“
„Ich dachte..“, begann Schalom zögerlich. „Ich meinte, es stünde mir nicht zu. Ich finde, dass es jemand machen sollte, der selbst im Lager war oder Verwandte verloren hat.“
Avrahami schaute Schalom prüfend an. Eine Sekunde lang schien er versucht, etwas zu erwidern. Stattdessen aber kam nur ein Nicken, das einer Aufforderung zum Gehen gleichkam.

Schalom verließ das Büro und kehrte in die Zelle zurück um seinen Kollegen wieder abzulösen. Als er die Zelle betrat, konnte er nicht anders, als zum Gefangenen zu schauen. Er betrachtete dessen ausdrucksloses Gesicht mit der leicht schiefen Nase, der dunklen Hornbrille, der hohen Stirn und dem schütteren Haar. ICH werde es machen, dachte Schalom. ICH werde IHN hängen.

*

Im Jahre 1905 veröffentlichte der rumänische Arzt und Forensiker Nicolae Minovici eine Studie über das Erhängen. Untersucht wurden dabei 136 Suizide. Monovici kategorisierte die Toten nach Alter und Geschlecht, er fragte nach den Gründen für den Selbstmord, er schaute, welche Verletzungen sie hatten und interessierte sich für die Knoten der jeweiligen Schlingen. Nur das Gefühl, das beim Erhängen entsteht, konnte er nicht erforschen. Und so entschied er, sich selbst zu erhängen.

Er und sein Team begannen zunächst mit einfachen ‚Übungen’: Sie drückten sich gegenseitig mit dem Zeigefinger auf die Halsschlagader, bis ihnen schwarz vor Augen wurde. Als Nächstes unterbrachen sie die gesamte Blutzufuhr für den Kopf, indem sie eine unvollständige Hängung simulierten. Da sie aber nicht mit dem gesamten Körpergewicht in der Schlinge hingen, war Minovici nicht zufrieden. Das Gesicht wurde zwar rot, lief dann blau an, die Sicht war verschwommen und in den Ohren begann es zu pfeifen, aber es wurde nur mit Bruchteilen des Körpergewichtes an der Schlinge gezogen. Minovicis Ziel aber war das richtige Erhängen mit einer Schlinge, die sich zusammenzieht. Sein Ehrgeiz dafür war groß genug.

Die Studie enthält ein Foto von Minovicis Hals, das die Verletzungen zeigt: Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein und verschiedene Blutergüsse. Minovici berichtet, dass er nach dem letzten Experiment einen Monat lang Schmerzen gehabt habe.

Durch seine Studie fand man heraus, dass die Lage der Schlinge am Hals entscheidend ist und dass die meisten Erhängten nicht ersticken, sondern durch die unterbrochene Blutzufuhr ins Gehirn sterben.


*

Schalom setzte seinen Dienst fort. Viermal drei Stunden pro Tag bewachte er den Insassen, im Anschluss hatte er jeweils 48 Stunden frei. Er sah den Gefangenen beim Lesen, beim Schreiben, er schaute ihm beim Schlafen zu. Der Häftling war immer höflich und distanziert, er schaute Schalom so gut wie nie an und wenn doch, dann weil er um etwas bat. Aber Schalom war für ihn nur einer von mehreren Bewachern, ein persönliches Verhältnis kam nicht zustande.

Manchmal beobachtete Schalom das Gesicht des Todgeweihten. Er suchte das Grauen, die Herzlosigkeit, er suchte das Böse in diesem Mann. Er fand es nicht. Er sah keine Schuld, keinen Hass, keine Furcht im Gesicht dieses Mannes. Er entdeckte kein einziges Gefühl im Antlitz dieses Mannes und wohl auch deswegen fühlte er selbst nichts. Sie waren nichts weiter als zwei Männer in einem schmucklosen Raum, die einzige Verbindung zwischen ihnen war die Zellenluft.
Wenn es etwas zu essen gab, lag es an Schalom, das Gericht vorzukosten. Die Mahlzeit wurde immer in Schalen mit verriegeltem Deckel geliefert, die Schalom vorsichtig öffnete. Von jeder Speise kostete zuerst Schalom, dann erst der Gefangene. Man war also bereit, Schaloms Tod durch Vergiftung in Kauf zu nehmen, um das Leben des großen Verbrechers zu schützen. Aber auch dieses Leben wurde nur geschützt, um es zum festgelegten Zeitpunkt töten zu können.

*

Im Internet finden sich einige Videos, die zeigen, wie Saddam Hussein gehängt wird. Man sieht einen alten, bärtigen und gebrochen wirkenden Mann. Er trägt einen schwarzen Mantel, seine Hände sind hinter dem Rücken zusammengebunden. Er wird von mehreren, meist beleibten Männern umringt und dirigiert. Die Männer sind alle in Zivil gekleidet, sie tragen Lederjacken und schwarze Sturmhauben, die Augen- und Mundpartie sind frei. Sie wirken in ihrer Aufmachung nicht wie die Beamten eines Staatsapparates, sondern wie die Handlanger eines Mafiapaten.
Auch der Raum hat wenig Staatstragendes. Fensterlos, komplett zubetoniert, im Hintergrund erkennt man eine Art Treppengeländer, im Vordergrund schwenkt die Kamera nur für einen kurzen Moment auf den eigentlichen Galgen, der dreckig und abgenutzt wirkt. Einer der Henker legt dem ehemaligen Staatspräsidenten und Premierminister ein schwarzes Tuch um den Hals, dann führt er ihn mit einem Kollegen zur Falltür. Gemeinsam legen die beiden Männer die Schlinge um den Hals des Diktators. Dieser wirkt ungewöhnlich passiv, fast schon einsichtig.
Der eigentliche Akt des Hängens wird nicht gezeigt. Man fragt sich: Warum? Sollte dem ehemaligen Tyrannen im Moment der Erniedrigung ein letzter Rest an Würde gewährt werden? Fürchtete man, die Bilder seines Todes würden zu grausam? Wollte man eventuell den Jubel und das Klatschen der Henker nicht zeigen?

Letztendlich spielt es keine Rolle. Dieses Video, ähnlich wie das Video von der Hinrichtung Ceausescus und seiner Frau, sind von einer Schlichtheit und Banalität, dass man wohl kaum von einer Sternstunde der Menschheit sprechen kann.

*

Es kam der eigentliche Tag. Es war gegen neun Uhr am Abend im Gefängnis von Ramle bei Tel Aviv. Schalom hatte den ganzen Tag nichts essen können. Wie im Fieber hatte er Wasser getrunken, ständig Schweißperlen auf der Stirn, hoffend, dass alles bald vorüber sei.
Als der deutsche Pfarrer zur Tür herein kam und in die Zelle des Häftlings geführt wurde, war es für Schalom das Signal, sich fertig zu machen. Er ging in den Vorbereitungsraum und holte die Flasche Wein, die der Gefangene sich gewünscht hatte. Nichts zu essen, aber ein guter Rotwein sollte es sein. Ein anderer Wärter kam, nahm Schalom die Flasche ab, füllte den Wein in ein Glas und brachte es dem Häftling. Dann betrat Schalom mit dem Gefängnisdirektor den Raum mit dem Galgen. Die erste und letzte Hinrichtung in der Geschichte Israels stand bevor, und hier, in diesem schmucklosen Raum, würde sie stattfinden. Und er, Schalom, der 24-jährige Jemenit, würde sie durchführen.

Er sah sich den Galgen an. Sie hatten ihn nach Vorgaben aus einem englischen Buch gebaut. Peinlich genau hatten sie auf jedes Detail geachtet. Von der Falltür bis zur Schlinge, alles sah so aus wie auf den Bildern und Fotos in dem Buch. Doch die Perfektion im Detail konnte nicht darüber hinweg täuschen: sie waren Dilettanten, Amateure. Sie hatten keine Ahnung, wie man jemanden hinrichtete.

Es kam der Häftling. Er wurde von zwei Wärtern hereingeführt, einer an jeder Seite. Hinter ihnen der Pfarrer, mit steinerner Miene. Der Gefangene wirkte gefasst, nahezu gelöst, es war nicht klar, ob es am Wein lag. Schalom machte einen Schritt nach vorne, hob die Augenbinde hoch, doch der Gefangene wehrte ab.
„Nicht nötig“, sagte er klar und deutlich.
Schalom versuchte, sein Entsetzen darüber zu unterdrücken. Er hatte Angst vor den Augen des Häftlings, panische Angst. Er fürchtete, dass der letzte Blick des Häftlings ihn bis ins Mark durchdringen und dort haften bleiben würde. Er hatte sich vorher Mut gemacht, er hatte sich gedacht, dass alles einfacher werden würde, sobald der Gefangene die Augenbinde trug. Und nun lehnte er sie ab, mit klarer Stimme und einem kalten Blick.

Schalom führte den Gefangenen zum Galgen, legte ihm vorsichtig die Schlinge um den Hals. Er trat einen Schritt zurück, ebenso die beiden Wärter und der Pfarrer. Der Gefängnisdirektor kam herein und verlas noch einmal das Urteil. Schließlich fragte er den Häftling nach letzten Worten. Der Gefangene räusperte sich.
„Es lebe Deutschland, Argentinien und Österreich“, begann er. Dann schaute er zuerst Schalom in die Augen, dann den anderen Männern.
„Meine Herren, schon bald werden wir uns wiedersehen.“

Schalom fühlte einen Schlag in der Herzgegend.

Die beiden Wärter, der Pfarrer und der Gefängnisdirektor verließen den Raum und gingen in den angrenzenden Zuschauerraum, von dem aus man die Hinrichtung durch ein Fenster beobachten konnte.

Dann ging Schalom zum Tisch mit dem Knopf und schob den Vorhang vor. Er zitterte, als er den Knopf drückte.

Schalom hörte die Falltür. Er hörte einen letzten Atemstoß.

Dann spürte er nichts mehr und ihm wurde schwarz vor Augen.
 

ThomasStefan

Mitglied
Hallo!
Danke für deinen interessanten Text und den Mut, dieses Thema anzufassen. Es hat mich an einen eigenen Text über Hinrichtungen erinnert, den ich (bisher) nicht veröffentlicht habe.
Natürlich ist bei mir sofort der Name Eichmann präsent. Es lohnt, darüber nachzuforschen und erneut zu lesen.

Zunächst einige textliche Anmerkungen:
Im dritten Abschnitt hast du in drei Sätzen nacheinander „saß“ benutzt. Das würde ich verbessern. Zum Schluß verwendest du mehrfach nacheinander „dann“, auch das finde ich unschön. Kleinigkeiten.

In deinem Text wechselst du zwischen der Geschichte des Henkers Schalom und sachlichen Einschüben über Erkenntnisse und Forschungen zum Vorgang des Erhängens. Später ziehst du Videos über die Hinrichtungen von Saddam und den Ceausescus zum Vergleich heran. Du hast dich dazu hinreißen lassen, diesen Sachabschnitten eine Wertung durch deinen Erzähler hinzufügen zu lassen:
„Nur wäre der Blick auf die Todesstrafe wohl ein anderer“
„…dass man wohl kaum von einer Sternstunde der Menschheit sprechen kann…“
Diese Urteile würde ich dem Leser überlassen. Andererseits beschreibst du ganz richtig die ihn hin und her reißenden Emotionen von Schalom, da passt es.
Fast alle wünschten dem Täter den Tod, aber einer musste letztlich Hand an diesen legen, und man hat den Eindruck, als wenn das Böse ihn in diesem Moment beschmutzt hätte. Schalom hat wohl lange Zeit unter einem Trauma gelitten.
Nochmals Dank und beste Grüße! Tom
 

CPMan

Mitglied
„Ich habe einundzwanzig Freiwillige“, erklärte Gefängnisdirektor Avrahami stolz.
Die zwei Staatsvertreter nickten anerkennend.
„Sind auch europäische Juden darunter?“, fragte sogleich der eine, ein untersetzter, eher beleibter Mann mit fast schwarzen, aber lichten Haaren.
Uri Avrahami dachte kurz nach.
„Ich denke schon, wieso?“
„Wir sollten es nicht von einem europäischen Juden machen lassen.“
„Warum nicht?“, fragte Avrahami sogleich. „Glauben Sie ernsthaft, dass die es nicht abwarten können und ihn vorher zur Strecke bringen?“
„Ich weiß“, warf der zweite Staatsbeamte, ein kleiner, drahtiger Typ, ein. „Es ist unwahrscheinlich, aber eben nicht auszuschließen. Außerdem soll der Eindruck einer rachsüchtigen Justiz vermieden werden. Also, haben sie nicht-europäische Juden in ihrer Einheit?“
„Natürlich. Sechs oder sieben sogar, ich müsste nur mal gucken. Der Einzige, der sich nicht freiwillig gemeldet hat, wäre zum Beispiel so einer: Schalom Nagar, erst vierundzwanzig Jahre alt, kam mit fünfzehn aus dem Jemen hierher.“
Die Augen der beiden Staatsvertreter leuchteten auf.
„Den nehmen wir. Der passt. Jung und leicht beeinflussbar, hoffe ich?“
„Nun“, erwiderte Avrahami. „Er ist sicher nicht der Hellste. Aber was ist mit den Freiwilligen?“
Es entstand eine kurze Pause. Dann hatte der kleine, drahtige Typ eine Eingebung.
„Wir losen aus“, sagte er. „Aber alle zweiundzwanzig Männer kommen in die Lostrommel. Auch ihr kleiner Jemenit. Sorgen Sie dafür, dass das Los auf ihn fällt.“
Avrahami nickte. Er verstand sich in dieser Sache als ausführende Gewalt, es oblag ihm nicht, Recht zu sprechen.

*

Beim langen Fall wird die Länge des Seils anhand von Körpergröße und Gewicht so bestimmt, dass es dem Delinquenten das Genick bricht, er aber nicht enthauptet wird. Beim kurzen Fall, wenn zum Beispiel der Hocker, auf dem der Verurteilte steht, weggezogen wird, tritt nach zehn bis dreißig Sekunden die Bewusstlosigkeit ein. In diesen Sekunden aber nimmt der Verurteilte alles wahr, fühlt den Schmerz, erkennt die Umstehenden, läuft rot an, stößt Geräusche aus, zappelt und kämpft. Erst danach wird durch die Kompression der arteriellen Gefäße das Hirn nicht mehr durchblutet und die Wahrnehmung lässt nach. Der Sauerstoffmangel führt in drei bis fünf Minuten zu irreversiblen Schäden, letztendlich, wenn alles glatt läuft, zum Tod.
Beim Standardfall beträgt die Fallhöhe zwischen 1,20 und 1,80 Meter. Hier steht der Verurteilte gewöhnlich auf einer Falltür, die mittels eines Hebels vom Henker geöffnet wird.

Alle diese Methoden nutzen das Körpergewicht des Todeskandidaten. So entsteht der Eindruck, der Erhängte habe sich durch sein eigenes Gewicht getötet, nicht durch den von fremder Hand ausgelösten Fall. Der Tod am Galgen unterscheidet sich im Anblick nicht groß vom Suizid.
Man stelle sich alle Hinrichtungen einmal wie folgt vor: Der Henker umschließt mit seinen beiden, im Idealfall großen, kräftigen Pranken den Hals des Verurteilten und drückt mit aller Kraft zu. Täter und Opfer stehen sich Auge in Auge gegenüber. Anders als beim Erhängen tritt der Tod durch Ersticken und nicht durch das Abschneiden der Blutzufuhr ein, aber der Effekt ist derselbe: Man stirbt.

Nur wäre der Blick auf die Todesstrafe wohl ein anderer.


*

Schalom befand sich in der Zelle des Gefangenen. Dieser saß am Schreibtisch und schrieb. Hinter der vergitterten Metalltür stand ein anderer Wärter und beobachtete Schalom und den Gefangenen. Aber auch dieser Wärter wurde von einem weiteren Aufseher beobachtet. Die Entscheider wollten keinen Fehler machen und trauten niemandem. Der Gefangene sollte davon abgehalten werden, sich selbst umzubringen, gleichzeitig fürchtete man aber auch, dass er von einem der Wärter umgebracht werden könne. Erst, wenn der Häftling erhängt worden war, würde es Ruhe geben.

Plötzlich kam ein weiterer Wächter zu Schalom und dem Gefangenen in die Zelle. Schalom schaute fragend zu ihm hoch. Der Gefangene reagierte gar nicht.
„Du sollst zum Chef“, sagte der Kollege.
Schalom nickte und stand auf. Er überließ dem Kollegen seinen Platz und ging zum Büro des Direktors.

Als die Aufforderung kam, ging Schalom in das Büro hinein, salutierte und machte Meldung. Direktor Avrahami sah nur kurz zu seinem Mitarbeiter auf, dann wandte er sich weder den Unterlagen vor sich auf dem Schreibtisch zu.
„Setzen Sie sich“.
Schalom tat wie ihm geheißen. Ungefähr vier Minuten verharrte er schweigend auf dem Stuhl, während der Gefängnisdirektor irgendwelche Blätter durchforstete und hier und da mit einem Kugelschreiber Paraphen setzte. Schließlich sah er zu ihm auf.
„Das Los ist auf Sie gefallen“, sagte er lakonisch.
Schalom wurde plötzlich ganz heiß. Die Hitze stieg ihm zu Kopf, er fühlte, dass er rot anlief. Er umklammerte den Sitz mit seinen Händen und drückte sein ganzes Gewicht in den Stuhl hinein. Außerstande, etwas zu sagen, nickte er bloß verhalten.
„Alles Weitere erfahren Sie zu gegebener Zeit“.
Wieder brachte Schalom nur ein Nicken zustande.
„Das wäre alles. Zurück auf ihren Posten“.
Langsam erhob sich Schalom vom Sitz und ging auf die Tür zu. Als er diese fast erreicht hatte, räusperte sich der Gefängnisdirektor nochmal.
„Eine Frage hätte ich noch“.
Schalom drehte sich noch einmal um.
„Ja!?“, krächzte er.
„Sie haben sich nicht freiwillig gemeldet. Wieso nicht?“
„Ich dachte..“, begann Schalom zögerlich. „Ich meinte, es stünde mir nicht zu. Ich finde, dass es jemand machen sollte, der selbst im Lager war oder Verwandte verloren hat.“
Avrahami schaute Schalom prüfend an. Eine Sekunde lang schien er versucht, etwas zu erwidern. Stattdessen aber kam nur ein Nicken, das einer Aufforderung zum Gehen gleichkam.

Schalom verließ das Büro und kehrte in die Zelle zurück um seinen Kollegen wieder abzulösen. Als er die Zelle betrat, konnte er nicht anders, als zum Gefangenen zu schauen. Er betrachtete dessen ausdrucksloses Gesicht mit der leicht schiefen Nase, der dunklen Hornbrille, der hohen Stirn und dem schütteren Haar. ICH werde es machen, dachte Schalom. ICH werde IHN hängen.

*

Im Jahre 1905 veröffentlichte der rumänische Arzt und Forensiker Nicolae Minovici eine Studie über das Erhängen. Untersucht wurden dabei 136 Suizide. Monovici kategorisierte die Toten nach Alter und Geschlecht, er fragte nach den Gründen für den Selbstmord, er schaute, welche Verletzungen sie hatten und interessierte sich für die Knoten der jeweiligen Schlingen. Nur das Gefühl, das beim Erhängen entsteht, konnte er nicht erforschen. Und so entschied er, sich selbst zu erhängen.

Er und sein Team begannen zunächst mit einfachen ‚Übungen’: Sie drückten sich gegenseitig mit dem Zeigefinger auf die Halsschlagader, bis ihnen schwarz vor Augen wurde. Als Nächstes unterbrachen sie die gesamte Blutzufuhr für den Kopf, indem sie eine unvollständige Hängung simulierten. Da sie aber nicht mit dem gesamten Körpergewicht in der Schlinge hingen, war Minovici nicht zufrieden. Das Gesicht wurde zwar rot, lief dann blau an, die Sicht war verschwommen und in den Ohren begann es zu pfeifen, aber es wurde nur mit Bruchteilen des Körpergewichtes an der Schlinge gezogen. Minovicis Ziel aber war das richtige Erhängen mit einer Schlinge, die sich zusammenzieht. Sein Ehrgeiz dafür war groß genug.

Die Studie enthält ein Foto von Minovicis Hals, das die Verletzungen zeigt: Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein und verschiedene Blutergüsse. Minovici berichtet, dass er nach dem letzten Experiment einen Monat lang Schmerzen gehabt habe.

Durch seine Studie fand man heraus, dass die Lage der Schlinge am Hals entscheidend ist und dass die meisten Erhängten nicht ersticken, sondern durch die unterbrochene Blutzufuhr ins Gehirn sterben.


*

Schalom setzte seinen Dienst fort. Viermal drei Stunden pro Tag bewachte er den Insassen, im Anschluss hatte er jeweils 48 Stunden frei. Er sah den Gefangenen beim Lesen, beim Schreiben, er schaute ihm beim Schlafen zu. Der Häftling war immer höflich und distanziert, er schaute Schalom so gut wie nie an und wenn doch, dann weil er um etwas bat. Aber Schalom war für ihn nur einer von mehreren Bewachern, ein persönliches Verhältnis kam nicht zustande.

Manchmal beobachtete Schalom das Gesicht des Todgeweihten. Er suchte das Grauen, die Herzlosigkeit, er suchte das Böse in diesem Mann. Er fand es nicht. Er sah keine Schuld, keinen Hass, keine Furcht im Gesicht dieses Mannes. Er entdeckte kein einziges Gefühl im Antlitz dieses Mannes und wohl auch deswegen fühlte er selbst nichts. Sie waren nichts weiter als zwei Männer in einem schmucklosen Raum, die einzige Verbindung zwischen ihnen war die Zellenluft.
Wenn es etwas zu essen gab, lag es an Schalom, das Gericht vorzukosten. Die Mahlzeit wurde immer in Schalen mit verriegeltem Deckel geliefert, die Schalom vorsichtig öffnete. Von jeder Speise kostete zuerst Schalom, dann erst der Gefangene. Man war also bereit, Schaloms Tod durch Vergiftung in Kauf zu nehmen, um das Leben des großen Verbrechers zu schützen. Aber auch dieses Leben wurde nur geschützt, um es zum festgelegten Zeitpunkt töten zu können.

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Im Internet finden sich einige Videos, die zeigen, wie Saddam Hussein gehängt wird. Man sieht einen alten, bärtigen und gebrochen wirkenden Mann. Er trägt einen schwarzen Mantel, seine Hände sind hinter dem Rücken zusammengebunden. Er wird von mehreren, meist beleibten Männern umringt und dirigiert. Die Männer sind alle in Zivil gekleidet, sie tragen Lederjacken und schwarze Sturmhauben, die Augen- und Mundpartie sind frei. Sie wirken in ihrer Aufmachung nicht wie die Beamten eines Staatsapparates, sondern wie die Handlanger eines Mafiapaten.
Auch der Raum hat wenig Staatstragendes. Fensterlos, komplett zubetoniert, im Hintergrund erkennt man eine Art Treppengeländer, im Vordergrund schwenkt die Kamera nur für einen kurzen Moment auf den eigentlichen Galgen, der dreckig und abgenutzt wirkt. Einer der Henker legt dem ehemaligen Staatspräsidenten und Premierminister ein schwarzes Tuch um den Hals, anschließend führt er ihn mit einem Kollegen zur Falltür. Gemeinsam legen die beiden Männer die Schlinge um den Hals des Diktators. Dieser wirkt ungewöhnlich passiv, fast schon einsichtig.
Der eigentliche Akt des Hängens wird nicht gezeigt. Man fragt sich: Warum? Sollte dem ehemaligen Tyrannen im Moment der Erniedrigung ein letzter Rest an Würde gewährt werden? Fürchtete man, die Bilder seines Todes würden zu grausam? Wollte man eventuell den Jubel und das Klatschen der Henker nicht zeigen?

Letztendlich spielt es keine Rolle. Dieses Video, ähnlich wie das Video von der Hinrichtung Ceausescus und seiner Frau, sind von einer Schlichtheit und Banalität, dass man wohl kaum von einer Sternstunde der Menschheit sprechen kann.

*

Es kam der eigentliche Tag. Es war gegen neun Uhr am Abend im Gefängnis von Ramle bei Tel Aviv. Schalom hatte den ganzen Tag nichts essen können. Wie im Fieber hatte er Wasser getrunken, ständig Schweißperlen auf der Stirn, hoffend, dass alles bald vorüber sei.
Als der deutsche Pfarrer zur Tür herein kam und in die Zelle des Häftlings geführt wurde, war es für Schalom das Signal, sich fertig zu machen. Er ging in den Vorbereitungsraum und holte die Flasche Wein, die der Gefangene sich gewünscht hatte. Nichts zu essen, aber ein guter Rotwein sollte es sein. Ein anderer Wärter kam, nahm Schalom die Flasche ab, füllte den Wein in ein Glas und brachte es dem Häftling. Danach betrat Schalom mit dem Gefängnisdirektor den Raum mit dem Galgen. Die erste und letzte Hinrichtung in der Geschichte Israels stand bevor, und hier, in diesem schmucklosen Raum, würde sie stattfinden. Und er, Schalom, der 24-jährige Jemenit, würde sie durchführen.

Er sah sich den Galgen an. Sie hatten ihn nach Vorgaben aus einem englischen Buch gebaut. Peinlich genau hatten sie auf jedes Detail geachtet. Von der Falltür bis zur Schlinge, alles sah so aus wie auf den Bildern und Fotos in dem Buch. Doch die Perfektion im Detail konnte nicht darüber hinweg täuschen: sie waren Dilettanten, Amateure. Sie hatten keine Ahnung, wie man jemanden hinrichtete.

Es kam der Häftling. Er wurde von zwei Wärtern hereingeführt, einer an jeder Seite. Hinter ihnen der Pfarrer, mit steinerner Miene. Der Gefangene wirkte gefasst, nahezu gelöst, es war nicht klar, ob es am Wein lag. Schalom machte einen Schritt nach vorne, hob die Augenbinde hoch, doch der Gefangene wehrte ab.
„Nicht nötig“, sagte er klar und deutlich.
Schalom versuchte, sein Entsetzen darüber zu unterdrücken. Er hatte Angst vor den Augen des Häftlings, panische Angst. Er fürchtete, dass der letzte Blick des Häftlings ihn bis ins Mark durchdringen und dort haften bleiben würde. Er hatte sich vorher Mut gemacht, er hatte sich gedacht, dass alles einfacher werden würde, sobald der Gefangene die Augenbinde trug. Und nun lehnte er sie ab, mit klarer Stimme und einem kalten Blick.

Schalom führte den Gefangenen zum Galgen, legte ihm vorsichtig die Schlinge um den Hals. Er trat einen Schritt zurück, ebenso die beiden Wärter und der Pfarrer. Der Gefängnisdirektor kam herein und verlas noch einmal das Urteil. Schließlich fragte er den Häftling nach letzten Worten. Der Gefangene räusperte sich.
„Es lebe Deutschland, Argentinien und Österreich“, begann er. Er schaute zuerst Schalom in die Augen, dann den anderen Männern.
„Meine Herren, schon bald werden wir uns wiedersehen.“

Schalom fühlte einen Schlag in der Herzgegend.

Die beiden Wärter, der Pfarrer und der Gefängnisdirektor verließen den Raum und gingen in den angrenzenden Zuschauerraum, von dem aus man die Hinrichtung durch ein Fenster beobachten konnte.

Schalom ging zum Tisch mit dem Knopf und schob den Vorhang vor. Er zitterte, als er den Knopf drückte.

Schalom hörte die Falltür. Er hörte einen letzten Atemstoß.

Dann spürte er nichts mehr und ihm wurde schwarz vor Augen.
 

CPMan

Mitglied
Lieber ThomasStefan,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren.

Habe mich deiner textlichen Anmerkungen angenommen und die entsprechenden Stellen bearbeitet. Hoffentlich zu deiner Zufriedenheit.

Wenn es darum geht, das Urteil dem Leser zu überlassen, dann muss ich darüber erst nochmal nachdenken, ob ich das überhaupt will.

Zwei Dinge noch:

Eichmanns letzte Worte haben mich nicht losgelassen und dazu animiert, diesen Text zu schreiben. Indem Eichmann sagt "Wir werden uns bald wiedersehen!" macht er den Henkern und Zuschauern auf schmerzliche Weise ihre eigene Sterblichkeit, Menschlichkeit und ja, auch Erbärmlichkeit klar. Dadurch gelingt es ihm m.E. den Spieß zum Schluss sogar umzudrehen.

Außerdem war meine Intention, dass am Ende der Leser auch den Henker als Opfer, als 'Hingerichteten' wahrnimmt, daher die Doppeldeutigkeit am Schluss. Kam das für dich durch? Oder eher nicht?

LG,

CPMan
 

MicM

Mitglied
Hallo CPMan,

Ich finde ich diesen Text – leider! (weil ich viele deiner Erzählungen sehr mag) – nicht gut. Und zwar vor allem deswegen, weil der Text u.a. die historische Person Eichmann „instrumentalisiert“.

Ich vermute mal, dass du auch den Ingeborg Bachmann Preis verfolgt hast und möglicherweise die kontroverse Diskussion zu dem Text von Martin Beyer kennst. Er hat einen Text u.a. über die Hinrichtung der Mitglieder der weißen Rose aus der Perspektive eines naiven Henkersgehilfen verfasst. Kritisiert wurde er insbesondere dafür, dass er die weiße Rose nur als „Staffage„ benutzt, um seinem Text Kraft zu verleihen.

Ähnlich problematisch finde ich deinen Text. Würde man die ganzen historischen Namen (Saddam Hussein, Ceausescu) und den indirekt angesprochenen Eichmannprozess durch die Herren A, B und C ersetzen, bliebe ein nur mäßig interessanter Text über das Erhängen als Tötungsform. D.h. der Text „profitiert“ von der Nennung dieser Namen. Gleichzeitig erfolgt aber keinerlei Auseinandersetzung mit diesen Namen, ihren Taten oder der historischen Relevanz. Zum Ende des Textes wird ein Eichmann-Zitat in aus meiner Sicht nahezu heroischer Weise aufgegriffen. Das halte ich für sehr, sehr problematisch. Ich kann darin auch leider keinen diskursiven Ansatz erkennen.

Du hast in deinem Kommentar geschrieben, dass du auch den „Henker als Opfer“ darstellen wolltest. Das ist sicherlich ein zulässiges und interessantes Motiv. Dafür ist es allerdings nicht nötig, dass der Hingerichtete die historische Person Eichmann ist. Gerade das finde ich sehr problematisch.

Auf bald,
MicM
 

CPMan

Mitglied
Lieber MicM,

zunächst einmal danke ich dir für das Lesen und die Beschäftigung mit meinem Text.

Ich möchte gerne zu der inhaltlichen Kritik Stellung nehmen, auch wenn mir die Kontroverse um Martin Beyers Text unbekannt ist. Wenn ich dich richtig verstehe, kreidest du mir an, dass ich die historisch bekannte Hinrichtung 'instrumentalisiere', um auf einen andernfalls mäßig interessanten Text über das Erhängen als Tötungsform aufmerksam zu machen.

Dazu möchte ich zunächst sagen, dass ich es legitim finde, die Hinrichtung Eichmanns aus einer anderen Perspektive zu zeigen, nämlich aus der des Henkers oder Vollstreckers. Wenn du nachforschst, wirst du sehen, dass ich mich ziemlich stark an den Fakten orientiere. Insofern instrumentalisiere ich m.E. die Hinrichtung nicht, denn es geht mir auch, bzw. vor allem um das Empfinden des 24-jährigen Schalom Nagar, der aus Staatsräson zum Henker wurde. Häufig herrscht doch in der Literatur oder in der Gesellschaft das Bild des willigen oder zumindest namenlosen Henkers vor. Aber dass auch ein Henker Zweifel, Gewissensbisse, Albträume oder das Gefühl haben kann, mißbraucht worden zu sein, wird nicht thematisiert. Ich finde auch erschreckend, wie grundsätzlich junge und damit leichter beeinflußbare Männer für solche Aufgaben verwendet werden. Das gilt für Eichmanns Hinrichtung genauso wie für den Vietnamkrieg.

Darüber hinaus bemängelst du, dass es keinerlei Auseinandersetzung mit diesen Namen, ihren Taten oder der historischen Relevanz gibt. Das klingt in meinen Ohren so, als dürfe man in literarischen Texten diese Namen nur dann erwähnen, wenn man sich auch gleichzeitig dazu verpflichtet, sich in diesen literarischen Texten mit den Gräueltaten dialektisch auseinandersetzt. Das finde ich nicht. Meines Erachtens haben literarische Texte Freiheiten, die Sachtexte eben nicht haben. Sie dürfen dazu erfinden, sie dürfen weglassen, verkürzen, aufblähen, etc. Ich fände meinen Text nur dann problematisch, wenn ich sagte, genauso war es und nicht anders. Ein literarsicher Text ist doch auch immer eine Diskussionsgrundlage, eine Form der Wahrheit, die zum Denken und auch zum Kritisieren einlädt, und, im Idealfall, durch die Diskussion neue Sichtweisen eröffnet.

Um dein Beispiel aufzugreifen: Durch Martin Beyers Text ist evtl. eine interessante Diskussion entstanden, nämlich darüber, wie die Weiße Rose von Seiten der Vollstrecker gesehen wurde. In dem Film Sophie Scholl (mit Julia Jentsch in der Hauptrolle)z.B. schwingt bei dem Kommissar, der sie verhört, so etwas wie Bewunderung mit. Dieses menschliche Antlitz des Kommissars macht ihn in meinen Augen glaubwürdiger.

Zum Ende des Textes wird ein Eichmann-Zitat in aus meiner Sicht nahezu heroischer Weise aufgegriffen.
Nein, es macht lediglich klar, dass es befremdlich wirkt, wenn Menschen über Menschen richten, denn ihre Sterblichkeit verlieren sie dadurch nicht. Für mich ging es darum, dass die Todesstrafe sinnlos ist, denn sie kann die Uhr nicht zurückdrehen und hinterlässt (gelegentlich) traumatisierte Vollstrecker. Oder wie es bei Shakespeare heißt: All are punished.

Zum Schluss: Ich kann deine Kritik nachvollziehen, aber ich teile sie nicht. Mir war klar, dass es hier um ein sensibles Thema geht, aber ich finde, dass bei sensiblen Themen sehr schnell Empörung mit dem erhobenen Zeigefinger kommt, begleietet von der Frage: "Wie kann man nur?".

Aber haben literarische Texte nicht auch diese Funktion: Grenzen ausloten, Perspektiven wechseln, Unsagbares sagen?

LG,

CPMan
 

MicM

Mitglied
Hallo CPMan,

danke für deine ausführliche und für mich sehr verständige Antwort. Ein (wesentlicher) Punkt meiner Anmerkung wird aber nicht aufgegriffen: Wenn der Fokus deines Textes auf dem Henker liegen soll, warum wird die Geschichte dann entlang der Eichmann-Hinrichtung erzählt?

Für mich ging es darum, dass die Todesstrafe sinnlos ist, denn sie kann die Uhr nicht zurückdrehen und hinterlässt (gelegentlich) traumatisierte Vollstrecker. Oder wie es bei Shakespeare heißt: All are punished.
Das ist ein spannendes Thema; es ließe sich aber auch anhand einer frei erfundenen Hinrichtung von Herr ABC herausarbeiten.

Ich finde auch erschreckend, wie grundsätzlich junge und damit leichter beeinflußbare Männer für solche Aufgaben verwendet werden. Das gilt für Eichmanns Hinrichtung genauso wie für den Vietnamkrieg.
Das ist natürlich ein interessanter "Nebenaspekt" bei der Auseinandersetzung mit den Gefühlen des Henkers. Ob die Aussage zutreffend ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube dir, dass du es recherchiert hast. Dennoch ließe sich auch dieser Aspekt mit einer historisch weniger bedeutenden Persönlichkeit einbringen.
Darüber hinaus bemängelst du, dass es keinerlei Auseinandersetzung mit diesen Namen, ihren Taten oder der historischen Relevanz gibt. Das klingt in meinen Ohren so, als dürfe man in literarischen Texten diese Namen nur dann erwähnen, wenn man sich auch gleichzeitig dazu verpflichtet, sich in diesen literarischen Texten mit den Gräueltaten dialektisch auseinandersetzt.
Diesen Aspekt hast du etwas zu sehr zugespitzt: Ich meine nicht, dass die Erwähnung des Namens Eichmann dazu verpflichtet, seine Taten "von A bis Z" aufzuarbeiten. Ich meine aber schon, dass die Verwendung des Namens Eichmann dazu verpflichtet, besonders kritisch zu würdigen, ob eine besondere Relevanz für den Text besteht. Sind die Gefühle des jungen Henkers von Herr Eichmann fundamental anders als jene des jungen Henkers von Herr ABC?

Im Fall deines Textes kommt hinzu, dass der Name Eichmann gar nicht erwähnt wird, was seine historische (abschreckende) Bedeutung umso mehr "verschwinden" lässt.

Mir war klar, dass es hier um ein sensibles Thema geht, aber ich finde, dass bei sensiblen Themen sehr schnell Empörung mit dem erhobenen Zeigefinger kommt, begleietet von der Frage: "Wie kann man nur?".
Ich bin mir nicht sicher, ob du meine Anmerkung als "schnelle Empörung" ansiehst. Empört bin ich nicht. Ich finde deine Schlussbemerkung auch im Übrigen nicht weiterführend. Denn: Ja, es ist ein sensibles Thema. Damit zieht es automatisch erhöhte Aufmerksamkeit (mehr als bspw. eine Kurzgeschichte über ein Paar, das morgens beim Bäcker Brötchen kauft). Ebenso naheliegend ist es, dass bei so einem Text eher Kritik geäußert wird. Diese Kritik vorschnell in die "Empörungsecke" so schieben, ist wenig hilfreich (solange es sich nicht um Polemik handelt).

Der Satz "Literatur darf alles!" stimmt nur mit dem ergänzenden Halbsatz "..., wenn sie gut gemacht ist!".

Zum Schluss: Dein Text ist sorgfältig gearbeitet. Auch die Aspekte aus deiner Antwort sind nachvollziehbar und im Text erkennbar. Aber auch von mir: Ich meine, dass man es so nicht machen sollte.

Auf bald,
MicM

PS: Die Videos zur Lesung von Martin Beyer und die Diskussion dazu gibt es auch on demand online. Kann ich sehr empfehlen.
 
Lieber CPMan,

in der Tat ist allgemein die belletristische Verwurstung von historischen Ereignissen recht problematisch - ob auch in deinem Text, dazu später mehr. Ich erinnere ich an einen langen erzählenden Text eines von mir wegen seines großen Talents sehr geschätzten Autors. Da gab es nach langer furioser Ouvertüre, die ich bewundernswert fand, einen im Kessel von Stalingrad spielenden Mittelteil. Und hier ließ der Autor seiner Sprachartistik, seiner Phantasie die Zügel schießen und heraus kam etwas, das sich wie literarischer Tarantino las: geistreich bis zur Witzigkeit und für mich dem realen Geschehen ganz unangemessen. Ich will damit sagen: Nimmt der Autor deutlichen Bezug auf eine historische düstere Episode, steht er sogleich in der Gefahr, diese gerade durch sein eigenes Können in den Schatten zu stellen, sie damit zu verfälschen und, was das Schlimmste ist, sie in ihrer tragischen Würde zu beschädigen. Das uns als authentisch Überlieferte von außerordentlicher Bedeutung wie z.B. die Schlacht von Stalingrad oder der Eichmann-Prozess und die Hinrichtung des Verurteilten erfordert, wenn man respektvoll und nicht instrumentalisierend damit umgehen will, Behutsamkeit und Nähe zu den Quellen.

Bei deinem Text habe ich nun den Eindruck, dass diese Kriterien durchaus berücksichtigt sind. Ich sah seinerzeit eine Reihe von Verhandlungssequenzen des Eichmann-Prozesses im Fernsehen und, ja, der Eichmann auf dem Bildschirm und der im Text hier haben dieselbe Ausstrahlung, dasselbe Auftreten. Die Quellen bezüglich des jungen Vollstreckers kann und will ich jetzt nicht näher prüfen. Ich verlasse mich insofern darauf, dass nichts willkürlich Ausschmückendes in den Text hineingeraten ist. Nur eine Frage in diesem Zusammenhang: Ist auch die Sache mit der verfälschten Losentscheidung authentisch?

Ich teile MicMs Auffassung nicht, wonach der Israel-und-Eichmann-Bezug für das Thema " Der Verurteilte und sein Henker" entbehrlich sei. Gerade die von dir dargestellten Details verstärken die Dramatik des Stoffs (einzige Exekution überhaupt, Zusammensetzung des Wachpersonals).

Wenn ich überhaupt etwas kritisch sehe, dann ist es das quantitative Verhältnis der allgemein belehrenden Einschübe zur Haupthandlung. Jene ersteren finde ich zwar an sich durchaus akzeptabel, sie dürften aber keinesfalls noch länger sein. Persönlich hätte ich sie knapper gehalten.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

MicM

Mitglied
Hallo CPMan,

ich nochmal: Aufgrund der sehr interessanten Anmerkung von Arno würde ich meine vorherigen Anmerkungen wie folgt modifizieren:

Ich stimme Arno zu, dass die wenigen, kurzen Beschreibungen von Eichmann durchaus angemessen sind. Arno hat angemerkt, dass er - ich verkürze - das "Drumherum" einkürzen würde. Das könnte eine Variante sein, mit der ich mich ebenfalls "anfreunden" könnte. Es müsste aus meiner Sicht allerdings in den "Nebengeschichten" tatsächlich deutlich gekürzt werden.

Wenn du die ganze Eichmann-Geschichte stärker in den Vordergrund rückst (ich würde ihn auch namentlich nennen), so dass der Leser sich damit angemessen auseinandersetzen kann (und nicht durch irgendwelche Knoten-Techniken etc. abgelenkt wird), wäre für mich der Fokus klarer und angemessener und der Text insgesamt runder. Und (nur) dann wird für mich die spezifische "Einzige-Hinrichtung-Israels-Dramatik" erkennbar, so dass sich meine Frage (Warum die Eichmann-Hinrichtung?) beantworten lässt.

Auf bald,
MicM
 

CPMan

Mitglied
Lieber Arno,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren.

Ich habe mir zwischenzeitlich mal die Lesung von Martin Beyer und die anschließende Diskussion des Textes im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises zu Gemüte geführt. Vorab möchte ich sagen, dass mir das Format nicht sonderlich gefällt. Zu verkopft, zu spröde, zu betont reduziert und höchst intellektuell scheint mir das Ganze.

In der Diskussion fand ich dann auch eins zu eins die Kritik wieder, die MicM auch auf meinen Text anwendet. Weiße Rose/ Eichmann nur Staffage, Autor instrumentalisiert das historische Geschehen.

Interessant fand ich in diesem Rahmen die Gegenkritik eines Jury-Mitglieds, das behauptete, der Name Scholl/ Eichmann allein eröffne ein ganzes Universum an Zusammenhängen und Vorstellungen. Nun will ich mich dieser Meinung aus simplen Eigennutz nicht einfach anschließen und sagen: Stimmt! aber ich erinnere mich an private Lektüre von historischen Texten und fand auch bei dieser Lektüre manchmal Bemerkungen am Rand, die mir interessant erschienen und die mich animierten, auch zu dem angedeuteten Thema etwas zu lesen. So könnte ich es mir auch bei meinem Text vorstellen: entweder der Leser erkennt die Causa Eichmann und ruft sein dazu abgespeichertes Wissen ab, setzt meinen Text also in den Zusammenhang und erweitert diesen Zusammenhang um einen Perspektivwechsel, oder aber er kann mit der Causa Eichmann nichts anfangen und mein Text weckt das Interesse zu weiterer Recherche. Beides halte ich für denkbar und beides für produktiv.

Ich frage mich, wie und auf welche Weise ein Leser nach der Lektüre meines Textes ein falsches, negatives oder verzerrtes Bild der tatsächlichen Begebenheiten haben könnte, wissend, dass es sich beim vorliegenden Text um Fiktion (wenn auch nah an der Realität) handelt. Ein krasseres Beispiel: Inglorious Basterds könnte man den gleichen Vorwurf machen (Drittes Reich/ Hitler/ Holocaust werden instrumentalisiert), dennoch animiert der Film das Publikum im besten Fall zu einer Befassung mit dem Thema.

Was die Einschübe angeht, die ich beim Text 'Sajida' auch schon gemacht habe, so sind sie eigentlich der Kern meines aktuellen Monatge-Experiments: anstatt zwei fiktive Erzählungen parallel laufen zu lassen, nehme ich tatsächliche Begebenheiten und ergänze sie um assoziative Bemerkungen, sachliche Hintergrundinformationen, lose Gedanken oder Gefühle. Ich kann aber verstehen, wenn ihr euch als Leser zu sehr gelenkt fühlt, so, als wollte ich euch genau mitteilen, wie ihr den fiktiven Teil einordnen müsst.

Nur eine Frage in diesem Zusammenhang: Ist auch die Sache mit der verfälschten Losentscheidung authentisch?
Ich sage mal so: Indizien lassen m.E. keinen anderen Schluss zu. Schalom Nagar war zunächst der einzige, der sich nicht freiwillig gemeldet hat, es gab also orientalische, nicht-europäische Juden, die freiwilig den Henker gemacht hätten. Trotzdem wurde ein Losverfahren initiiert, welches ausgerechnet den einzigen Nicht-Freiwilligen traf: Honni soit qui mal y pense. Aber gut: Beweisen kann ich es nicht.

LG,

CPMan
 

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