Die Kneipe

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Cellist

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Die Kneipe

Es ist still geworden in den letzten Minuten. Der Wirt hat die Musik abgedreht. Ein wenig zu früh, erst danach schlug die Kirchturmuhr eins.

Dann sind sie alle gegangen. Jürgen, der mir ein paar Bier vom Rosenmontag schuldet. Tom, dem sie für ein Jahr den Führerschein abgenommen haben. Seitdem prahlt er vermutlich jeden Abend damit. Sternhagelvoll. Und Mike, den ich immer mit letzter Kraft nach Hause geschleppt habe. Wer macht das jetzt?

Der Wirt wischt schon die Tische ab. Etwas Hintergrundmusik wäre nett, vielleicht ein wenig Klassik. Aber das fällt ihm nicht ein. Immer hat er uns das Geld aus der Tasche gezogen, und wenn wir dann völlig betrunken waren und nichts mehr bestellten, hat er FEIERABEND geschrien.
Dort in der Ecke schnarcht einer, den Kopf auf dem Tisch. Der Wirt ruft ihm etwas zu. Der Gast schreckt hoch, schaut sich um, sucht etwas. Ich kenne das. Er sieht zu mir herüber, die Augen halb geschlossen. Das bin ich.

Kann nicht sein. Meine Akte: Kreislaufkollaps an der Theke, Rettungswagen, Intensiv- und mit dieser Leber Endstation.

Manchmal darf ich raus und komme hier hin. Nichts mehr trinken zu können, daran habe ich mich gewöhnt.
„Alles gut“, flüstere ich Jürgen, Tom und Mike ins Ohr. Und all das Andere, was ich ihnen schon immer sagen wollte. Sie hören es nicht mehr.

Der Wirt macht Feierabend. Auch für mich ist es Zeit zu gehen. Ich sehe mich in der Ecke hocken.

Gern würde ich mal mit mir reden.
 
Zuletzt bearbeitet:

Oscarchen

Mitglied
Genau so möchte ich mit unserem Kläuschen enden!
Ernsthaft....wie du, lieber Cellist, Situationen beschreibst...ganz große Klasse! Hut ab!
 

Cellist

Mitglied
Ich danke dir, Oskarchen. Ich habe gerade Tränen in den Augen. Weiß nur nicht, ob es von meiner "Grauer Star" - OP kommt oder von deinem Lob. ;)

Aber ernsthaft: Danke dir, deine Worte freuen mich sehr!

LG
Cellist
 

Cellist

Mitglied
Danke dir, liebe Ji. Ja, die letzte Zeile ist mir sehr wichtig. Und wer kennt diesen Wunsch nicht? ;)

LG
Cellist
 

Keram

Mitglied
Hallo Cellist,

eine traurige Story, stellvertretend für viele.
Mir gefällt der Stil sehr, vor allem ab: Das bin ich...
...Diese unerwartete Wendung, die wirklich nahe geht.
LG
Keram
 

York

Mitglied
Hallo Cellist -

ja, ein guter Text mit interessanten Wendungen.

Es gibt ein paar Stolperstellen im Text, die ich ändern würde:

Die Kneipe

Es ist still geworden in den letzten Minuten. Der Wirt hat die Musik abgedreht. Ein wenig zu früh, denn erst danach schlug die Kirchturmuhr eins.

Dann sind sie alle gegangen. Jürgen, der mir ein paar Bier vom Rosenmontag schuldet. Tom, dem sie für ein Jahr den Führerschein abgenommen haben. Seitdem prahlt er vermutlich jeden Abend sternhagelvoll damit, sternhagelvoll. Und Mike, den ich immer mit letzter Kraft nach Hause geschleppt habe. Wer macht das eigentlich jetzt?

Der Wirt wischt schon die Tische ab. Etwas Hintergrundmusik wäre nett, vielleicht ein wenig Klassik. Aber das fällt ihm gar nicht ein. Immer hat er uns das Geld aus der Tasche gezogen, und wenn wir platt waren, hat er FEIERABEND geschrien.
Dort in der Ecke sitzt noch einer, schnarchend, den Kopf auf dem Tisch. Der Wirt ruft ihm etwas zu. Der Gast schreckt hoch, schaut sich um, sucht nach was etwas. Ich kenne das. Er sieht zu mir herüber, die Augen halb geschlossen. Das bin ich.

Kann nicht sein. Meine Akte: Kreislaufkollaps an der Theke, Rettungswagen, Intensiv- und mit dieser Leber Endstation.

Manchmal darf ich raus und komme hier hin. Nichts mehr trinken zu können, daran habe ich mich gewöhnt.
„Alles gut“, flüstere ich Jürgen, Tom und Mike ins Ohr. Und all das Andere, was ich ihnen schon immer sagen wollte. Sie hören es nicht mehr.

Der Wirt macht Feierabend. Auch für mich ist es Zeit zu gehen. Ich sehe mich noch in dieser in der Ecke hocken.

Gern würde ich mal mit mir reden.

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Es sind nur kleine Änderungen, die den Text flüssiger machen und Füllwörter vermeiden.

Gruß
York
 

Cellist

Mitglied
Hallo York,

ich danke auch dir. Vielen Dank für die Hinweise. Ich stimme dir da zu und werde die kleinen Änderungen einbauen.

LG
Cellist
 

Ofterdingen

Mitglied
Hallo Cellist,

Gut geschriebene Geschichte mit überraschendem Verlauf. Gefällt mir gut. Zwei Stellen könntest du dir noch einmal ansehen:
Immer hat er uns das Geld aus der Tasche gezogen, und wenn wir platt waren, hat er FEIERABEND geschrien.
Für mich wird an dieser Stelle der Sinn von "platt" nicht recht klar. 1) Wenn es wie in der Redensart "Da bin ich platt" gemeint ist, bedeutet das Wort sprachlos. 2) Da es für das Ende eines stundenlangen Besäufnisses gebraucht wird, könntest du vielleicht sagen wollen, dass sie völlig betrunken sind. 3) Da du einen Zusammenhang zu Geld herstellst, könnte es auch sein, dass du es anstelle von pleite verwendest. 4) Oder die Trinker sind im Sinne von Wilhelm Buschs Gedicht Fink und Frosch "platt" , d.h. sie haben "für ewig ausgequakt". 5) Oder du willst sagen, dass die Leute unter Alkoholeinfluss platt, d.h. niveau- und geistlos geworden sind.
Ich finde, es würde nicht schaden, wenn du hier deutlich machst, was du meinst.

Dort in der Ecke sitzt noch einer, schnarchend, den Kopf auf dem Tisch.
In deinem sonst lakonischen Text wirkt dieser Satz unnötig geschwätzig. Dass der Mann sitzt, brauchst du nicht extra zu betonen. Es genügt völlig, wenn du schreibst `Dort in der Ecke schnarcht einer, den Kopf auf dem Tisch."

Gruß,
Ofterdingen
 

Ofterdingen

Mitglied
Noch eine Anmerkung zur Verbform schnarchend : Brecht warnte vor der Verwendung des Präsens-Partizips, die meisten Autoren könnten damit nicht umgehen. Die Verwendung dieser Form ist in der Tat meistens die schlechtere Möglichkeit, sie wirkt oft steif, ist darum ein Lieblingskind deutscher Behörden: bezugnehmend, dahingehend, beiliegend, betreffend, nebenstehend, bedauernd, usw.
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo,
" Dort in der Ecke schnarcht einer, den Kopf auf dem Tisch" find ich eine gute Idee. Klingt tatsächlich besser. :cool:
Ji
 

Cellist

Mitglied
Hallo Ofterdingen,

danke noch einmal für die Hinweise auf die kleinen Schwachstellen im Text. Ich habe noch ein paar kleine Änderungen vorgenommen.

LG
Cellist
 

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