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Die Knie der kleinen Frau Keller

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Ciconia

Mitglied
„Gudrun Keller“, stellt sich die kleine alte Dame vor, die nach einigen Tagen in der Reha-Klinik neu an unseren Tisch kommt. Feste Plätze, feste Tischzeiten, pro Sitzung eine halbe Stunde Zeit. Gemütlich geht anders, und so bleibt es in dieser kurzen Zeitspanne immer nur beim spärlichen Informationsaustausch: „Hüfte“ oder „Knie“ sieht man meistens am Gehverhalten. Wann/wo operiert ist eine der ersten Fragen, und man stellt fest, dass sich fast alle in einer Art Ausnahmezustand befinden: Starke Schmerzen trotz vieler Medikamente und permanente Müdigkeit, die bei dem straffen Tagesprogramm niemals abgebaut wird. Doch alle sind trotzdem optimistisch: Es kann jetzt eigentlich nur noch aufwärts gehen.

„Das ist ja schon meine zweite Operation innerhalb von sechs Monaten“, teilt uns Frau Keller beiläufig mit, „im Frühjahr hab ich mir das andere Knie machen lassen“, als spräche sie von einer neuen Dauerwelle.
„Alle Achtung! Mir hat eine OP gereicht. Das haben Sie aber anscheinend gut überstanden!“
„Ja, es geht, mit achtzig steckt man manches nicht mehr so leicht weg.“
Ihre kleinen Hände fuchteln nervös vor ihrer Stirn herum, während sie fortfährt:
„Hier oben komm ich nicht ganz klar, ist im Moment alles ein bisschen viel für mich!“
Ich habe sie auf Anfang/Mitte siebzig geschätzt. Für mich strahlt sie mehr Lebensbejahung aus, als sie vielleicht selbst zu verspüren meint. Ihr gepflegtes Äußeres, der modisch geknotete Schal, ihr relativ forsches Gangwerk, soweit es die fröhlich-gelben Gehhilfen zulassen, unterstreichen diesen ersten Eindruck.
Das Herumfuchteln mit den Händen, als wolle sie einen imaginären Schwarm Mücken vertreiben, beobachte ich in der Folgezeit häufig. Scheinen ihr die Essensportionen zu groß, wird sie nervös, sucht nach Entschuldigungen, wenn die freundlichen Bedienungen ihren noch halbvollen Teller abräumen. Essen zurückgehen zu lassen widerstrebt ihr ganz offensichtlich, ebenso wie sie ihre eigene Vergesslichkeit missbilligt.
„Jetzt hab ich schon wieder meinen Tagesplan vergessen“, schimpft sie sich selbst und kramt in ihrem Jutebeutel.

Später verstehen wir, warum sie momentan nicht klarkommen kann: Es sind nicht die Operationen und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Sie wird nach der Reha nicht mehr in ihr Häuschen, in dem sie sechzig Jahre gelebt hat, zurückkehren können.
„Meine Tochter will das Haus verkaufen“, erklärt sie. Es klingt, als geschähe dies gegen ihren Willen, und mir erschließt sich bis zum letzten Tag nicht, ob die Tochter ein Machtwort gesprochen hat und der Mutter künftig das Leben erleichtern will oder ob rein finanzielle Interessen im Spiel sind.
„Ich hab ja immer alles allein gemacht, auch den Garten. Ich leb schon seit zwanzig Jahren allein. Und nun soll ich in eine Dreizimmerwohnung!“
Zu allem Übel wird diese Wohnung erst in sechs Wochen beziehbar sein, und was in der Zwischenzeit mit ihr passiert, weiß Frau Keller anfangs noch nicht. Die Tischgemeinschaft nimmt Anteil, macht Vorschläge, z.B. Verlängerung der Reha oder gar eine Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim. Frau Kellers Augen blitzen kämpferisch, doch sie behält ihre Meinung für sich.

Frau Keller scheint die gesamte freie Zeit draußen zu verbringen, ich sehe sie oft an meinem Fenster vorbeigehen: Gemäßigten Schrittes, aber sehr aufrecht, die Gehhilfen korrekt einsetzend. Das Oktoberwetter meint es gut mit uns, und so sitzen wir manchmal nachmittags, wenn wir unser Tagespensum abgearbeitet haben, zusammen auf einer Bank im Park der Klinik. Auch hier dreht sich das Gespräch nur um ihre Zukunft. Ich betone stets, dass sich sicher eine akzeptable Lösung finden werde – doch für aufmunternde Worte scheint sie nicht empfänglich.

Im Großen und Ganzen sind wir alle guter Dinge. Am meisten Spaß haben wir beim täglichen „Bewegungsbad“ in der Schwimmhalle. Was wir dort veranstalten, hat mit Schwimmen nichts zu tun: Eine gemischte Gruppe vorübergehend Gehbehinderter – die Frauen stets in der Überzahl – stakst albernd im Storchengang oder Stechschritt durch das angenehm warme Wasser und probt, erschwert durch eine leichte Gegenstromanlage, den aufrechten Gang. Für einen durchschnittlich großen Menschen reicht das Wasser etwa bis zur Brust, bei Frau Kellers Größe allerdings fast bis zum Kinn. Auf modischen Aquaschuhen schlägt sie sich tapfer und klagt nicht.
„Knien Sie eigentlich oder stehen Sie?“, fragt einmal eine von uns. Frau Keller stimmt nicht in das allgemeine Gelächter ein, aber sie lächelt milde.
Wenn wir uns anschließend in der viel zu engen Gemeinschaftsumkleide aus unseren nassen Badeanzügen schälen und vor Anstrengung ächzend in unsere Bequemkleidung schlüpfen, kann man nicht umhin, mal einen Blick in die Runde zu werfen. Ich muss zugeben: Für achtzig Jahre ist Frau Kellers drahtiger kleiner Körper erstaunlich gut erhalten, ihre Narbe besser verheilt als bei vielen anderen, die ältere Narbe kaum noch zu erkennen. Und vor allem: Im Gegensatz zu einigen Anderen jammert sie niemals über ihren Gesundheitszustand.

An den Wochenenden strömen die Besucher in die Klinik. Schon am Frühstückstisch wird gefragt: „Bekommen Sie heute auch Besuch?“
Frau Keller beteiligt sich nicht an diesen Gesprächen.
„Meine Tochter bringt mir ein paar Sachen vorbei“, erwähnt sie einmal. Ich unterdrücke meine Freude darüber, dass mein Mann am Nachmittag kommen wird.
Die Tochter bekomme ich nicht zu Gesicht. Dafür rückt Frau Keller abends mit einer Neuigkeit heraus: Man habe für sie vorübergehend eine Ferienwohnung im selben Ort gefunden, dort werde sie zunächst wohnen und versorgt werden, bis die neue Wohnung bezugsfertig sei. Ich kann beim besten Willen nicht heraushören, ob sie sich freut, versuche aber sofort, meine Begeisterung auszudrücken.
„Das ist doch eine tolle Lösung, da brauchen Sie sich erst einmal um nichts zu kümmern!“
Frau Keller sieht mich an, als habe ich einen schmutzigen Witz erzählt.
„Aber ich bin doch immer gewöhnt gewesen, alles selbst zu erledigen.“

Am letzten Morgen kann ich meine Erleichterung über das Ende des Aufenthaltes nicht verhehlen.
„Am meisten freue ich mich auf mein eigenes Bett!“, strahle ich, als mich ein Tischnachbar fragt, ob ich froh sei, wieder nach Hause zu dürfen. Ich bereue diesen Satz im selben Moment, denn Frau Kellers Miene versteinert augenblicklich. Später beim Abschied wünsche ich ihr von ganzem Herzen alles Gute, aber ich merke: Es kommt nicht an. Noch ist sie nicht bereit für den neuen Lebensabschnitt.

In der Folgezeit muss ich oft an diese kleine alte Dame denken, vor allem, wenn es mir mal nicht so gut geht. Ich bin sicher, dass sie nach kurzer Eingewöhnungszeit ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat – ohne zu klagen.
 
Rundum überzeugend, geschätzte Ciconia. Viele Beobachtungen und doch nichts Nebensächliches und auch stilistisch dem Stoff angemessen.

Um aber nicht als oberunkritisch angesehen zu werden doch noch zwei kleine Einwände. Bei "Gemütlich geht anders ..." bin ich zusammengezuckt. Und ich als bloßer Leser bin mir auch nicht "sicher, dass ... sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat." Das kann man vermuten, hoffen, doch nicht mit Sicherheit wissen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
„Gudrun Keller“, stellt sich die kleine alte Dame vor, die nach einigen Tagen in der Reha-Klinik neu an unseren Tisch kommt. Feste Plätze, feste Tischzeiten, pro Sitzung eine halbe Stunde Zeit. Gemütlichkeit kommt dabei nicht auf, und so bleibt es in dieser kurzen Zeitspanne immer nur beim spärlichen Informationsaustausch: „Hüfte“ oder „Knie“ sieht man meistens am Gehverhalten. Wann/wo operiert ist eine der ersten Fragen, und man stellt fest, dass sich fast alle in einer Art Ausnahmezustand befinden: Starke Schmerzen trotz vieler Medikamente und permanente Müdigkeit, die bei dem straffen Tagesprogramm niemals abgebaut wird. Doch alle sind trotzdem optimistisch: Es kann jetzt eigentlich nur noch aufwärts gehen.

„Das ist ja schon meine zweite Operation innerhalb von sechs Monaten“, teilt uns Frau Keller beiläufig mit, „im Frühjahr hab ich mir das andere Knie machen lassen“, als spräche sie von einer neuen Dauerwelle.
„Alle Achtung! Mir hat eine OP gereicht. Das haben Sie aber anscheinend gut überstanden!“
„Ja, es geht, mit achtzig steckt man manches nicht mehr so leicht weg.“
Ihre kleinen Hände fuchteln nervös vor ihrer Stirn herum, während sie fortfährt:
„Hier oben komm ich nicht ganz klar, ist im Moment alles ein bisschen viel für mich!“
Ich habe sie auf Anfang/Mitte siebzig geschätzt. Für mich strahlt sie mehr Lebensbejahung aus, als sie vielleicht selbst zu verspüren meint. Ihr gepflegtes Äußeres, der modisch geknotete Schal, ihr relativ forsches Gangwerk, soweit es die fröhlich-gelben Gehhilfen zulassen, unterstreichen diesen ersten Eindruck.
Das Herumfuchteln mit den Händen, als wolle sie einen imaginären Schwarm Mücken vertreiben, beobachte ich in der Folgezeit häufig. Scheinen ihr die Essensportionen zu groß, wird sie nervös, sucht nach Entschuldigungen, wenn die freundlichen Bedienungen ihren noch halbvollen Teller abräumen. Essen zurückgehen zu lassen widerstrebt ihr ganz offensichtlich, ebenso wie sie ihre eigene Vergesslichkeit missbilligt.
„Jetzt hab ich schon wieder meinen Tagesplan vergessen“, schimpft sie sich selbst und kramt in ihrem Jutebeutel.

Später verstehen wir, warum sie momentan nicht klarkommen kann: Es sind nicht die Operationen und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Sie wird nach der Reha nicht mehr in ihr Häuschen, in dem sie sechzig Jahre gelebt hat, zurückkehren können.
„Meine Tochter will das Haus verkaufen“, erklärt sie. Es klingt, als geschähe dies gegen ihren Willen, und mir erschließt sich bis zum letzten Tag nicht, ob die Tochter ein Machtwort gesprochen hat und der Mutter künftig das Leben erleichtern will oder ob rein finanzielle Interessen im Spiel sind.
„Ich hab ja immer alles allein gemacht, auch den Garten. Ich leb schon seit zwanzig Jahren allein. Und nun soll ich in eine Dreizimmerwohnung!“
Zu allem Übel wird diese Wohnung erst in sechs Wochen beziehbar sein, und was in der Zwischenzeit mit ihr passiert, weiß Frau Keller anfangs noch nicht. Die Tischgemeinschaft nimmt Anteil, macht Vorschläge, z.B. Verlängerung der Reha oder gar eine Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim. Frau Kellers Augen blitzen kämpferisch, doch sie behält ihre Meinung für sich.

Frau Keller scheint die gesamte freie Zeit draußen zu verbringen, ich sehe sie oft an meinem Fenster vorbeigehen: Gemäßigten Schrittes, aber sehr aufrecht, die Gehhilfen korrekt einsetzend. Das Oktoberwetter meint es gut mit uns, und so sitzen wir manchmal nachmittags, wenn wir unser Tagespensum abgearbeitet haben, zusammen auf einer Bank im Park der Klinik. Auch hier dreht sich das Gespräch nur um ihre Zukunft. Ich betone stets, dass sich sicher eine akzeptable Lösung finden werde – doch für aufmunternde Worte scheint sie nicht empfänglich.

Im Großen und Ganzen sind wir alle guter Dinge. Am meisten Spaß haben wir beim täglichen „Bewegungsbad“ in der Schwimmhalle. Was wir dort veranstalten, hat mit Schwimmen nichts zu tun: Eine gemischte Gruppe vorübergehend Gehbehinderter – die Frauen stets in der Überzahl – stakst albernd im Storchengang oder Stechschritt durch das angenehm warme Wasser und probt, erschwert durch eine leichte Gegenstromanlage, den aufrechten Gang. Für einen durchschnittlich großen Menschen reicht das Wasser etwa bis zur Brust, bei Frau Kellers Größe allerdings fast bis zum Kinn. Auf modischen Aquaschuhen schlägt sie sich tapfer und klagt nicht.
„Knien Sie eigentlich oder stehen Sie?“, fragt einmal eine von uns. Frau Keller stimmt nicht in das allgemeine Gelächter ein, aber sie lächelt milde.
Wenn wir uns anschließend in der viel zu engen Gemeinschaftsumkleide aus unseren nassen Badeanzügen schälen und vor Anstrengung ächzend in unsere Bequemkleidung schlüpfen, kann man nicht umhin, mal einen Blick in die Runde zu werfen. Ich muss zugeben: Für achtzig Jahre ist Frau Kellers drahtiger kleiner Körper erstaunlich gut erhalten, ihre Narbe besser verheilt als bei vielen anderen, die ältere Narbe kaum noch zu erkennen. Und vor allem: Im Gegensatz zu einigen Anderen jammert sie niemals über ihren Gesundheitszustand.

An den Wochenenden strömen die Besucher in die Klinik. Schon am Frühstückstisch wird gefragt: „Bekommen Sie heute auch Besuch?“
Frau Keller beteiligt sich nicht an diesen Gesprächen.
„Meine Tochter bringt mir ein paar Sachen vorbei“, erwähnt sie einmal. Ich unterdrücke meine Freude darüber, dass mein Mann am Nachmittag kommen wird.
Die Tochter bekomme ich nicht zu Gesicht. Dafür rückt Frau Keller abends mit einer Neuigkeit heraus: Man habe für sie vorübergehend eine Ferienwohnung im selben Ort gefunden, dort werde sie zunächst wohnen und versorgt werden, bis die neue Wohnung bezugsfertig sei. Ich kann beim besten Willen nicht heraushören, ob sie sich freut, versuche aber sofort, meine Begeisterung auszudrücken.
„Das ist doch eine tolle Lösung, da brauchen Sie sich erst einmal um nichts zu kümmern!“
Frau Keller sieht mich an, als habe ich einen schmutzigen Witz erzählt.
„Aber ich bin doch immer gewöhnt gewesen, alles selbst zu erledigen.“

Am letzten Morgen kann ich meine Erleichterung über das Ende des Aufenthaltes nicht verhehlen.
„Am meisten freue ich mich auf mein eigenes Bett!“, strahle ich, als mich ein Tischnachbar fragt, ob ich froh sei, wieder nach Hause zu dürfen. Ich bereue diesen Satz im selben Moment, denn Frau Kellers Miene versteinert augenblicklich. Später beim Abschied wünsche ich ihr von ganzem Herzen alles Gute, aber ich merke: Es kommt nicht an. Noch ist sie nicht bereit für den neuen Lebensabschnitt.

In der Folgezeit muss ich oft an diese kleine alte Dame denken, vor allem, wenn es mir mal nicht so gut geht. Ich hoffe sehr, dass sie nach kurzer Eingewöhnungszeit ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat – ohne zu klagen.
 

Ciconia

Mitglied
Vielen Dank, lieber Arno! Deine Einwände sind durchaus berechtigt, ich habe entsprechend nachgebessert.

Gruß Ciconia
 

Wipfel

Mitglied
Hi Ciconia,

ich kann mich der Lobeshymne nicht anschließen - obwohl sie sachlich richtig ist. Du schriebst aus der Betrachter-Perspektive. Für mich wirkt das wie eine Esgehtmichnichtsan- Geschichte. Richtige Literatur lebt von Übertreibungen. Ich will die Geschichte deines Prots lesen. Oder die der Frau Keller. Kein Plätscher, plätscher - das kennen wir alle selbst aus dem Alltag. Nicht wie es war sondern wie es hätte sein können... Ein Alter verliebt sich in die Keller und bietet der Tochter die Stirn. Oder die Prot bekommt die Nachricht - ihre Sohn ist verungückt, oder sie hat Krebs - oder, oder. Etwas was die Person weiterentwickelt....

Grüße von wipfel
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Wipfel,

schau doch mal, in welcher Rubrik dieser Text steht. Es geht hier doch gerade nicht um die Weiterentwicklung einer Person, sondern um eine Momentaufnahme, ein Portrait der Frau Keller, eben aus der „Betrachter-Perspektive“.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Nein, Wipfel, das stand von Anfang an unter Tagebuch. Bevor man also niederschmetternd kommentiert, sollte man vielleicht erst einmal schauen, was man da eigentlich liest. Das fände ich fairer.

Gruß Ciconia
 

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