Die Konfrontation mit dem Leid, mit sich selbst und der Hiob`schen Frage nach Gott

Rezension zu:

Robert Olmstead, Der Glanzrappe, DTV 2011, ISBN 978-3-423-14032-4

Robert Olmsteads neuer Roman "Der Glanzrappe", handelt auf dem historischen Hintergrund der Schlacht von Gettysburg, jenem Wendepunkt im Amerikanischen Bürgerkrieg, die in den ersten Tagen des Juli 1863 tobte und 5500 Todesopfer und mehr als 44 000 verwundete Soldaten forderte.

Der Roman erzählt die Geschichte von Robey Childs. Er ist gerade 14 Jahre alt geworden, als seine Mutter ihm einen Auftrag erteilt, von dem beide wissen, dass er schwer und lebensgefährlich werden wird, und dass er Robey durch die Hölle führen wird. Robey soll seinen Vater, der als Soldat für die Konföderation kämpft, nach Hause holen. "Reite los und such deinen Vater, hol ihn zurück nach Haus." Robey reitet los durch ein Land, in dem, nach dem, was geschehen ist, niemand mehr einem anderen noch trauen kann. Alles, was bisher Geltung hatte an moralischen und juristischen Gesetzen, ist außer Kraft gesetzt.

Unterwegs schenkt ihm der alte Besitzer eines Krämerladens ein wunderschönes Pferd, einen Rappen mit glänzendem Fell, ein fast majestätisches Tier, das ganz außerordentliche Fähigkeiten besitzt. Auf diesem Pferd setzt Robey seinen Weg fort und lernt schnell die beiden wichtigsten Regeln: "Stiehl, um zu überleben" und "Töte, bevor du getötet wirst".

Er erlebt Schreckliches, wird Zeuge von Mord und Vergewaltigung und reift in dieser Zeit zum Mann. Sein Pferd wird ihm irgendwann gestohlen und er wird als Spion gefangengenommen. Doch Robey steht das alles durch, überlebt, kommt frei, findet auch sein Pferd wieder und gelangt schließlich, völlig entkräftet, zum Schlachtfeld von Gettysburg, wo er seinen Vater findet.

"Der Glanzrappe" ist ein Roman von großer Dichte, der die Geschichte der inneren Reifung eines jungen Mannes erzählt, denn die Reise durch ein vom Bürgerkrieg verwüstetes Land ist letzten Endes eine Reise zu sich selbst.
"Hast du dem Roß Stärke verliehen
und seinen Hals mit der flatternden Mähne umhüllt?
Es scharrt den Boden mit Ungestüm..."

Diese Stelle aus dem Buch Hiob hat Olmstead seinem beachtlichen Roman vorangestellt, und Motive aus dem Buch Hiob tauchen immer wieder auf in der Handlung. Gott ist abwesend, und Robey erinnert sich oft an den Satz seines Vaters, dass Gott zu müde geworden sei, um weiter seine Arbeit zu tun. Denn immer wieder ist Robey bei all dem Elend, was er sieht, mit der alten Frage konfrontiert, wieso Gott ein solches Leiden zulassen kann.

Hier transzendiert sich die Hintergrundhandlung des amerikanischen Bürgerkriegs in die Gegenwart und die immerwährende Frage, warum die Menschen so sind, wie sie sind.

Olmsteads Buch gibt keine ermutigende Antwort darauf. Dennoch strahlt seine wunderbare Geschichte etwas aus von der unbändigen Hoffnung, die Menschen immer wieder neu beginnen lässt. Jene Hoffnung darauf, dass Menschen sich trotz allem, was ihnen geschieht, oder vielleicht auch gerade deswegen, entwickeln können und etwas erfahren von dem Menschsein, wie es gedacht war und ist von einem Gott, den die Menschen immer viel zu schnell für das von ihnen selbst verursachte Leid verantwortlich machen wollen.
 

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