Die Kunst und die Kunst ihrer Betrachtung

Sigurt Funk

Mitglied
Die Kunst und die Kunst ihrer Betrachtung

„Der Künstler möchte den Betrachter fördern und hofft, dass dieser aus seinen Werken etwas mitnehmen kann und sich darin wiederfindet ohne große Erklärungen…..jeder kann und darf etwas anderes darin entdecken…. Auf der anderen Seite steht der Betrachter, der oftmals nicht in der Lage ist, den Sinn zu deuten, es vielleicht aber möchte. Und so entstehen Spannungen, Erwartungen….“ so etwa beschreibt eine Künstlerin das Spannungsfeld zwischen Künstler, Kunst und Rezipienten.

Dass der Künstler den Betrachter seines Werkes, im Bestreben es verstehen zu wollen, unterstützen möchte, könnte man lobenswert finden, es wäre auch nichts dagegen zu sagen, dass der Künstler dem Kunstbetrachter ”etwas mitgeben” möchte, das ihm bei der Bewältigung des künstlerischen Rätsels helfen könnte; wie aber wäre das zu beurteilen, wenn diese gutgemeinte Interpretationshilfe in eine kognitive Bevormundung des Rezipienten mündet?
Und wo ist die Grenze?

Es ist wohl keine Seltenheit, dass sich Künstler von ihrem Publikum, von der Welt insgesamt unverstanden fühlen, manchmal sogar beleidigt reagieren, wenn das von ihnen vorgelegte Werk beim Publikum nicht „ankommt“, wenn der erwartete Erfolg, die Zustimmung, der Applaus ausbleiben.

Künstler genießen eine gesellschaftliche Sonderstellung. Seit der mit Nachdruck betriebenen Eliminierung sogenannter „Entarteter Kunst“ aus dem Kunstbetrieb und dem gesamten öffentlichen Leben des Dritten Reiches, der Ausschaltung aller jener Kunstrichtungen also, die später als „Avantgarde“ weltweite Triumphe feierten, scheint man – vielleicht wegen des nachträglich sich eingestellten unerwarteten Erfolgs – in den Künstler ein besonderes Maß „quasi-hellseherischer“ Fähigkeiten hineininterpretiert zu haben. Besonders die dem produktiven Zweig zurechenbaren Künstler wären in besonderem Maße in der Lage, unheilvolle Entwicklungen der Gesellschaft vorauszusehen und in ihren Werken deutlich zu machen, lautet insgeheim die Annahme. Künstler seien die hellsichtigen Medien der Neuzeit, die zeitgenössischen Rezipienten ihrer Werke aber seien nicht in der Lage das “Deutlichgemachte” zu verstehen.

Eine solche Auffassung muss natürlich jedem Künstler schmeicheln! Es ist daher auch kein Wunder, wenn sich Künstler alsbald auch selbst als diejenigen sahen, die allein ihrer künstlerischen Fähigkeiten wegen mit einer besonderen Gabe und Verantwortung dahingehend ausgestattet seien, der Gesellschaft den „rechten Weg“ zu weisen. Das Argument, dass sie dieser besonderen Verantwortung durch das Schaffen von „mit politischer Bedeutung aufgeladenen Kunstwerken“ gerecht werden wollten, dürfte nicht weit hergeholt sein. Auch die Tatsache, dass viele von ihnen daran verzweifelten, wenn die Gesellschaft dennoch eine andere Sicht der Dinge hatte oder die mit dem Kunstwerk latent oder offensichtlich mitgelieferte politische „Message“ nicht verstand, könnte sich wohl leicht empirisch belegen lassen.

Andererseits hat es immer Künstler gegeben - und es gibt sie noch - für deren Arbeit der Lauf der Welt mehr oder weniger bedeutungslos war. Künstler, die die Referenzpunkte für ihr Werk nicht innerhalb des Systems Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft sondern ausschließlich innerhalb des Systems Kunst suchten und fanden.

Was aber nützt das Kunstwerk, wenn es niemanden gibt, der es richtig „lesen“ kann?
Muss man von Kunst wirklich etwas „verstehen“, um sie richtig zu deuten? Deutet man das Kunstwerk nur dann richtig, wenn man es im Sinne seines Schöpfers versteht?

„Es gibt Kunstwerke, die „springen“ mich förmlich an, bei denen läuft mir eine „Gänsehaut“ über den Rücken! Was es genau ist, was mich beeindruckt, was mich fasziniert, kann ich nicht sagen, es ist etwas Unbestimmtes, es ist „etwas“, das etwas in mir „zum Schwingen“ bringt und erst dann, wenn das passiert, dann weiß ich, dass es sich um „Kunst“ handelt. Andere Werke wiederum „sagen mir gar nichts“, da „springt kein Funke“ über.“ Solche und ähnliche Äußerungen hört man immer wieder, wenn man Menschen bittet, über ihre Begegnungen mit „moderner Kunst“ zu berichten.

Seit der Zerschlagung des Kunstbegriffes durch die extensive „Ausweitung“ seines Geltungsbereiches bis nahe an die Beliebigkeit, scheint Kunst etwas ganz Individuelles, etwas ganz Persönliches geworden zu sein; die Kunst scheint sich im Zwanzigsten Jahrhundert zu einem Phänomen entwickelt zu haben, das für jeden anders in Erscheinung tritt. Oft wird im Zuge des Anwachsens esoterisch geprägter Phantastereien sogar verlangt, der Betrachter eines Kunstwerkes müsse über ganz besondere „Antennen“ verfügen, um die „Schwingungen“ aufzufangen, die angeblich von einem modernen Kunstwerk ausgehen, um es zu „verstehen“.

Während also die einen einem „künstlerischen Relativismus“ frönen und alles dem vielbeschworenen „Bauchgefühl“ überantworten: >Man ist entweder „berührt“ oder man bleibt „ungerührt“< bemühen die anderen, die ihnen vertrauten kunsthistorischen Kategorien.
Seit des Postulats aber: >Kunst hat nichts mit „Können“ zu tun<, scheint es nichts mehr Handfestes zu geben, an das zu halten sich lohnt. Nichts ist leichter, als die Orientierung zu verlieren; nichts scheint mehr greifbar, schon gar nicht die verwendeten Vokabel der Kunstbeschreibung, die sich oft selbst zu eigenständiger Kunstform aufschwingt; alles wird unbestimmt, sämtliche Qualitätskriterien scheinen außer Kraft gesetzt worden zu sein und sind es doch nicht.

Im Feld dieser Unsicherheiten lassen sich zumindest zwei sich diametral gegenüberstehende Standpunkte ausmachen: der des Künstlers: „Kunst ist das, was ich zur Kunst mache!“ und der des Rezipienten: „Kunst ist das, was ich als Kunst erkenne!“ Auch innerhalb der Künstler finden sich unterschiedliche Gruppen: Während sich die einen als Künstler mit kommunikativem, sendungsbewussten Auftrag verstehen, findet man auf der anderen Seite der Medaille das „autistische“ weltabgewandte Gegenteil, des nur für sich arbeitenden Künstlers.
Muss das zeitgenössische Kunstwerk der „Sendungsbewussten“ mit einem gesellschaftlichen „Auftrag“ ausgestattet sein, der nur in der einen vom Schöpfer legitimierten Form interpretiert werden darf? Oder steht das Kunstwerk mit seiner Entlassung in die Welt ohnehin als selbständiges Artefakt da, über das selbst sein Schöpfer die Herrschaft und Interpretationsberechtigung verloren hat?

Allgemein verbindliche Regeln fehlen und das macht die Sache kompliziert. Die Aufgabe der Kunst von heute, die von der Bewegung des „l’art pour l’art“ noch strikt verneint worden wäre, sehen viele in der Kommunikation zwischen Künstler und Rezipienten. Schlagworte wie „Kunst am Bau”, “Kunst im öffentlichen Raum”, und das Abfällige: “Behübschungskunst“ legen beredt davon Zeugnis ab. Die politische Kunst der 68er Jahre ist Vergangenheit. Für manche ist die Kunst in ihren “Käfig” zurückgekehrt und beschäftigt sich nur noch mit sich selbst.
Und dennoch gibt es immer auch noch die eine Kunst, die uns etwas „sagt”; etwas, das jenseits dessen liegt, was sich mit Worten sagen ließe.
 

Val Sidal

Mitglied
Sigurt,

habe eine Weile gezögert, diesen Kommentar zu deinem Text zu schreiben.

Der Titel
Die Kunst und die Kunst ihrer Betrachtung
bewirkte zunächst eine angenehme Irritation: Einerseits weckt er die Hoffnung auf anschlussfähige -- im Idealfall neue Anschlüsse schaffende – Zugänge zu einem interessanten Dialog über Kunst, andererseits schließt er mit dem Homonym des Begriffs den Gedankenfluss kurz. Das kann spannend werden, dachte ich, und las weiter.

Als mir zunehmend klarer wurde, dass die Linie deiner Überlegungen entlang des im westlich geprägten Kulturraum gängigen (und damit bereits sehr einengenden) Kunst-Begriffs verläuft, mit einer (fast) undurchlässigen Leitplanke die bildenden Künste markierend, war ich als praktizierender Kunstschaffender (Musik, Prosa) enttäuscht. Freilich, hätte ich es eigentlich schon dem Titel entnehmen können, denn es heißt „Betrachtung“ und nicht „Beobachtung“, doch zunächst wollte ich „Betrachtung“ weiter als eine visuelle (vielleicht auch noch haptische) Operation auffassen.

Fragen, wie:
Was aber nützt das Kunstwerk, wenn es niemanden gibt, der es richtig „lesen“ kann? Muss man von Kunst wirklich etwas „verstehen“, um sie richtig zu deuten? Deutet man das Kunstwerk nur dann richtig, wenn man es im Sinne seines Schöpfers versteht?
zeigen das Problem. Wenn sie von Interesse sind, dann sind sie für die Musik nicht relevant, und auch an Werke der z.B. Belletristik nicht vollumfänglich adressierbar.

Für eine Diskussion in dem so abgesteckten Rahmen sind deine Ausführungen (nach meinem Empfinden) nicht spezifisch genug verankert und nicht thesenhaft zugespitzt aufbereitet, um einen Anschluss zum Dialog anzubieten. Ich könnte noch weitere Facetten deiner Skizze hinzufügen (allein schon durch die verschiedenen möglichen Betrachter-Rollen – Konsument, Händler, Aussteller, Fördergeldgenehmiger usw. betrachtend), ohne die Hoffnung, dadurch einen Dialog zu fördern.

Auf einen Beitrag mit dem Titel „Die Kunst und die Kunst ihrer Beobachtung“ werde ich also weiter warten müssen, oder irgendwann einen selber verfassen.
 

Sigurt Funk

Mitglied
Betrachtung vs. Beobachtung

Zuerst einmal danke für den wirklich interessanten Kommentar. Es freut mich, dass es nach dem langen Zögern doch noch dazu gekommen ist. Ich werde versuchen, auf einige der angesprochenen Punkte einzugehen und beginne einmal mit dem, wo es mir leicht fällt, der Kritik zuzustimmen:
Es stimmt, das Geschriebene hat einen den „westlichen Kunstbegriff“ zugrundeliegenden Fokus – über die „Kunstbegriffe“ anderer Kulturen weiß ehrlich gesagt zu wenig, um darüber zu reflektieren.

Auch die latent vorhandene „Leitplanke“ Bildende Kunst lasse ich ohne weiteres gelten. Das ist zwar nicht ausgesprochen meine Absicht gewesen, ist aber so.
Die Gegenüberstellung von „Betrachtung“ und „Beobachtung“ finde ich sehr interessant und wichtig. Die Kunst zu beobachten, war tatsächlich nicht mein Bestreben. Es galt die „Betrachtung“ zu beobachten. Die Kardinalfrage, die zu Stellungnahme, vielleicht zu Widerspruch auffordern sollte, war –wie Du ja richtig erkannt hast – die folgende:

quote:
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Was aber nützt das Kunstwerk, wenn es niemanden gibt, der es richtig „lesen“ kann? Muss man von Kunst wirklich etwas „verstehen“, um sie richtig zu deuten? Deutet man das Kunstwerk nur dann richtig, wenn man es im Sinne seines Schöpfers versteht?
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Und hier folgt der Widerspruch auch schon von Deiner Seite:
[…]zeigen das Problem. Wenn sie von Interesse sind, dann sind sie für die Musik nicht relevant, und auch an Werke der z.B. Belletristik nicht vollumfänglich adressierbar.
Und damit sind wir – ohne, dass eine weitere Zuspitzung der These nötig wäre - ohnehin beim Thema.
Ich würde Deinem Standpunkt energisch widersprechen. Ein Angehöriger eines Indianerstammes des Amazonasgebietes wird die Musik Beethovens ganz anders „lesen“, als ein durchschnittlich gebildeter Mitteleuropäer oder gar ein akademisch ausgebildeter Musiker der westlichen Hemisphäre.
Und so hätte die Sache ihren Sinn gehabt.
Deinem Aufsatz zum Thema „Kunst – und die Kunst ihrer Beobachtung“ sehe ich mit Freude entgegen. Es wäre nett, von Dir darauf hingewiesen zu werden, wenn Du ihn veröffentlichst. Ich hoffe, er entgeht mir nicht.
Mit besten Grüßen
S.F.
 

Val Sidal

Mitglied
Sigurt,

danke für die Zuspitzung:

Ein Angehöriger eines Indianerstammes des Amazonasgebietes wird die Musik Beethovens ganz anders „lesen“, als ein durchschnittlich gebildeter Mitteleuropäer oder gar ein akademisch ausgebildeter Musiker der westlichen Hemisphäre.
Jedoch: Angehörige unterschiedlichster Gruppen werden ein sehr ähnliches emotionales Erlebnis miteinander teilen; wäre nur ihr Gesicht sichtbar, während sie Beethovens "Ta-Ta-Ta-Taaaa" hören, dann würde man den gleichen Ausdruck der Verzückung beobachten -- bis auf den einen Musikstudenten, der seinen Blick auf die mitgebrachte Partitur richtet, um "Die Fünfte" zu lesen.

Ein Experiment mit meinem 8 Monate alten Enkel hat ein überraschendes Ergebnis gezeigt. Ich hatte Dvoraks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ aufgelegt. Plötzlich bemerkte ich, wie der kleine im Rhythmus der Musik zu wippen begann. Fast gleichzeitig sprang unsere Hauskatze auf, die bis dahin friedlich schlief, raste zum Vorhang, kletterte bis zur Gardinenstange, rannte auf die andere Seite, stürzte den Vorhang runter und setzte zu einer neuen Runde an. Ich stoppte die Musik. Mein Enkel begann an meiner Hand zu zerren, fast, als wollte er, dass ich die Musik wieder starte. Die Katze legte sich auf das Sofa und leckte sich das Fell. Das "Lesen" von Kunst greift nur links (die kognitive Gehirnhälfte) und damit zu kurz.

Deinem Aufsatz zum Thema „Kunst – und die Kunst ihrer Beobachtung“ sehe ich mit Freude entgegen. Es wäre nett, von Dir darauf hingewiesen zu werden, wenn Du ihn veröffentlichst. Ich hoffe, er entgeht mir nicht.
Das klingt motivierend.
Wenn ich aber die Frequenz, mit der dein Beitrag gelesen wird und die "hohe" Anzahl der Kommentare in Betracht ziehe, vergeht mir (fast) die Lust ...
 

Sigurt Funk

Mitglied
Für wen schreiben?

Stimme Dir fast uneingeschränkt zu. Die Frage, ob es sich "lohnt" Texte zu verfassen, die im Forum anscheinend keinen interessieren, habe ich mir natürlich auch schon vorgelegt, aber ...wenn man über ein bisschen "Autismus" verfügt, ist es leichter. (.-)). Da einige meiner Texte hin und wieder ohnehin in einer Kunst-Zeitschrift erscheinen, gleicht sich das "Interesse" wieder aus.
Danke jedenfalls für Deine "Anteilnahme" und für den fundierten Kommentar.
Mit besten Grüßen
S.F.
 

 
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