Die Kunst zu konjugieren

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CPMan

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Wenn Pater Zoschke herein kam, dann war er da. Selbst die Schüler, die mit dem Rücken zur Tür saßen, spürten es. Sie nahmen unbewusst eine Veränderung an den Schülern wahr, die ihn sahen. Eine minimale Versteifung eines eben noch entspannten Körpers. Ein Flickern von Angst in den eben noch ruhigen Augen. Ein kalter Hauch, der einem die Nackenhaare aufstellte. Er war da. Bevor er sein Pult erreichte, warf Pater Zoschke jedes Mal seinen großen Schlüsselbund darauf. Die eisernen Schlüssel, die aussahen, als öffneten sie das Gitter zu einem Verlies, aber nicht die Tür zum Lehrerzimmer, klimperten und klackerten auf dem massiven Holz und forderten uns zum Schweigen auf. Spätestens mit dem Geräusch der Schlüssel erstarben unsere lebendigen Gespräche und wir stellten uns vor unsere Tische. Wenn Pater Zoschke sich dann mit seinem massiven Körper mittig in den vorderen Raum stellte und dort verharrte, dann war er der General und wir seine Soldaten. Stramm standen wir in Reih und Glied, die Augen geradeaus, der Mund verschlossen. Pater Zoschke genoss diese Situation sichtlich. Er liebte die Ruhe im Raum und die Furcht in unseren Augen. Nicht selten reizte er diesen Moment aus, ließ die Stille im Klassenzimmer die Geräusche von draußen übertönen, und lächelte maliziös. Seine Macht über uns, das war sein Lebenselixier.

Bonjour, la classe!“, rief er laut in den Raum hinein.
Bonjour, Pater Zoschke!“, erwiderten wir wie ein Mann. Ein Monsieur wollte er nicht hören. Pater Zoschke war eigentlich Germanist. Es hieß, er habe in seiner Schulzeit Altgriechisch belegt, später Deutsch und Latein studiert, aber dann, der Berufsaussichten wegen, von Latein auf Romanistik umgeschwenkt. Galloromanistik, um genau zu sein. Wir, die Pennäler des bischöflichen St. Josef Gymnasiums, fanden das nachvollziehbar. Ein so massiger, einfacher Mann, mit seinem grauschwarzen Schnurrbart und dem kahlen, runden Schädel, konnte Französisch nicht aus purer Liebe zur Grande Nation studiert haben. Nein, wenn überhaupt, dann hatte er Französisch studiert, um ‚den Feind’ zu studieren. Um ihn dann, in Kenntnis seiner Perfidie, besiegen zu können. So erklärten wir uns die Berufswahl unseres Französischlehrers.

Zu Beginn einer jeden Stunde ging Pater Zoschke stets mit einem kleinen Notizbuch durch die Reihen und kontrollierte unsere Hausaufgaben. Wer seine Bücher noch nicht rausgeholt, sein Heft mit den ordentlich angefertigten Hausaufgaben noch nicht aufgeschlagen hatte, der bekam ein Ohr langgezogen. Wer während des Unterrichts tuschelte oder auf andere Weise unachtsam war, musste der Flugkurve seines Schlüsselbunds ausweichen. Gelang das nicht, war eine Beule sicher, ein Bluterguss wahrscheinlich und eine Platzwunde möglich.
Ein weiteres Ritual seiner Machtdemonstration war das ‚Konjugationsspiel’. Er teilte die Klasse in zwei Hälften auf, die Schüler zur Fensterseite gegen die Schüler zur Türseite. Mannschaft Fenêtre gegen Mannschaft Porte. Von jeder Mannschaft musste pro Runde jeweils ein Schüler nach vorne kommen, ein Stück Kreide ergreifen und eine der beiden Außentafeln so aufklappen, dass er sich dahinter verstecken konnte. Weder wir, die Schüler, noch Pater Zoschke konnten sehen, was die beiden Kontrahenten an die Tafel schrieben. Dann ging es los.
„Grammatische Person: 1. Singular. Verb: aller. Tempus: présent!“, befahl Pater Zoschke. Die Schüler schrieben.
Sobald ein Schüler meinte, die richtige Konjugation an die Tafel geschrieben zu haben, klappte er diese um und machte das Geschriebene für uns alle sichtbar: Je vais.
Hatte der Schüler die Konjugation schnell und richtig hin geschrieben, gab es zwar kein Lob von Pater Zoschke, aber einen Punkt für die Mannschaft. Jene Mannschaft, die nach zehn Minuten die meisten Punkte hatte, gewann. Die Belohnung für den Sieg war immateriell. Bestenfalls gab es für Wilhelm, unseren liebedienerischen Klassenprimus, ein anerkennendes Nicken von Pater Zoschke.

An dem Tag, als Dominik zu uns in die Klasse kam, spielten wir gerade dieses Konjugationsspiel. Die Tür ging auf, und unser Schulleiter, Pater Fredegand, stand, mit Dominik dahinter, im Türrahmen.
„Pater Fredegand“, rief Pater Zoschke sogleich. „Wie schön, dass Sie uns besuchen kommen.“ Er setzte sein schönstes schiefes Lächeln auf und ging in leicht gebückter Haltung auf Pater Fredegand zu, die rechte Hand weit von sich gestreckt. Pater Fredegand ergriff die ausgestreckte Hand nachlässig und wandte sich dann uns zu.
„Liebe Schüler, ich stelle euch Dominic vor. Er geht von heute an in eure Klasse. Ich verlasse mich darauf, dass ihr ihn in euren Reihen herzlich willkommen heißt und ihm den Einstieg so angenehm als möglich macht.“
Wir nickten pflichtbewusst.
„Dominic“, fuhr Pater Fredegand fort und schaute suchend in unsere Richtung, „du setzt dich neben Albert.“
Ich war überrascht, dass Pater Fredegand meinen Namen wusste. Ich hatte noch nie bei ihm Unterricht gehabt und es gingen mehr als vierhundert Jungen auf unser Gymnasium. Da der Platz neben mir der einzige freie Platz war, kam Dominic zielstrebig auf mich zu. An meinem Tisch angelangt, lächelten wir uns kurz an, dann nahm er Platz. Pater Fredegand warf Pater Zoschke noch einen letzten, aufmunternden Blick zu, dann war er weg. Die verkrampften Mundwinkel des Pater Zoschke entspannten sich, als die Tür wieder ins Schloss fiel.
„Nun“, fuhr Pater Zoschke fort, „wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, unser Spiel“.
Die Schüler wandten ihren Blick von Dominic ab und richteten ihn wieder nach vorne. Die nächsten zwei Jungs kamen nach vorne.
„Grammatische Person: 2. Plural. Verb: conclure. Tempus: Imparfait!“, befahl Pater Zoschke. Die beiden Schüler verharrten hinter der Tafel. Sie blieben regungslos. Man hörte keine Kreide auf eine Tafel treffen.
Dix ... neuf ... huit ...“, begann Pater Zoschke herunterzuzählen. Als er bei Zéro angelangt war, klappten die Schüler die Außentafeln wieder um und ihre belämmerten Gesichter kamen zum Vorschein. Die Jungen hatten nichts aufgeschrieben. Nicht einmal das Personalpronomen.
„Aha!“, rief Pater Zoschke. „Aha! Ihr Elenden.“
Ich schaute verstohlen zu Dominic. Ich wollte seine Reaktion auf Pater Zoschke sehen. Ich wollte sehen, was dieser bärbeißige alte Hund bei ihm auslöste. Doch in Dominics Gesicht war fast nichts. Keine Angst, kein spöttischer Blick, bestenfalls eine unterschwellige Neugier. Sein Blick war vergleichbar mit dem eines Jungen im Zoo, der zum ersten Mal ein ihm unbekanntes Tier entdeckte. Vorsicht gepaart mit Interesse.
„Seit einem Jahr nun habt ihr alle dieses Buch zu eurer Verfügung“, rief Pater Zoschke in gespielter Entrüstung und hielt ein kleines rotes Büchlein hoch: Den Becherelle.
„Zwölftausend Verben, geordnet nach Verbgruppen und den Zeiten. Vom présent bis zum futur antérieur. Alles hier drin!“
Mit der freien Hand klopfte Pater Zoschke auf den Buchdeckel. Dann warf er es einem Schüler auf den Tisch.
„Hier, Junge, frag mich. Wähle eine beliebige Seite, ein beliebiges Verb und eine beliebige Zeit.“
Langsam nahm Ansgar das Buch in die Hand und blätterte unbeholfen dahin herum.
„Na, mach schon, Junge. Wird’s bald!?“
Ansgar nahm seinen ganzen Mut zusammen und formulierte die Aufgabe.
„Äh ... plaire ... subjonctif imparfait ... 1. Plural.“
Que nous plussions“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Um Anerkennung heischend blickte Pater Zoschke sich um. Auch Dominic warf er einen Blick zu, als wolle er sagen: „Nur, dass du’s weißt. Ich bin hier der Chef und alles tanzt nach meiner Pfeife“.
Aber Dominic verharrte ungerührt auf seinem Sitz. Er schien unbeeindruckt, frei von Angst. Er lächelte fast ein wenig.

Dominic, das lernte ich in der Folge, war ein sonderbarer Schüler. Er sprach wenig bis gar nicht. Er machte keinerlei Anstalten, Anschluss zu suchen oder zu finden. Er lächelte, war höflich und zuvorkommend. In den Pausen und nach Schulschluss ging er seiner Wege. Für gewöhnlich hätten wir einen Schüler wie Dominic schikaniert, auflaufen lassen, gehänselt und verprügelt. Aber vom ersten Moment an war irgendwie allen klar: mit dem nicht. Er wirkte reifer, abgeklärter als die meisten von uns. Im Unterricht sagte er nie einen Ton, auch seine schriftlichen Arbeiten waren eher durchschnittlich, und trotzdem wirkte sein Geist wie ein scharfes Messer. Ich muss zugeben, sein Verhalten imponierte mir. Es war ihm offenbar egal, was wir über ihn dachten, und er brauchte keine Freunde, keine Beschützer, keine Lobby. Er war sich selbst genug, und das machte seine Kraft aus. Dachte ich.

Contrôle de devoirs. Hausaufgabenkontrolle!“
Pater Zoschke war schlecht gelaunt. Seine Stimmlage und sein provozierender Blick sprachen Bände. In Windeseile holten wir unsere Hefte hervor und breiteten sie vor uns aus, die Hausaufgaben schön säuberlich vor uns. Dominic, neben mir, tat nichts. Keine Bücher, kein Heft, keine Aufgaben. Ich tippte ihm mit meinem Ellenbogen in die Seite.
„Hol deine Hausaufgaben raus“, raunte ich ihm zu.
Dominic war seit vier Wochen an unserer Schule. Er hatte sich immerhin soweit eingelebt, dass er den Unterricht meist unbeschadet überstand. Im Französischunterricht hatte er bisher jede Frage von Pater Zoschke mit einem höflichen ‚Je ne comprends pas’ beantwortet, aber seine Hausaufgaben hatte er dennoch. Nur an diesem Tag nicht.
„Hol deine Hausaufgaben raus“, wiederholte ich, dringlicher im Ton.
Aber Dominic drehte sich seelenruhig zu mir um und schaute mich entspannt an.
„Lass gut sein“, sagte er.
Pater Zoschke ging durch die Reihen. Ich spürte die Anspannung in mir. Gleich ist er hier, dachte ich. Gleich gibt es ein Donnerwetter. Gleich geht es los.
Pater Zoschke trat an unseren Tisch.
Contrôle de devoirs. Hausaufgabenkontrolle!“, wiederholte er.
Ich zeigte mit dem Finger auf mein Heft, aber es war klar, dass ich nicht gemeint war. Dominic blieb regungslos sitzen. Er sagte keinen Ton, schaute auch nicht hoch.
Contrôle de devoirs. Hausaufgabenkontrolle!“, kam es wieder von Pater Zoschke. Ich senkte meinen Kopf. Ich erwartete das Schlimmste.
„Dominic!“, versuchte es Pater Zoschke ein letztes Mal.
Jetzt hob Dominic langsam den Kopf. Ich hielt meinen unten. Gleich würde Pater Zoschke ihn am Ohr packen, ihn hoch und nach vorne zerren und vor der ganzen Klasse wüst beschimpfen. So hatten wir es schon oft erlebt. Jetzt gleich passiert es, dachte ich.
Die Zeit schien still zu stehen. Ich spürte die Blicke der Mitschüler, die gebannte Haltung, die Unruhe in der Luft. Doch nichts passierte. Statt Dominic anzupacken, statt ihn verbal zu erniedrigen, ging Pater Zoschke einfach weiter.
Contrôle de devoirs. Hausaufgabenkontrolle!“, sagte er am nächsten Tisch.
Ich erhob meinen Kopf. Was war passiert?

„Den Blick hättet ihr sehen sollen“, meinte Erwin in der großen Pause.
Die Jungs standen alle im Kreis und redeten durcheinander. Etwas Ungeheuerliches war passiert.
„Ich sage euch, dieser Blick“, fuhr Erwin fort, „da gefriert einem das Blut in den Adern“.
Da ich später dazu gekommen war, glaubte ich zuerst, es ginge um den Blick von Pater Zoschke.
„Pater Zoschke hatte Bammel, sage ich euch“, warf Ansgar ein. „Er hatte Angst vor Dominic.“
Zustimmendes Raunen. Dann, wie auf ein unsichtbares Kommando, schwenkten alle ihren Kopf und schauten zu Dominic, der am anderen Ende des Pausenhofs herumstromerte. Ganz entspannt, mit den Händen in den Hosentaschen. Ohne Ziel, ohne Eile.
„Ein Teufelskerl!“, sagte Ansgar, der besonders ergriffen schien.
So entstehen Legenden, dachte ich.

Schon am Nachmittag spürte ich den Zweifel, den Dominic mit seinem Verhalten gesät hatte, in mir keimen. Ich saß über den Französischaufgaben. Die erste Aufgabe hatte ich mit der üblichen Energie und in fein säuberlicher Handschrift ins Heft geschrieben. Selbst die Aufgabenstellung hatte ich nochmal abgeschrieben. Aber jetzt, als es um die zweite Aufgabe ging, verspürte ich plötzlich Unlust, gepaart mit einem Quäntchen Aufsässigkeit. Ich schrieb die ersten Sätze nachlässig hin. Ein verrutschtes ‚a’ hier, ein fehlender accent dort, ein vergessenes çedille: mir einerlei. Was will der Zoschke denn tun? Wahrscheinlich merkt er es nicht einmal. Und so wurde ich immer schludriger in der Bearbeitung der Aufgaben, bis meine Handschrift zum Schluss fast unkenntlich war.

Contrôle de devoirs. Hausaufgabenkontrolle!“
Tags darauf. Pater Zoschke, betont unberührt von den Ereignissen des vorherigen Tages, ging zunächst gemächlich durch die Reihen. Er machte beim ersten Schüler ein Kreuz in sein Heft. Er ging weiter zum nächsten, anschließend zum dritten und zum vierten. Routine. Beruhigende Routine. Doch dann, leicht irritiert, blieb er bei einem Schüler, Ferdinand, etwas länger stehen und starrte ungehalten auf dessen Heft.
„Sauklaue!“, grummelte er und zog an Ferdinands Ohr. Dann ging er weiter. Schon beim übernächsten Schüler bot sich ihm offenkundig das gleiche Bild. Auch diesem Schüler zog er das Ohr lang. Beim dritten Schüler, die Dynamik des Ganzen verstehend, verlor Pater Zoschke die Nerven. Er nahm das Heft des Schülers und schlug es ihm um die Ohren. Dann wandte er sich an uns alle. Wutentbrannt schaute er uns an.
C’est une révolte?“, schrie er.
Einen Moment lang stand Pater Zoschke verloren im Raum. Seine Körperspannung war wie weggeblasen. Seine Schultern hingen herab. Dann aber gab er sich einen Ruck. Sein Blick ging zu Dominic. Und verharrte dort.
„Dominic“, sagte er schließlich scharf. „Komm nach vorne!“.
Dominic schaute ihn ruhig an. Ich machte mich auf alles gefasst, auch auf Körperlichkeiten. Aber Dominic stand ganz gemächlich auf, ging gelangweilt nach vorne und hielt dabei dem Blick seines Französischlehrers stand.
„Wilhelm“, rief Pater Zoschke dann. „Komm du auch nach vorne. Du trittst gegen Dominic an.“
Wilhelm stand sofort auf und stellte sich flugs hinter die Außentafel. Er war der unangefochtene Konjugationchampion, niemand konnte ihm das Wasser reichen. Jedem von uns war klar, was Pater Zoschke mit diesem ungleichen Duell bezweckte.
„Nehmt die Kreide auf“, befahl Pater Zoschke.
Er schaute uns provozierend an. Ihr werdet schon sehen, deutete ich seinen Blick.
„Grammatische Person: 2. Plural. Verb: placer. Tempus: passé simple!

Bevor ich in Gedanken die Endungen des passé simple durchgehen konnte, wurde ich durch einen Knall aufgeschreckt. Dominic hatte mit voller Wucht die Außentafel umgeschlagen. In weißer Kreide auf grünem Grund stand dort: vous plaçâtes. Ich hatte keine Ahnung, ob die Konjugation richtig war, aber an Patern Zoschkes völlig verdattert dreinschauender Visage war klar: die Konjugation war korrekt. Auch Wilhelm, der hinter seiner Außentafel hervorgekommen war, wurde bleich.
Dominic stand da, und wir sahen ihn an wie einen Anführer. Es fehlte nicht viel, und wir wären alle jubelnd hochgeschossen und hätten ‚Zu den Waffen’ gerufen. Man spürte die unterdrückten Gefühlsexplosionen in unseren Körpern. Eine Energie strömte durch den Raum, ein Triumphgefühl, dem Pater Zoschke, unser Sonnenkönig, nichts entgegen zu stellen vermochte.
„Ruhe“, schrie er mit hassverzerrtem Gesicht.
Dabei hatte keiner von uns einen Ton gesagt.

Es folgte: Stille. Totenstille.
Nous faisons un dictée!“, sagte Pater Zoschke schließlich. Seine Hand zitterte.

Als es zur Pause geschellt und Pater Zoschke grußlos den Raum verlassen hatte, stupste ich Dominic an.
„Na, wenn du dir da mal keinen Feind gemacht hast“, meinte ich.
Dominic schaute mich an.
„Wen denn?“
„Na, Pater Zoschke. Wen sonst?“
„Zoschke?“, meinte Dominic gelassen. „Der ist doch harmlos.“
„Harmlos!?“, fragte ich entgeistert zurück. Mir waren schon viele Adjektive zu Pater Zoschke eingefallen, aber das von Dominic befand sich nicht darunter.
„Harmlos?! Dieser böse Hund? Wie er schreit und schimpft, wie er uns drangsaliert und misshandelt? Das findest du harmlos?“
Dominic nickte.
„Ja. Zoschke ist authentisch. Er bellt vielleicht, aber er beißt nicht. Die netten, die lieben Lehrer, die angeblichen Kümmerer, die sind gefährlich. Vor denen musst du dich in Acht nehmen. Aber Zoschke...“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
Wir standen auf und verließen gemeinsam den Klassenraum. Auf dem Pausenhof, wo ich für gewöhnlich mit den anderen Jungen an einem festen Platz stand, entschied ich, mit Dominic zu gehen.
„Woher wusstest du die korrekte Konjugation? Du sagst doch kein Wort im Unterricht.“
Dominic lächelte mich geheimnisvoll an. Wir schlenderten an den Pinien vorbei und lehnten uns an die Brüstung vor der Treppe, die runter zur Toilette führte. Als Dominic die Hände in die Hosentasche steckte und ein Knie anwinkelte, tat ich es ihm unwillkürlich nach.
„Kennst du Schloss Benedictum?“
„Die Klosterschule in Eschenlohe?“
„Genau die.“
„Ja, kenne ich. Wieso?“
„Auf dem Internat dort, da war ich, bevor ich hierher gekommen bin.“
„Aha“, erwiderte ich, erfolglos in dem Versuch, mich unbeeindruckt zu zeigen.
„Aber sie haben mich rausgeschmissen.“
Ich schwieg, weil mir nichts dazu einfiel. Ich ließ den Blick über den Pausenhof schweifen und schaute auf die tobenden, die in sich gekehrten, die gelangweilten, die euphorischen, die mutigen und die ängstlichen Jungen, die den Asphalt bevölkerten. Ich spürte, dass Dominic mir etwas erzählen wollte, und dass es dazu keiner expliziten Aufforderung bedurfte.
„Das Benedictum“, fuhr Dominic fort, „das Benedictum war die Hölle. Gottes Kaderschmiede, so haben sie es in Eschenlohe genannt, aber wirklich, es war die Hölle. Es gab nur eine Regel: absoluter Gehorsam. Jeden Tag wurden wir von den Patres gezüchtigt, von morgens fünf bis abends um sieben. Und jeder Pater versuchte, der Härteste zu sein. Untereinander überboten sie sich gegenseitig in immer drakonischeren Maßnahmen. Wenn wir nicht taten, was sie wollten, wurden wir auf den Hof gestellt, ausgezogen und mit einem Haselnussstock verdroschen. Ein Pater schlug mir einmal mit der flachen Hand so lange ins Gesicht, bis mir das Blut aus der Nase schoss. Das Schlimmste aber, das Schlimmste war die Hackordnung unter den Schülern. Die älteren Schüler waren nämlich die willigen Helfer der Patres. Manchmal wurden sie dazu abgerichtet, uns Jüngeren den Arm zu verdrehen und den Oberarm so lange zu traktieren, bis er blau anlief. Die anderen Oberstufenschüler standen dann im Kreis und johlten und grölten und lachten ...“
Dominic hielt inne. Er hob einen Kiesel vom Boden auf und kickte ihn weg.
„So war das am Benedictum. Deswegen macht mir der Zoschke keine Angst, du verstehst?“
Ich schluckte. Ich hatte Geschichten wie diese zwar schon gehört, aber immer für Gerüchte gehalten.
„Jedenfalls“, erzählte Dominic weiter, „jedenfalls gab es da diesen Jungen. Felix. Ein netter, aber zarter Junge. Zierlich, blondgelockt, ein Engelsgesicht. Er kam vorletzten September zu uns ans Benedictum. Während die meisten Patres ihn zunächst ohne Unterschied zu uns behandelten, hielt ein Pater, Pater Lürken, bald seine Hand schützend über ihn. Er sorgte dafür, dass die anderen Patres ihn in Ruhe ließen und selbst die älteren Schüler trauten sich bald nicht mehr, Felix zu drangsalieren. Am Anfang hatte ich den Eindruck, dass Felix sich über diesen besonderen Schutz freute. Mehr noch, er wurde uns gegenüber fast ein wenig herablassend und verspielte sich damit die Sympathien bei uns. Irgendwann sprach keiner mehr mit ihm und in den Pausen stand er alleine da. Dann, drei, vier Monate nach seiner Ankunft, holte Pater Lürken Felix aus dem Unterricht. Er benötige besondere Unterstützung, hieß es. Aber als ich sah, wie verstört Felix nach diesen ‚Privatstunden’ zurück in die Klasse kam, wussten wir alle, was mit ihm passiert war.“
„Was meinst du?“, unterbrach ich ihn hastig. Eine Frage, die gleichzeitig versuchte, aufzufordern und Einhalt zu gebieten. Dominic warf mir einen vielsagenden Blick zu.
„Pastor Lürken hatte einen ‚Ruf’ “, erwiderte er. „Wenn du verstehst, was ich meine?“
Ich hatte einen Kloß im Hals. Unfähig zu sprechen, nickte ich nur.
„Die meisten von uns waren ohne Mitleid für Felix. Geschieht ihm recht, meinten sie. Und ich dachte ähnlich. Aber irgendwann merkte ich, dass sich nichts ändert, wenn wir alle nur auf uns selbst achten. Ich merkte, dass Leute wie Pater Lürken genau das vermeiden wollten: Solidarität unter den Opfern. Denn wenn Opfer sich solidarisieren, dann entwickeln sie eine Kraft, die schwer kontrollierbar ist. Gut, jedenfalls nahm ich mir vor, etwas zu tun. Etwas für Felix zu tun. Als also Pastor Lürken wieder einmal zu uns in die Klasse kam, wir hatten gerade Französischunterricht, und Felix für eine ‚Privatstunde’ mitnehmen wollte, bin ich aufgestanden und habe gesagt, dass Felix keinen ‚Privatunterricht’ mehr möchte und dass wir Jungen dieses System der ‚Privatstunden’ ablehnen. Ich bin sogar aufgestanden, um das zu sagen. Ich hatte wohl gehofft, dass die anderen Jungen mir folgen würden, als sei ich Spartakus. Stattdessen war es einen Moment lang sehr still. Keiner sagte etwas, alle guckten auf Pater Lürken. Man konnte förmlich dabei zusehen, wie die Wut in ihm hochstieg. Dann nahm er ein Buch vom Pult, kam auf mich zu und schlug es mir mit beiden Händen und mit voller Wucht ins Gesicht. Ich taumelte erst und fiel dann hintenüber. Dann zog er mich mit einer Hand am Ohr hoch und zerrte mich vor den Augen aller aus dem Klassenraum. Ich sehe jetzt noch die offenen Münder der Schüler vor mir. Auf dem Gang trat Pater Lürken mich und schleppte mich bis zum Karzer. Er schloss die Zelle auf, stieß mich hinein und schmiss das Buch hinterher.“

Dominic machte eine Pause. An seinem Gesicht erkannte ich, dass seine eigene Erzählung ihn betroffen machte. Dass er es im Geiste nochmal durchlebte. Die Ruhe, die Gelassenheit, die vermeintliche Willenskraft, die wir so an ihm bewunderten, war wie weggeblasen.

„Ich blieb für zehn Tage im Karzer. Zehn Tage bei Wasser und Brot. Zehn Tage in einem kleinen Raum aus Stein, mit einem kleinen Guckfenster. Zehn lange Tage. Ich sag dir, zehn Tage klingt nicht viel, aber bleib mal einen Tag lang in einem Zimmer, dann kriegst du eine Ahnung davon, was ich meine. Jede Sekunde ist ein Tag, jede Minute eine Woche und jede Stunde ein Jahr. Man wird verrückt. Man verwildert geistig. Keine Struktur, keine Ordnung, nur du und deine Gedanken. Und um nicht völlig verrückt zu werden, versuchte ich, mich geistig abzulenken. Ich sagte wieder und wieder alle Gedichte auf, die ich auswendig kannte. Ich dachte mir Streitgespräche zwischen historischen Persönlichkeiten aus, ich maß den Raum aus, ich zählte die Steinchen am Boden. Und irgendwann fiel es mir ein: das Buch. Pater Lürken hatte mir ein Buch ‚geschenkt’. Ein ganzes Buch. Wörter, Sätze, Texte, Geschichten, Unterhaltung. Ich hob das Buch auf. Und was war es für ein Buch?“
„Der Becherelle!“, sagte ich.
„Genau. Der verdammte Becherelle. Keine Texte, keine Geschichten, nein, nur Konjugationen. Konjugationen! Aber mein Geist verlangte nach Beschäftigung, egal welcher Art. Und so beschäftigte ich mich eben damit. Mit Konjugationen.“
Ich unterdrückte ein Lachen. Es erschien mir unpassend. Ich hatte viele Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Ich wollte so vieles sagen, aber ich wusste nicht, wie ich es ausdrücken sollte, vielleicht gab es aber auch einfach keine Worte für das, was ich fühlte. Und in dem Moment, wo ich tatsächlich etwas von mir geben wollte, klingelte es.
„Komm“, sagte Dominic. „Gehen wir wieder rein.“

Wir gingen wieder rein. Wir setzten uns hin. Der Unterricht ging weiter.

Und das war es. Wir sprachen nicht mehr darüber. Wir sprachen überhaupt nicht mehr miteinander. Wir wurden keine Freunde. Einen Monat später wurden wir wegen Renovierungsarbeiten als Klasse in einen anderen Raum verlegt und ich saß von da an neben Ansgar. Herr Zoschke wurde umgänglicher im Ton, aber dem Vernehmen nach nur in unserer Klasse. Zwei Jahre später verließen wir das Internat. Ich habe nie wieder etwas von Dominic gehört. Die anderen meinten, er sei bestimmt im Ausland und dort erfolgreich in der Führung eines Unternehmens tätig. Sonderbarerweise stellte ich ihn mir anders vor, nämlich arm, mittellos und verzweifelt in einer deutschen Kleinstadt. Denn als die Wahrheit nach und nach, fast vierzig Jahre später ans Licht kam, da berichteten die meisten Opfer von einem eher trostlosen Leben. Noch heute suche ich in allen öffentlichen Berichten, die ich zu diesem Thema lese, unwillkürlich nach diesen zwei Namen: Felix und Dominic.

Felix und Dominic. Dominic und Felix.

Felix. Dominic.

Aber gefunden habe ich sie bis jetzt nicht.
 
Zuletzt bearbeitet:

Ji Rina

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Eine Gute Erzählung, CPMan. Ich begann sie zu lesen – und wollte aus Zeitgründen - erst mal reinschnuppern; wurde dann aber dermassen in die Geschichte hineingezogen, dass ich sie zu Ende las. Vielleicht kann ich auch vieles gut nachvollziehen, weil ich meine Kindheit und Teil meiner Jugend nur in Katholischen Internaten (mit Nonnen) vebracht habe. Und so habe ich mich an einiges erinnert. Dort wurde auch geschlagen: Mit dem Schuh auf den Kopf. Oder in kleine Kammern eingesperrt. Du hast die Geschichte so gut geschrieben: In deiner üblichen, leichten unkomplizierten Sprache; Die Angst der Schüler vor Pater Zoschke; dessen Machtausbrüche im Klassenzimmer. Dann die Figuren, die kristallklar herausgearbeitet sind, Der Pater Zoschke, der Erzähler, Dominic…. Genauso gut beschrieben das Konjugationsspiel an der Tafel. Ich habe das alles hautnah miterlebt – und stand neben deinen Figuren im Klassenzimmer - . Sehr schön auch die sanfte Eskalation der Geschichte, die zur plötzlichen Wut (und Unsicherheit) des Paters führt, verursacht durch Dominics Selbssicherheit. Ich meine, deine Erzählung spielt sich in einem Klassenzimmer ab, ohne weitere Szenarien! Nicht so einfach….

Was sind das für Lehrer, die Schüler dazu bringen, nur noch Angst zu empfinden? Schüler die völlig blockiert nicht mehr in der Lage sind irgend etwas zu lernen. Furchtbar, Lehrer die sogar Gewalt ausüben und Kinder schlagen und ihren gesamten Lebensfrust an ihnen auslassen.

Als ich dann diesen Absatz las:

CPMan SCHRIEB:
„jedenfalls gab es da diesen Jungen. Felix. Ein netter, aber zarter Junge. Zierlich, blondgelockt, ein Engelsgesicht. Er kam vorletzten September zu uns ans Benedictum. Während die meisten Patres ihn zunächst ohne Unterschied zu uns behandelten, hielt ein Pater, Pater Lürken, bald seine Hand schützend über ihn.

......ahnte ich die Richtung der Erzählung. Traurigerweise.

Auch das Ende lässt mich nachdenklich zurück. Traurig. Aber du hast ein ernstes Thema, ein immer aktuelles, aufgegriffen.
Schön, dass du nach so langer Zeit wieder mal eine Erzählung veröffentlichst.
Mit Gruss,
Ji
 

CPMan

Mitglied
Liebe Ji Rina,

vielen Dank für deinen Kommentar und das Lob. Ich selbst war auch Schüler an einem bischöflichen Gymnasium,
an dem Franziskaner gemeinsam mit Zivilisten unterrichtet haben. Ich kann allerdings nicht schlecht davon reden.
Es gab zwei, drei sehr strenge Brüder, aber wir wurden nie geschlagen. Ich wurde nur häufig rausgeschmissen und
einmal böse gekniffen. Die klassische Bildung, die ich dort bekam, war und ist ein gutes Fundament.

Aber vor fünf oder sechs Jahren bin ich unter anderem aufgrund dieser Skandale aus der
Kirche ausgetreten. Denn einem Verein, der heute noch an der Vertuschung dieses systematischen Mißbrauchs arbeitet,
möchte ich kein Geld spenden.

Als ich meine eigene Geschichte las, dachte ich, dass ich übertreibe. Nach kurzer Internetrecherche war aber schnell
klar, dass die Geschichte nicht weit hergeholt ist.

Übrigens ist sie stark an Stefan Zweigs Schachnovelle angelehnt. Es ist quasi de Inspiration für meinen Text.

Liebe Grüße,

CPMan
 

Ji Rina

Mitglied
Lieber CPMan,

Die klassische Bildung, die ich dort bekam, war und ist ein gutes Fundament.
Du hast grosses Glück gehabt!

Als ich meine eigene Geschichte las, dachte ich, dass ich übertreibe.
Auf garkeinen Fall (leider)

Übrigens ist sie stark an Stefan Zweigs Schachnovelle angelehnt. Es ist quasi de Inspiration für meinen Text.
Die Schachnovelle von S. Zweig habe ich nicht gelesen. Haber aber eine sehr umfangreiche Rezension im Netz gefunden - und mir das Buch bestellt.

Nochmals vielen Dank und liebe Grüsse,
Ji
 
Hallo CPMan,

schön, dass du wieder Texte einstellst, auch wenn mir dieser nicht sonderlich zusagt. Mir ist er zu langatmig und zu ausufernd erzählt.

LG SilberneDelfine
 

CPMan

Mitglied
Liebe SilberneDelfine,

vielen Dank fürs Lesen und den Kommentar. Ich muss zugeben, dass es mir schwer fällt, deinen Geschmack einzuschätzen.
Bei anderen Usern hier gelingt mir das m.E. besser. Ich kann gelegentlich nicht nachvollziehen, warum du einen Text von mir (z.B. Wiederauferstehung) gut findest und einen anderen Text (wie diesen hier) wiederum nicht.

Umso mehr freue ich mich, wenn es mir dann doch mal gelingt, dich zu packen.

LG,

CPMan
 
Lieber CPMan,

Ich muss zugeben, dass es mir schwer fällt, deinen Geschmack einzuschätzen.
Ich kann gelegentlich nicht nachvollziehen, warum du einen Text von mir (z.B. Wiederauferstehung) gut findest und einen anderen Text (wie diesen hier) wiederum nicht.
Zu diesen Zitaten möchte ich gerne anmerken: Du musst nicht so schreiben, dass es mir gefällt - manches ist auch halt einfach Geschmackssache und man kann es nicht jedem User recht machen. Wie du wahrscheinlich schon gemerkt hast, gehöre ich im Grunde genommen eher zu den "Weglassern", d, h. ich finde in den meisten Fällen Geschichten besser, wenn alles meiner Meinung nach Überflüssige weggelassen wird. Deine Geschichte "Die Wiederauferstehung" war die große Ausnahme, da hast du recht: Sie war lang und hat mir trotzdem gefallen. Warum? Weil sie m.E. interessanter präsentiert und dem Leser nicht jede Kleinigkeit vorgekaut wurde (z. B. "Denk nicht an den rosa Elefanten", da hast du - glücklicherweise - nicht erklärt, was es mit dem Satz auf sich hat und was der Protagonist wohl damit meint. Da konnte sich der Leser seine eigenen Gedanken dazu machen, was damit gemeint war. Bei diesem Text hier habe ich das Gefühl, es wird wirklich alles lang und breit erklärt.
Übrigens: Auch die Bücher meiner Lieblingsschriftsteillerin (Patricia Highsmith) gefallen mir nicht alle. Ich finde z. B. alle "Ripley"-Romane wahnsinnig gut, aber ich habe auch zwei Bücher von ihr, bei denen ich es nicht geschafft habe, sie zu Ende zu leisen - seit zwei Jahren, weil ich sie todlangweilig finde. Man muss nicht unbedingt alles von einem Autor gut finden.

So, und jetzt nochmal zu deinem Text hier:

Schon der erste Satz hat mich gestört:

Wenn Pater Zoschke herein kam, dann war er da
ich fragte mich beim Lesen unwillkürlich, was das sollte. Ja, wenn jemand herein kommt, ist er da. Ist tatsächlich bei jedem so - bei mir, bei dir, bei allen. Oh, ich weiß, wie du den Satz gemeint hast - und für den Fall, dass es der Leser doch nicht versteht, bekommt er es ja hinreichend erklärt. Deswegen hätte man den ersten Satz meiner Meinung nach schon mal ganz weglassen können (du merkst, ich bin ein "Weglasser.")

„Zoschke?“, meinte Dominic gelassen. „Der ist doch harmlos.“
„Harmlos!?“, fragte ich entgeistert zurück. Mir waren schon viele Adjektive zu Pater Zoschke eingefallen, aber das von Dominic befand sich nicht darunter.
„Harmlos?! Dieser böse Hund? Wie er schreit und schimpft, wie er uns drangsaliert und misshandelt? Das findest du harmlos?“
Dominic nickte.
Das hattest du doch schon geschrieben bzw. gezeigt: wie Pater Zoschke die Klasse drangsaliert, schreit ud schimpft und misshandelt. Wozu nochmal so ausdrücklich erwähnen? Das weiß der Leser doch - und Dominic ja wohl sicher auch.

Wie gesagt, ich bin ein "Weglasser" ....

Dann erzählt Dominic seine Geschichte, d. h. eigentlich die von Felix. Und man ahnt, was kommt .... ist nicht schwer zu erraten. Ich hätte es besser gefunden, wenn Dominic nicht so ausführlich selbst erzählt hätte, sondern das in einem Dialog präsentiert worden wäre und der Erzähler mehr hätte ahnen können, was passiert ist.

Ich schluckte. Ich hatte Geschichten wie diese zwar schon gehört
Der Leser auch ....

Interessant wird es dann aber zum Schluss:

Ich habe nie wieder etwas von Dominic gehört. Die anderen meinten, er sei bestimmt im Ausland und dort erfolgreich in der Führung eines Unternehmens tätig. Sonderbarerweise stellte ich ihn mir anders vor, nämlich arm, mittellos und verzweifelt in einer deutschen Kleinstadt.
Ja, das ist interessant und hier versuchst du nicht, ausführlich zu erklären, warum der Erzähler das denkt, gibst nur einen kleinen Hinweis.
Darüber kann ich mir dann als Leser meine eigenen Gedanken machen. Und das beschäftigt mich mehr, als wenn ich alles ausführlich erklärt bekomme. Aber das ist ja auch nur meine Meinung.

Auch das hier ist gut:
Und das war es. Wir sprachen nicht mehr darüber. Wir sprachen überhaupt nicht mehr miteinander. Wir wurden keine Freunde
Der letzte Satz hat mich mehr berührt als die Geschichte, die Dominic erzählt hat .....

LG SilberneDelfine
 
Zuletzt bearbeitet:

CPMan

Mitglied
Liebe SilberneDelfine,

also sowohl die Wiederauferstehung als auch dieser Text hier enthalten hohe Anteile an TELL. Mir ist bewußt, dass ich mit
nicht wenigen meiner Texte die goldene Regel des 'Show, don't tell' verletze. Ich habe mich selbst schon des öfteren gefragt,
ob ich mich nicht einfach damit abfinden sollte, dass mir das 'Erzählen' mehr liegt als das 'Zeigen', aber ich sehe ebenso ein,
das Texte mit 'Show' Elementen abwechslungsreicher und unterhaltsamer sind.

Texte, in denen weggelassen wird, wie du es so schön formulierst, haben m.E. auch ein Manko. Sie tun Details schnell als unwichtig
ab. Nehmen wir an, es geht z.B. um das Haus eines reichen Mannes. Dann finde ich es wichtig, mit welcher Art Möbeln, Bildern oder
Gegenständen dieser Raum ausgesattet ist, denn es erzählt so viel über das Selbstverständnis dieses reichen Mannes.

Und manchmal mag ich einfach Texte, die sich in Details ergehen. Aber, wie du bereits sagst, es ist und bleibt wohl Geschmackssache.

LG,

CPMan
 

Languedoc

Mitglied
Ein Hallo in die Runde,

Ich finde, beides ist beim Schreiben eine Kunst: das Weglassen wie auch das Ausufern. Wenn’s stilistisch gekonnt ist und zur Geschichte passt, dann ist das Eine wie das Andere ein Lesevergnügen.

In der vorliegenden Geschichte schildert der ICH-Erzähler Albert eine Episode aus seiner Gymnasialzeit. Er holt etwas aus seiner Erinnerung, das vierzig Jahre zurückliegt und ihn damals wohl sehr beeindruckt hat. Daher finde ich sein detailreiches Ausführen gut, zumal das angeschnittene Thema des Macht- und anderen Missbrauchs ja auch nicht kurz und knapp zum Abhaken ist. Ich kann als Leser dem Erzähler gut folgen und seine „Übertreibungen“ verstehen. Auch hat Albert die Ereignisse rund um Felix nur aus zweiter Hand gehört (von Dominic) und nicht selber miterlebt und bestimmt in seinem Kopf für sich selber ausgeschmückt, nachdem Dominics Verhalten in der Klasse ja einen ordentlichen Eindruck hinterlassen hat.

Dass Albert so ausführlich berichtet, könnte man auch so deuten, dass er immer noch an der Geschichte zu kauen hat und zum Beispiel froh ist, nicht in Krallen eines Pater Lürken geraten zu sein. Oder er könnte sich fragen, warum er nicht den Mumm eines Dominic gehabt hatte, sich gegen die Gewaltherrschaft zu stellen (die des Pater Zoschke, dem Schlägertypen). Oder warum er mit dem Helden „Spartacus“/Dominic nicht Freund geworden ist und dennoch vierzig Jahre später noch dessen Namen sucht. Irgendwas scheint ihm keine Ruhe zu lassen.

Albert kann nur die Geschichte erzählen, wie er sie in Erinnerung hat, als Legende, und tut das eben ausführlich. Er holt nach, was er zum Zeitpunkt des Geschehens nicht konnte („Ich wollte so vieles sagen, aber ich wusste nicht, wie ich es ausdrücken sollte, vielleicht gab es aber auch einfach keine Worte für das, was ich fühlte.“, sagt Albert gegen Schluss der Geschichte.)

Die Übertragung des Schachnovelle-Motivs ist eine tolle Idee und recht gut gelungen, wenngleich ich mir kaum vorstellen kann, in zehn Tagen die komplette Konjugation von 12.000 französischen Verben intus zu kriegen – aber das gehört eben auch zu den erwähnten „Übertreibungen“.

Gern gelesen!

Languedoc
 
Nur mal ganz nebenbei: Es gibt Dogmen, die ich fatal und falsch finde, und das trifft ganz besonders zu auf: "Show, don't tell". Natürlich kann man Sätze wie "xy war ein Idiot" oder "xy war wütend" schreiben, Literatur ist kein Rätselspiel und Lesen keine Dechiffrieraufgabe. Es geht um starke, richtige Sätze und nicht darum, den Lesern nichts "vorkauen" (grmpf) zu dürfen. Natürlich darf ein Autor explizit über seine Figuren sprechen, sie interpretieren, analysieren what so ever. Auch dieses ewige "alles weglassen, was man weglassen kann" ist eine Forderung, die ich in dieser Absolutheit für fatal halte - was nicht bedeutet, dass es nicht großartige minimalistische Prosa gibt.
Den Text von CPMan finde ich sehr stark, der erste Satz ist genauso gut/okay wie die Wiederholungen. Wenn ich eine Schwäche sehe, dann ist es tatsächlich der Monolog von Dominic. Plötzlich wird die Figur, die davor eine starke Aura hatte, banal, weil sie die Geschichte zu brav und vorhersehbar erzählt. Vor der Auflösung aber ist der Text hier ganz stark, vor allem sprachlich.
Daher, das interessiert mich wirklich:
Bist Du irgendwie erfolgreich als Autor, CPMan, hast Du schon etwas veröffentlicht bei einem echten Verlag?
 

Languedoc

Mitglied

Ji Rina

Mitglied
Nur mal ganz nebenbei: Es gibt Dogmen, die ich fatal und falsch finde, und das trifft ganz besonders zu auf: "Show, don't tell". Natürlich kann man Sätze wie "xy war ein Idiot" oder "xy war wütend" schreiben, Literatur ist kein Rätselspiel und Lesen keine Dechiffrieraufgabe. Es geht um starke, richtige Sätze und nicht darum, den Lesern nichts "vorkauen" (grmpf) zu dürfen. Natürlich darf ein Autor explizit über seine Figuren sprechen, sie interpretieren, analysieren what so ever. Auch dieses ewige "alles weglassen, was man weglassen kann" ist eine Forderung, die ich in dieser Absolutheit für fatal halte - was nicht bedeutet, dass es nicht großartige minimalistische Prosa gibt.
Finde, dass hast du sehr gut erklärt. Um Beispiele dafür zu begreifen, muss man nur ein paar der Besten Bücher - die es auf dem Markt gibt-, lesen.
Gruss, Ji
 

rainer Genuss

Mitglied
Hallo CPMan
Deine Kurzgeschichte liest sich "wie geschnitten Brot". Du beherrschst die Kunst Personen, Charaktereigenschaften, Situationen und Vorgänge lebendig zu beschreiben. Deine Beschreibungen wirken unverkrampft, so kann der Leser sich wirklich in die Geschehnisse einfühlen.
Ich habe selbst als Messdiener Misshandlungen miterlebt und kenne diese grauenvolle Atmosphäre meiner Kindheitstage: vor Angst und Panik wegducken, nur nicht auffallen, die Hilflosigkeit vor sadistischen Gewalt und Wutausbrüchen......
Beeindruckende, mitreißende Milieustudie
Danke dafür
 

CPMan

Mitglied
Lieber Languedoc,

Ich finde, beides ist beim Schreiben eine Kunst: das Weglassen wie auch das Ausufern. Wenn’s stilistisch gekonnt ist und zur Geschichte passt, dann ist das Eine wie das Andere ein Lesevergnügen.
Sehe ich ähnlich.

Die Übertragung des Schachnovelle-Motivs ist eine tolle Idee und recht gut gelungen, wenngleich ich mir kaum vorstellen kann, in zehn Tagen die komplette Konjugation von 12.000 französischen Verben intus zu kriegen – aber das gehört eben auch zu den erwähnten „Übertreibungen“.
Danke. In Bezug auf die Konjugationen: die zwölftausend Verben lassen sich gottseidank in achtzig Verbgruppen einordnen. Wer parl-er konjugieren kann, kann auch travaill-er konjugieren.

Lieber Jürgen Hoffmann,

Den Text von CPMan finde ich sehr stark, der erste Satz ist genauso gut/okay wie die Wiederholungen.
Danke.

Nur mal ganz nebenbei: Es gibt Dogmen, die ich fatal und falsch finde, und das trifft ganz besonders zu auf: "Show, don't tell".
Ich finde, dass das Prinzip seine Berechtigung hat, aber die manchmal sklavische Unterordnung i.B. auf dieses Prinzip mißfällt mir auch.

Wenn ich eine Schwäche sehe, dann ist es tatsächlich der Monolog von Dominic. Plötzlich wird die Figur, die davor eine starke Aura hatte, banal, weil sie die Geschichte zu brav und vorhersehbar erzählt.
Ja, ich kann diese Kritik gut nachvollziehen. In der Schachnovelle von Zweig empfand ich ähnlich. Da berichtet der 'Dominic'-Charakter, der vorher sehr geheimnsivoll schien, in einem langen Monolog von seinem Schicksal. Ich war zunächst auch enttäuscht, aber später dachte ich anders, und will es am Beispiel
von Dominic erklären. Bei gebrochenen Chrakteren ist es doch häufig so, dass man nicht mit ihnen, sondern häufig nur über sie spricht. Wir hatten mal einen Kollegen, der nach einem langwierigen Burn-Out wieder zur Arbeit kam. Alle schlichen um ihn herum, fassten ihn mit Samthandschuhen an und mieden das Thema Burn-Out. Als ich ihn dann doch einmal darauf ansprach, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Auch wenn Mißbrauch ein viel heikleres Thema ist, sehe
ich doch Parallelen. Die Opfer reden nicht drüber, weil sie nicht gefragt werden, bzw. weil ihnen nicht geglaubt wird. Wenn man aber fragt, dann spürt man, dass da jemand ist, der sich etwas von der Seele reden will.

Daher, das interessiert mich wirklich:
Bist Du irgendwie erfolgreich als Autor, CPMan, hast Du schon etwas veröffentlicht bei einem echten Verlag?
Ich empfinde das als indirektes Lob, das runter geht wie Öl. Ich könnte jetzt, wie ein anderer User es hier schon mal getan hat, behaupten, ich wäre ein
erfolgreicher Schriftsteller, der hier nur zum Spaß unter Pseudonym Texte reinstellt. Aber es wäre gelogen. Ich verdiene Geld mit meinen Texten, auch über VG Wort, aber es reicht im Jahr für ein schönes Wochenende mit meiner Frau in einem Romantik-Hotel.

Hallo rainer Genuss,

Deine Kurzgeschichte liest sich "wie geschnitten Brot". Du beherrschst die Kunst Personen, Charaktereigenschaften, Situationen und Vorgänge lebendig zu beschreiben. Deine Beschreibungen wirken unverkrampft, so kann der Leser sich wirklich in die Geschehnisse einfühlen.
Vielen Dank für das Lob.

Ich habe selbst als Messdiener Misshandlungen miterlebt und kenne diese grauenvolle Atmosphäre meiner Kindheitstage: vor Angst und Panik wegducken, nur nicht auffallen, die Hilflosigkeit vor sadistischen Gewalt und Wutausbrüchen......
Die katholische Kirche. Ich könnte ewig drüber schreiben...

Vielen Dank euch allen für die Beschäftigung mit meinem Text.

Liebe Grüße,

CPMan
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo CPMan,

nach einer längeren Auszeit, in der ich nur sehr selten in die LL geschaut habe, bin ich nun dabei, mich zumindest in die Erzählungen des letzten halben Jahres zu vertiefen und peu á peu zu kommentieren. Deine Erzählung „Die Kunst zu konjugieren“ habe ich dreimal gelesen. Beim ersten Mal geschah das recht oberflächig – bei guten Geschichten fallen mir nur selten eventuelle Schwächen auf – und ich fand sie toll. Verwirrt war ich nur über die geschilderten scheinbar alltäglichen Grausamkeiten im Schulalltag, denen z. B. dieser Dominic in „Gottes Kaderschmiede“ ausgesetzt war. Nackt antreten, Prügel mit Haselnussstöcken, Karzer bei Wasser und Brot u. ä. – ich fühlte mich in die Zeit von Wilhelm dem Letzten versetzt. Aber nein – wenn ich das richtig verstanden habe, so spielt sich das geschilderte Geschehen wahrscheinlich irgendwann in den fünfziger oder sechziger Jahren ab. Oder gar noch später? Auf den Missbrauch von Kindern will ich hier gar nicht eingehen, denn da geht bei mir aufgrund der aufkommenden Wut meist auch der kleinste Ansatz von Sachlichkeit verloren.

Derartige Zustände (auch ohne Missbrauch) kannte ich nur aus überlieferten Anekdoten meines Urgroßvaters. Da ich selbst derartige Lehrer nie erlebt habe (nicht mal einer, der dem Zoschke-Typ geähnelt hätte, war dabei), hat es mich schon aus Neugier und negativer Faszination in die Geschichte hineingezogen.

Zum zweiten Mal las ich den Text, als die Diskussion über das mögliche „Weglassen“ aufkam. Also machte ich mich auf die Suche nach „Überflüssigem“ und … vermochte nix zu finden. Aber das muss auch nicht viel besagen, bin ich doch auch öfter mit dem Nudelholz als mit der Schere unterwegs. Außerdem vertrete ich die Meinung, dass man zwar nicht alles dem Leser bis ins Kleinste vorkauen muss, aber man sollte ihm schon mitteilen, welches Motiv der Autor verfolgt hat. Der Satz: „Der Leser muss sich auch seine eigenen Gedanken darüber machen“, halte ich in der Prosa mitunter nur für eine Autorenausrede, weil die/der seinen Stoff selbst nicht bis zum Ende durchdacht hat. Und Gedanken macht sich der Leser in den meisten Fällen ohnehin. Die dazu formulierten Anmerkungen von Jürgen Hoffmann finde ich daher sehr treffend
Literatur ist kein Rätselspiel und Lesen keine Dechiffrieraufgabe. Es geht um starke, richtige Sätze und nicht darum, den Lesern nichts "vorkauen" (grmpf) zu dürfen.
Das dritte Mal las ich den Text in der Hoffnung, etwas zu finden, das ich im Kommentar aufgreifen kann. Am Ende sind es nur ein paar klassische Stichworte geworden:

  • Rechtschreibung/ Grammatik: Da gibt es nichts zu meckern
  • Stil: Hier lasse ich Ji Rina zu Wort kommen:
    Du hast die Geschichte so gut geschrieben: In deiner üblichen, leichten unkomplizierten Sprache; Die Angst der Schüler vor Pater Zoschke; dessen Machtausbrüche im Klassenzimmer. Dann die Figuren, die kristallklar herausgearbeitet sind, Der Pater Zoschke, der Erzähler, Dominic…. Genauso gut beschrieben das Konjugationsspiel an der Tafel. Ich habe das alles hautnah miterlebt – und stand neben deinen Figuren im Klassenzimmer - . Sehr schön auch die sanfte Eskalation der Geschichte, die zur plötzlichen Wut (und Unsicherheit) des Paters führt,
    Was soll man da noch ergänzen? Vielleicht eines: Besonders positiv ist mir aufgefallen, dass sowohl die Charakterisierung der handelnden Personen als auch die Beschreibung der "Kulisse", in der sich die Handlung abspielt, nicht losgelöst erfolgen, sondern in erster Linie aktiv in die Handlung eingebunden sind. Viel zu oft liest man hier Geschichten, wo meterlang das Äußere und/ oder der Charakter einer Person beschrieben werden, ehe dann die Handlung (wieder) einsetzt. Das ist hier nicht der Fall, sodass ein flüssiges Lesen entsteht.
  • Ich finde, der Text ist sehr gut strukturiert. Es gibt einen Spannungsbogen, der nie abreißt und auch keine Dellen aufweist. Vor allem die Nutzung der "Becherelle" als Klammer (die sogar zu einer Pointe wird) der Handlung hat mir imponiert.
  • Summa summarum - hier ist eine Erzählung entstanden, die diesen Namen meines Erachtens vollauf verdient und mit zu den besten zählt, die auf der LL bisher veröffentlicht wurden.
Gruß Ralph
-
 

CPMan

Mitglied
Lieber Ralph,

vielen Dank für deine lobenden und motivierenden Worte. Ich bleibe dran!

Liebe Grüße,

CPMan
 
G

Gelöschtes Mitglied 21684

Gast
Ich habe jetzt nicht alle Kommentare durchgelesen, daher bitte ich, eventuelle Wiederholungen zu entschuldigen.

Insgesamt eine Geschichte, die wohl bei vielen der Schulgeneration der um die 1960er gemischte Gefühle auslöst. So auch bei mir. Die Gewalt der Lehrer gegen Schüler durch werfen von Schlüsseln oder Kreide gab es durchaus auch an staatlichen Schulen. Dazu gibt es auch noch eine Kurzgeschichte von mir. Aber das nur am Rand.

Deinen Einstieg fand ich jetzt auch zu ausladend. "Wenn Pater Zoschke herein kam, (dann) war er da." Das reicht. Das sagt alles. Ein Satz, der alles auf den Punkt bringt.

Ich bin auch ein Verfechter der Kürze und Stringenz. Daher hätte ich vieles gestrichen, was erstens nicht notwendig und zweitens überflüssig ist. Ich will nur ein, zwei Beispiel nennen für Überflüssiges: " Er hob einen Kiesel vom Boden auf und kickte ihn mit dem Fuß weg." Mit was sonst als mit dem Fuß kickt man etwas weg? Andererseits: Warum muss er ihn erst aufheben, um ihn wegzukicken?

Das sind Petitessen, aber mir fallen sie auf und ich frage dann, was hat der Autor sich dabei gedacht. Aber natürlich sind wir alle nicht frei von derartigen Überkorrektheiten.

Auch dieser Satz könnte Kürzung vertragen: "Die Zeit schien still zu stehen. Ich spürte die Blicke der Mitschüler, die gebannte Haltung, die Unruhe in der Luft. Doch nichts passierte. Statt Dominic anzupacken, statt ihn verbal zu erniedrigen, ging Pater Zoschke einfach weiter."

Du baust eine Spannung auf (gebannte Haltung, Unruhe) und für meine Begriffe lässt du mit dem ersten Wort des Folgesatzes die Luft raus. "Doch nichts passierte." Streich das "doch". "Nichts passierte." Besser noch: "Nichts. Pater Zoschke ging (einfach) weiter." Denn was hätte passieren können, das hast du mehrfach ausführlich zuvor beschrieben.

Zum Abschluss noch eine Frage: Nach welchen Regeln der Kommasetzung arbeitest du? Obgleich du eine ausgesprochen präzise Orthographie hast, schleichen sich doch einige Kommafehler ein, vor allem, wenn man wie ich, nach den Regeln von vor 1996 vorgeht. Damals war es Usus, dass zwei mit und oder oder verbundene Hauptsätze mit Komma getrennt werden.

Aber das ist jetzt Meckern auf hohem Niveau. Chapeau.
 

Ji Rina

Mitglied
Andererseits: Warum muss er ihn erst aufheben, um ihn wegzukicken?
Das Kicken mit dem Fuss, wie Ben sagt, kann natürlich weg, da man nur mit dem Fuss kicken kann.
Ansonsten habe ich mir während des Lesens, diese Szene vorgestellt: Die zwei gehen nebeneinander. Der eine erzählt etwas, was ihn innerlich beunruhigt. Er muss zurück in seine Vergangenheit und versucht etwas aus seiner Erinerrung zu holen,… Er geht, denkt nach, bückt sich, hebt ein Stein vom Boden und kickt ihn dann weg (Vielleicht hat er in dem Moment des weckkickens, genau die gesuchte Erinnerung zurückeholt).

Ich weiss nicht, aber für mich gehört so etwas zu (überflüssig) nötigem Erzählstoff; es erweitert nochmal die Szene in meinem Kopf.

Und falls das aufheben eines Steines, den der Prot dann wegkickt als überflüssig erscheint, könnte man ja schreiben, wie er den Stein vor dem wegkicken noch ein paarmal zwischen den Fingern dreht.

Gruss, Ji
 

Lykill

Mitglied
Lieber CPMan,

danke für die schöne Erzählung. Ich habe angefangen zu lesen und war sofort gefesselt. Züchtigungen mit dem Schlüsselbund waren bei meinem Klassenlehrer auch an der Tagesordnung. Und wenn es schon geworfen war, kriegte der Nächste eben ein Stück Kreide an den Kopf geworfen...
Deine Geschichte baut die Spannung schnell auf und hält sie. Die Charaktere sind sauber herausgearbeitet und haben mich gut unterhalten.

Liebe Grüße
Lykill
 

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