Die letzte Kindfrau (von 2oo9) -- Eine wunderbare Freundschaft oder ein hohes Lied der Liebe

1. Die Brüder

Frau Kläre Lindenberg stand in München im Flughafen und wartete ungeduldig auf ihren Sohn, der aus Australien kommend nach vielen Jahren der Abwesenheit nach Hause zurückkehrte. Endlich standen sie sich gegenüber; der Sohn braungebrannt und dunkelhaarig, die Mutter etwas kleiner, gebräunt von ihrer Arbeit an der frischen Luft und mit hellblondem Haar. Sie wurde herzhaft von ihm umfangen und fühlte den gewohnten Kuss auf ihrer Stirn nach langer Zeit. Es war ein frohes Wiedersehen, und viele Fragen gingen hin und her. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie noch ein wenig in München verweilen können, aber die Mutter hatte nur den Gedanken an Zuhause. So durfte er neben ihr Platz nehmen und im bequemen Auto aus der Stadt heraus und Richtung Heimat fahren. Heimat: das waren die Wiesen und Felder am Wegrand, die Berge mit dunklen Wäldern und hellen Almen, die kleinen Dörfer, die Höfe mit ihren Weihern, die Seen, die Ortschaften an den Seen, in denen viele Menschen aus der Stadt Erholung suchten. Konnte er das alles in den vielen Jahren der immer neuen Erlebnisse und Abenteuer in der Welt vergessen? Dann lag der Hof vor ihnen: die Auffahrt mit den großen Schatten spendenden Ulmen, das Haupthaus schön gepflegt und renoviert mit schwerer Eichentür und hellen Gardinen, Spalier an der einen Hauswand, Rosenbäume davor und bepflanzte Terrakottakübel und daneben und dahinter die Wirtschaftsgebäude. Die Mutter strahlte voll Stolz; hatte sie nicht alles wunderbar geschafft ohne ihre Söhne?! Der andere würde auch bald wiederkommen, und dann endlich konnte sie sich zur Ruhe setzen und ihre eigenen noch unerfüllten Lebenswünsche in Angriff nehmen. Jetzt war sie an der Reihe.

Am Abend saßen sie auf der Terrasse hinter dem Haus: der Garten mit all seinen Düften und dem plätschernden Geräusch des Brunnens und den letzten Vogelstimmen lag vor ihnen. Da wurde es ihm weit ums Herz, und er hatte das Gefühl, dass er Zuhause angekommen ist. Sie fragte ihn auch nach einem existierenden Mädchen, von dem sie vielleicht noch nichts weiß, aber er winkte ab. Sie ahnte, dass er oft Chancen bei den Frauen hatte und dass er seine Freiheit sicher auch genossen, aber es war wohl nie etwas Festeres daraus geworden. Im Moment war sie es zufrieden; die Freude, ihn wiederzuhaben, überwog. Da erzählte sie ihm, dass auch der Bruder nächste Woche zurückkommen und hier bleiben und mit ihm zusammen Vaters und Großvaters Werk weiterführen wolle. Frank war das nicht neu, und er freute sich auf seinen alten Spielkameraden und Studienfreund und Bruder. Die Woche darauf war die Familie wieder zusammen, und ein neuer Lebensabschnitt begann.

Mutter würde erst einmal reisen, wenn sie sich gut eingearbeitet hätten. Frank übernahm als Landwirt das Gut, und Lukas, der äußerlich das Gegenteil von seinem Bruder war und auch innerlich mehr auf die Mutter herauskam, wurde für das Gestüt verantwortlich. Zu Anfang stand die Mutter jederzeit mit Rat zur Verfügung, aber es zeichnete sich auch langsam ab, dass sie eigene Vorstellungen und Ideen hatten, die sie gerne verwirklichen würden. Da hielt sie sich immer mehr zurück, und jeder Sohn wirkte selbstständig auf seinem Gebiet. Endlich war für sie der Tag gekommen, an dem sie ihren Koffer packte und ihren Söhnen strahlend lebe Wohl sagte. Sie wollte endlich auch einmal reisen und bleiben, wo es ihr gefiel. Gearbeitet, so meinte sie, gearbeitet habe sie nun genug. Die beiden Brüder konnten sie verstehen. Sie hatte selbst Vermögen, war vom Gut unabhängig, und sie waren stolz auf ihre lebensfrohe Mutter.

Als sie nun allein waren, wurden sie sich einig, das Haus und die Räume so aufzuteilen, dass sie sich jederzeit zurückziehen und jeder sein eigenes Leben führen konnte, ohne den anderen zu stören. Das bedeutete auch, dass sie sich nach ihrem eigenen Geschmack einrichteten und Mutters Lieblingsräume für sie vorbehalten blieben, wenn sie zurückkäme. Sie waren zu gegensätzlich, als dass sie auf Dauer zusammen leben konnten. Mit ihrer Arbeitsteilung, hier Gestüt und dort Ackerbau und Forstwirtschaft, waren sie zufrieden, hatte doch jeder seine entsprechende Ausbildung und im Ausland Erfahrungen gesammelt. Wenn sie manchmal abends zusammensaßen, erinnerten sie sich ihrer Kinder- und Jugendzeit und spürten, wie sie sich wieder näher kamen nach all den Jahren der Trennung. Nach und nach begannen sie, sich auch über ihre Abenteuer der letzten Jahre zu unterhalten, über ihre Freundschaften, erlebte Gefahren und über hier und da begonnene und beendete Frauengeschichten. Sie hatten sich dabei ertappt, dass sie jedes Mädchen, das sie kennenlernten, irgendwie immer wieder mit ihrer Mutter verglichen, und dann keine Frau eine Chance hatte. Aber die Mutter hatte gehofft, dass sie beide eine Frau mit heimbringen würden oder wenigstens einer ihrer Söhne. Nun aber reiste sie ab, ohne sie in guten Händen zu wissen. Sie besuchte zunächst Freundinnen und Geschwister in München und Umgebung und wollte dann einer größere Reise ans Meer vorbereiten. Sie hielt ihre Söhne am Telefon auf dem Laufenden, und die Söhne hatten für sie nur gute Nachrichten. Sie hatten in letzter Zeit viel gearbeitet und sich kaum Ruhe gegönnt. Im Dorf war das erste Fest seit ihrer Rückkehr, und beide mischten sich unters Volk, freuten sich über alte Freunde und Bekannte und wurden mit großer Freude willkommen geheißen. Auch die Mädels vom Land freuten sich, sie beide wiederzusehen, hegten sie doch heimlich den Wunsch, dass sie nicht übersehen würden. Beide Brüder waren für sie höchst erstrebenswert.

Und eines Tages hatte Frank das Bedürfnis, mit seinem Lieblingspferd einen Ausflug in die Natur zu machen. Zuerst ließ er das Pferd gut durchlaufen, und dann, nach etwa einer Stunde, ließ er es gewähren. Er war völlig entspannt, und auch das Pferd trabte ruhig und zufrieden. Er merkte erst nach einer Weile, dass er sich in einer neuen Umgebung befand, abseits von den Dörfern und Höfen seiner heimatlichen Ecken in einem Nebental der ihm bekannten Berge. Als er seinen Blick umherwandern ließ, sah er auf einer Bank ein wundersames Mädchen. Zum Glück waren er und sein Pferd hinter einem Gebüsch versteckt, so dass er stillstehend und das Pferd beruhigend ungestört hinüber schauen konnte. Er sah nur ihr Profil und herrliches braunes und langgelocktes Haar; ihr Kleid war ein hellfließendes Etwas aus der griechischen Klassik, und ihre nackten Arme stützten sich auf der Bank. Sie schien zu schauen und zu träumen, und neben der Bank stand ein weißes Pferd. Bei ihrem Anblick stockte ihm der Atem und schien die Welt stillzustehen. Dann wieherte sein Pferd, und sie schaute wie erwacht zu ihnen herüber. Sofort schwang sie sich auf das Pferd und ritt davon. Hatte sie ihn und sein Pferd gesehen? Wer war sie nur und wo ritt sie hin? Er zog sein Pferd bis zur Bank und setzte sich ebenfalls und tat es ihr gleich: in die Weite schauend und alles in sich aufnehmend wie nie zuvor in seinem Leben. Sein Herz klopfte, und seine Gedanken fingen an, sich um sie zu drehen. Er musste wiederkommen, er musste sie wiedersehen und wenn auch nur aus der Ferne. Langsam machte er sich auf den Heimweg. Erst als es dämmerte, kam er mit starkem Trab wieder zuhause an. Sein Bruder Lukas saß bei der Vesper und wunderte sich über ihn, dass er sich einmal eine Auszeit genommen hatte. Aber von seinem wundersamen Erlebnis erzählte Frank nichts. Er sagte auch nichts, als er zum zweiten Mal den Weg zur Bank machte und auch nicht beim dritten Mal. Schließlich begann seine Seele sie zu suchen, Tag und Nacht fragte er, der erwachsene und erfahrene Mann „wo bist Du?“ In dem fremden Dorf versuchte er, vorsichtig nachzuforschen und erfuhr schließlich, dass sie bei ihrem Großvater im Forsthaus aufgewachsen sei und dort für ihn sorge zusammen mit einer Haushälterin. Sie sei noch ein richtiges Kind. Nein, sie komme nicht herunter, und es ginge auch außer der Haushälterin keiner hinauf. Da wusste er, dass er sie im Forsthaus besuchen würde und zwar sehr bald. Der Bruder spürte seine Veränderung und ahnte, dass er eine weibliche Begegnung hatte und zog ihn auf.

Nun war Lukas im Auto auch einmal in diesem Nebental gewesen und hatte dort in Verbindung mit seiner Arbeit zu tun. Auf dem Heimweg hatte er das Auto abgestellt und war hinauf zur besagten Bank gegangen, um zu schauen. Der Blick auf die Berge war wunderschön, und plötzlich wieherte hinter ihm ein Pferd und sah er sie auf der Seite stehend auf dem Pferderücken. Er stand sofort auf und ging auf sie zu. Sie lachte ihn an “was machen Sie auf meinem Lieblingsplatz?!“ Er strahlte beglückt bei so viel Anmut und antwortete: „ich staune nur“ und meinte doch nur sie. „Ja, es ist schön hier!“ entgegnete sie und gab ihrem Pferd einen leichten Klaps und ritt schnell davon. Er wusste später nicht mehr, wie er zu seinem Auto gekommen und wie er nach Hause gefahren war. Es war alles für ihn wie ein wunderbarer Traum: er hatte eine altgriechische Göttin auf einem weißen Pferd gesehen. Er hätte seinem stillgewordenen Bruder gerne berichtet, aber irgendetwas verschloss ihm die Lippen. So gingen sie beide früh schlafen, bei ihrer körperlichen Arbeit nichts Ungewöhnliches.

Aber dieses Mädchen spukte nun in beiden Männerköpfen herum.

2. Eine wunderbare Freundschaft

Frank machte sich an einem Sommersonntag auf den Weg, um das Forsthaus zu suchen. Die Richtung wusste er nun. Sein Pferd band er fest und ließ es grasen. Der Waldweg ging tief hinein in einen sehr schönen Wald mit alten Baumbeständen, hellen Wiesen in kleinen Lichtungen, Wiesen voller herrlicher Blumen, Beerenhecken am Rand. Er setzte sich ins Gras und lehnte sich zurück, den kleinen Rucksack im Nacken. Was sollte er sagen, wenn sie vor ihm steht. Er wusste, es würde ihm die Sprache verschlagen. Er wollte sie auch auf keinen Fall erschrecken. Also wanderte er höher hinauf, und dann lag es vor ihm: das alte Forsthaus vom Dorf, das wohl schon lange dem Professor gehörte. Es war viel Holz verbaut, aber auch Gestein und Holz zur Zierde überall, und die kleinen Fenster hatten weiße Gardinen und Geranien und Petunien rotweiß in grünen Kästen, und da war ein Garten vor dem Haus, herrlich vor allem die Rosen. Der kleine weißhaarige Herr, der ihm öffnete, erzählte ihm später, dass die Rosen von seiner Enkelin gezogen seien. Zuerst lud er Frank zu einer Sitzbank vor dem Haus ein und holte Brot und Schinken und Wein. Sonst war niemand da. Frank wagte nur eine vorsichtige Frage nach der Enkelin und erfuhr, dass sie zwei Tage zu ihrer Tante gefahren sei. Er erwähnte nicht, dass er sie suche, erzählte aber von seinem Dorf und seiner Arbeit. Als er ging, bat der alte Herr, sie beide einmal wieder zu besuchen, und Frank kam heim mit einem Gefühl großer Erleichterung.

Am gleichen Abend erzählte ihm sein Bruder von seinem Erlebnis mit der klassischen Griechengöttin. Frank sah die Begeisterung des Bruders, und sein Magen krampfte sich zusammen. Aber er war noch nicht bereit, mit ihm sein Geheimnis zu teilen, und so stand es zwischen ihnen beiden. Der Mutter erzählten sie fröhlich am Telefon, und sie konnte unbeschwert ihr neues Leben genießen. Sobald es Frank möglich war, machte er sich mit dem Pferd auf, um endlich im Forsthaus seinen versprochenen Besuch zu machen. Sie stand im Garten bei den Rosen, als er sein Pferd anhielt. Diesmal war sie ein Allgäuer Dirndli mit hochgestecktem Zopfkranz. Das war für ihn eine große Überraschung. Sie schaute erstaunt auf und lächelte freundlich. Das tat ihm ungemein gut, und er sprang ab und band das Pferd am Zaun fest. „Darf ich herein kommen?“ fragte er. Es war ihm nicht klar, ob sie ihn erkannt oder ihn damals überhaupt gesehen hatte. Er stand am Gartentor, als er nach ihrem Großvater fragte, den er einmal besucht habe. Ja, sie wusste schon, dass er da war. Der Professor hatte es ihr erzählt. Nun kam sie heran und streckte ihm ihre Hand entgegen. Er nannte seinen Namen, und sie schwieg und rief dann: „Großvater, wir haben Besuch!“, und er kam mit grüner Gartenschürze hervor aus den seitlichen Büschen. Der alte Herr freute sich sichtlich und bat ihn zu sich herein. Innen war es rustikal und sehr gemütlich und standen frische Blumengestecke überall und hingen herrliche alte Gemälde. Da saß er nun beim alten Herrn am Tisch, und sie brachte Tee und Gebäck. Dann setzte sie sich zu ihnen. Großvater nannte sie „Süße“ und gemeint war Lili. Ihre Stimme war hoch, aber wohltuend weich, ihr wundersames Gesicht hätte er nicht beschreiben können; es war lebendig in jedem Augenblick und unwahrscheinlich ausdrucksvoll, die Augenfarbe hellblau, der leuchtende Blick der eines unschuldigen Kindes. Wie alt mochte sie sein? 16 oder 18? Dann begann der alte Herr zu erzählen, und die Zeit stand für Frank still, und er wurde in uralte Welten entführt, die der Professor selbst erforscht hatte. Er war Archäologe und Geologe und früher auch Professor an der Universität München. Frank stellte Fragen und wollte natürlich auch etwas von Lili wissen. So erfuhr er, dass der Großvater sie großgezogen habe, die drei ersten Jahre die Tante in München und später der Großvater hier im Wald. Er hatte Lili auch unterrichtet, und ihr Wissen war erstaunlich. Frank konnte den Blick nicht von ihr wenden und merkte nicht, dass er lange blieb. Erst als der alte Herr eine entsprechende Bemerkung machte, verabschiedete Frank sich. Sie brachten ihn zum Zaun und blieben, bis er auf dem Pferd saß. Er ritt zuerst langsam fort, dann aber im scharfen Trab. Sein Herz war leicht, seine Seele hatte einen nie gekannten Auftrieb. Endlich hatte er sie gefunden; seine griechische Göttin war ein Münchner Mädel und verehrte die alten Griechen: deshalb das selbstgeschneiderte außergewöhnliche Kleid, das sie je nach Laune trug. Sie erschien ihm als lieblichste und liebenswerteste Wesen, das er je sah, und es wurde für ihn selbstverständlich, in jeder freien Zeit und vor allem sonntags zum Forsthaus zu reiten. Er wagte in der ganzen Zeit aber nicht, vom heiratsfähigen Bruder zu sprechen, wohl von Mutter und der Arbeit.

Der Professor weihte ihn in die Ausgrabungen der verschiedenen Forscher und Länder ein und holte herrliche Bücher hervor, in denen Lili und er zuhause waren. Es gab kein Radio und kein Fernsehen, nur die Musik der alten Platten, und das war wunderbare klassische Musik. Lili hatte auch noch nie Zeitungen und Illustrierten gesehen, nur Fachzeitschriften über die Archäologie und alte Kunst. Wenn Frank von seinen Reisen erzählte, leuchteten ihre Augen ungläubig und fragend, und als er von den armen und hungernden Kindern in der Welt berichtete, liefen ihre Tränen herab. Sie war völlig ahnungslos und eigentlich völlig unschuldig wie ein kleines Kind, das noch nie Leid oder Enttäuschung erfahren hatte. Der Professor hatte die ganze deutsche Vergangenheit von ihr ferngehalten. Die Eltern starben bei einem Autounfall, als sie noch sehr klein war. Er hatte sie ganz und gar geprägt und wollte sie vor allem Leid bewahren. Sie hatte also auch nie Schulkameradinnen gehabt und nur die ersten Jahre eine Spielkameradin und Tante Jutta, Mutters Schwester.

Sie bat ihn auch, einmal mit ihr durch den Wald zu wandern, sie wolle ihm alles Schöne zeigen. Dies war ihre Welt: das Forsthaus und die Natur, und das Herz ging ihm auf. Ihre Welt erschien ihm wie ein Paradies. Er war, was den Forst betraf, ein Pragmatiker, sie aber sah alles nur mit ihrem Herzen, und eine neue Welt tat sich ihm auf. Sie zeigte ihm einen Pfifferling-Garten im kleinen Dickicht, den sie alle paar Tage nach Bedarf aberntete, aber immer den Wuchs berücksichtigend. An einer Stelle zwischen Birken und im Gras wuchsen herrliche Birkenpilze, deren Stiele sich ganz den Birkenstämmen angepasst hatten, und an moosigen Tannhängen Braunlinge, die dem Steinpilz ähnelten und braune Hüte hatten. An versteckten Stellen wuchsen seltsame weiße Blumen, die er noch nie gesehen hatte, und ganze Teppiche von blauen Glockenblumen. Sie zeigte ihm seltene Vogelarten, wies auf Fuchshöhlen und Kaninchenbau, auf Vogelnester in luftiger Höhe und zeigte ihm die Rehfamilie und die Ricke, wie sie im Gras liegt. Die Natur, die zu seinem Beruf gehörte, war ihm plötzlich neu geschenkt, und er war ihr dankbar. Wie reich wurde er bei jedem Spaziergang mit ihr, und wenn sie ihn mit sich nahm, war er stolz und glücklich neben ihr. Er sah sie dann oft von der Seite an, und ihr Anblick war für ihn Freude und das Zuhören auf ihre liebe Stimme ein Geschenk. Er liebte sie, weil sie so anders war, und er wollte nicht, dass sie jemals verletzt würde. Er wollte vor allem nicht, dass sie durch seinen Bruder verletzt würde. Und so konnte er nicht aufrichtig sein.

Und dann geschah es, dass Lukas, neugierig geworden durch sein überraschendes Erlebnis sich ebenfalls auf die Suche machte. Diesmal ritt er selbst einen herrlichen Rappen seines Gestüts und stand an der Bank, ihrem Lieblingsplatz in der Dämmerung. Die Sehnsucht hatte ihn dorthin getrieben, nachdem er sie lange unterdrückt hatte. Und dann ritt sie aus dem Wald heraus, wieder wie eine griechische Göttin und direkt auf ihn zu. Hatte sie keine Angst? Sie kam neben seinem Pferd zu stehen, und er sprang ab und half ihr herunter. Sie war wunderschön und sehr jung und schaute ihn fragend an. Er nannte seinen Namen und wartete vergeblich auf den ihren. Sie sagte aber frei heraus, dass sie um diese Zeit niemand hier erwartet hätte. Aber sie sei bereit, den Platz auf der Bank mit ihm zu teilen, und lächelte dabei wundersam. Es war für ihn das schönste Erlebnis, das er je hatte.

Zuerst saßen sie still nebeneinander; dann nahm er ihre Hand und küsste sie. Sie war erschrocken und zog sie zurück, sagte aber, dass sie Lili heiße. „Darf ich Sie wiedersehen?“ Sie lachte über seine Frage, weil es doch heute auch so einfach gewesen war, einander zu sehen. Sie machte ihn auf Beobachtungen in der Dämmerung aufmerksam. Dann bemerkte er, wie ein Reh auf die Wiese heraustrat. Lili sah es, stand auf und ging darauf zu, ihm die Hand entgegenhaltend. Das Tier kam heran trotz der Pferde und ließ sich von ihr streicheln. Es war das ihre. Sie hatte es großgezogen und dann freigelassen. Aber es hatte keine Scheu. Wunderbar für ihn dieser Anblick: Mädchen und Reh wie im Märchen und Diana als Jagdgöttin ohne Pfeil und Bogen. Es war eine einzige Harmonie, und er durfte schauen. Sein Herz schmolz dahin und brannte.

Als das Tier wieder fortsprang, wandte sie sich lächelnd zu ihm und ging dann zu den Pferden, die miteinander schnupperten, und bestieg ihres. „Gute Nacht“ sagte sie noch, und fort war sie. Wie ein Träumender ritt er heim und ging gleich auf sein Zimmer, wollte mit niemandem sprechen. Er konnte auch nicht schlafen und wünschte sich sehr, sie wiederzusehen. Wer war sie nur, und wo wohnte sie? Es war kein Haus weit und breit von der Bank zu sehen. Schließlich nahm er sich vor, sie zu suchen.

Frank aber bemerkte die Unruhe des Bruders. Er lief in der Wohnung oft hin und her wie ein Gefangener und hörte nicht zu bei dem üblichen Austausch über den Arbeitstag und seine Begebenheiten. Am Telefon mit der Mutter war er abwesend und reagierte nicht auf ihre Fragen, so dass sie sich Sorgen machte. Aber der Bruder beruhigte sie, dass alles in Ordnung sei. Beide hatten im Augenblick viel Arbeit auf ihrem jeweiligen Gebiet, so dass sie erst sonntags wieder zur Ruhe kamen. Frank hatte einen Ausritt angekündigt, Lukas fuhr mit dem Auto fort. Frank war wieder im Forsthaus und lernte Lili immer intensiver kennen. Sie sprachen über ihre Gedanken, und Lilis kleiner Horizont drehte sich vor allem um den alten Herrn. Er war der Mittelpunkt ihres Lebens, und Lili war der Mittelpunkt seines Lebens. Die Liebe, die beide verband, war anrührend. Und je näher Frank ihr kam, umso mehr begriff er die Erziehung des alten Mannes: sie war ein einmaliges Geschöpf in dieser rauen Zeit. Sie war gut so, wie er sie kennenlernte; man musste sie lieben, jeder musste sie lieben. Sie war ohne Falsch, ganz natürlich, ein offenes Buch und reines Herzens. Sie war völlig unverdorben von den Medien, wusste nichts von den Versuchungen dieser Welt, nichts von unbefriedigten Bedürfnissen, nichts von Krankheit und Not. Sie liebte einfach alles um sie her: den Garten, den Wald, das Pferd, die Hühner, die Vögel, das Haus und Großvaters Bücher über die alten Kulturen und die Musik. Das war ihre Welt, und mehr bedurfte sie nicht. Er war es erst, der in diese Welt einbrach, zwar sanft und vorsichtig und doch überraschend, und sie begann, sich an ihn zu gewöhnen. Konnte sie überhaupt etwas anderes als lieben?

Und dann, eines Tages erzählte sie von einer Abendbegegnung mit einem fremden Mann, der ihr die Hand küsste. Sie lachte ein wenig, weil es ihr komisch vorkam, aber Frank wusste sofort, dass es Lukas war. Das sah ihm ähnlich, und sein Herz krampfte ihm bei dem Gedanken, dass Lukas sie verletzen könnte. Er wusste jetzt, wie sehr er sie liebt, aber sie würde es von ihm niemals erfahren; denn so, wie es jetzt war, so war es gut. Wenn der Bruder mehr wollte als er, würde er dann nicht alles zerstören , diese Idylle und das Kind, die letzte Kindfrau?! Er musste mit Lukas sprechen.

Und dann, als Lukas durch sein Suchen nach Lili eine Spur hatte und darüber sprach, begann Frank von seiner ersten Begegnung mit Lili zu erzählen und von seinem Wunsch, sie wieder wiederzusehen, von seiner Suche und seinem Erfolg und der wunderbaren Zeit im Forsthaus. Lukas war sichtlich erschrocken, wollte es nicht glauben. Er sah, dass Frank liebte, ja er wunderte sich über sich selbst, dass er es noch nicht so bemerkt hatte. Lukas war still geworden, dann nach einer Weile: „alter Junge, Dich hat es aber schön erwischt!“ - „Ja, Lukas, aber anders, völlig anders als ich es je erlebt habe; es ist eine Liebe ohne Egoismus: ich will nichts als nur in ihrer Nähe sein, ich will nur alles, was ihr gut tut. Wenn sie zufrieden ist, will ich es auch sein. Ich will diese heile Welt nicht verändern und will auch nicht, dass Du sie veränderst. Es wäre unverantwortlich. Wir können sie beide lieben, aber begehren dürfen wir sie nicht. Sie ist das kostbarste Gut, was wir uns überhaupt erträumen können, aber sie gehört uns nicht. Sie ist uns anvertraut, dem Großvater und uns beiden. Es könnte dem alten Herrn ja etwas zustoßen, was dann? Sollte sie dann zur Tante nach München in die Großstadt?! Aber soweit kann man noch nicht denken. Ich kann Dich aber nicht weiter verheimlichen, also wirst Du ihnen auch begegnen. Tu, was Du für richtig hältst, sei ein Mensch in seiner edelsten Art, aber werbe nicht um sie. Wenn die Zeit reif ist, wird es allein von ihr abhängen, wie es mit uns weitergeht. Sollte sie sich aber für Dich entscheiden, so wirst Du ihr niemals sagen, dass ich sie auch liebe, versprich mir das.“ Und Lukas antwortete darauf: „Bruder, Du hast recht, umgekehrt soll es auch so sein.“

Und so brachte Frank eines Tages seinen Bruder mit ins Forsthaus. Lili machte große Augen und lachte fröhlich: „Wir kennen uns schon!“ Sie war wieder das Allgäuer Mädel und hätte wunderbar auf ihren Hof gepasst. So kannte Lukas sie ja noch nicht und staunte, und die Atmosphäre war für Lukas sehr wohltuend. Hier war die Musik zuhause von wunderbaren alten Platten und herrschte die Welt der alten Ägypter und die noch ältere des Iraks. Für Lukas war es Neuland, und so beugten sich ihrer aller Köpfe über herrlichen Bildbänden. Der alte Herr konnte sogar Hieroglyphen lesen und schwelgte in Erinnerung seiner Arbeit draußen in der Welt. Für Lukas blieb die Zeit stehen; er sah immer nur Lili und staunte über die Aura der Liebe, die sie umgab. Ja, wenn sie das Essen auftrug, war sie in aller Augen eine sehr gute und charmante Köchin. Auch da war sie Allgäuerin, und als sie Lukas in ihre Rosenzucht einweihte, war sie ganz in ihrem Element. Lukas aber verstand etwas von Pferdezucht. Das war seine Aufgabe und für sie sehr interessant, hatte sie doch, wie sie meinte, das schönste Pferd der Welt. Und es dauerte nicht lange, da gehörte auch Lukas zu der kleinen Familie, und keine Macht der Welt hätte ihn daraus verbannen dürfen.

So besuchten sie die beiden im Forsthaus, manchmal gemeinsam, manchmal einzeln. Auch entführten sie Lili dem Großvater für einen Ausritt oder machten eine Spritztour mit dem Auto oder Frank spannte die Kutsche des Guts an und lud Lilli und den Großvater zu einem Ausflug an den nächsten See ein; immer um die beiden sehr bemüht, dass ihnen an nichts mangelte. Es war rührend, wie viele neue Ideen der Freizeitgestaltung beide Männer für sie hatten, aber an München dachte keiner. Lili war zu sehr eine Rose der Natur, und da gehörte sie auch hin.

Oder sie saßen im Wald unter einer erhöhten Birke, sie, Lili, über ihnen und beide Freunde zu ihren Füßen und lauschten ihrer Stimme. Sie konnte wunderbar erzählen, und wenn die Männer an der Reihe waren, hatten sie Probleme, all die Frauengeschichten auszuklammern, all die üblen Untaten ihrer Jugend, die sie sonst unter Männern zum Besten gaben. Vor diesem guten Herzen war alles Gewesene ein Nichts; aber vom Anblick der Städte, Flüsse und Meere berichteten sie, auch von Gefahren, die sie bestanden hatten, so z. B. eine alleinige Segeltour auf dem Meer oder eine Wüstenfahrt alleine mit dem Auto. Lili interessierte alles, und ihre Fragen hatten Hand und Fuß. Und als sie wieder einmal von Ägyptens Ausgrabungen sprachen, schwärmte sie voller Sehnsucht, einmal wolle sie das alles selbst sehen, wovon sie schon so viel gehört hat. Seitdem ging es Frank durch den Kopf, ja es wurde sein sehnlichster Wunsch, mit ihr zusammen nach Ägypten zu reisen, mit ihr ganz alleine. Aber er behielt diesen Wunsch noch für sich. Zu den Sommerfestlichkeiten im Dorf wagten sie beide nicht, Lili mitzunehmen, auch wollten sie nicht, dass man über sie redet. Es war und blieb das Geheimnis der Brüder, und auch Mutter erfuhr nichts von dieser wundersamen Freundschaft.

Und dann war doch etwas über sie hereingebrochen, etwas, woran sie schon lange gedacht hatten, aber es verdrängten: Großvater hatte den ersten Herzanfall. Der schnell gekommene Arzt konnte erst einmal lindern, aber er sagte Lili, die alleine mit ihm war, dass das Herz nicht mehr stark sei und er laufend Medikamente brauche. Lili war sehr tapfer und tröstete den alten Herrn liebevoll und machte Mut, obwohl sie zum ersten Mal in ihrem Leben richtig erschrocken war. Als die Freunde kamen, ging es wieder besser, und beide Männer versprachen ihr ihre Hilfe. Sie wollte sich in ihre Arme flüchten und weinen, aber es waren ja zwei gute Freunde, und so wagte sie es nicht. Wäre einer alleine gekommen, dann hätte sie sich in seinen Arm geworfen. Es war ihr bewusst, wie gut ihr die Brüder taten, und sie fühlte: „Alles wird gut!“ Aber das Weinen besorgte sie dann ganz alleine für sich. Und Großvater erholte sich und konnte wieder in seinem Garten werkeln und auf der Bank vor dem Haus sitzen. Lilis Pferd graste tagsüber draußen, tobte auf der Weide, wälzte sich auf der Erde, haschte nach Möhren und Äpfeln, wurde gestriegelt und gepflegt und hatte eine herrliche Mähne und einen ebenso schönen Schweif. Es war wirklich ein schönes Pferd und hieß Asta. Wenn sie auf Asta neben Lukas und seinem Rappen ritt, gaben sie ein schönes Paar ab. Frank musste so denken, wenn er sie so sah, und wenn Lukas Frank und Lili von einem Waldspaziergang nebeneinander kommen sah, musste Lukas denken, dass sie doch wunderbar zusammen passen würden.

Lili wurde bald zwanzig Jahre alt, soviel wussten sie nun, und diesen Geburtstag feierten sie alle vier im Forsthaus. Großvater schenkte von Großmutters Schmuck einen sehr schönen und wertvollen Ring, der sogar passte, und die Brüder brachten Kleinigkeiten für ihr Mädchenzimmer und einen großen bunten Gartenstrauß mit blauen, weißen, roten, rosa und gelben Blüten. Sie freute sich mit kindlicher Freude und klatschte dabei in die Hände, und dann bekam jeder einen Kuss auf die Wange einschließlich Großvater. Alles war harmonisch und froh, und es wurde Abend, als sie wieder ritten. Über den Kuss sprachen sie kein Wort, er war für sie überraschend gekommen und brannte noch auf der Haut. Dann sagte Frank: „Lukas, ich möchte mir von ihr Ägypten zeigen lassen!“ „Du meinst, Du willst sie mitnehmen, alleine ohne Großvater?“ „Ja er kann das nicht mehr , und ich hätte dann viel Zeit mit ihr.“ Darauf Lukas: „Bist Du sicher, dass sie das mitmacht?“ „Ja, ich bin ihr Freund, und sie weiß, dass Du auf den alten Herrn aufpassen würdest! Sie wird meine Einladung nicht abschlagen können, und länger dürfen wir nicht warten, weil er ja immer älter und gebrechlicher wird. Es muss ja auch nicht zu lange dauern: 14 Tage müssten genügen.“ Lukas staunte nur über so viel Mut seines Bruders und ahnte, dass Frank in dieser Zeit leise um sie werben würde. Lukas konnte nichts mehr sagen, erinnerte ihn aber an das Versprechen, das sie sich gegeben hatten. Er dachte: „wird sie auf diese Weise eine Entscheidung treffen und wird sie erwachsen werden, wird sie ihn , Lukas, vielleicht vermissen? Es soll schon vorgekommen sein, dass Menschen erst durch Trennung gemerkt haben, was sie zurückließen.“ Also nickte er Frank zu und ging. „Versuchs!“ hatte er ihm noch geantwortet.

Und Frank versuchte es und rückte mit seiner Einladung heraus, zuerst beim alten Herrn und nach seinem Einverständnis bei Lili. Sie schaute ihn groß an und staunte lächelnd über seine Idee. „Das willst Du tun, mir diese Reise schenken? Diesen Traum willst Du mir erfüllen?“ Dann jubelte sie heraus, hatte Großvater ganz vergessen, aber nur einen kleinen Augenblick. Da wurde sie wieder ernst, aber er beruhigte sie und meinte auch, dass Lukas stets zu Großvater fahren würde und per Telefon in Verbindung mit ihm sei, und 14 Tage würden ganz schnell herum gehen. Da küsste sie den alten Herrn und willigte ein, und so begann Frank mit den Vorbereitungen.


3. Die Reise nach Ägypten

Es wurde Spätsommer. Die vier Freunde wuchsen immer mehr zusammen, und der alte Herr und Lili wurden mit der Kutsche auch zum Gutshof gefahren. Lili staunte über das große Haus, über die Einrichtungen der Brüder und über die von Frau Kläre. Sie staunte über alle Eleganz und die völlig andere Lebensart. Aber die Brüder zeigten auch, was sie leisteten. Während der Professor Mittagsruhe hielt, gingen die Brüder mit ihr zu den Ställen und zu den Fohlen und Stuten draußen und zu den herrlichen Hengsten. Lili staunte über die Größe des Gestüts und bewunderte die Zucht. Vom Geschäft verstand sie nichts, aber zu lernen, wie die Tiere eingeschätzt werden, das interessierte sie. Schließlich wanderte sie mit Frank auf die Äcker und Wiesen hinaus. Heu und Hafer für die Pferde lieferte er selbst, aber es gab auch Gemüse- und Kartoffeläcker. Auf einer Plantage wurden Bäume für den Forst gezogen; wenn man abgeholzt harte hatte und neue Setzlinge nötig waren, dann standen sie schon bereit. Lili sah an diesem Wochenende nur wenig Personal, aber die wenigen grüßten freundlich herüber, ohne zu wissen, wen sie vor sich hatten. Sylvia, die Haushälterin staunte über den Besuch und die Herzlichkeit der Brüder. Das Mädchen erschien Sylvia unvergleichlich: Lili trug ein weißes Leinendirndl mit Taftschürze; ihre Haare waren im Kranz. Sie brauchte keinen Schmuck. Ahnte Sylvia, was in den Brüdern vor sich ging? Sie dachte aber: „Tragisch, tragisch!“ Man musste Lili lieben, jeder musste sie lieben.

Frank wusste nun das Datum ihrer Abreise und konnte alle Vorbereitungen mit ihr besprechen. In Ägypten musste die Wärme jetzt erträglicher sein, und schließlich fuhren beide ab. Der Flug ging von Frankfurt, und Lili war nun ohne den Professor und musste sich bewähren in einer fremden Welt und später in der ägyptischen Neuzeit. Gut, dass sie Frank neben sich hatte. Es war ja ihr erster Flug, aber sie gewöhnte sich schnell und schaute sogar aus dem Fenster. In der Abenddämmrung sah sie Frankfurt unter sich und dann bald die Wolken und die Nacht. Die Wolken kamen wie Wattepakete ganz nah. Frank musste oft lächeln über ihre Reaktion und hörte ihr gerne zu, wenn sie ihre Gefühle und Gedanken äußerte, und genoss es, sie endlich ganz für sich alleine zu haben. In Kairo gingen sie von Bord, wurden vom Hotel abgeholt und übernachteten hier. Erst am zweiten Tag sollte die Schiffsreise auf dem Nil beginnen. Jeder hatte sein Zimmer und wurde separat betreut. Es war ein gutes Hotel: Frank wollte in keiner Weise sparsam sein. Es sollte ihr besonders gut gehen. Er plante einen Museumsbesuch erst vor dem Rückflug. Tutanchamun sollte die Erlebnisse als letzter Höhepunkt abrunden.

Frisch und erholt betraten sie am 2. Tag das weiße Nilschiff mit Sonnenschutz oben auf Deck. Lili war glücklich und von da an in ihrem Element. Der Kapitän sprach Deutsch, begrüßte die Gäste an Bord freundlich in Englisch und versprach besten Service und schönste Erlebnisse. Jeder hatte sein eigenes kleines Reich, sogar mit Fenster, aber auch mit Klimaanlage. Lili war von allem begeistert, aber auch die Menschen hier und vor allem das Personal waren begeistert von Lili. Sie strahlte so viel Freude und Dankbarkeit aus, genoss jede Sekunde. Sie hatten sich in Kairo (El Qahira) praktische Safari-Kleidung besorgt und auch Kopfbedeckungen, falls die Hitze und der Staub zu stark würden. Natürlich hatte Frank auch einen Buchreiseführer dabei, um sich immer etwas auf den nächsten Anlegetag vorzubereiten, aber Lili wusste schon alles. So glitten sie zuerst an den landwirtschaftlichen Gebieten vorbei, die reich gesegnet waren, und sahen die Menschen bei der Feldarbeit mit oft ganz alten Werkzeugen wir vor Jahrtausenden. Wie zu ganz alten Zeiten trugen sie noch die einfachen Binsenkörbe auf Schultern oder Kopf und führten die Maultier- und Eselskarren. Die Zeit war hier stehengeblieben. Glückliche Nackedeis mit dunkler Haut spielten am Ufer im Wasser und winkten den Schiffen zu. Manchmal kamen auch Boote mit Betteljungen, die Münzen von den Schiffsgästen erhaschten. Endlich nahten die ersten großen Sehenswürdigkeiten! Das Schiff fuhr zunächst auf der linken Seite des Nils und würde auf dem Rückweg an der anderen Seite anlegen. Gizeh mit den drei großen Pyramiden und der berühmten Sphinx westlich von Kairo sollte bei der Rückkehr besucht werden. So kam zuerst Saqara mit der einst riesigen Nekropole von Memphis, in deren Zentrum die mächtige Stufenpyramide des Pharao Djoser aus der 3. Dynastie steht (ca 2500 Jahre v. Chr.) . Lili wusste, dass dies der erste pyramidenförmige Steinbau der Ägypter war. Sie war überglücklich und entdeckte immer wieder Neues trotz der Wärme. Ihrer Begeisterung konnte nichts anhaben, und sie übertrug es auf ihn. Weiter ging es am nächsten Tag, lange an fruchtbaren Gebieten mit Landwirtschaft vorbei, Dahschur und Lischt mit ihren Grabstätten liegen lassend, direkt nach Abydos mit den Ruinentempeln von Sethos I und Ramses II. Hier wurde Osiris verehrt, einst der wichtigste Wallfahrtsort. Dann ging es mit wohltuenden Pausen weiter. Der Nil machte einen großen Bogen an den Berghängen vorbei, hinter denen die Täler der Königinnen und Könige mit ihren Gräbern lagen, die sie teilweise besichtigten. Dann ging es mit Kamelen in den Talkessel des Gebirges Deir-el-Bahari, wo sie sich die noch gut erhaltenen Reste des Terrassentempels von Königin Hatschepsut anschauten. Dann kamen die Überreste von der einmal großartigen Königsstadt Theben. Die letzten Überreste des heute fast verschwundenen Totentempels von Amenophis III, die Memnonskolosse, wirkten wie vergessen in dem Fruchtland von Theben. Danach ging es nach Edfu, den besterhaltenen Tempel von Ägypten mit einem gewaltigen gekrönten Granitfalken neben dem Durchgang zum Säulensaal. Horus als Schutzgott des Königs trägt die Doppelkrone von Unter- und Oberägypten. Immer trockener und wüstenähnlicher wurde die Landschaft, die Sonne schien heißer. Das Schiff fuhr bis Assuan (Aswan), und dort erlebten sie den Nil tiefblau in der Abendsonne. Hier erholten sie sich und bestaunten aber auch die riesig lange Konstruktion des neuen Assuandammes, der den Nassersee staut, und Lili wusste, was in den Fluten versunken war, nämlich die Heimat von Tausenden nubischen Menschen, die man einfach umgesiedelt hatte. Den noch am besten erhaltenen Tempel von Philae hatte man mit mühsamer und raffinierter Technik auf die andere Insel Agilkia versetzt, als auch die Insel Philae geflutet wurde. Die beschwerliche Reise nach Abu Simbel in Nubien mit den beiden Tempeln des Ramses II ersparten sie sich, um mit frischer Kraft die Rückreise auf dem Nil anzutreten. Auch Lili hatte die Wärme etwas zugesetzt, und ihr großes Temperament war einer Ruhe gewichen. Still stand sie oft neben Frank auf dem Schiff, an KOM OMBOS Säulen vorbei, dann endlich nach Luxor (El Uqsur) und Karnak, einem riesigen Tempel- und Ruinenfeld. Der Säulensaal, fast so groß wie die Fläche des Kölner Doms, mit 134 Säulen war bis zu 21 m hoch. Es war die größte Tempelanlage mit riesigen Statuen und Kolonnaden.

Lili ritt zeitweilig neben ihm auf dem Kamel und lachte zu ihm herunter, der sie wegen des schwankenden Transportmittels nicht beneidete. Dann kam Achet-Aton, heute Tell-el-Amarna, wo die Überbleibsel der kurzen Regierungszeit des jungen Echnaton lagen, der ja als erster Pharao den Glauben an nur einen Gott, Aton, einführte, und zwar mit Gewalt, die auch vor den bisherigen Göttertempeln seiner Vorgänger nicht Halt machte (aus Ägyptomanie Verlag de Agostini, Hamburg und „Bild der Frau“ 43/2oo9).

Viele Ortschaften und Städte waren auf ihrer Reise an ihnen vorübergezogen, deren Namen fremd klangen und sicher bald vergessen waren, aber die Orte der alten ägyptischen Geschichte blieben im Gedächtnis. Und den Abschluss machte der Kamelritt zu den Pyramiden und der Sphinx von Gizeh (El Giza), deren Baukunst und Größe sie beide sehr beeindruckten.

Frank konnte auf eine wunderbare Zeit des Einvernehmens und der Harmonie mit Lili zurückschauen. Es gab Momente, wo sie sich ganz nah waren; einmal, als sie neben ihm stand beim Anblick einer Statue, hatte sie ihre Hand in die seine gelegt, und er hatte ihre Hand herzlich an sich gezogen, aber nicht gewagt, diese zu küssen. Lukas hätte es bestimmt getan. Ein andermal auf dem Schiff nebeneinander stehend, hatte er den Arm um sie gelegt, und sie lächelte und ließ es gewähren. Aber, sie blieb dieselbe, glücklich, dankbar und jeden Tag neu begeistert. Er merkte jedoch, dass sie die ganze Zeit, fast jeden Tag, eine Luftpostbrief abschickte an Lukas und Großvater. Manchmal las sie ihm vor, was sie geschrieben hatte, und holte seine Meinung ein, ob sie den Eindruck von hier richtig wiedergegeben habe. Manchmal schrieb sie nur an Lukas; sie sagte es nicht, ließ aber den Umschlag in der Kajüte auf dem Tisch liegen, als er sie einmal abholte. Sie hatten auch eine Wüstenübernachtung miterlebt mit erfrischendem Picknick am Abend und Schlafen unter offenem Zelt mit Sternenhimmel. Sie hatte sich wohlig neben ihm eingerichtet, hatte noch lange mit ihm über Gott und Ägypten und die Welt geplaudert, ja richtig philosophische Gedanken geäußert, so dass er über ihre Intelligenz staunen musste. Ja, sie hatte recht: es war alles untergegangen, eine gewaltige Dürrezeit hatte diese alte Kultur letztlich vernichtet. Die Ohnmacht der Menschen bei den großen Naturkatastrophen wurde ihnen klar, aber sie wussten auch, dass die Völker sich gegenseitig ebenfalls vernichtet hatten. Wusste sie, dass dies auch heute noch geschieht? Er fragte sie nicht. Würde sie das alles verkraften, wo für sie bisher die Gesundheit des Großvaters ihr einziges Problem war? Aber er liebte sie so, wie sie war. Es schien ihm, als müsse sie im Alter noch ewig jung sein. Sie war für ihn die ` letzte Kindfrau`.

Schließlich ging die Reise nach Kairo zurück, und sie hatten noch zwei Tage Zeit für das Museum. Dabei kam es ihnen in erster Linie auf Tutanchamun an, und als sie endlich davor standen mit vielen anderen Menschen, hatte sie wieder seine Hand genommen aus staunender Ehrfurcht und in Verbundenheit mit ihm. Es war für ihn ein Hochgefühl der Nähe zu ihr, aber er merkte keine Veränderung. Sie sah ihn glücklich und strahlend an, wie immer: er war neben ihr die selbstverständlichste Sache der Welt. Sie hatten in Kairo im Hotelpark auch abends einen Spaziergang gemacht, sie hatte sich bei ihm eingehakt und schaute zu ihm hoch, wenn sie Fragen hatte oder Bestätigung brauchte. Aber es gab auch stille Momente, in denen sie nebeneinander auf einer Bank unter Palmen saßen, und Frank wagte nicht, seinen Arm um sie zu legen. Seine Gedanken waren bei ihr, und dann gingen sie zum Professor und Bruder zuhause: sie warten sicher schon sehnlich auf Lili. Und nach langer Stille kamen die Worte von ihr: „Jetzt denken sie an uns. Ob sie wohl am Flughafen sind? Ob sie wohl unsre Post bekommen haben?“ Wird es Großvater gut gehen?“

Den Flug hatten sie bereits per Telefon durchgegeben. Das war vor zwei Tagen, für Lili jetzt schon zu lange her. Sie flogen am nächsten Tag, und Lili war sichtlich erschöpft im Flugzeug. Es war schon eine Leistung für sie mit all den Erlebnissen und der ägyptischen Wärme. Auf dem Schiff trug sie weiße Batistkleider mit Bändern unter der Brust und langen Ärmeln wegen der Sonne. Sie sah immer reizend aus, und ihr langes Haar hatte sie auf einfache Art hochgesteckt. Diesmal flogen sie direkt nach München, und dann stand Lukas da mit roten Rosen. Da flog sie lachend in seine Arme und küsste ihn schwesterlich auf die Wange. „Ich freu mich so!“ sagte sie, und es war offen, ob über das Wiedersehen mit Lukas, mit Großvater oder mit der Heimat. Lukas schaute ihm kurz in die Augen so, als wolle er etwas erfahren. Aber Frank ließ nur die Lider nach unten sinken. So mussten es beide nehmen , wie es ist. Mit dem Auto ging es dann zum Großvater, der sehr unruhig war, weil er schon einmal einen furchtbaren Verlust erlitten hatte. Aber dann lagen sie sich in den Armen, und alles war wieder gut.


4. Die letzte Zeit mit Großvater

Die beiden Brüder hatten danach viel Arbeit und wenig Zeit zu Besuchen bei ihnen beiden, aber Lili und der Großvater hatten ja durch die Reise einen ungeheuren Gesprächsstoff, und sie hatte auch für ihn wichtige Souvenirs mitgebracht, die er sehr zu schätzen wusste. Es wurde Herbst und Winter, und die Besuche im Forsthaus nahmen wieder zu. Weihnachten feierte die Mutter bei Freunden im Ausland, und so waren alle vier vertraut und heimelig beisammen. Lili hatte alles zauberhaft gestaltet mit Musik und Kerzen und altem Baumschmuck; eine wunderschöne Krippe stand unterm Baum, den Frank selbst aus seinem Wald geholt hatte, und Heilig Abend war in der Ofenröhre der Braten. Sylvia aus dem Gut hatte selbst in ihrer Familie gefeiert, und alle Angestellten hatten Urlaub genommen. Der Verwalter, der seine Familie bei sich hatte, schaute nach den Tieren. Maria blieb im eigenen Dorf. So hatte sie alle nichts gestört und waren beide Männer zufrieden über der gleichbleibenden Liebe ohne Komplikationen. Das eine oder andere Mal waren sie im Forsthaus eingeschneit, so dass Lukas mit dem Schneepflug kommen musste. Aber dann war auch das bald überstanden, und der Frühling machte sich leise bemerkbar. Aber dem alten Professor ging es nicht gut. Lili pflegte ihn rührend, und er machte sich Gedanken über „sein Kind“ und wurde immer unruhiger, bis er schließlich beide Brüder sprechen wollte. Lili hatte von der Unterredung nichts gemerkt, aber der alte Herr hatte sehr ernst mit ihnen gesprochen und gefühlt, dass er fortgehen würde. Da haben Lukas und Frank ihm in die Hand versprochen, was beide sich schon lange vorgenommen hatten; sie wollten über Lilis Glück wachen. Und so schlief er eines nachts leise ein, als der erste Vogel zu singen begann.

Lili war ohne Tränen, aber sehr tapfer. Erst viele Tage nach der Beerdigung im Dorf war sie schluchzend erst dem einen, dann dem andren Freund in die Arme gesunken und hatte Trost angenommen. Danach ging es ihr besser. Sie wollte im Forsthaus bleiben, aber die Brüder sorgten sich um sie, weil sie noch so jung sei und zu allein da oben. Eine Lösung fand sich erst einmal, als die Haushälterin Maria ins Forsthaus zog. Tante Jutta war damit zufrieden, wusste sie doch, dass sie „das Kind“ nicht in die Stadt verpflanzen konnte. Für Lili wäre das undenkbar gewesen. Bis zum 21. Lebensjahr bekam sie Waisenrente, und Großvater hatte ihr ein Vermögen hinterlassen.

Aber als die Äcker wieder grünten, die Wiesen neu erblühten und die zartgrünen Knospen sich an den Bäumen öffneten, da baten die Brüder die beiden Forsthausbewohnerinnen zu einem mehrtägigen Besuch aufs Gut. Lili sagte sofort zu, und Maria hatte erst Bedenken, aber ein wenig Urlaub würde ihnen beiden ja gut tun. Lilis Pferd bekam eine eigene Box und konnte so dabei sein. Sylvia vom Gut hatte zuerst die Einladung vor den Brüdern ausgesprochen; denn sie war ja diejenige, die sich besonders kümmern würde. Und dann kamen fröhliche Tage für alle, aber auch melancholische Momente, wenn Großvater vermisst wurde. Lili wollte eifrig mithelfen, auch in der Küche, aber Sylvia schubste sie zur Tür hinaus. Bei den Pferden war sie gerne und half beim Füttern, und mit Frank war sie unterwegs, wenn die neuen Gemüsepflanzen und die Kartoffeln gesetzt und das Essen hinausgebracht wurde. An besonders schönen Tagen fuhren sie mit der Kutsche zum nahen See und ins Grüne oder sie ritten zu Dritt durch die erwachende Natur. Lili lachte wieder, und die Männer atmeten auf, weil ihnen ihr Lachen so gefehlt hatte. Sie hatte ein schönes helles Zimmer im Gutshof mit alten Bauernmöbeln, und als sie es zum ersten Mal betrat, hing am Schrank ein wunderschönes Sonntagsdirndl und passte sogar. Sie fragte nicht mehr, von wem es sei, aber jubelte über diesen schönen Einfall und trug es am nächsten Sonntag. Sie hatten eine Kutschfahrt in eins der weiter entfernten Dörfer gemacht und dort die Kirche besucht. Die Brüder waren lange nicht mehr in solch einem Haus und auch Lili nicht. Den Brüdern war es seltsam zumute, aber sie brachten Stoßseufzer heraus, dass es doch mit ihnen allen gut bleiben möge. Sie wussten, dass das Schlimmste, was ihnen passieren konnte, die Tatsache wäre, wenn Lili sich von ihnen abwenden oder ein anderer Dritter ihnen zuvor kommen würde. Lili betete für alle, die gut zu ihr sind, und war dankbar für die schöne Zeit mit Großvater und den beiden Freunden. Gestärkt kam sie heraus und hatte wieder ihr wundersames Lächeln. Die Tage im Gutshof waren für alle Beteiligten eine schöne Zeit. Dann wurde Lili wieder stiller. Sie merkten, dass sie etwas bewegte, und sie fragten sie. Ach, Lili hatte Heimweh nach ihrem Häuschen im Wald, und dann brachte Frank sie wieder hinauf, Lili auf dem Pferd hinterher
.

Für die Männer war es ein Test, aber wenigstens so kurze Zeit hatte sie doch ausgehalten. Oben gab es auch im Garten Arbeit genug, und die beiden Frauen freuten sich jetzt darauf. Aber Großvaters Platz am Tisch war leer: er fehlte Lili sehr, hatte sie ihn doch ein ganzes Leben lang neben sich und verlor sie in ihm Vater und Mutter zugleich. So ritt sie oft zum Friedhof, so dass das Dorf sie jetzt häufiger sah. Manchmal stieg sie auch an einem Laden ab, um Besorgungen zu machen. Die Leute liebten sie, obwohl sie immer für sie von einem Geheimnis umgeben war. Die Brüder merkten, dass sie nachdenklicher und reifer geworden war. Manchmal war sie ganz abwesend. Wurde sie mit dem Tod nicht fertig? Es war ja ihr erster großer Schmerz. Wann kam der nächste auf sie zu? Die Brüder machten sich sorgen.

Und eines Tages war Jutta gekommen und forschte in Lilis Seele, was sie so denkt und wie es ihr geht. Lili weinte auch mit ihr, aber Juttas Frage, ob sie nicht zu ihr nach München kommen wolle, verneinte sie erschrocken. Es war ihr unvorstellbar, dass sie diese schöne Heimat verlassen könnte, wo sie jeden Platz kannte und liebte und, wenn sie ehrlich war, wo ihre Freunde lebten. Jutta wusste nicht, wie sehr sie an den Brüdern hing und von dieser Freundschaft eigentlich gar nichts. Der Vater hatte vor ihr wohl einmal erwähnt, dass sie lieben Besuch bekämen, mehr aber nicht. Die Männer waren ihr wohl vorgestellt worden bei der Beerdigung, aber sie war zu sehr mit Vaters Tod beschäftigt, um genau hinzusehen und darüber nachzudenken. Sie hätte sonst sofort bemerkt, was in den Brüdern vorging. Ältere Frauen sehen sonst so etwas schnell.

So kam auch keine Frage von Jutta, wie es denn weitergehen solle. Jutta reiste ab, und Lili war froh, ihren 21. Geburtstag hier feiern zu dürfen, hier bei sich zuhause und den Lieben. Und dann kam zum Geburtstag Lukas` Anfrage, ob sie mit ihm nach Italien reisen würde. Er hatte sich vor Frank gar nicht vorher geäußert. Umso erstaunter war Frank, und Lili staunte ebenfalls. „Im April nach Italien!!? Ja, das muss wunderbar sein!“ jubelte sie und sagte zu.

5. Die Reise nach Italien

Lukas konnte seine Arbeit mit den Pferden dem Verwalter überlassen und machte die Vorbereitungen. Diesmal sollte es mit dem Auto ins Blaue gehen, Norditalien zuerst, dann weiter je nach Laune und Verfassung, immer weiter; ein paar Tage ausruhen und erholen, bummeln und die Seele baumeln lassen, dann wieder ein neues Ziel im Auge. Am Schluss sollte Rom folgen, viele schöne Tage in Rom und viele ebenso schöne Tage italienisches Leben. So ging die Fahrt im bequemen Auto zuerst nach Verona, der uralten Stadt an der Etsch, venezianisch schön und Ort von Shakespeares „Romeo und Julia“ und von großen Opernaufführungen in der alten steinernen Arena.

Dann kam Mailand, die bekannte Modestadt und alte Hauptstadt der Lombardei. Sie besuchten den spätgotischen l57 Meter langen Dom Santa Maria Nascente, in der viele Tausende Gläubige Platz haben sollen und den eine 4 m hohe goldene Madonna in 108,5 m Höhe krönt. Im Kloster Santa Maria della Grazie sahen sie Leonardo da Vincis Fresko „Das Abendmahl“, für sie beide der erste große Höhepunkt, aber auch der Besuch der Mailänder Scala und der Pinacoteca di Breca mit über 2000 Bildern von Caravaggio über Rubens bis Tizian in über 40 Sälen. Natürlich konnten sie sich nur für einige wenige Bilder Zeit nehmen, aber für Lili war alles sehr beeindruckend. Auch die Galleria Vittorio Emanuelle II, einen lichtdurchfluteten und marmorgeschmückten Shoppingpalast sahen sie und abends die Mailänder und Touristen auf der Via Ascanio Sforza, ein besonderes Schauspiel des „Dolce Vita“ (süßes Leben) in unserer Zeit. (Bild der Frau 42/2007)

Dann ging es weiter durch das schöne Venetien mit den zahlreichen Bädern und in die Toskana. Sie fuhren durch Rebenfelder und -hügel, parkten unter Pinien und Zypressen und schauten von oben auf typische Traumlandschaften der Toskana, kehrten ein, wo der Chianti entstand und waren überall freundlich bewirtet. Schließlich sahen sie von oben vom Monte alle Croci am linken Arno-Ufer auf Florenz; vor ihnen lag die ganze Stadt, die vor etwa 500 Jahren einmal die aufregendste Stadt Europas gewesen sein soll, die Stadt der Renaissance. (Merian 2010 Toskana) In Florenz blieben sie länger; denn diese Stadt in der Toskana hatte es Lili besonders angetan. Sie konnte nicht genug haben von der Atmosphäre und den wunderbaren Kunstschätzen. Lili bestand nur noch aus Staunen. Sie konnte langsam verstehen, warum die Italiener so lebten, wie sie es taten. Und warm war es auch. Sie war rundum glücklich, und Lukas freute sich darüber. Er tat alles, um neben ihr glücklich und froh sein zu können.

Rom war das letzte Ziel, und für diese herrliche Stadt ließen sie sich Zeit, wanderten durch alte Gassen Arm in Arm und durch grüne Parks und zu faszinierenden Plätzen. Lukas kannte sich schon aus, umso besser für sie, und als sie endlich in der Sixtinischen Kapelle standen, war Lili nur noch sprachlos. Ein großes Dankbarkeitsgefühl für Lukas erfüllte Lili, und sie wusste nicht, wie sie es ihm zeigen sollte. Schließlich überraschte sie ihn mit einem weißen Alabasterfigürchen, einer Venus. Er freute sich sehr und drückte sie und lud sie danach zu einem schönen Essen ein.

So waren sie schon eine Woche in Rom bei schönstem warmen Wetter, und schließlich hatten sie den Wunsch, zum Meer zu fahren, um zu baden, aber Lili konnte nicht schwimmen. Der Strand war flach und das Wasser noch eben erträglich. Und dann geschah es: Lukas hatte sich an einem Stand Erfrischung holen wollen und wandte sich einen Augenblick ab. Lili hatte vielleicht ein paar Schritte zu viel gemacht, und ein starker Sog zog ihr die Füße weg und warf sie in eine große Welle, die urplötzlich gekommen war. Sie schlug um sich und begann zu kämpfen, aber sie versank, vielleicht nur für Sekunden. Da sah er sie versinken und rannte los. Als er sie nach einer Ewigkeit ergriffen hatte und sie heraustrug, legte er sie am Strand nieder und begann mit der Beatmung, mehrmals, und rief „Lili, Lili, Liebste, wach auf, wach auf“ und küsste ihr Gesicht. Als sie die Augen aufschlug und das Wasser herauskam, sah sie Lukas` Gesicht über dem ihren: „Lili, Liebste, o mein Gott, Du lebst, meine liebste Lili, meine liebste Lili!“ Da begriff sie, dass sie nicht ertrunken war, dass er sie retten konnte und dass er sie liebt. Sie sah mit großem Staunen auf seinen Mund, seine Stirn, seine Augen, sah ihn völlig anders als bisher. „Er liebt mich!!“, und dann weinte sie vor Überraschung und Glück. Ja, sie weinte vor Glück und zitterte wie Espenlaub, als er die in den Bademantel gewickelte Lili zum Rettungswagen trug, und er fuhr mit ihr ins Krankenhaus. Sie wurde gewärmt und gut versorgt und untersucht. Aber als sie bald erschöpft einschlief, ging er leise aus dem Zimmer.

Es war noch einmal gut gegangen oder doch nicht?! Hinterher fielen ihm seine Worte wieder ein, die er in der Verzweiflung gesagt hatte, und all die vielen Küsse, mit denen er ihr Gesicht bedeckt hatte. Hatte sie das mitbekommen? Ihr Blick nach dem Erwachen war so tief und dunkel gewesen, wie er nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Er schlief in dieser Nacht nur kurz mit Alpträumen und durchlebte das Entsetzen wieder und wieder, als er sie untergehen sah. Auch machte er sich bittere Vorwürfe, dass er sie alleine ließ, obwohl er wusste, dass sie nicht schwimmen konnte. Dann stand er wieder an ihrem Bett, unsicher, aufgeregt und gespannt, aber sie breitete ihre Arme aus und zog ihn zu sich herunter und küsste ihn auf den Mund; da küsste er sie, zuerst auf die Stirn, dann auf die Nase, die Wangen, den Hals und zuletzt auf den Mund. „Du bist mir wiedergeschenkt, mein Alles, ich habe das nicht verdient, ich hatte nicht aufgepasst, ich hätte es wissen müssen, das Meer ist tückisch.“ Aber sie beruhigte ihn und legte die Finger auf seine Lippen: „Es ist ja alles gut“. Dann trat die Schwester ein, und Lukas musste hinaus gehen. Er war unendlich froh und erlöst: sie liebt ihn auch, und darum wird alles gut werden. Seine Mutter, sein Bruder; er hatte keine Gedanken mehr für sie, hatte nur noch Lili in seinem Herzen und im Kopf. Und als sie entlassen wurde, holte er sie ab und brachte rote Rosen und etwas besonders Schönes zum Anziehen. Jetzt bekamen die Tage in Italien eine andere Dimension. Lili liebte zum ersten Mal einen Mann und dazu einen, der ihr so sehr vertraut war. Erst nach einiger Zeit des neuen Glücks fiel ihnen Frank ein, und sie überlegten, ob sie es schon vorher ankündigen oder ob sie zuhause erst damit herausrücken sollten. Da schickten sie ein Telegramm: „Lukas hat mich aus den Wellen gerettet, und dabei habe ich gemerkt, dass er mich liebt. Wir sind beide sehr froh! Lukas und Lili.“

6. Der neue Lebensabschnitt

Und so hielt Frank das Telegramm in Händen. Als es kam, war er erschrocken und dachte: “Es muss etwas passiert sein“. Ja, und da war es passiert: sie hatte sich entschieden. Seine geliebte Lili hatte sich für den Bruder entschieden! Er setzte sich an den Schreibtisch, die Arme schwer auf die Platte gelegt: „Bruder“, dachte er, „sie soll es nie erfahren, versprich mir das.“ Frank war froh, dass das Telegramm vor ihnen da war. So konnte er ruhiger werden und fand Zeit, sich zu fassen, um ihnen dann stark entgegenzueilen. „Gott sei Dank, Lili war nichts passiert, und das war die Hauptsache.“ Aber er wusste, dass er ihrem Glück nicht in der Nähe zuschauen könne und überlegte, ob er nicht besser aus dem Herrenhaus auszöge. Außer dem Verwalterhaus gab es noch eine Kate, die er sich gemütlich einrichten könnte. An eine andere Frau konnte er jetzt noch nicht denken.

Und dann kamen beide aus Italien zurück. Er stand auf dem Hof, als das Auto einbog Lili war als erste heraus und ging langsam auf ihn zu. Frank lachte fröhlich und umarmte sie: „Gott sei Dank, dass Dir nichts passiert ist!“ Jetzt strahlte sie und wies auf Lukas, der näher kam. „Alter Junge, Du machst Sachen!“ auch Lukas umarmend, aber Frank hatte Tränen im Auge. So gingen sie gemeinsam zu Sylvia, die schon alles wusste und ihre schönsten Vorbereitungen getroffen hatte. Am Abend fuhr Lukas Lili und Maria ins Forsthaus zurück und verabschiedete sich mit Umarmung und kleinem Abschiedsweh auf beiden Seiten.

So war die Entscheidung gefallen, und Lilis Antwort hatte alles leichter gemacht. Sie mussten sich nicht von ihr trennen. Alles war gut! Frank und Lukas standen abends bei den Pferden. Frank war still, wusste nicht, wie er beginnen soll. Da sprach Lukas als erster und erzählte von der Reise mit Lili, wie alles schön harmonisch gelaufen war, wie sie über alles gestaunt und sich gefreut hatte. Er habe es sehr genossen, sie für sich alleine zu haben, und es gab viele vertrauliche und liebevolle Situationen. Sie habe auch von ihm, Frank, erzählt, und er habe gemerkt, wie sehr Frank zu ihrem Leben dazu gehört. Es war offensichtlich, dass sie beiden Männern sehr zugetan war und sie sich beide nicht wegdenken konnte, jetzt, wo Großvater nicht mehr bei ihr weilte. Und sie hatten viele schöne Stunden in Rom verbracht bei wunderbarem Wetter. Schließlich wollte er mit ihr ans Meer, und es war ein schöner Badetag gewesen. Lili hatte sich vorher einen hübschen Badeanzug ausgesucht und stand jung und lachend als Badenixe vor ihm. Sie wären schon eine Weile im Wasser gewesen, als er zum Strand zu einem Kiosk ging. Es war nur ganz kurz, aber da war es schon geschehen: „Ich dachte, ich hätte sie verloren! Ich hätte Dir nie wieder unter die Augen kommen können, und ich war verzweifelt, als sie nicht wach wurde. Sie hat wohl alles gehört, und dann hatte sie es wohl begriffen; denn im Krankenhaus hat sie mich ganz anders glücklich empfangen: sie küsste mich, sie liebt mich auch. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob es die Dankbarkeit ist oder ob sie mich wirklich liebt, und ich bin nicht sicher, ob Du es genauso hättest sein können. Vielleicht denkt sie jetzt, wo wir wieder hier sind, weiter darüber nach. Frank starrte dabei in die Weite, sah es vor sich, wie es am Meer passiert war: „Junge, Junge, es wäre unvorstellbar gewesen. Wir haben ein gütiges Geschick gehabt: wir wollen dankbar sein und Lili glücklich machen, so oder so. Sie soll es aber nicht erfahren, wie sehr ich sie auch liebe. Wie lange willst Du warten?“ Lukas antwortete „ich habe darüber noch nicht nachgedacht, ich denke aber, dass es von Lili ausgehen sollte.“

Lili lag zum ersten Mal wieder in ihren heimatlichen Kissen, ihr Herz war unendlich froh und leicht: „Ich werde geliebt! Und ich liebe! Es ist alles so anders und wunderbar. Ich bin auf Wolken, lieber Großvater, Du weißt es ja, und er ist so lieb zu mir. Der gute Frank wünscht mir viel Glück, er ist der allerbeste Freund“, dachte Lili. Und so genossen Lukas und Lili die Zeit der ersten Liebe, sahen sich bald jeden Tag und nahmen mit Weh im Herzen jedes Mal Abschied. Lili begriff, dass Liebe auch Weh bereitet, und weil es so war, wurde die Sehnsucht so groß, dass sie von sich aus eines Tages davon sprach, wie es wohl mit ihnen weitergehen würde. Lukas freute sich sehr und sprach von seinen Träumen, eine Landfrau, ein Allgäuer Dirndel und seine schöne griechische Reiterin in sein großes Haus heimholen zu wollen und natürlich Mutter zur Hochzeit heimzurufen. Dass Frank ausziehen würde, sagte er nicht. Wie sollte er ihr das denn vor der Hochzeit erklären. Sie würde das auch nicht wollen und sich fragen, warum es sein müsse. Lili konnte sich ein Leben im Gutshaus nicht recht vorstellen, war sie doch an ihr Häuschen gewöhnt, aber die Aussicht auf die Nähe zu Lukas zerstreute alle Bedenke. Und er? War er so weit, sie immer um sich zu haben? Ach, sie war ja sein Ein und Alles, ein Leben mit ihr war das Beste, was er sich vorstellen konnte. Auch ritt sie gerne und liebte Pferde, und Sylvia hatte sie schon in ihr Herz geschlossen. Sylvia tat der gute Frank leid; aber sie würde sich lieber die Zunge abbeißen, als die Liebe des anderen vor Lili zu erwähnen. Sie wusste auch schon, dass Frank umziehen würde. Lili bat, dass das Häuschen weiter in ihrem Besitz bleiben soll als Zufluchtsort und Ferienplatz für beide oder für sich allein, wenn sie Großvater wieder ganz nah sein wolle. Dann erhielt die Mutter, die gerade in Südfrankreich weilte, einen Anruf, der sie vollkommen überraschte. Es war soweit: der Älteste hatte sein Mädel gefunden, und bald sollte die Hochzeit sein und natürlich mit ihr, der Mutter.

Und dann kam sie: aufgeregt und neugierig und gespannt und umarmte die Brüder, die sie sehr ernst empfingen. „Wo ist sie, wo habt Ihr sie versteckt?“ rief sie lachend, und sie holte sich ihren Kuss von ihnen. Ach, sie staunte über das Haus, die Veränderung, freute sich über ihre Räume und fühlte sich wohl. Lili sollte zwei Zimmer nur für sich alleine haben zum eigenen Gestalten und Wohnen. Alles andere wollten sie nach der Hochzeit planen. Dann kam der Besuch bei Lili im Forsthaus. Die Mutter wurde mit der Kutsche hinaufgefahren, Lili stand am Zaun. Sie hatte das Festdirndl von den Brüdern angezogen und die Haare im Zopfkranz. Die Mutter staunte über so viel Jugend und Liebreiz, und sie schloss sie gleich in ihr Herz, und wie überraschte sie erst diese Idylle und dass es so etwas noch gab. Die moderne Frau, in voller Kraft und mit selbstbewusster Ausstrahlung begegnete hier einem völlig anderen Wesen, das sie zum Staunen brachte. Sie empfand wie alle anderen Lilis Besonderheit. Wohl hatte Lukas sie vorher über Lilis Leben aufgeklärt und sie erst recht neugierig gemacht, aber als sie Lili in ihrer Idylle lebendig erlebte und ihre wundersame Liebesaura, da begriff sie ihren Sohn und dachte auch an den anderen. Aber Frank war nicht dabei, und so konnte sie sich auf das Paar konzentrieren.

Die Hochzeit wurde nun geplant, und das ganze Dorf sollte mit einbezogen werden, und alles sollte auf dem Gut stattfinden. Mutter Kläre wollte die Vorbereitungen übernehmen, und Lukas und Lili waren froh darüber. Als sie nun zum Gut zurückkam, stürmte sie zu Sylvia in die Küche, um ihr zu sagen, wie glücklich sie sei. Sylvia hielt sich zurück, traute sie dieser ganzen Sache noch nicht, wenn sie an Frank dachte. Aber Frank war auch vor der Mutter stark und fröhlich, so dass sie nichts ahnte, aber sie meinte doch lachend zu ihm: „Dass Du sie Dir nicht geschnappt hast!“ Er wollte etwas sagen, biss sich aber auf die Lippen und entgegnete locker: „Was Du wieder alles denkst!“ Und so war das Thema erledigt, und für die Mutter begann die wichtigste Sache der Welt, nämlich die Hochzeitsvorbereitungen für ihren Ältesten. Lili und Lukas sahen sich möglichst oft und hatten viel zu bereden. Lilis Gesichtsausdruck und Blick veränderte sich, sie wurde weiblicher und reifer. Sie würde auf jeden Fall eine wunderschöne Braut sein.

Schließlich kam der große Tag. Frank war Trauzeuge und Maria. Die Mutter weinte vor Rührung, Tante Jutta war auch dicht davor. Lukas war hingerissen von dem Anblick der Braut und alle anderen auch. Lili vermisste Großvater und weinte ein wenig, als er erwähnt wurde, aber sie hielt den ganzen Tag tapfer durch. So viele Menschen, die zu ihren Ehren gekommen waren, hatte sie noch nie um sich herum, und Lukas stand ihr bei allen Gratulationen und Anforderungen zur Seite. Es war ein schönes Fest. Die Mutter hatte ihr sogar den Hochzeitswalzer beigebracht. Schließlich konnten sie sich zurückziehen: natürlich ins Forsthaus. Eine Hochzeitsreise war nun nicht mehr geplant, hatten sie doch schon vorher so viel Schönes erlebt.

Und dann kam der Tag, an dem die unteren Zimmer von Frank leer waren. Sie wollte es zuerst nicht glauben, fand sich aber damit ab, als Lukas ihr erklärte, dass sie jetzt alle Räume für sich hätten und Frank ein Recht habe auf ein eigenes Leben. Besuchen durften Lukas und Lili ihn erst, wenn im Haus nebenan alles auf seinem Platz war, und das neue Reich des Junggesellen wurde dann zu Fünft eingeweiht. Lili fragte Frank aber immer wieder: „Werden wir Dir nicht fehlen?“ oder „Du wirst uns bestimmt fehlen!“ Aber er lachte dazu und meinte: „Ihr seid ja auch viele hundert Kilometer von mir getrennt!“ Da schickte sich die junge Frau und begann, sich an das neue Leben zu gewöhnen. Die Mutter setzte ihre Reise fort. Aber Lili wusste: „Ich bin nicht allein; was auch geschieht, ich habe Lukas, und ich habe den guten lieben Freund, und sie wusste, dass beide für Großvater über ihr Glück wachen würden. Aber sie lernte auch mehr und mehr von der wirklichen Welt kennen, und das war oft hart genug. Sie hatte Menschen, mit denen sie über alles reden konnte, und sie half, wo sie nur konnte und sorgte dafür, dass in ihrer aller Lebensplanung nicht nur der Profit wichtig war, sondern auch die Menschlichkeit im Gut und in den Dörfern in der Nähe und ein relativ großer Betrag für die Hungernden in der Welt einbezogen wurde. Sie sagte zu Lukas:“ Ich kann nicht schlafen, wenn wir nichts tun!“
 

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