Die Marc-Uwe-Offenbarung oder: Ich weiß, wem Kling seinen Erfolg verdankt

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Isbahan

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Dunstige Morgennebel steigen langsam auf im alles überstrahlenden Sonnenlicht, frühe Vögel tummeln sich flügelschlagend im Geäst der Bäume, auf den Wiesen karnickeln Hasen, am Waldesrand röhren brünstige Hirsche: Ein herrlicher Sommertag, zum Ficken schön. Nur ich kauere seit Tagen ungewaschen hinter heruntergezogenen Jalousien überm Laptop und versuche, gefällige Texte zu schreiben ...
PLING.

Moah, der schon wieder.
Nein, nicht mein Handy. Leider. Es ist diese Erscheinung. Die sich Marc-Uwe nennt und mir weismachen will, meine Muse zu sein.
Seine feixende Grinsekatzenfresse schwebt wie eine 3-D-Projektion an der gekachelten Wand entlang, hinauf zur Zimmerdecke. Mein Gesichtsausdruck mäandert von irritiert zu empört.
„Marc-Uwe!“, schreie ich spitz. „Ich sitz' hier aufm Klo – schon mal was von Intimsphäre gehört?“
„Hello, again“, näselt seine Stimme aus dem Off. Die Erscheinung macht ein Peace-Zeichen und schwebt durch die geschlossene Badezimmertür hinaus in den Flur: „Ich warte draußen. Mach hinne, ich hab' nicht ewig Zeit!“
Langsam mache ich mir Sorgen: Ich bin so was nicht gewohnt – und ich weiß nicht, ob ein Dialog mit einem Geist noch als Gebet durchgeht. oder bereits als Psychose gilt. Ich bin sicher nicht die erste Autorin, die beim Schreiben durchdreht … Oh. Mein. Gott.
„Gott ist schon mal 'ne schöne Anrede“, kommentiert Marc-Uwe meine Gedanken von draußen. „Haste was Verwertbares geschrieben, während ich kurz abwesend war?“
„Aufgepasst“, sage ich drohend. „Ich arbeite hier an meinem künstlerischen Durchbruch: Gestern Abend habe ich was Bahnbrechendes im Internet gepostet …“
„Why not“, sagt Marc-Uwe und gähnt herzzerreißend. „Liest aber niemand, oder?“
„Die Resonanz hätte besser sein können“, murmele ich und lasse defätistisch meinen Kopf in Kutschbockhaltung über dem Badezimmer-Flokati hängen. „Und mit in Ruhe kacken wird` s heute wohl auch nichts …“
„Was du brauchst, ist beinharte Kritik“, näselt Marc-Uwe und pustet einen Musenkuss durchs Schlüsselloch. „Ich meine es nur gut mit dir, Mädchen. Ich könnte aus dir eine Schreib-Titanin machen - damit du endlich mal Kohle verdienst. Ich hab' Hunger … “
„Ha, eine Erscheinung kann gar nicht hungrig sein!“, rufe ich triumphierend.
„Doch: Machthungrig!“, säuselt es vor der Tür. „Du hast doch mehr Angst davor, eventuell Talent zu haben, als es nicht zu haben. Deshalb brauchst du mich. Ich kann dich ganz groß rausbringen: Schreib was mit sprechenden Kängurus, Darling!“
„Du willst eine Muse sein?“, rufe ich verächtlich. „Inspiration ist doch deine Baustelle, nicht meine! Außerdem: Bestseller mit sprechenden Kängurus gibt es schon, du Honk.“
„Völlig falsche Sichtweise. Du Narzisstin willst immer nur über dich schreiben – das ist allerhöchstens intellektuelle Auslegeware!“
„Schreiben ist eine einsame Sache. Bis heute habe ich noch keinen Cent an meinem ersten Buch verdient. Und HEYNE will mich partout nicht verlegen“, greine ich. „Dabei habe ich die mehrfach aufgefordert …“
„ULLSTEIN auch?“
„Jap.“
„Hättste lieber vorneweg auf mich gehört: Schreib nichts Witziges. Humor ist eine Männer-Angelegenheit. Und schreib keine Realsatiren über Männer. Die verstehen Ironie und Sarkasmus nicht. Wenn du so weiterschreibst, wirst du bald sehr, sehr einsam sein, Liebelein.“
"Was soll ich machen: Mir 'ne selbstgestrickte Wollmütze aufsetzen und mich als männlicher Poetry-Slammer ausgeben, nur damit meine Satiren bei Verlagen besser ankommen? Warum bist du eigentlich nicht bei dem Kling geblieben? Eure Zusammenarbeit war doch offensichtlich erfolgreich.“
„Ich wollte mal wieder eine Frau … verunsichern. Das macht einfach mehr Spaß: Schreib anders! Schreib, wie es MIR gefällt! Du beherrschst ja nicht mal Interpunktion und Grammatik! Glaubst du, das wird je was? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Den Respekt des Lesers musst du dir erst hart erarbeiten! Kurzgeschichten: Liest kein Mensch! …
Außerdem musste ich beim Kling dauernd als Känguru rumhoppeln, diese Kostümierung war unwürdig …
Glaube mir: Ich kann auch besser mit Verlagen als du. Ich hab` den pinken Verlegerinnen-Daumen. Mach mich zu deinem Agenten!“
„Was noch alles: Muse, Kritiker, Agent …?“
„Ich verstehe mich als großen Förderer postklimakterischer feministischer Schreibkultur und radikal-feministischer Menstruationsprosa“, schmeichelt Marc-Uwe hinter der Tür.
„Sarkast!“
„Schreib was Verwertbares, Liebelein: Wir haben bald keine Kohle mehr.“
„Wir?“, brülle ich durch die geschlossene Tür. „Kümmerst du dich jetzt auch noch um meine Finanzen oder was?“
„Ab jetzt bist du bei mir im betreuten Schreiben. Sieh mich einfach als dein Alter Ego.“
„Ein ganz schön aufgeblasenes Ego, Alter!“
„Ich meine es bereits hinreichend überzeugend dargestellt zu haben: Du brauchst mich. Du bist unsicher. Du bewegst dich auf unbekanntem Terrain. Du glaubst nicht an dich und an das, was du machst. Du willst, dass einer kommt, der dir sagt, wo `s langgeht - und das bin ICH!
„Das hier ist mein Leben und mein verdammtes Buch – und darin bin ich verdammt gut!“, brülle ich mit angeschwollener Halsschlagader.
„Das wäre ja noch schöner – als Künstlerin brauchst du eine Muse. Und einen Kritiker. Also komm' da jetzt endlich raus, schreib' alles um und biete dein Zeug Verlagen an. Ich will mit dir auf Lese-Tour gehen, durchs Sauerland … Wir werden Auslagen haben. Allein die überteuerte Beerenauslese, die du abends brauchst, um überhaupt Brauchbares in die Tasten zu hauen …“
„Du, du … kommst nicht mit! Auf gar keinen Fall kommst du mit ins Hotel, wenn ich auf Lesereise gehe!“, kreische ich.
„Ich kann einfach nicht umhin, indirekt meine Vorzüglichkeit zu inszenieren. Größe zwingt zu Toleranz. Muss sich ein Porsche mit einem Golf messen? Kann er machen, muss er aber nicht.“
„Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass mir deine Häme den Sack geht? Ich will nicht dein Projekt sein. Ich bin doch kein Dorf, das einen Brunnen braucht!“
„Locker bleiben!“, grinst Marc-Uwe hämisch. „Du kannst ja nicht mal vernünftig Texte redigieren …“
„Ha“, sage ich und zerre entnervt eine dreißig Jahre alte Duden-Ausgabe aus einem Stapel Zeitschriften neben dem Klo. „Hier, kuck: Ich verfüge über ein gerütteltes Maß an Bildung, du Spacken!“
„Typisch“, sagt Marc-Uwe. „Nicht mal` n anständiges Schreibprogramm auf der Festplatte, sich aber über ihre Muse mokieren.“
„Ich brauche keine Muse!“, flüstere ich heiser und lehne erschöpft meine heiße Stirn gegen die Wandfliesen. „Erst recht keine, die mich auf dem Klo heimsucht. Ich halte jetzt einfach so lange die Luft an, bis du dich in Luft aufgelöst … ähm … bis du weg bist. Lass mich einfach in Frieden, ja?“
„Wie süß“, säuselt er hinter der Tür. „Bist du wirklich so naiv zu glauben, du könntest es im Alleingang schaffen? Was seid Ihr Schreiberlinge doch für ein eingebildetes Pack: ICH habe dich auserwählt, o Schreibaffine – und jetzt zier` dich nicht so wegen der Küsserei …“
„Waas? Hast du den Kling auch geküsst? Moah!“
„Ich bin da nicht genderspezifisch festgelegt“, unterbricht mich Marc-Uwe. „Was tut man nicht alles für die Kunst. Genie muss unabhängig sein von schnöder Wirklichkeit.“
„Ich will aber nicht geküsst werden ...“, antworte ich trotzig. Und vervollständige leise murmelnd den Satz: „…von einer Muse, die Marc-Uwe heißt und vor mir schon den Kling abgesabbert hat!“
„Na gut, dann muss ich wohl deutlicher werden. Ich zitiere den Pschyrembel: „Ego und Alter Ego sind zwei miteinander in Widerspruch stehende Seiten einer gespaltenen Persönlichkeit …“
„Wer verfolgt mich denn hier mit aggressiver Arroganz und drängt mir permanent sinnfreie Gespräche auf? Du bist doch hier das hochgradig neurotische Phänomen!“
„Ah ja?“, fragt er. „Und wer ist mittlerweile so sozial depriviert, dass sie glaubt, einen Schreib-Blog aufmachen zu müssen, um mal Kontakte zu haben, die sie nicht aus ihrer Selbsthilfegruppe kennt?“
„Du hast mein Blog gelesen?“ Alarmiert lasse ich die Klorolle aus der Hand fallen und kichere hysterisch.
„Während du gestern Abend rotweinselig über deinem Läppi eingeschnarcht bist …“, sagt Marc-Uwe und rülpst undezent ein wenig Luft auf „hatte ich Bock, dein Geschreibsel mal im Netz anzuklicken – und zu kommentieren …“
„DU hast also alle diese hässlichen Kommentare geschrieben?! Ich fühle mich so … benutzt“, wispere ich mit zitternder Unterlippe, bevor meine Stimme ganz wegbricht.
„Darling, du wirst kaum einen Therapeuten finden, der dir das abnimmt: Von einer Erscheinung gestalkt. Die werden dich höchstens fragen, mit wem du sonst noch so sprichst: Mit Jesus oder deinem Freund Gott … ICH bin dein HERR, dein MEISTER, Amen!“, tönt es pastoral jenseits der Badezimmertür.
Ich könnte wetten, Marc-Uwe hat sich bekreuzigt. Apropos Kreuz …
„Marc-Uwe“, flöte ich. „Ich bräuchte dringend ein Laxans - damit es hier schneller geht. Würdest du bitte so lieb sein und mir was aus der Küche holen?“
„Was? Wo?“, Marc-Uwe klingt genervt.
„Im braunen Tontopf, über der Spüle!“, rufe ich.

Eine Weile ist es still. Dann der erlösende, spitze Schrei …

Ich war mir nicht sicher, ob die halb vertrocknete Knoblauchknolle ausreichen würde - scheint aber geklappt zu haben.
So. Wo war ich stehengeblieben?
„… und ich kauere seit Tagen ungewaschen hinter heruntergezogenen Jalousien über meinem Laptop und versuche, gefällige Texte zu schreiben …“
 
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