Die Mini-Saga - exakt 50 Wörter

gondoliere

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Die Textform Mini-Saga. 50 Wörter plus kurze Überschrift
Vielleicht ist das Format der Mini-Saga schon allgemein oder wenigstens dem einen oder anderen bekannt. Ich habe es erst dieser Tage in "The Tempest", dem Newsletter von http://www.autorenforum.de gefunden und fand es spontan als geeignete Fingerübung, um sich in der Textverdichtung zu üben. Damit kann man m.E. die Wirkung des Weglassens und der Aktivierung der Leserfantasie ergründen. Ingrid Weißmann charakterisiert die in Großbritannien während der 80er Jahre entstandene Textform folgendermaßen:

Die Textform der Mini-Saga hat
- meistens eine unerwartete Wendung
- oft dramatische Themen
- häufig eine Mehrdeutigkeit

Die Regeln
1. Die Mini-Saga hat genau fünfzig Wörter.
2. Die Überschrift darf zusätzlich bis zu 15 Wörter lang sein. Kürzer
ist jedoch besser.
3. Die Mini-Saga sollte eine Geschichte erzählen, nicht aber
Stimmungen ausmalen und Szenerien, Vorgänge oder Dinge detailliert
beschreiben. Dabei muss sie sich auf die Handlung konzentrieren. Es
kommt also darauf an, treffende Wörter zu finden. Andererseits bleibt
vieles ungesagt, deshalb muss der Leser die Lücken im Geschehen
ausfüllen.
4. Eine Mini-Saga hat - wie andere erzählende Texte - Anfang, Mitte
und Schluss. Sie folgt mehr oder weniger der chronologischen
Reihenfolge der Ereignisse. Die Mini-Saga sollte auf etwas
Unerwartetes, Überraschendes hinauslaufen.

Weitere Informationen: https://www.autorenforum.de/the-tempest/68-jahrgang-2017/1151-ausgabe-19-10-20-oktober-2017

Das hat mich zu folgender Fingerübung animiert:

Omertà
In Palermo gingen die Lichter aus. Schlagartig, endgültig. Palermo hieß so, weil er von dort stammte. Er war gekommen, um hier in der Fremde sein Glück zu machen. Aber er wurde zum Verräter. Nun habe ich die Decke des Schweigens über ihn gebreitet, wie das Gesetz der Omertà es befiehlt.

Vielleicht findet die Mini-Saga hier jede Menge Nachahmungstäter. Würde mich freuen.
 

Silbenstaub

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Hallo gondoliere,
bei der Literaturzeitschrift ‚Asphaltspuren‘ fand Anfang des Jahres ein Wettbewerb statt zum Thema „Am Telefon“ mit der Vorgabe mindestens 150, maximal 200 Wörter zu verwenden. Mit höchstens fünfzig Wörtern auszukommen, ist eine gute Fingerübung.
Neulich fiel mir durch Zufall ein Buch mit Kürzestprosa in die Hände: Überraschung. Die besten Sekundenstorys, hrsg. v. Clara Paul, Insel Verlag Berlin 2015. Vielleicht interessiert es dich.

Nun starte ich auch mal einen Versuch:

Ein Viereck Himmel
Einmal die Küstenstraße entlang mit offenem Verdeck. Sich in die Kurve legen. Lavendelduft. Ein Hauch Zitrone. Pinien. Meer. Grünblau. Ausgeschlafen und frei.
Ihr Lächeln auf dem Beifahrersitz.
Der Wagen sprang sofort an. Keine Wegfahrsperre. Zwei dunkelblaue Uniformen am Ende der Straße.
Mein Blick durch die Gitterstäbe in das schmutzige Grau.

Schönes Wochenende,
Silbenstaub
 

Ciconia

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Ein Uhr nachts

Etwa dreihundert Meter von der Straßenbahnhaltestelle bis nach Hause. Plötzlich Schritte hinter mir. Sie werden schneller, meine auch. Ich drehe mich erst um, als ich den Schlüssel ins Gartentor fummele. Der Mann will mir etwas zeigen, behält seine Hände aber bei sich. Er keucht laut, während ich das Tor zuknalle.
 

gondoliere

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@silbenstaub

Liebe(r) Silbenstaub,
danke für die Tipps. Schade, dass die "Asphaltspuren" mittlerweile im Sand verlaufen sind. Jetzt von mir ein Tipp: deine Mini-Saga hat 3 Wörter zu viel ;-)

Gruß
Gondoliere
 

gondoliere

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High Noon

Die Sonne sticht erbarmungslos. Ein elendes Kaff, das. Kaputte Häuser säumen die staubige Dorfstraße. Dünne Glockenschläge wehen über die weiten Felder herüber: Eins, zwei, drei.... Eine Ratte wechselt über die Straße, stoppt auf halbem Weg. Zehn, elf... Ein Schuß. Die Ratte macht einen Salto und bleibt tot liegen. Die Glocke schlägt zwölf.
 

Ciconia

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Kurz vor eins

Es schien perfekt. In der letzten Straßenbahn saß ein junges Mädchen, allein. Eine Weile fuhr er nebenher, hielt sich an den Haltestellen zurück. Als sie ausstieg, folgte er zu Fuß. Sie bemerkte ihn, wurde schneller und verschwand hinter einem Gartentor.
Er blieb zurück mit dem, was er ihr zeigen wollte.
 

Silbenstaub

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Radomir

Die Ratte Radomir ist noch jung und völlig unerfahren. Sie schwimmt die Spree entlang und ist erschöpft. Sie schaut links und schaut rechts, sie quält sich. Wie komm ich hier raus? Biber Justin kommt herbeigeeilt und sagt: „Ich zeig dir was! Ein Treppchen, nur für mich gebaut.“ [strike]Gott sei Dank.[/strike] BUND sei Dank.
 

Ciconia

Mitglied
Verträumt

Dreizehn hungrige Vögel drängen sich um den Futterplatz. Scharfer Ostwind zerzaust ihre Federkleidchen. Manchmal hüpfen sie erschrocken zur Seite, wenn ein vertrocknetes Blatt über die Terrasse weht.
Zwölf Flügelpaare flattern aufgeregt davon, als Nachbars schwarze Katze hinter einem Busch hervorschnellt.
Das kleine Rotkehlchen unter dem Rhododendron hat zu lange geträumt.
 

Ciconia

Mitglied
Aufgelegt

Seit damals hatten wir nichts mehr voneinander gehört. Beim Sortieren alter Fotos kamen Erinnerungen hoch. Plötzlich verspürte ich das dringende Verlangen, sie anzurufen.
„Ja, bitte?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang brüchig.
„Hallo Kathrin, hier ist Sabine, Sabine Jansen.“
Ich wartete.
„Kathrin?“
Aufgelegt. Und ich ahnte sofort, warum.
 
Im Museum

Die Museumsbesucher übersahen die Flasche, die aus der Jackentasche des Museumsführers hervor lugte.
Er brauchte Alkohol, um seine Arbeit zu erledigen. Ab und zu verschwand er in der Besenkammer, um einen Schluck zu nehmen.
Seine verzögerte Aussprache störte niemanden.
Als er später wegen Alkoholismus entlassen wurde, bedauerte es jeder sehr.
 

Ciconia

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Vermisst

„Mein geliebter Wilhelm“, hatte Martha geschrieben und seit Wochen vergebens auf Antwort gehofft.
Bis heute. Sie hält das Kuvert in zittrigen Händen. Ihre eigene Schrift, blassblaues Sütterlin auf bräunlichem Papier, darüber ein schwarzer Stempel.
Feldpost-Nr. 26116. „An Absender zurück - Neue Anschrift abwarten“.
Das Warten wird ein Leben lang dauern.
 
Aus dem Tagebuch eines Teenagers


Ich war mit meiner Schulklasse in Hamlet und hatte nur Augen für den Schauspieler, der den Hamlet spielte.
Ich habe mich verliebt.
Er hat mich angesehen und mir zugewinkt. Meine Freundin, die dumme Kuh, meinte, dass ich spinne, er habe nur mit viel Gestik gespielt.
Die hat doch keine Ahnung.
 
Liebes Tagebuch

Drei Mal habe ich den Hamlet nun angesehen.
Wenn er hauchte „Der Rest ist Schweigen“ und starb, musste ich weinen. Ein Herr neben mir tröstete mich: „Kleine, der stirbt nicht wirklich, gleich wird er sich verneigen.“ Über das „Kleine“ habe ich mich geärgert, denn ich werde nächstes Jahr schon 16.
 

Silbenstaub

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Kriegsgeheimnisse

Sein Enkel löste gestern die Wohnung auf. Großvater lebt nicht mehr. Ein alter Koffer. Darin ein Essgeschirr aus Blech mit ausgefranztem Loch. Granatensplitter. Ein Koppelschloss, der Reichsadler wurde weggefeilt. Vergilbte Fotos mit Erdflecken, eine Wehrmachtshelferin, sehr jung mit eingefallenen Wangen.
Unerzählte Geschichten und unbeantwortete Fragen. Nur ein Koffer, der bleibt.
 
Traurig, aber „echt wahr“

Sie kann sich den Namen des Sportkameraden ihres Mannes nicht merken.
Er nennt bei der Begrüßung immer ihren Namen.
Ist eigentlich leicht, er heißt Merkel. Einfach an die Bundeskanzlerin denken!
Beim nächsten Treffen wieder dieses „blackout“.
Bundeskanzlerin, ruft sie sich ins Gedächtnis: Angela!
Doch wie war denn noch ihr Nachname?
 
P

Poet H.

Gast
Mit Verspätung (Ortsverwechslung)

Die Gäste warten bei Regen. In ihrem Sichtfeld liegt ein stillgelegter Bahnhof mit begrüntem Abstellgleis. Oma Gustl schaut sich beim Schnäuzen ein schwarz umrandetes Foto an. Die Unpünktlichkeit ihres Gatten ist sie gewohnt. Der Leichenwagen fährt in Eile mit knatterndem Auspuff zum Friedhofstor hinaus. Diesmal mit richtiger Zieleingabe im Luxusnavi!
 

Silbenstaub

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Wort zum Sonntag

Sie starrt die herabgefallenen Tulpenblätter auf dem Küchentisch an.
„Was machst du?“, fragt er und lehnt sich weit aus dem Fenster, um den Hinterhof zu beobachten.
„Ich zähl die Blütenblätter…. Drei fehlen!“
„Der Marotzke schleicht wieder um die Mülltonnen rum.“
„Hast du sie weggenommen?“
Er schnauft, „komm, ‚Tatort‘ fängt an.“
 
Die schlaue Maus

Das Mäuschen sieht die doppelte Gefahr vor dem Mauseloch:
Eine Falle mit duftendem Käse, dahinter lauert die große Hauskatze.
Fiepend zeigt sie sich eine zehntel Sekunde.
Die Katze streckt eine Pfote nach ihr aus und landet mit ihr in der Falle.
Ein jämmerliches Katzengeheul und leises, höhnisches Mauselachen vermischen sich.!
 

gondoliere

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Am Waldrand

"Schönen guten Abend. Mein Name ist Fuchs, Reineke Fuchs." – "Angenehm, ich heiße Hase, bekannt auch als Meister Lampe." – "Das trifft sich gut, ich bin nämlich nachtblind. Könnten Sie mir freundlicherweise heimleuchten?" – "Wie ich schon sagte: mein Name ist Hase. Wo wohnen Sie denn?" Es war Herrn Hases letzter Satz.
 
Sie konnte ihn nicht mehr sehen

Der Waldboden war hart, und sie musste sich anstrengen, eine Grube zu graben.
Dann zog sie die Tüte mit den „Leichenteilen“ aus dem Kofferraum. Unglücklicherweise rollte der Kopf heraus. Das unverschämte Grinsen des Nackten war immer noch da.
Der Nachbar hat noch 14 angezogene Gartenzwerge. Das sollte doch wohl genügen.
 

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