Die Mutprobe

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Der lange Weg bis zur Schweizer Grenze erschien uns endlos zu sein. Harald, mein Cousin, war kein Junge, den man für kurzweilige Spiele hätte begeistern können. Er saß die meiste Zeit da und las in seiner Kicker-Zeitung über Fußballer und Spielergebnisse.Der Bodensee war endlich erreicht und wir fuhren in das untere Rheintal hinein. Liechtenstein und Vaduz wurden durchfahren und oben auf dem Berg lag die Festung imposant.
Im Geist hakte ich die einzelnen Orte ab und schon jetzt war dieser Urlaub für mich ein Abenteuer. In Chur kamen Onkel und Tante auf die Idee, mit dem Lift auf einen der Gipfel zu fahren, ich fand das fantastisch.

Der Wind allerdings war so heftig, dass der Angestellte in seinem Billetthäuschen erst einmal nachfragen musste, ob es überhaupt erlaubt sei noch Fahrgäste zu befördern, denn außer uns war niemand hinaufgefahren. Als er die Absolution erhielt, machte Harald wegen des Windes Ärger, es gefiel ihm nicht sich in die wacklige Kabine setzen zu müssen, so bedurfte es einiger Überredungskunst ihn endlich dazu zu bewegen mitzufahren. Dass ich mich auf diese Auffahrt freute und es nicht erwarten konnte bis es endlich losging und mir Haralds Gezappel echt auf den Geist ging, machte die Sache für ihn sicherlich nicht einfacher.

So saß er denn während der Auffahrt mit düsterem Gesicht in der engen, eiförmigen Kabine, in die wir gerade so hineinpassten und krallte sich an der Sitzlehne fest. Oben angekommen, wanderten wir umher, schauten uns die Bergwelt an, die sich in ihrer imposanten Dimension bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schien und der starke Wind ließ uns, obwohl August, frösteln. Die Wolken, in ihrem klaren Weiß, zogen gegen die Wipfel der Berge, zerfaserten dabei und bildeten wieder neue, unförmige Gebilde, denen ich verträumt nachschaute.

Ein paar Postkarten als Erinnerung, ein paar Bilder mit der Kamera, darauf auch das griesgrämige Gesicht meines Cousins und schon ging es wieder hinunter. Der Wind hatte fast Sturmstärke erreicht und so kam es, dass die Gondel plötzlich stehen blieb und wir zwischen Himmel und Erde hingen, hin und her schaukelten und eine Zeitlang nicht wussten, wie es weiter gehen sollte.

Harald bekam einen Wutausbruch, er hielt sich an der Sitzlehne fest und schien von Sinnen. Peinlichkeit stieg in mir auf. Tante und Onkel versuchten ihn zu beruhigen, aber aus seinen Augen sprachen die pure Angst und die Wut. Endlich ging es ein Stück weiter, dann wieder ein Stillstand. Die Gondel schlingerte wieder hin und her, aber alles das war in meinen Augen nicht schlimmer als auf einem Rummelplatz. Ich wusste, ich durfte mir jetzt keine Regung anmerken lassen, denn das hätte die Situation nur noch verschlimmert. Unten angekommen atmeten wir alle auf, Harald, weil er festen Boden unter den Füßen hatte, wir anderen des Umstandes wegen, der Peinlichkeit entkommen zu sein.

Dumm nur, durch den Mann im Billetthäuschen bekam er auch noch Unterstützung, denn der erzählte, dass jetzt der Gondelbetrieb eingestellt würde, da es viel zu gefährlich sei bei diesem Sturm hinauf zu fahren.

Die restliche Fahrt, dem Rheintal weiter folgend, das immer enger wurde, verlief ereignislos und im Licht des sich verfärbenden Himmels, der die Dämmerung ankündigte und im Tal schon lange Schatten über die weiten Hanglagen wandern ließ, fuhren wir den Gotthard-Pass hinauf, erlebten in großer Höhe ein Intermezzo aneinander gereihter Berggipfel, die sich in ihrer Schönheit dem untergehenden Sonnenlicht aussetzten und uns allen, Harald mit eingeschlossen, ein erstauntes – Aaah! – entlockte.
Mein Onkel, der die ganze Zeit gefahren war, lud zum Essen ein und so saßen wir in der gemütlichen Stube des Hospizes und speisten. Trotz der langen Fahrt war eine Art Burgfrieden zwischen Sohn und Eltern entstanden, ich registrierte es als angenehm, allerdings mit der Befürchtung einer erkauften Zeit.

Wie überrascht wir waren, als es draußen zu schneien begann und das im August. In dicken, dichten Flocken fiel der Schnee auf den, vom Licht des Einganges beleuchteten Parkplatz. „An Abfahrt ist nicht zu denken“, sagte die Bedienung, weil der Pass zugeschneit sei. Für meinen Onkel war das kein Problem, er sah gerade jetzt nach dem Essen müde aus, es war ein langer Tag und so entschied man auf dem Gotthard zu übernachten.

Dank des Schweizer Militärs wurde am nächsten Morgen die Straße frei gemacht, wobei ich im Grau des frühen Tages Panzer schemenhaft, im Schneegestöber, über die Kuppe der Passstraße fahren sah. Nach einem reichhaltigen Frühstück ging es dann, da das Geschehene nur eine Laune der Natur gewesen war, ohne Probleme hinab ins sonnige Italien.

Bald schon war in kurviger Abfahrt Ariolo erreicht und nun waren wir auf dem Weg durch den Norden Italiens, am Lago Maggiore mit seinen Palmenalleen ging es vorbei und wir erreichten Turin, näherten uns San Remo und jeder von uns, angestachelt durch meine Tante, war begierig darauf als erster das Meer zu sehen. Am Mittag erreichten wir Arma di Taggia und den Campingplatz, der direkt an der Küste lag. Der Urlaub konnte jetzt beginnen.

Der Strand lag nur unweit unseres Liegeplatzes, etwas unterhalb des Ortes und wir genossen die Freiheit des leichten Camperlebens. Einmal aus der Enge des Autos entlassen, verstanden Harald und ich uns jetzt ganz gut und verbrachten die meiste Zeit damit im Wasser oder am Strand herumzutollen.
Wir verpassten es nicht, unsere Augen auf die jungen Mädchen zu richten, die in ihrer aufblühenden Weiblichkeit genau zu wissen schienen, wie man sich zu bewegen hatte, um es den jungen Burschen schwer zu machen, an ihnen vorbeizusehen. Onkel und Tante kannten den Platz von früheren Besuchen und so wurden sie, auf italienische Weise, mit viel Umarmung und Küsschen hier und Küsschen da, von alten Bekannten begrüßt.

Am Abend saßen wir alle meist in Marios Taverne und aßen das Tagesgericht, tranken dabei ein wenig Spumante und was mich beeindruckte war diese Losgelöstheit vom Urlaubsalltag, diese abendliche Geselligkeit im Kreis von Campingfreunden, die alle Marios Taverne von früheren Besuchen zu kennen schienen. Da wurde gelacht, laut gesprochen, gesungen, sodass es einem in den Ohren summen musste, und ich achtete schon lange nicht mehr auf die Inhalte der Gespräche, die sich wie Spaghettiknoten quer über den Tisch rankten. Aber in meinem Inneren empfand ich die Abende in Marios Taverne als wohltuenden Abschluss eines heißen Tages am Strand.

Ich genoss es einfach in der Ecke der Kneipe zu sitzen, dabei die Leute zu beobachten, wie sie an Mario ihre Bestellungen richteten und wie dieser kleine, emsige Mann, mit der Behändigkeit eines spanischen Toreros es schaffte, mit geübtem Hüftschwung, sich zwischen den Tischen zu bewegen, dabei unablässig seinen Vino de la Casa ausschenkend, zugleich rückwärtsgerichtet, seiner Frau und seiner Schwiegermutter die Bestellungen zuzurufen und für jeden seiner Gäste ein Lächeln bereithielt.

Durch die offene Türe drang der fröhliche Lärm der Straße. Schlagermusik, die mal lauter und wieder leiser wurde, Hupkonzerte der Genua Fans, die den Sieg ihrer Fußballmannschaft lauthals feierten, dann die plötzliche Stille, die sich einpegelte auf das wogende, unterschwellige Geplauder der Gäste in Marios Kneipe. Zu den Höhepunkten gehörten die Abende, wenn es vom Grill Hähnchen gab, dann war die Kneipe bis zum letzten Platz besetzt und alle rückten, wie selbstverständlich zusammen. Kein Gemurre, kein lautes Wort, alle gaben sich der Enge des Raumes hin und waren bereit, zum Nutzen aller, sich mit der Beengtheit der gemütlichen Gaststätte zu disponieren.

Die Ruinenstadt

So vergingen die Tage und mit ihr kam diese wohltuende Routine, die einen heimisch werden lässt und uns nicht nur den Eindruck vermittelte, dass wir dazu gehörten, nein vielmehr noch den Neuankömmlingen gegenüber einem Gefühl der Überlegenheit aufkommen ließ.
Die Tage verliefen nach einem gewissen Ritual. Morgens wurde eingekauft und am Nachmittag, nachdem die Zwischenzeit mit Faulenzen oder Ballspielen und Tauchgängen am Strand verbracht wurde, begannen die Exkursionen ins Hinterland oder zu anderen Städten wie Genua, Imperia oder San Remo.

„Bussano Vecchia müssen wir unbedingt besuchen“, sagte meine Tante, die, mit einem Reiseführer bewaffnet, genau zu wissen schien, welches kulturelle Erbe Italiens sie uns zu vermitteln hatte und tags darauf fuhren wir Richtung San Remo am Meer entlang. Die Sonne verteilte ihre Strahlen unbarmherzig auf Mensch und Tier und auf das Autodach des großen Kombis.

Schon lange vor der Fahrt waren die Fenster geöffnet worden und der Duft von Blumen und salzigem Wasser vermischte sich im Fahrtwind zu einem Odem, der zu Italiens Unverwechselbarkeit beiträgt und es unvergessen werden lässt. Ich saß im Font des Wagens und ließ die Landschaft wie einen Film an mir vorüberziehen.
Ich betrachtete den Himmel über dem Meer, wie er die Wolken langsam vor sich herschob. Es war ein festlicher Himmel, strahlend blau und die Wolkenformationen, eine nicht enden wollende Reihe von bauschigen, weißen, wattigen Bällen, die sich bemühten, hinter den ersten Hügeln zu verschwinden. Es sind die Augenblicke, die man nicht vergessen kann, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt, außer vielleicht den, dass man reinen Herzens ist.

Vom Parkplatz führte ein Weg hinauf nach Bussano, er war schmal und steinig. Wir hatten den Wagen unten am Aufgang zum Ort unter Platanen geparkt und so stolperten wir hoch zur halbverfallenen Stadt, deren Kirchturmspitze, sich noch immer in den Himmel reckte, als wäre nie etwas geschehen.

So erfuhr ich auch von dem Erdbeben von 1831 und der alten, von den „Artisti“, also den Künstlern, wieder entdeckten Stadt, in der sie sich heimisch fühlten und ihre Waren, in Form von Ölbildern, Grafiken und Tonarbeiten, den Touristen anboten und damit die Grundlage zum Erhalt des Ortes schufen. Das neue Bussano war nur unweit des Meeres neu aufgebaut worden, diente somit den Menschen als neue Heimstadt, ohne auch nur im Endferntesten an das Flair des historischen Bussano Vecchia heranreichen zu können.

Am Eingang bot ein alter Mann Wurst an und mein Onkel überzeugte mich, dass ich es unbedingt mit einer Semmel ausprobieren sollte, das Geheimnis des Geschmacks läge im Belag selbst, denn es handele sich um Eselswurst. Verfallene und verlassene Orte, so mein Eindruck heute nach vielen Reisen, beherbergen die Geschichten ihres eigenen Niedergangs wie ein Geheimnis, das einen nicht loslassen will.

Als Harald und ich uns von Tante und Onkel verabschiedeten, weil wir unsere eigenen Entdeckungen machen wollten ohne den mahnenden Blick von Erwachsenen, schlenderten wir durch die verfallenen und verwinkelten Gassen und was uns überraschte, wir konnten in jedes Haus eindringen.
Da beeindruckte uns der jähe Lichtwechsel von hellem Sonnenschein zum fast vollkommenen Dunkel, wenn man vom Vorplatz kommend, nach nur wenigen Metern in den Schatten einer Mauer trat und durch den Durchschlupf in die Ruinen eines Hauses eindrang. Hier hatten einmal Menschen gewohnt bis zu diesem unheiligen Tag, als die Erde zu beben begann, die Menschen zum Teil unter sich begrub und ihre Existenz zerstörte.

Uns umgab ein ungutes Gefühl, als wir eine ganze Zeit lang durch die Gewölbe der Häuser kletterten, so als würden wir etwas Verbotenes tun. Hier im Inneren war es angenehm kühl, draußen auf dem Vorplatz war es vor Hitze kaum auszuhalten gewesen. Als wir mit uns alleine beschäftigt waren und staunend von der Gasse durch die Kellerluken in die halbverfallenen Gewölbe schauten, uns verwundert zeigten über die Größe der Gebäude, in denen es vor langer Zeit hochherrschaftlich zugegangen sein musste - da, unvermittelt, stand sie plötzlich in der Gasse, dieses hübsche Mädchen mit den langen blonden Haaren.

Wie sie hierhergekommen war, wussten wir nicht. Sie schien so neugierig wie wir zu sein: „Vermutlich Italienerin“, sagte Harald, sie aber hielt sich an einer der Abbruchkanten der Mauer fest und lächelte uns an und ging, wie selbstverständlich, mit uns zum Ausgang der Passage.
Als wir in das Sonnenlicht eines kleinen Platzes traten, wurde das Mädchen plötzlich unruhig, sie schaute hinüber zu einem Mann. Er fiel uns sofort auf, er schien auf etwas zu warten. Er stand auf der gegenüberliegenden Seite und lehnte an eine Eisenbrüstung, er war etwa Mitte zwanzig, schlank, mit dunklem Polohemd und heller Hose.

Als er uns erblickte, stieß er sich von der Brüstung ab und überquerte den Platz. Merkwürdig nur, in seiner Bewegung, im schnellen Wegwerfen der Zigarette, dabei den Blick starr auf das Mädchen gerichtet, lag eine Unrast, als hätte er auf sie gewartet.
Harald und mich schaute er mit einem Seitenblick nur kurz an. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem blonden Mädchen. Wir fanden das merkwürdig, denn sein Blick war eindeutig. Das Mädchen wich zurück, zuerst zögerlich, dann aber drehte sie sich ruckartig um und begann zu laufen und wir folgten ihr, zuerst langsam, von der Situation noch völlig überrascht.
Doch kaum im Gewirr von Gassen und verfallenen Häusern, gingen wir jetzt schnellen Schrittes, halb rückwärtsgewandt, hinter ihr her.

Wir wollten sehen, ob es sich um ein Missverständnis handelte, ob er uns wirklich folgte. Als wir sahen, dass er im leichten Trab den Platz überquerte, begannen auch wir zu laufen. Warum taten wir das? Wie eine Herde die Gefahr wittert, hatten wir sensitiv reagiert. Aus dem Laufen war dann ein Rennen geworden und der Mann begann ebenfalls zu laufen. Warum tat er das? Kannten sich die beiden? Es schien kein Spaß zu sein, dafür wirkte das Mädchen zu entschlossen. Harald sprang durch die nächste Öffnung, die wir, im Gegensatz zu diesem Mädchen, schon erkundet hatten.

Ich hetzte jetzt hinter ihnen her, sprang dabei über die am Boden liegende Steinbrocken, während Harald den nächsten Treppenabsatz anvisierte, dessen untere drei Stufen fehlten und insgesamt nur noch aus Fragmenten bestand. In ihrem Gesicht spiegelte sich Furcht, als sie den Mann durch den Durchlass klettern sah. Im oberen Stockwerk liefen wir einen Gang entlang, es schien wohl einmal ein Herrenhaus gewesen zu sein, denn viele Türöffnungen gingen links und rechts ab.

Harald schlüpfte durch eine der Eingänge und blieb wie erstarrt stehen. Es gab keinen Fußboden mehr, an den Wänden entlang befanden sich nur noch Bruchstücke. Zurück konnten wir nicht, der Mann hatte den Gang erreicht und er würde durch jede Öffnung sehen und er würde uns unweigerlich finden.
Also blieb nichts anderes, als mit dem Rücken an der Wand gepresst sich seitwärts zu schieben und zu hoffen, dass der gestückelte Rest des ehemaligen Bodens, der an der Mauer zu kleben schien, nicht nachgab. In den Tiefen des Kellers, im Fastdunkel, sah man schemenhaft die Trümmerstücke des, wie sich später herausstellte, überall in den Häusern gesprengten Bodens, der verhindern sollte, dass sich „Gesindel“ einnisten konnte.

Der Mann stand im Durchbruch und schaute zu uns herüber, da war kein Grinsen mehr, er wollte zu ihr und er zögerte nicht, drückte sich jetzt ebenfalls an der Wand entlang. Wir bewunderten das Mädchen, das sich nicht eine Sekunde geweigert hatte uns zu folgen.
So bezwangen wir den Raum bis zur nächsten Öffnung in der Wand, drangen in das nächste Zimmer ein, das großzügigere Verzierungen an den Mauern aufwies. Rannten gehetzt die nächste Treppe hinunter, gelangten dabei in ein Kellergewölbe, in dem es bergeweise Schutt und verrottetes Holz, aber auch fast kein Licht gab.

Mit fliegendem Atem überwanden wir den Raum bis zur nächsten Lücke in der Wand, drangen in das nächste Zimmer ein, mit herrschaftlicher Stuckatur an den Mauern, rannten keuchend die nächste Treppe hinunter, gelangten dabei in ein Kellergewölbe, in dem es erstaunlicherweise mal keinen Schutt gab. Wir beschleunigten das Tempo, und mit fliegendem Atem überwanden wir die nächste Gasse, um im nächsten Haus zu verschwinden.

Man brauchte immer einige Zeit, um sich ans Dunkel zu gewöhnen. Für einen Moment verharrten wir, aber Zeit hatten wir keine, denn unmissverständlich hörten wir die Schritte des Mannes auf der Gasse, der zu ahnen schien, in welcher der Durchlässe wir verschwunden waren. So kam es, dass ich stolperte, hinfiel, mich aufraffte und dem nächsten Arkadengang zustrebte. Endlich erreichten wir einen Schutthügel, den wir erkletterten und hasteten durch einen Durchlass. Wir befanden uns in einer der Gassen, die uns am Ende helles Sonnenlicht versprach.

Völlig ausgepumpt erreichten wir den Vorplatz, auf dem sich die Touristen um einen Wagen scharten, vor dem ein Verkäufer Taschen und Bekleidung zu Spottpreisen anbot. Nach vorne gebeugt, die Arme auf die Knie abgestützt standen wir da, unfähig ein Wort herauszubringen, uns fehlte einfach die Luft.
Das Mädchen lächelte uns an, winkte mit halb erhobener Hand und lief über den Platz zu einer Gruppe von Leuten, vermutlich ihre Verwandten, denn sie verschwand sofort in ihrer Mitte, nicht ohne noch einmal über den Platz zu schauen.

Da stand er, der Mann hatte sich eine Zigarette angesteckt, er lehnte am Gassenausgang im Schatten einer Mauer und schaute fast unbeteiligt zu uns herüber. Keine Geste, kein Fingerzeig verriet, dass wir noch vor Minuten fast wie um unser Leben gerannt waren. „Ein merkwürdiger Kerl“, sagte ich zu Harald, er lächelte und nickte. Keiner von uns ließ erkennen, dass er Angst gehabt hatte. Auf Nachfrage meiner Tante bestätigten wir, dass wir uns Bussano angeschaut und es als sehr sehenswert empfunden hätten, ohne ein Wort über das Vorgefallene zu erwähnen.

Tage später gab es ein Fahrradrennen und Zigtausende standen an den Straßen mit bunten Fähnchen und schon lange bevor der Pulk der Rennradler zu sehen war, fuhr ein Autokorso durch die Straßen.
Mit Lautsprechern ausgerüstet, die ohrenbetäubenden Lärm verursachten und Sprechern, die in italienischer Sprache ihre Produkte anboten oder über den neuesten Stand des Rennens informierten, dabei durch Musikfetzen immer wieder gewollt unterbrochen wurden. Eine Schönheitskönigin in einem offenen Wagen wurde lauthals bejubelt.

Als der Tross sich durch die Straßen windend, seine Kraft verlor und man gespannt sein durfte, was als Nächstes käme, fuhren Motorräder der Carabinieri vorbei und die ersten Zuschauer reckten ihre Hälse weit über die Absperrungen, um ja nichts zu verpassen.
Ein Augenblick gespenstischer Anspannung legte sich über den Straßenzug, wie wohltuend dachte ich, doch einige Augenblicke später hörten wir die metallische Stimme laut und übersteuert aus dem Megafon, die sich an Hauswänden brach, sich mit dem Näherkommen noch zu steigern schien, dazu das anschwellende Johlen der Massen.

Noch etwas entfernt, aber wie eine Welle rauschte es heran, glaubte man ein feines Surren zu hören, es nahm an Intensität zu und schien von nichts aufzuhalten. Und dann, ganz plötzlich, kamen sie aus der Enge der gewundenen Straße, tief über dem Lenker gebeugt, mit verzerrten Gesichtern, in denen sich der verbissene Kampf um die führende Position widerspiegelte.

So kam die erste Reihe herangejagt, dicht gefolgt vom Verfolgerfeld. Die Hysterie der Massen spiegelte sich im Schwenken der Fahnen und im infernalischen Geschrei wider. Da wurden Namen von Rennradheroen gerufen und Viva Italia. Harald und ich standen in der ersten Reihe hinter der Absperrung und verstanden nicht, dass es sich um den Giro d´ Italia handelte.

Für uns war es lediglich ein Radrennen, …und dann war da plötzlich dieser Hund. Er lief von unserer Seite kommend zwischen den Beinen der Leute durch und rannte über die Straße, doch die Masse der dicht gedrängten Menschen auf der anderen Seite, gewährte ihm keinen Durchlass, also kehrte er zurück, auch hier keine Chance. Er versuchte es, vor der drohenden Wand von heranrasenden Radlern, noch einmal, aber zu spät.
Die erste Reihe der Fahrer auf ihren Rennrädern, unfähig auszuweichen, wurden so zu Fall gebracht, dass es aussah, als wären sie von einer Maschinengewehrgarbe niedergemäht worden.

Das Geschrei war atemberaubend und immer mehr des nachfolgenden Trosses fuhr in das darniederliegende Gemenge hinein und ein Haufen von stöhnenden Leibern, verfangen unter Draht und teuren Stahlrohren lag auf dem Asphalt. Eben noch den vermeintlichen Sieg vor Augen, wurde ihnen ein kleiner Hund zum Verhängnis, der jetzt, von Wutausbrüchen, Fußtritten und infernalischem Geschrei begleitet, einen Durchschlupf suchte, ihn endlich fand und hinter den aufgebrachten Menschenreihen das Weite suchte.

Harald und ich waren begeistert von all´ dem Gemenge und dem Geschrei, wir lösten uns aus dem Gewirr von Menschenleibern, die sich aufführten, als wäre der Weltuntergang erfolgt, wir lachten aus vollem Hals und liefen über den Sandstrand, hinunter zum Ufer.

Die Hitze und das Gedränge der Straße lockten uns ins Wasser und so sprangen wir in die Wellen, die sich, was uns erst jetzt auffiel, breitbrüstig auf den Strand warfen und uns ins Wanken brachte. Die Abkühlung tat gut und ich genoss es von den hohen Wogen gepackt und herumgewirbelt zu werden, alleine aus dem Grund die Hitze aus meinem Körper zu bekommen.

Erst jetzt bemerkte ich die Kraft, die in den heranrollenden Wellen lag, das hatten wir bisher so nicht erlebt, und so bekam das Badeerlebnis seinen besonderen Reiz. Doch mit der Zeit begriffen wir, dass der heutige Tag anders war, die Brandung am Strand hatte weiter merklich zugenommen, sehr zu unserer Freude.
Wir ließen uns von dem Wassersog von den Füßen reißen und hinaustragen, um Augenblicke später von der nächsten, mächtigen herannahenden Woge mit Wucht wieder an den Strand gespült zu werden. Das machte Laune und unterschied sich natürlich merklich vom vormittäglichen Wassertreten und den Strandspaziergängen.

Aber der Himmel zeigte an diesem Nachmittag eine merkwürdige Blässe und Zirruswolken präsentierten sich über dem Meer. Immer wieder stürzten wir uns in die heranrollenden Wogen und immer häufiger wurden wir von der Kraft der sich überschlagenden Wellen aus unserer Bahn geworfen, sodass wir das eine oder andere Mal hilflos hin und her geschleudert wurden und nicht mehr wussten, wo wir uns tatsächlich befanden.
Das herumgewirbelt werden und die saugende Kraft des Wassers, das uns den Sand unter den Füßen wegriss, beeindruckte uns sichtlich und zwang uns immer öfter ein krampfhafteres Lächeln um die Lippen. Dass uns die Angst beschlich, hätten wir niemals zugegeben. Denn jeder beobachtete den anderen ganz genau.

Der Wind nahm zu und es wurde kühl. An einem der Masten wurde vom Strandwächter ein roter Ball hinaufgezogen. Aber genau jetzt erschien uns das Wasser viel wärmer als die umgebende Luft und vermittelte uns so ein wohliges Gefühl trügerischer Geborgenheit, wenn man sich nur tief genug im Wasser befand. Schaute man hinaus aufs Meer, so befanden sich in der Mitte der Bucht künstliche Klippen, geschaffen aus riesigen Steinquadern, die als Wellenbrecher dienten.

Hier draußen tobten die Wassermassen besonders stark. Die Geräusche des brechenden, grauen Wassers an den Felsen und die aufschäumende Gischt, die sich kaskadenartig, mit klatschendem Geräusch, über die Steinblöcke verteilte, ließen uns zeitweilig erschauern.
Aber wenn wir uns, noch immer beeindruckt von den lauten Geräuschen des aufschlagenden Wassers ansahen, dann lächelten wir uns an. Dabei beobachtete jeder argwöhnisch den anderen ob eines verräterischen Zuckens, was sofort als Schwäche gedeutet worden wäre.

Wir waren jung und standen uns bei allen Sportaktivitäten, seit Beginn unserer Ferien, wie Konkurrenten gegenüber. Das geschah alles ohne, dass es ausgesprochen oder überdeutlich dargestellt wurde. Es war seit Anbeginn des Urlaubs ein permanenter, gegenseitiger Wettstreit, ein Kräftemessen, das halb spielerisch ablief. Zu lange schon dauerte dieses Geplänkel zwischen uns, wir lagen auf der Lauer und versuchten bei Spiel und Sport, in einer Art Kräftemessen, die Schwächen des anderen auszuloten. Wir wussten beide, es musste eine Entscheidung her.

Ich weiß nicht mehr wer als erster den Gedanken aussprach, aber diese Idee, einmal laut angedacht, duldete keinen Aufschub und musste sofort umgesetzt werden. Es galt, plötzlich als besondere Herausforderung diesen Wall aus Steinen, der weit draußen als Wellenbrecher diente, zu um schwimmen.
Der Gedanke war geboren, bekam plötzlich eine übermächtige Bedeutung und ließ sich nicht mehr zurücknehmen. Als Antwort schlugen die heranrollenden Wellen mit Getöse an den Strand, als wollten sie sich der Kampfansage stellen.

Sofort war keinem von uns beiden mehr wohl bei diesem Gedanken und wir hätten ihn so gerne wieder aufgehoben, aber eine einmal ausgesprochene Idee und ist sie noch so absurd, bekommt plötzlich eine Mächtigkeit, ein Eigenleben, ist unverrückbar und ist nicht mehr rücknehmbar ohne Gesichtsverlust.
Die Sache war also abgemacht und es ging los. An einem planmäßigen Hinausschwimmen war nicht mehr zu denken, man musste sich den Bewegungen des Meeres hingeben wie Treibgut, um sich halbwegs kontrolliert mitreißen zu lassen. Dabei die eine oder andere Ladung an Salzwasser oder Sand, die einem in Nase und Ohren drang, in Kauf nehmen.

Als wir die ersten sich überschlagenden Brecher überwunden hatten, konnten wir uns, weil die Wellen hier in großen, grauen Buckeln mächtig dem Strand zustrebten, mit mechanischem Schwimmrhythmus langsam auf das offene Meer zu bewegen.
Mein Vetter, vor mir gestartet, tauchte dabei immer wieder für einen kurzen Moment auf, um gleich darauf, für den gleichen Zeitraum, im nächsten Wellental zu verschwinden. So ging, dass eine Zeit lang und Harald schwamm. Sein roter Haarschopf verschwand gerade wieder für einen Augenblick, während ich mich zur gleichen Zeit im Wellental unter ihm befand.

Immer wieder sah ich sein rotes Haar, manchmal nur für Sekunden, dann tauchte er wieder ab. Ich hingegen wurde von einer mächtigen Woge nach oben getragen und überblickte dabei für Momente die heranrollenden Wellenkämme.
Die Felsklippen, graue, tonnenschwere, würfelartige Felsbrocken, lagen links voraus und deuteten auf das Ende der Bucht hin. Als ich beim nächsten Mal den Wellenkamm erreichte, sah ich weiter voraus einen Schwimmer nahe der Klippen. Ein junger Bursche, vielleicht etwas älter als wir, mit schwarzen Haaren, auch er tanzte in den Wellenbergen auf und nieder.

Ich verschwand wieder, weil es abwärts ging und sah den Burschen und meinen Vetter, der mir natürlich viel näher war, beim nächsten Aufstieg für einen Moment gleichzeitig. Jetzt erschien mir die Kraft der Wellenberge, genau da am schauerlichsten zu sein, wo sich der Bursche nahe an den Felsen befand.
Die aufschlagenden Wassermassen zerbrachen im Gewirr der scharfkantigen Felsen und man hörte deutlich das Aufschlagen des klatschenden Wassers auf den höher gelegenen Steinen. Auch schien es mir bei meinem nächsten Wellenritt, dass der Bursche Gefahr lief auf die Felsen gedrückt zu werden und mächtig zu kämpfen hatte um freizukommen.

Jetzt wurde mir mit einem Male klar, dass unser Vorhaben um die Wellenbrecher zu schwimmen eine völlig idiotische Idee war, aber zurückschwimmen, um Harald den Triumph zu lassen, es gewagt zu haben, konnte ich nicht dulden. Ich würde weiter machen und um die Felsklippen schwimmen, koste es was es wolle.
Während ich wieder talwärts raste, begriff ich, dass ich weiter rausschwimmen musste, Richtung offenem Meer, um auf keinen Fall mit den scharfkantigen Felsen in Berührung zu kommen.
Harald sah ich nicht mehr, zu sehr konzentrierte ich mich jetzt auf mein eigenes Vorwärtskommen. Nach einiger Zeit ließen meine Kräfte etwas nach und aus den Schwimmbewegungen wurden Paddelbewegungen, die mich mehr auf der Stelle stehen, ließen als, dass ich vorwärtskam.

Ich musste mich mit dem Gesicht zum Strand ausrichten, um von den heranrollenden Wasserbergen nicht noch mehr schlucken zu müssen. Die Paddelbewegungen halfen dabei auf der Stelle zu stehen.
Mein Gott der Strand! Er war weiter entfernt als ich dachte und was mich erstaunte, waren die vielen Menschen, die sich am Ufer befanden. Die bunten Sonnenschirme und die Fahnen, die sich heftig im starken Wind bewegten, die herumtollenden Kinder, deren Gejohle zu mir herüberdrang, der Eisverkäufer und der Strandwärter mit seinem roten T-Shirt. Im Wasser befand sich niemand mehr. Harald, wo war mein Vetter? Ich drehte mich zurück zur Meeresseite und links von mir tauchte plötzlich die Steinklippe auf.

Verdammt, der kurze Moment des Verschnaufens hatte ausgereicht, mich im D-Zugtempo auf die Klippen zu schieben. Panik kam auf, jetzt reagierte ich instinktiv, kein klarer Gedanke, der mich steuert. Impulsartig schwamm ich mit aller Kraft, die mir noch blieb aufs Meer hinaus, ich tauchte unter in der Hoffnung, so mehr Strecke machen zu können, nur weg von den Felsquadern.

Das Blut pocht in meinen Schläfen, ich bekam nicht genug Luft, ich schlug das Wasser mehr als dass ich schwamm und dabei wurde ich von einer übermächtigen Faust nach oben gerissen. Dann spürte ich beim Hinabtauchen auch schon den Felsen unter meinen Füßen. Ich stieß mich ab und drehte mich gleichzeitig zum Felsen, denn ich musste um jeden Preis verhindern, dass ich an ihn stieß und dabei die Besinnung verlor. Bevor das Wasser brach, stieß ich mich noch einmal vom Felsen ab und durchtauchte wieder den heranstobenden Wellenberg.

Mit lautem Knall brach sich das Wasser hinter mir am Felsen, ich erschauerte und tastete mit meinen Füßen nach festem Untergrund, aber da war nichts.
Ein kurzer, hastiger Blick über die Schulter und ich sah das Ende der Steinmole kurz neben mir. Das Meer zog sich für einen Moment mächtig zurück, um wieder zu einem fürchterlichen Schlag ausholen zu können.

Diesen Augenblick der Ruhe nutzte ich und mit heftigen Schwimmbewegungen, die mir alles abverlangten, gelangte ich zum Klippenrand.
Die nächste Welle, die an Mächtigkeit alle anderen übertraf, riss mich förmlich nach vorne und ließ mich dabei um Zentimeter an den scharfkantigen Felsen vorbei in Richtung Ufer wirbeln. Ich wurde dabei wie ein Spielball um meine eigene Achse gedreht und Wasser drang mir in Nase und Mund.

Ich verlor die Kontrolle und wusste nicht mehr wo oben und unten war. Mit den Armen wie wild rudernd, tauchte ich endlich auf, würgte, hustete, schnappte gierig nach Luft und erwartete noch mit geschlossenen Augen den nächsten Wellenschlag. Erst jetzt bemerkte ich, dass es um mich herum merkwürdig still war. Keine Welle, die mich nach oben zog, kein Sog, der an mir zerrte, fast glatt lag die Wasserfläche vor mir.

Ich öffnete die Augen und sah direkt vor mir übereinander geschichtete, riesige Steinquadern und eine seltsame Ruhe lag über alles. Ich begriff endlich, ich befand mich direkt hinter den Felsen, die mich jetzt schützten.
Mit zitternden Knien und langsamen, wieder kontrollierteren Bewegungen, um meinen Puls zu beruhigen, schwamm ich langsam auf das Ufer zu. Harald, weiter rechts von mir, musste den Strand gleich erreicht haben. Jetzt sich bloß nichts anmerken lassen, dachte ich mir.

Als ich den Grund unter meinen Füßen spürte, beschlich mich tiefe Erleichterung und ich brauchte einen Moment, um mich darauf konzentrieren zu können, dass mich meine Beine jetzt tragen mussten.
Harald lag am Strand und ich ließ mich neben ihm nieder. Keiner sprach ein Wort. Die kühle Luft ließ eine Gänsehaut entstehen und unsere Zähne klapperten. So lagen wir im warmen Sand, der langsam seine wohltuende Wirkung ausübte. Auf den Ellenbogen gestützt, dabei auf das Meer hinausblickend, dachte wohl jeder über das Geschehene nach und musste es für sich verarbeiten.

Als ich den Strand hinaufsah, bemerkte ich eine Ansammlung von Leuten, die auf etwas am Boden Liegendes schauten. Zwei Carabinieri, in ihren blauen Uniformen, schritten durch den knöcheltiefen Sand zielgenau auf den Pulk von Menschen zu. Auch wir hatten uns erhoben und gingen jetzt, wieder mit neuen Kräften versehen, auf die Stelle zu, die so viel Aufmerksamkeit erregte.

Als wir näher herantraten, erkannte ich ihn wieder, es war der junge Mann, den ich nahe der Klippen im Wasser gesehen hatte. Seine geöffneten Augen starrten hinauf in den eisblauen Himmel und weißer Schleim drang aus seinen Augenwinkeln. Auf seiner braunen Haut war keine Bewegung zu sehen, kein Atem, der seine Brust hob.

Eine Frau, mit schwarzen Haaren, unter einem farbigen Kopftuch, drängte durch die Menge der Leute und schrie, in den Sand stürzend, den Namen des jungen Mannes.
Ein beklemmender Augenblick. Ich wollte mich abwenden, aber ich konnte es nicht. Die Frau schrie ununterbrochen, die Carabinieri fassten sie an den Schultern, aber sie riss sich los und lag quer über dem Leichnam. Es war die Tante, wie sich später herausstellte. Ich wandte mich ab, tief betroffen ging ich hinter meinem Vetter her, langsam den Strand entlang zum Zeltplatz.
Erzählt habe ich die Geschichte nie.
 


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