Die Näherinnen von Hoheneck

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Starrer Blick, getrocknete Träne,
fern sind alle Freiheitspläne.
Dicht gedrängt in Einsamkeit,
an den Maschinen, verlorene Zeit -
Sie nähen, sie nähen!


Die Nadel hämmert im Akkord,
in die Stoffe, es fällt kein Wort,
gnadenloser Wäschestrom,
Richtung Westen, welch ein Hohn -
Sie nähen, sie nähen!


Vor den Räumen ohne Lachen,
Türen in die Schlösser krachen.
Verzweiflung hier die Stille füllt,
Kälte diesen Ort einhüllt -
Nähen sie? Sie nähen!

 
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Tula

Mitglied
Hallo Steffen
Hätte ich mich jetzt nicht belesen, wüsste ich nicht, dass es hier um ein ein bzw. DAS Frauengefängnis der DDR geht. Bildungslücke meinerseits. Ob damit das Leben bzw. die Arbeit (obendrein für den Westexport) hinreichend verdichtet werden, da bin ich mir nicht sicher. Der Bezug zu den schlesischen Webern führt mich als Leser eher auf die falsche Fährte. Meine erste gedankliche Reaktion war: wieso, die sitzten doch heute in Bangladesh in einer abrissreifen Halle?

Nichtsdestotrotz informativ. Als alter Ossi hätte ich das selbst kennen müssen.

LG
Tula
 
Hallo Tula,
ich kann dich beruhigen, mit deiner "Bildungslücke" befindest du dich in guter und großer Gesellschaft. Bautzen, Hohenschönhausen oder Torgau usw. sind als Synonyme des DDR Unrechts wesentlich bekannter. Der Standort Hoheneck (seit dem 2.WK größtes Frauenzuchthaus in der DDR) wird seit 2019 offiziell vom Bund gefördert und wird als Gedenkstätte voraussichtlich 2023 eröffnen. Die DDR hat mit Hilfe der Zwangsarbeit von (politischen) Gefangenen enorme Summen an Devisen verdient.
Der Bezug zu den schlesischen Webern war natürlich gewollt und bezieht nicht auf die heutige sondern eher auf die damalige Zeit. Die in Hoheneck hergestellten und im Westen verkauften Strümpfe und Bettwäsche kann man schon im übertragenen Sinne als Teil des Leichentuches der DDR ansehen.

Es freut mich, wenn ich einige auf das Thema aufmerksam gemacht habe. Es gibt ein paar sehr informative Reportagen vom MDR, ARD.

Viele Grüße
Steffen
 

HerbertH

Mitglied
Das war nur eine Idee, dass man die letzte Zeile Deiner Strophen durch eine kleine Umstellung anderen Assoziationen öffnen könnte :) In der Tat passt hier Dein Fragezeichen, z.B.

nähen sie ? sie nähen !

Bitte nur als Anregung verstehen. Deine Version

Sie nähen, sie nähen!

hat auch viel für sich, weil die Wiederholungen die monotonen Arbeitsabläufe
abbilden ...

Mit freundlichen Grüßen

Herbert
 
Vielen lieben Dank, Herbert. Das ist ein guter Gedanke. Es würde tatsächlich einen kleinen Aha-Effekt generieren. Auf der anderen Seite, wie du bereits selber andeutetest, die Monotonie war ein Merkmal des Lebens dort im Zuchthaus. Hmm, je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir der Gedanke, das dritte "Sie nähen, sie nähen! durch "Nähen sie? Sie nähen!" zu ersetzen. Das letzte "Sie nähen!" würde es noch einmal betonen. Danke auf jeden Fall für deinen Einwurf! Geändert! :)

Viele Grüße
Steffen
 


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