Die Reise nach Fire Island

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Vor Monaten bekam ich von einem mir Unbekannten als Anhang zu einer E-Mail die folgenden Aufzeichnungen. Der Absender benutzte eine nichtssagende Buchstaben- und Ziffernkombination - ich weiß nicht, wer sich dahinter verbergen könnte. Der Unbekannte bot mir an, den Text für eine Geschichte zu verwenden. Ich sah hinein, las mich fest – es war das Tagebuch einer Fickreise in den Siebzigern, nach Stonewall und vor Aids, irgendwann dazwischen. Mir schien bald, dem Ablauf dort sei nichts mehr hinzuzufügen und ich dürfe auch nichts Wesentliches weglassen. Die Zeitumstände waren wie abfotografiert, und ihre innere Verarbeitung durch den Reisenden wollte ich weder beurteilen noch verfälschen. Ich veröffentliche das Dokument allerdings stark redigiert, so sehr, dass der Text auch als mein Werk gelten kann. Nur noch das: Der Unbekannte will schon alle Namen geändert haben. Um sicher zu gehen, habe ich das noch einmal getan und hoffe, nicht durch Zufall einmal an den wahren Namen geraten zu sein …

Gestern bin ich von New York kommend wieder in Berlin eingetroffen. Ich hatte mich drüben als sehr europäisch empfunden und an vielem Anstoß genommen. Ich hatte mich keineswegs immer wohl gefühlt und das Land oft verwünscht. Nun aber empfinde ich Deutschland in seiner Wohlgeordnetheit als langweilig, Berlin kommt mir kleinstädtisch und das Leben hier allzu besinnlich vor. Ich hatte mich doch an die Amerikaner und das Chaos New Yorks gewöhnt, seine Hypertrophie, seine Vitalität … Ich vermisse nun Amerika. Es geht mir wie in vielem: Ich bin gespalten. Ein Teil von mir gehört auf diesen Kontinent mit seiner Kultur, seinen Menschen, seinem sozialen Verantwortungsbewusstsein. Der andere Teil gehört in jenes Amerika, wo alles so groß ist, geschäftsmäßig und kalt.

Es ist unmöglich, mehr als eine Skizze zu liefern. Es war die ereignisreichste Zeit für mich bisher überhaupt. Das Material ist nicht wirklich zu bewältigen. Ich sage mir, eine vernünftige Stoffsammlung ist besser als ein misslungenes Elaborat. Deshalb die Reise zum Teil nur in Stichworten.

2. Mai: Mittags mit Thomas zum Flughafen gefahren. Auf Rhein-Main dann die anderen - große Begrüßung. Von Orpheus die übliche Umarmung mit Wangenkuss. Stundenlanges Warten nach dem Check-in. Abflug zwischen drei und halb vier. Wir hatten gute Plätze vorn im Jumbo, und der Flug war kurzweiliger als ich dachte. Einige betranken sich, Thomas diesmal nicht. Das schien mir ein gutes Vorzeichen.

Von Nordamerika sah ich als Erstes Neufundland unter mir, mit noch viel Eis. Wir landeten am frühen Abend in New York. Spätes, kaltes Frühjahr und lange Wartezeit bei der Passkontrolle. Wir wurden vom Cycle-Club abgeholt und in Privatwagen nach Manhattan gebracht: Fahrt über die Expressways, durch den Queens-Midtown-Tunnel zum Theater-District. Zunächst war ich nur benommen - alles so laut und schmutzig, auch die Luft. Der Verkehr sehr dicht, doch reibungslos funktionierend, wie ein einziger gut geölter Automat mit abertausend Rädchen. Das Hotel lag nahe am Times Square, mehr als tausend Zimmer, gut ausgestattet, nur etwas abgewetzt. Da war jede Freiheit möglich, ein ideales Hotel für uns Sextouristen.

Abends fuhren uns Männer vom Club zum Eagle’s Nest, der Mutterkirche aller Lederbars. Ein Edelschuppen, groß und raffiniert. Das Publikum: jung, attraktiv und blasiert. Ich brauchte zwei, drei Tage, bis ich mich der Blasiertheit angepasst hatte. Viele scheinen nur eine bestimmte Art von Sex suchen, wie Sex-Automaten: Fist fucking (nur aktiv / nur passiv), nur M, nur S. Die Hälfte der Boys trägt äußere Kennzeichen, die genau die gewünschte Art von Sex bezeichnen (Schlüssel, Tücher, Ketten). Faustficken ist überhaupt stark verbreitet, leider. Ich sprach nacheinander mit drei hübschen Männern, darunter ein reizender kleiner Texaner. Alles sprach dafür, dass sie sexuell an mir interessiert waren, ihre Blicke, die Körpersprache ... Ich verstand nicht, warum sie nach zehn Minuten das Gespräch mit leeren Floskeln beendeten. Amerika, das Land der Redensarten: „See you later … Take it easy … Have a good time in … Enjoy it …“ Oberflächliche Freundlichkeit, die nichts bedeutet.

Auf der Reise habe ich mehr als hundert Männer flüchtig kennengelernt. Bei den meisten blieb mir das Seelische verborgen. Als ob das Gefühlsleben weitgehend abgeschafft wäre, durch gesellschaftliches Wohlverhalten ersetzt. Streng beachtetet wird ihr Ehrenkodex – was sich in welcher Situation gehört. Die Kontaktaufnahme folgt fast immer demselben Muster. Rasch aufeinander zugehen – vorher kaum Werben umeinander -, den Namen nennen, äußere Daten erfragen und nennen: Herkunft, Beruf (manchmal sogar das Gehalt!), Dauer und Art der Reise, mit wem, mit einem Lover? Alle wollen unbedingt hören, dass es dir sehr gut gefällt in Amerika. Worüber nicht gesprochen wird: Politik. Auch das persönliche Alter ist tabu. Eine Kontaktaufnahme bedeutet wenig. Sie ist unkomplizierter und viel häufiger als in Europa. Genormt, unpersönlich, deshalb kein Wagnis. – Die Nr. 4 am ersten Abend war anders: Frank, ein Sozialarbeiter aus Philadelphia. Kein Leder. Tolerant, liberal, katholisch, religiös, wirklich freundlich, dennoch amerikanisch in seiner Spontaneität. Ich wollte ihn nachts nicht aufs Doppelzimmer mitnehmen. Er versprach, am andern Tag mittags im Hotel zu sein.

3. Mai: Früh mit Thomas und Willi über den Times Square und zur 42. Straße. Wir frühstückten bei Howard Johnson’s. Dann ging ich allein durch die Midtown: Fifth Avenue, Park Avenue, Grand Central – repräsentativ und kalt. Die 42. mit ihrem Menschengewimmel war mir lieber. Frank kam pünktlich. Er wurde mein Führer durchs Village. Das ist der sympathischste Teil von New York. Wir lunchten im One Potato, dann zeigte er mir den berühmten Pier am Hudsonufer von weitem. Am Spätnachmittag waren wir auf meinem Hotelzimmer zusammen; war schön. Ich brachte ihn nachher zur Penn Station, und er bat mich, ihn in Philadelphia anzurufen. Er war aber nicht zu Hause, als ich dort war. – Abends im Eagle's Nest und im Spike. Keine besonderen Erinnerungen.

4. Mai: Zum Sonntagsbrunch im Eagle's Nest. Anschließend einen Jungen kennengelernt, der ganz in der Nähe wohnte und mich mitnahm - sympathisch. Von ihm zu Fuß ins Ramrod. Mit Orpheus im Choo-Choo und bei Kellers. Viele maskuline Typen, zu viele gut aussehende Männer. Es war irritierend. Abends wieder im Eagle's Nest.

5. Mai: Streifzug durch Süd-Manhattan. Battery Park, Financial District, Chinatown, Bowery. Abends einen großen, hübschen Lederboy im Eagle's Nest kennengelernt. Er nahm mich mit nach Queens. Zwar trug er seine Schlüssel rechts und redete in der Bar viel über SM, war aber recht harmlos.

6. Mai: Zum ersten Mal in der Tinderbox, einem speziellen Klamottenladen. Ein Jeanshemd gekauft. Nachmittags mit der Gruppe die Schiffstour Rund um Manhattan gemacht. Kühl, gute Sicht, sehr lohnend. Was mich am meisten beeindruckte: das massige Hauptquartier der Zeugen Jehovas in Brooklyn, die Brücken über East River und Hudson, das imponierend hässliche Bronx-Ufer. Abends im Eagle's Nest. Keine Erinnerungen mehr. Ach ja, vorher Party für uns bei einem Millionär am Sutton Place. Langweilig.

7. Mai: Schon wieder in der Tinderbox und eine Lederjacke und einen mit Nieten bepflasterten Gürtel gekauft. Nachmittags das erste Mal im Old Warehouse am Pier 48 gewesen. Es steht schon lange leer, ist halb verfallen und tagsüber ein sehr guter Treffpunkt. Nachts könnte man da leicht in die Tiefe stürzen. Ich ließ mir von einem hübschen Jungen einen blasen. Darauf sind dort viele spezialisiert. Abends nicht weggegangen.

8. Mai: Mittags das Gepäck in eine Kirche in Yorkville gebracht. Orpheus wohnte bei dem Pfarrer und dessen Freund, einem Küchenhelfer. Am frühen Abend – bis dahin wieder im Village - ging unser Zug von der Penn Station nach Long Island. Um acht Ankunft in Amityville, die Spuds holten uns ab. Sie gaben gleich eine Party mit Essen im Haus des Präsidenten, der Holländer war. Alle waren liebenswürdig und persönlich, eine Atmosphäre fast wie in Europa. Später besuchten wir ihr Clublokal in Bellmore - viel angenehmer als die Bars in New York. Zwar lernte ich einen sympathischen Burschen kennen, ich war aber schon zum Schlafen woanders eingeteilt. Um drei Uhr nachts gab es noch eine Party, ich weiß nicht mehr wo, und wir Europäer so müde … Endlich Aufbruch nach Massapequa und Übernachtung mit Thomas, Hartmut, Horst und einigen Amerikanern in Jimmys Haus. Es gab Schwierigkeiten mit Jimmy, dem ich sexuell nichts abgewinnen konnte. Trotz der Zurückweisung blieb er gastfreundlich.

9. Mai: Wir wurden um die Mittagszeit nach Sayville gebracht. Von da mit der Fähre nach Fire Island, dem wirklichen Ziel unserer Gruppe. Cherry Grove ist ein Badeort nur für Homosexuelle. Das Hotel war primitiv, die Landschaft karg, aber reizvoll. Am Nachmittag bummelte ich durch die Dünenwälder und fand im Nu einen hübschen New Yorker, den ich ficken durfte. Ich sollte ihn auch anpissen – es klappte nicht, ich hatte zu wenig getrunken. Später Essen mit den Berlinern im Sea Shack, dann mit Orpheus an der Bar: Manöverkritik. In der Tanzhalle bekam ich den ersten Überblick: fast fünfhundert Männer, die am Treffen teilnahmen! Ich stieß auf Tom von den Spuds, den ich schon von Bellmore kannte. Er ist Ende dreißig, hat lange Haare, wirkt europäisch. Er ist Präsident einer Klebstofffirma. Ich fickte ihn auf seinem Zimmer, spielte den Sadisten. Er sagte aber nachher zu mir, meine Küsse hätten ihm am besten gefallen. Wir blieben lange zusammen und gingen noch zu einer Spätparty, dann jeder für sich schlafen.

10. Mai: Ich weiß nicht mehr, wie der Vormittag ablief. Am Nachmittag langer Strandspaziergang mit Tom, dem Präsidenten – kultivierter, sehr freundlicher Mensch. Er schien mich zu mögen und bot eine größere Wanderung für den nächsten Tag an. – Um fünf begann eine Party, veranstaltet von einer Bar aus Washington D.C. Es gab nur kalten Punsch, vermutlich mit einer Droge versetzt. Das Publikum war schnell enthemmt. Ich lernte zu Beginn einen kleinen Frankokanadier kennen: Patrick aus Montreal, dunkel, ein wenig zart und doch männlich, mit kurzem Militärhaarschnitt, einer braunen Motorradjacke und einer olivgrünen Fliegerhose, erst auf Fire Island gekauft, sagte er. Er trug einen Ehering und kam mir gleich untypisch vor. Er war von Beruf Bauingenieur und mit dem Motorrad von Montreal gekommen. Merkwürdige Mischung: mediterran starke Gefühlsempfindung unter einer amerikanisch glatten Oberfläche. Wir beide betranken uns am Punsch und ich verliebte mich in ihn. Tom sah von weitem, was geschah. Er muss dann bald abgereist sein, ich traf ihn nicht mehr.

Um sechs brachte ich Patrick auf mein Zimmer. Er schlief sofort ein – ich blieb wach, war aber stark betrunken. Später hatten wir Sex, zu wenig davon. Er sagte: „Suck, suck!“ – und verhinderte den Orgasmus bewusst. Immer wieder: „Easy! Take it easy. Easy, easy!“ Noch immer betrunken gingen wir gemeinsam zum Dinner und danach auf sein Zimmer. Jetzt hieß es: „Relaxe!“ Dabei hörten wir mit an, wie daneben einer aus Massapequa seinen Freund verhörte. Keine Schläge zu hören, aber anderntags sahen wir entstellende Wunden an dem, der Joe hieß.

Später die Cycle-Show. Zuerst viel Vereinsmeierei, dann erstklassige Parodien auf große Stars. Ich tanzte viel mit Patrick, bis wir um drei Uhr zu einer Spätparty gingen, total erschöpft. Wir landeten bei mir, schliefen zwei Stunden. Um sechs versuchte ich noch einmal, ihn zum Orgasmus zu bringen. Patrick erregte mich sehr, aber er kam nicht aus sich heraus. Das begriff ich nicht – er schien mich zu mögen, ging aber nie bis zum Letzten. Ich hatte den Eindruck, dass er selten mit Männern schläft.

11. Mai: Frühstück mit Patrick. Dann auf seinen Vorschlag Wanderung am Meer entlang nach Fire Island Pines, noch so ein spezieller Ort. Wir kehrten erst mittags zurück und lungerten später in Cherry Grove herum. Patrick versuchte jetzt, mich auf freundliche Art loszuwerden. Er hatte meinen Gefühlsaufwand festgestellt und wollte sich lösen, hatte nur Skrupel, es mit einer Redensart zu tun. Das war deutlich an ihm wahrzunehmen: dieser Widerspruch zwischen amerikanischer Konvention und individuellem Gefühl. Er wollte herzlos ficken wie alle, konnte es aber nicht. Ich liebte ihn immer stärker. Allein hätte ich zu einer Privatparty gehen können, für die er keine Einladung hatte. Er schlug zartfühlend einen Spaziergang vor, der zum Schluss an dem Partyhaus vorbeiführte. Ich ging nicht hinein und bot ihm vergeblich meine Karte an. Wir beschlossen, uns auf unseren Zimmern auszuruhen. Er bei der Trennung: „Hang on!“ Ich rätselte, was er wirklich meinte.

Abends sah ich ihn im Sea Shack wieder. Er hatte eine neue Bekanntschaft gemacht und ich konnte nicht mit ihm reden. Thomas war jetzt auch neu und heftig verliebt (Mike aus Philadelphia). Er weinte bei dessen Abreise – dabei würde er ihn bald wieder sehen - und fing wieder an zu trinken, zum ersten Mal seit seiner Entziehungskur. Sogar Orpheus weinte ein wenig. Die Stimmung der Europäer war allgemein gedrückt. Wir sagten uns, dieses seelenlose Ficken sei nichts für uns. Nach Stunden war Patrick einmal allein. Ich ging zu ihm, sprach einige Worte zu ihm. „I’m sorry, I like you – very much.“ Ging dann schnell weg, fest entschlossen, im Herbst nach Montreal zu fliegen. Todunglücklich vor dem Einschlafen.

12. Mai: Unsere Clique nahm die Fähre um 8.15 Uhr nach Sayville. Vorher schaute ich in Patricks Zimmer hinein. Aber er lag nicht in seinem Bett und ich sah ihn nicht mehr. Allgemein trübe Stimmung. Uralter Vorortzug. Umsteigen in Babylon, heiß in Manhattan. Es gab Probleme mit dem Gepäck in Yorkville. Wir sollten erst nach fünf wiederkommen. Der Pfarrer hatte Ärger mit seinem Bischof gehabt – Ledertypen in der Kirche unerwünscht! Dreißig Blocks nördlich vom Times Square schon tiefe amerikanische Provinz. Also erst mal mit der Subway nach Südmanhattan. Endlich wieder in der Christopher Street. Im Old Warehouse, im Ramrod, bei den sympathischen Puertoricanern, die ich auf Fire Island kennengelernt hatte, im Ty’s. Dann zurück nach Yorkville, das Gepäck heimlich herausholen. Wonach sich unsere Reisegruppe rasch auflöste. Mit Thomas allein in einer Taxe zur Penn Station und mit dem Metroliner nach Philadelphia. Sehr komfortabler Zug – aber verrotteter Unterbau. Gegen acht Uhr in Philadelphia. Schweres Gewitter bei unserer Ankunft. Mit der Taxe zu Mikes Wohnung in der Pine Street, nahe Downtown.

Mike führte uns abends in die 247 Bar (Hausnummer in der 17. Straße). Die Atmosphäre war nicht so kalt und hektisch wie in New York, genügend interessante Leute, recht aufgeschlossen und weniger kompliziert als in den anderen Städten. Ich wurde von einem Lehrer aus New Jersey abgeschleppt. Zunächst schien er sehr sympathisch. Im Wagen ging’s weit hinaus, durch die Slums von Camden zu seinem Landhaus in einem Gartenvorort. Zu Hause war er auf einmal anders: pedantisch und beinahe unfreundlich. Er sammelte alte Uhren, die alle tickten. Er weckte mich schon um halb sieben: „Is it to early for you? I have to work.“ Dabei hatte er arbeitsfrei. Er brachte mich im Wagen zurück.

13. Mai: Vormittags Stadtbummel mit Thomas. Es war schwül und relativ schmutzig. Hier und da standen kolossale Neubauten. Das Historische war für Europäer nicht sonderlich interessant. Man sah viele Arbeitslose in den Parks, meistens Schwarze. Mike führte uns in seiner Mittagspause zwei Stunden spazieren. Nachmittags ausgeruht und abends großes Essen bei Mike. Danach verschiedene Bars besucht. Ich war allein sehr spät noch in der 247 und lernte einen kennen, der Earl hieß und M-Typ war. Er nahm mich in den Cell Block mit und blies mir einen auf der Toilette. Da hörten wir plötzlich vom Tresen her: „Cops! Be careful!“ Passiert ist nichts.

14. Mai: Mittags wieder Spaziergang mit Mike, dabei Society Hill kennengelernt. Nachmittags mit Thomas Subway gefahren. Sie ist nur für die Ärmsten, das Schäbigste, das ich in Amerika gesehen habe. Abends mit Mike sehr gut und teuer essen gewesen. Danach Ledertreffen der Clubs von Philadelphia im Old Port. Alle wollten mit mir reden, viele mich mitnehmen. Sehr anstrengend, an einem Abend mit dreißig bis vierzig Leuten Englisch zu sprechen. Ich flüchtete in die 247, ging den Männern dort aber aus dem Weg.

15. Mai: Mittags auf dem Bahnhof an der 30. Straße Abschied von Mike und von Philadelphia. Mit dem Zug über Baltimore nach Washington. Ankunft am frühen Nachmittag auf der Union Station. Wir bekamen ein Hotelzimmer in der E-Street, in der Nähe des FBI. Gesamteindruck: Regierungsviertel und Parks sehr ansehnlich, übrige Stadt hässlich, trostlos, ein großes Farbigenghetto. Weiße werden als Minderheit behandelt, z.B. in den Restaurants. – Abends in die dortige Eagle Bar gegangen. Kein zweites Lokal gefiel mir so gut: sehr groß, rustikale Einrichtung (von früher übernommen), gutes Essen, kulturell ambitioniert, auch in der Woche sehr gut besucht, viel Publikum aus den Südstaaten (Georgia, Florida). Die Leute blieben uns gegenüber zurückhaltend. Ich kehrte mit Thomas zurück ins Hotel.

16. Mai: Thomas vermisste Mike und war schlechter Laune. Er ging nur mit bis zum Weißen Haus. Ich unternahm allein meinen großen Rundgang: Lincoln Memorial (hübscher Blick zum Kapitol und hinüber nach Virginia), Potomac (antikisierende Flusslandschaft), Jefferson Memorial, wieder Kapitol – dann Bummel durch das Geschäftsviertel, es kam mir vor wie Ludwigshafen. Es war sehr schwül in der Stadt, daher den Nachmittag im Hotel verbracht. Abends wieder im Eagle. Dort Jeff kennengelernt: groß, dunkel, hübsch. Lederfetischist und Sadist. Bei ihm zu Hause in Alexandria, Virginia, hatte ich Mühe, den Masochisten zu mimen. Jeff aber blieb freundlich – und nicht nur an der Oberfläche. Eine der angenehmsten Bekanntschaften in Amerika. Ich trank ihm zu Gefallen zum ersten Mal Urin und war nicht begeistert. Ich übernachtete bei ihm. Er brachte mich am Samstag zurück ins Hotel. Wir fuhren am späten Nachmittag zum National Airport und flogen nach Boston …

Hier brach der Bericht ab. Ich schickte der Buchstaben- und Zahlenkombination eine Mail und sie antwortete rasch:

Ja, Sie haben Recht, das war noch nicht alles. Ich konnte das Weitere damals nicht mehr so ausführlich schildern. Die Reise hatte mich verändert, mein Lebensrhythmus und meine Gewohnheiten waren anders geworden, amerikanischer. In Berlin ging es dann für mich weiter wie zuletzt in New York. Diese Details aus den Staaten verblassten dagegen schon. Welchen Sinn hätte es noch gehabt, sie weiter genau nachzuzeichnen? Nennen Sie es eine Bildungsreise, was ich hinter mir hatte. Sie müssen wissen, ich war damals noch sehr jung …

Wir waren noch drei Tage in Boston, wo ich außer einem Exilkubaner und dem Wirt des Shed niemand näher kennenlernte. Wir mussten in dem scheußlichen YMCA-Kasten wohnen, da alle Hotels voll waren. Der Kubaner wohnte drüben in Cambridge, er schimpfte auf die Amis, die er alle für unterbelichtet erklärte, und plante gerade, nach Australien umzuziehen. Dick vom Shed gab sich viel Mühe mit uns auf einer mehrstündigen Führung durch Boston, das von allen Städten der Ostküste am europäischsten wirkte.

An einem Dienstag fuhren wir mit dem Zug nach New York, eine große Strapaze. Beim Durchfahren der Bronx wurden wir mit schweren Steinen bombardiert. Wir wohnten wieder im selben Hotel, hatten jetzt getrennte Zimmer. Mein Verhältnis zu Thomas war nach der Reise ein anderes, wir haben uns nur noch selten gesehen. Die letzten Tage in Manhattan: Ich war nun recht abgebrüht. Es machte mir Spaß, mich in den anonymen Massen treiben zu lassen, mich selbst ganz unpersönlich zu fühlen – oder in der Subway zu flirten. Ich hatte noch zweimal Sex im alten Lagerhaus am Pier 48, angenehme, flüchtige Episoden, noch am Nachmittag vor dem Abflug. Am letzten Morgen sah ich beim Frühstück in dem jüdischen Delikatessenladen gegenüber den Texaner vom ersten Abend wieder, der ein Lunchpaket für eine Reise – vielleicht nach Kanada, wo ein Treffen bevorstand – abholte. Er blinzelte zu mir herüber, wirkte sehr geil – aber es war ja nichts weiter mit uns … Zwei Sandkörner in einer Düne - in derselben Düne und zur selben Zeit, immerhin.
 

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