Die Tote am Strand

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Benni

Mitglied
Tag 2 meines Urlaubs auf Malta. Als ich morgens den Frühstücksraum betrete, ist die Stimmung seltsam. Urlauber, die sich gar nicht kennen, unterhalten sich aufgeregt über die Tische hinweg. Kellner stehen herum und starren auf ihr Handy. Eine Frau nippt still an ihrem Kaffee, während ihr Tränen die Wange herunterlaufen. Da alle Tische belegt sind, setze ich mich zu einem älteren Pärchen, das mich freundlich anlächelt.
„Wissen sie, was hier los ist?“ frage ich, während mir einer der Kellner Kaffee einschenkt.
„Eine Tragödie“, antwortet der Mann, „Patricia Jolie ist scheinbar heute Nacht hier auf Malta ertrunken!“
„Die Schauspielerin?“ frage ich erstaunt zurück.
Beide nicken betroffen.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagt die Frau, „so schön, so talentiert und dann sowas!“
Um zu überprüfen, ob das auch wirklich wahr ist, hole ich mein Handy heraus und google ihren Namen. Tatsächlich überschlagen sich die Nachrichtenportale mit Eilmeldungen. Die Bild titelt: Die Welt trauert! Ich lese mir den Artikel durch und erfahre, dass sie ihren Geburtstag auf einer Yacht vor der Küste Maltas gefeiert habe und aus noch ungeklärten Gründen über Bord gegangen sei. Die Küstenwache habe die ganze Nacht nach ihr gesucht, aber bisher ohne Erfolg.
Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue hoch zu dem Ehepaar. Die Frau hat nun auch Tränen in den Augen.
„Sie müssen wissen“, sagt sie, „dass ich jeden ihrer Filme gesehen habe. Ich verstehe nicht, dass gerade ihr so etwas zustoßen konnte!“
„Ja, das ist wirklich traurig“, pflichte ich ihr leise bei.
Dann stehen die beiden abrupt auf. Sie hätten kaum Hunger und würden jetzt Spazierengehen, um den Kopf freizukriegen.
„Dann wünsche ich Ihnen trotz allem einen schönen Tag!“ verabschiede ich mich höflich und hole mir anschließend vom Buffet ein Brötchen, das ich mit einer dicken Schicht Nutella bestreiche. Da ich allerdings gleich beim ersten Bissen merke, dass auch mir dir gedrückte Stimmung auf den Magen schlägt, trinke ich nur noch einen Schluck Kaffee und begebe mich direkt zum Parkplatz, um, wie geplant, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.
Als ich gerade losfahren will, stellt sich mir ein Mann hastig winkend in den Weg. Er wäre Journalist und hätte gerade einen Tipp bekommen, dem er unbedingt nachgehen müsse. Aber sein Scheißauto würde nicht starten, ob ich ihn fahren könne?
Nach kurzem Zögern willige ich ein. Auf dem Weg erklärt er mir, dass man scheinbar die Leiche der Schauspielerin Patricia Jolie gefunden hätte und er jetzt dringend zum Fundort müsse.
„Aber ist das nicht Angelegenheit der Polizei?“ frage ich ihn skeptisch.
Der Mann lächelt hämisch. Er wäre sich gar nicht sicher, ob die Polizei bereits im Bilde sei und außerdem hätte sie auch keine so hochauflösende Spiegelreflexkamera.
'Ein Paparazzo', denke ich und spiele mit dem Gedanken, den Mann aus dem Auto zu schmeißen, aber überrumpelt vom Lauf der Dinge fahre ich weiter. Er lotst mich tief in den Süden zu einem abgelegenen Kiesstrand. Die Autos, die dort bereits parken, lassen uns ahnen, dass sich der Tipp bereits herumgesprochen hat.
„Mach schnell, park irgendwo!“ ruft der Paparazzo ungeduldig.
Wir steigen hastig aus dem Wagen und spurten zum Strand, wo wir uns einer Menschentraube aus weiteren Paparazzi und ein paar schaulustigen Touristen anschließen.
Wir alle folgen einem Herrn in Badehose, der die Tote scheinbar heute Morgen beim Spazierengehen gefunden hat. Bereits nach wenigen Metern sehe ich ein großes Badetuch aufgewölbt im Kies liegen. Während wir näher kommen, brechen alle Gespräche abrupt ab. Schweigend bilden wir einen Kreis um das Badetuch herum. Der Herr mit der Badehose beugt sich hinunter und greift nach dem Tuch. Als er daran zieht, geht ein Raunen durch die Runde. Im Kies liegt nicht die Leiche von Patricia Jolie, sondern die Leiche einer schwarzen Frau, die uns mit ihren angstschreienden Augen anstarrt.
Ich schaue mich um und sehe wie die Paparazzi missmutig die Kamera vom Gesicht nehmen.
„So ein Mist!“ ruft einer.
„Der ganze Weg umsonst!“ ein anderer.
Nachdem sie der Reihe nach ihrem Ärger Luft gemacht haben, hält plötzlich jemand sein Handy hoch.
„Patricia Jolie lebt!“ schreit er. „Hier steht es, die ist gar nicht über Bord gegangen, sondern die hat sich lediglich in den Schiffsrumpf zurückgezogen und ist dort eingeschlafen. Ihr Freund hat sie heute morgen entdeckt!“
„Sie lebt? Aber das ist ja wunderbar!“ ruft einer der Touristen und fängt begeistert an zu klatschen.
„Dann auf zum Hafen, vielleicht wissen die dort mehr!“ schlägt jemand vor und kaum, dass er es ausgesprochen hat, hetzen alle Paparazzi wie Jagdhunde, die erneut Fährte aufgenommen haben, zu den Autos, und hinter ihnen her, laut plappernd, die Touristen.
Als sie alle weg sind, kehrt Stille ein. Die Wellen treiben leise und gleichmäßig an den Strand und umspülen mit ihrer Gischt die Beine der Ertrunkenen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und versuche ihre Augenlider zu schließen. Mein Blick fällt auf das goldene Medaillon an ihrer Halskette. Ich öffne es und zum Vorschein kommt das Bild eines kleinen Babys, das vergnügt glucksend in die Kamera lächelt.
 

fion

Mitglied
Hi Benni,

diese/deine Geschichte ist toll, wenn auch traurig - und - ich habe sie gerne gelesen!

Zuerst dachte ich natürlich, dies wäre ein Kurzkrimi, aber da habe ich mich schön von dir in die Irre führen lassen (grins).

Auch wenn ich eben "Traurig" geschrieben habe, wäre nachdenklich doch der passendere Ausdruck - und wahrscheinlich auch der bessere.
Wie sich die Gruppe der Schaulustigen auflöst, weil ihnen die Tote keine Quote bringt. Leider wahr.

Jetzt mal ein paar Gedanken, die mir beim Lesen durch den Kopf gegangen sind:

- scheinbar auf Malta ertrunken -
nicht auf, sondern vor Malta.

- Du hast vier Zeilen über dein Frühstück geschrieben.
Schreib doch einfach:
Obwohl ich sie persönlich gar nicht kenne, ist mir doch der Appetit vergangen und ich gehe zu meinem Mietwagen, mit dem ich die Insel erkunden will.
Neben meinem Auto steht ein Wagen mit geöffneter Motorhaube, und über den Motor gebeugt, ein wild fluchender Mann.
Als ich einsteige, wirbelt er herum und läuft sofort zu mir.

Je kürzer und knackiger der Text, desto besser.

- Scheißauto ist kein passender Ausdruck für deine Kurzgeschichte - passt gar nicht in deine Sprache. Kommt sonst auch nicht vor.

- unter Deck besserer Ausdruck, als Schiffsrumpf.

- drei Mal hast du das Wort - scheinbar - geschrieben.
Scheinbar ist immer so schwammig. Bin darüber nur gestolpert.

- Ein großes Badetuch (Badetücher sind immer groß) aufgewölbt im Kies...
Ich verstehe ja, welches Bild du beim Leser erzeugen möchtest, aber aufgewölbt bringe ich eher mit Papierkanten oder Metall nach einer Explosion in Verbindung. Schreib doch einfach, dass jemand ein Badetuch über die im Sand liegende Person...

- angstschreiende Augen. Weit aufgerissen, reicht doch.

Liebe Grüße, mach weiter und ich bin auf mehr von dir gespannt.
 

Benni

Mitglied
Tag 2 meines Urlaubs auf Malta. Als ich morgens den Frühstücksraum betrete, ist die Stimmung seltsam. Urlauber, die sich gar nicht kennen, unterhalten sich aufgeregt über die Tische hinweg. Kellner stehen herum und starren auf ihr Handy. Eine Frau nippt still an ihrem Kaffee, während ihr Tränen die Wange herunterlaufen. Da alle Tische belegt sind, setze ich mich zu einem älteren Pärchen, das mich freundlich anlächelt.
„Wissen sie, was hier los ist?“ frage ich, während mir einer der Kellner Kaffee einschenkt.
„Eine Tragödie“, antwortet der Mann, „Patricia Jolie ist scheinbar heute Nacht hier vor Malta ertrunken!“
„Die Schauspielerin?“ frage ich erstaunt zurück.
Beide nicken betroffen.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagt die Frau, „so schön, so talentiert und dann sowas!“
Um zu überprüfen, ob das auch wirklich wahr ist, hole ich mein Handy heraus und google ihren Namen. Tatsächlich überschlagen sich die Nachrichtenportale mit Eilmeldungen. Die Bild titelt: Die Welt trauert! Ich lese mir den Artikel durch und erfahre, dass sie ihren Geburtstag auf einer Yacht vor der Küste Maltas gefeiert habe und aus noch ungeklärten Gründen über Bord gegangen sei. Die Küstenwache habe die ganze Nacht nach ihr gesucht, aber bisher ohne Erfolg.
Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue hoch zu dem Ehepaar. Die Frau hat nun auch Tränen in den Augen.
„Sie müssen wissen“, sagt sie, „dass ich jeden ihrer Filme gesehen habe. Ich verstehe nicht, dass gerade ihr so etwas zustoßen konnte!“
„Ja, das ist wirklich traurig“, pflichte ich ihr leise bei.
Dann stehen die beiden abrupt auf. Sie hätten kaum Hunger und würden jetzt Spazierengehen, um den Kopf freizukriegen.
„Dann wünsche ich Ihnen trotz allem einen schönen Tag!“ verabschiede ich mich höflich und hole mir anschließend vom Buffet ein Brötchen, das ich mit einer dicken Schicht Nutella bestreiche. Da ich allerdings gleich beim ersten Bissen merke, dass auch mir dir gedrückte Stimmung auf den Magen schlägt, trinke ich nur noch einen Schluck Kaffee und begebe mich direkt zum Parkplatz, um, wie geplant, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.
Als ich gerade losfahren will, stellt sich mir ein Mann hastig winkend in den Weg. Er wäre Journalist und hätte gerade einen Tipp bekommen, dem er unbedingt nachgehen müsse. Aber sein Scheißauto würde nicht starten, ob ich ihn fahren könne?
Nach kurzem Zögern willige ich ein. Auf dem Weg erklärt er mir, dass man scheinbar die Leiche der Schauspielerin Patricia Jolie gefunden hätte und er jetzt dringend zum Fundort müsse.
„Aber ist das nicht Angelegenheit der Polizei?“ frage ich ihn skeptisch.
Der Mann lächelt hämisch. Er wäre sich gar nicht sicher, ob die Polizei bereits im Bilde sei und außerdem hätte sie auch keine so hochauflösende Spiegelreflexkamera.
'Ein Paparazzo', denke ich und spiele mit dem Gedanken, den Mann aus dem Auto zu schmeißen, aber überrumpelt vom Lauf der Dinge fahre ich weiter. Er lotst mich tief in den Süden zu einem abgelegenen Kiesstrand. Die Autos, die dort bereits parken, lassen uns ahnen, dass sich der Tipp bereits herumgesprochen hat.
„Mach schnell, park irgendwo!“ ruft der Paparazzo ungeduldig.
Wir steigen hastig aus dem Wagen und spurten zum Strand, wo wir uns einer Menschentraube aus weiteren Paparazzi und ein paar schaulustigen Touristen anschließen.
Wir alle folgen einem Herrn in Badehose, der die Tote scheinbar heute Morgen beim Spazierengehen gefunden hat. Bereits nach wenigen Metern sehe ich ein großes Badetuch aufgewölbt im Kies liegen. Während wir näher kommen, brechen alle Gespräche abrupt ab. Schweigend bilden wir einen Kreis um das Badetuch herum. Der Herr mit der Badehose beugt sich hinunter und greift nach dem Tuch. Als er daran zieht, geht ein Raunen durch die Runde. Im Kies liegt nicht die Leiche von Patricia Jolie, sondern die Leiche einer schwarzen Frau, die uns mit ihren angstschreienden Augen anstarrt.
Ich schaue mich um und sehe wie die Paparazzi missmutig die Kamera vom Gesicht nehmen.
„So ein Mist!“ ruft einer.
„Der ganze Weg umsonst!“ ein anderer.
Nachdem sie der Reihe nach ihrem Ärger Luft gemacht haben, hält plötzlich jemand sein Handy hoch.
„Patricia Jolie lebt!“ schreit er. „Hier steht es, die ist gar nicht über Bord gegangen, sondern die hat sich lediglich unter Deck zurückgezogen und ist dort eingeschlafen. Ihr Freund hat sie heute morgen entdeckt!“
„Sie lebt? Aber das ist ja wunderbar!“ ruft einer der Touristen und fängt begeistert an zu klatschen.
„Dann auf zum Hafen, vielleicht wissen die dort mehr!“ schlägt jemand vor und kaum, dass er es ausgesprochen hat, hetzen alle Paparazzi wie Jagdhunde, die erneut Fährte aufgenommen haben, zu den Autos, und hinter ihnen her, laut plappernd, die Touristen.
Als sie alle weg sind, kehrt Stille ein. Die Wellen treiben leise und gleichmäßig an den Strand und umspülen mit ihrer Gischt die Beine der Ertrunkenen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und versuche ihre Augenlider zu schließen. Mein Blick fällt auf das goldene Medaillon an ihrer Halskette. Ich öffne es und zum Vorschein kommt das Bild eines kleinen Babys, das vergnügt glucksend in die Kamera lächelt.
 

Benni

Mitglied
@fion

Vielen Dank für Lob und Kritik; andere Perspektiven sind ja doch immer wieder hilfreich, um den eigenen Text zu verstehen.

Zu den einzelnen Punkten:

- „Vor Malta“, klar.

- Frühstück: Ich denke, ich wollte den Übergang zum Auto etwas „sanfter“ gestalten, aber tatsächlich trägt meine Brötchenwahl nicht sehr viel zur Geschichte bei (Ich hatte sie eigentlich als Urlaubsbericht auf Facebook gepostet, in dem Kontext schien es mir richtig, dem Text dadurch eine persönliche Note zu geben).

- Scheißauto: Hier ist wieder interessant, wie der Text auf den Leser wirkt, ich hätte gedacht, dass der Ausdruck zu dem Paparazzo ganz gut passen würde.

- „Unter Deck“, ich weiß noch, nach dem Begriff hatte ich beim Schreiben im Kopf gesucht, aber ihn nicht gefunden :)

- Aufgewölbtes Badetuch: Ich dachte es trägt zur Dramaturgie bei, an der Stelle nicht von der Leiche zu reden, aber da ja eh klar ist, was sich unter dem Tuch befindet, hätte man es auch tun können.

Nochmals danke, gerade die Kleinigkeiten helfen, den eigenen Stil zu verbessern.
 

fion

Mitglied
Hi Benni,

ganz gerne geschehen.

Ich weiß, wie sehr man feedback braucht.

Und das mit dem Scheißauto, wäre für den Paparazzo ganz ok, aber in deiner Sprache passt es nicht - finde ich.

Bis dann
 

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