Die zwei Weihnachtsbäume

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VeraL

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Einige Wochen vor Weihnachten baute Herr Winter seinen Stand auf dem Parkplatz eines Supermarktes auf. Er stellte ein Schild auf und hängte blinkende Lichterketten drumherum. „Winters Weihnachtsbäume – echte Nordmanntannen zum kleinen Preis“ stand da. Sorgfältig sortiert platzierte er die Tannen, die schönsten Exemplare ganz vorne und schon bald roch es auf dem Parkplatz nicht mehr nur nach Abgasen und nassen Hunden, sondern ein bisschen nach Weihnachten.

In der Mitte stand eine kleine Tanne. Sie war nicht so groß und gerade wie die anderen Bäume, aber sie gab sich Mühe. Sie streckte und reckte sich und versuchte, ihre Nadeln besonders gesund und grün aussehen zu lassen.
„Wie sie mich wohl schmücken werden? Ich hoffe, sie nehmen rote Kugeln. Und vielleicht einen Engel oben auf der Spitze. Das wäre was.“
„Gib dir keine Mühe“, lachte die stolze Nordmanntanne daneben sie aus. „So einen Krüppel wie dich will keiner. An dir wirken die Lichterketten und Kugeln doch gar nicht.“
„Du bist gemein“, beschwerte sich der kleine Baum. „Du wirst schon sehen, ich finde ein schönes Zuhause. Vielleicht bei einem jungen Paar, das nur eine kleine Wohnung hat und es sich trotzdem gemütlich machen will.“
„Ja, ja. Red dir das nur ein. Du stehst bestimmt noch an Silvester hier.“
„Pfff, red du nur. Du musst erst mal jemanden finden, der dich haben will. So ein Riese passt doch in kein normales Haus. Wer soll dich kaufen? Die Queen für den Buckingham Palace?“
Der kleine Baum machte sich so groß, wie er konnte und versuchte, ganz aufrecht zu stehen. Doch innen drin zitterte sein hölzernes Herz. Was wenn die große Tanne recht hatte? Wenn er wirklich so hässlich war? Wenn niemand ihn haben wollte? Was sollte er dann nur tun? Wenn er nicht geschmückt würde und nie ein richtiger Christbaum würde? Dann würde aus ihm nur Brennholz werden oder Futter für die Elefanten im Zoo. Und dafür hatte man ihn abgeholzt. Der kleine Baum fing an zu zittern und hoffte, dass es niemand merkte.

Bald kamen die ersten Kunden. Mit prüfenden Blicken begutachteten sie die Tannen. An dem kleinen Baum gingen sie achtlos vorbei. „Das macht nichts. Wir sind erst seit einem Tag hier. Es wird noch jemand kommen.“ Die kleine Tanne sprach sich selbst Mut zu. Und wirklich. Schon eine Stunde später kam ein Mädchen angelaufen. Sie zeigte genau auf den kleinen Baum: „Papa, wie wäre es mit dem hier? Der ist schön.“
„Das ist nicht dein Ernst, Ida. Guck dir doch mal an, wie mickrig der ist. Und krumm und schief ist er auch. Was sollen wir den mit so einem Krüppel? Such dir einen anderen aus.“
Während Ida davon hüpfte und eine andere Nordmanntanne auswählte, die in die Netzmaschine geschoben wurde, hatte die kleine Tanne das Gefühl, ihr Herz würde zerbrechen. So weh taten ihr die Worte.
Die große Tanne zischte: „Ich hab’s dir doch gesagt.“
Da wäre der kleine Baum am liebsten im Boden versunken. Er wünschte sich einfach zurück in seinen Wald.

Doch auch für die große stolze Tanne lief es nicht viel besser. „Zu groß.“ „So hohe Decken haben wir nicht.“ „Der ist ja echt schön, aber der Preis. Nein, der ist mir zu teuer.“ „Den kriegen wir nicht in unser Auto.“ – Niemand wollte die große Nordmanntanne haben. Als eine Lieferung mit frischen neuen Bäumen direkt aus dem Sauerland eintraf, wurden der große und der kleine Baum in die hinterste Ecke verfrachtet. „Nicht, dass ihr mir die Kundschaft verschreckt“, sagte Herr Winter.
Nachts wurde der kleine Baum wach, weil neben ihm die große Tanne schluchzte. Jetzt hatte der kleine Baum Mitleid. Er stupste den anderen Baum mit seinen Zweigspitzen an. „Komm schon, bis Weihnachten dauert es noch ewig. Uns will bestimmt jemand haben. Meine Oma hat immer gesagt: ‚Für jeden Topf gibt es den passenden Deckel.“
„Ach, das glaubst du doch selbst nicht. Wenn man in die letzte Reihe gestellt wird, ist man praktisch Kaminholz.“
Die große Tanne war untröstlich und als mehr und mehr Tage vergingen und die Leute immer größere Tüten mit Weihnachtseinkäufen aus dem Supermarkt schleppten, verlor auch der kleine Baum den Mut. Traurig ließ er seine Zweige hängen.

Am Heiligabend standen die beiden immer noch bei Herrn Winter. Ein paar Kunden kamen, aber sie hatten es so eilig, dass sie sich nur Bäume aus der ersten Reihe schnappten. Dann kam ein Mann mit einigen Jugendlichen vorbei, die einen Handkarren zogen.
„Ach, Herr Kaplan. Haben sie gleich ihre ganzen Messdiener mitgebracht?“ Herr Winter schüttelte dem Mann die Hand.
„Naja, sie hatten doch am Sonntag angedeutet, dass sie ein oder zwei Bäume für die Kirche spenden könnten. Da sind wir ihnen sehr dankbar. Unser Budget ist in diesem Jahr nicht so groß.“
Herr Winter sah sich um. Sein Blick fiel auf die kleine und die große Tanne, die beide schon etwas vertrocknet aussahen. „Nehmen Sie doch diese beiden Prachtexemplare.“
Der Kaplan schaute skeptisch, aber die Messdiener hatten sich die Bäume schon geschnappt und machten sich mit ihnen auf den Weg zur Kirche.

Als die Besucher zur Christmette kamen, staunten sie nicht schlecht. Hinter dem Altar stand eine riesige Nordmanntanne, über und über geschmückt mit funkelnden Lichtern. Auf ihrer Spitze glänzte der Weihnachtsstern. Niemand bemerkte, dass sie vor Aufregung und Stolz zitterte. Herr Pfeffer vom Pfarrgemeinderat fragte den Kaplan: „Wer hat denn diesen riesigen Baum gespendet? Wir hatten doch eigentlich kein Budget mehr? Der muss ja ein Vermögen wert sein.“
Nur seine Tochter hatte keine Augen für den großen Baum. Sie bewunderte eine kleine Tanne, die in einer Nische stand, genau hinter der Krippe. Sie sagte zu dem Jesuskind in der Krippe: „Du hast dir den besten Baum ausgesucht. So schöne, duftende Nadeln hat er. Er ist genau so gebogen, dass du ihn von deiner Krippe aus immer sehen kannst.“
Die zwei Bäume hörten das und waren die beiden glücklichsten Bäume auf der ganzen Welt.

Vera Lörks nach einer Idee von Theo Lörks
 
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