Diesel und Sprache

Blumenberg

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„Ich werde alles tun, um Fahrverbote zu verhindern.“ Ein Satz, den wir dieser Tage und Wochen häufig zu hören bekommen. Er scheint die mediale Standardantwort der Politik auf die von den Gerichten geforderte Verschärfung der Luftreinhaltepläne in Städten. Was im ersten Moment nach großem Einsatz und Hingabe, sogar fast ein bisschen wie Freiheitskampf klingt, lohnt eine genauere Analyse und wird sich dabei als sprachliche Mogelpackung erweisen.

Subjekt des Satzes und damit Handelnder ist in dieser Aussage die Kanzlerin bzw. die durch sie repräsentierte Regierung.(1) Sie - so impliziert der Satz - hat als Sprechende das Heft des Handelns in der Hand, sie ist es, die die Absicht äußert etwas zu tun. Dies wird auch am Ankündigungscharakter des Satzes deutlich, der sich im werde tun, der Futurform des Verbs, ausdrückt. Aber nicht nur etwas. Die Aussage des Satzes ist an dieser Stelle bestimmter. Sie wird alles tun, nicht etwas, nicht nichts, nicht ein bisschen, alles. Das ist eine starke Aussage und gleichzeitig eine unscharfe. Die im Begriff implizierte Unschärfe, ist, wie sich zeigen wird, keineswegs zufällig.

Wenden wir uns nun dem anderen Teil des Satzes zu und versuchen wir, ihn genauer zu bestimmen. Das Verb gibt uns dabei ebenso Auskunft, wie das Akkusativobjekt des Satzes.

Das Verb verhindern drückt, eingeleitet durch das um…zu, sowie durch seine Infinitivform im Nebensatz, einen Finalsatz, eine Absicht, ein Müssen aus. Dem Sinngehalt des Wortes nach, richtet sich die ge-musste Aktion auf die Bewahrung vor etwas. Der Zustand, der im Akkusativobjekt näher bestimmt wird, soll nicht erreicht, er soll vermieden werden. Er ist einer, der uns droht, uns dazu herausfordert Widerstand zu leisten, den Ist-Zustand in dieser Frage zu bewahren.

Das Akkusativobjekt des Satzes - im Gegensatz zum Zahlwort des ersten Satzteils diesmal genau bestimmt - richtet sich auf einen konkreten Gegenstand: Dieselfahrverbote. In diesem Begriff drückt sich einerseits ein konkretes Verbot, eine richterliche Anordnung, ein Zwang aus. Andererseits konzentriert sich darin das Ergebnis eines ganzen umwelt- und gesundheitspolitischen Diskurses, eines Diskurses, der sein juristisches Ende in einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts gefunden hat, auf dessen Grundlage wiederum die untergeordneten Gerichte in konkreten Fällen geurteilt haben.

Kommen wir zurück zu unserem Satz, genauer der merkwürdigen Tatsache des unbestimmten ersten und des bestimmten zweiten Satzgehaltes. Diese Doppelstellung ist von entscheidender Bedeutung. Sie legt das Verbot als technisch-neutralen Funktionsterminus fest, etwas angesichts dessen nicht ein konkretes Tun, sondern ein unscharfes alles tun, angemessen ist. Das alles des ersten Satzteils eröffnet dem Tun zwei Richtungen für den Umgang mit dem konkreten Objekt des zweiten Satzteils. Eine progressive und eine konservative mit einem je unterschiedlichen teleologischen Endpunkt.

Die progressive Richtung erkennt den Sinngehalt des Verbotes an, es berücksichtigt dazu die Ursache, der im Begriff des Dieselfahrverbotes implizierten Diskurse und erkennt das Verbot als deren Ergebnis, als Bewirktes an. Mit der Anerkennung legt sich das Tun auf eine Änderung desbisherigen Ist-Zustandes fest, durch die der unerwünschte zukünftige Zustand des zweiten Satzteils vermieden wird. Der Endpunkt einer solchen Bewegung ist die Veränderung der Ursache, so dass die Reaktion überflüssig wird.

Die konservative Lesart zielt dagegen auf die größtmögliche Erhaltung des Ist-Zustandes, womit zwangsläufig, der Sinngehalt bzw. die Rechtmäßigkeit des im zweiten Satzteil ausgedrückten diskursiven Sollens bezweifelt wird. Die Lösung des Problems verschiebt sich auf eine funktionale Ebene. Das Verbot rückt in so einer technisch-neutralen Lesart in den Vordergrund, es ist wegen seines Absolutheitscharakters problematisch. Ein Verbot ist immer absolut, d.h. eindeutig, es erlaubt zwar Ausnahmen, aber keine Abstufungen, etwas nur ein bisschen zu verbieten, löst das Verbot als solches auf. Um dies abzuschwächen wird zu einer Hilfskonstruktion der Verhältnismäßigkeit gegriffen. Das tun richtet sich in diesem Fall darauf, diese durch Maßnahmen in Frage zu stellen, wie es in der aktuell vorgeschlagenen Lösung der Bundesregierung beispielhaft geschieht. Der Ist-Zustand soll gerade so weit geändert werden, dass Zweifel an der Verhältnismäßigkeit des Verbotes aufkommen. Der angestrebte Zielpunkt ist hier nicht eine Bekämpfung der Ursache, sondern lediglich die Unverhältnismäßigkeit des Absolutheitscharakters des Verbotes als angemessener äußerster Maßnahme.

Damit arbeitet die Bundesregierung bedauerlicherweise nicht an der Umsetzung einer judikativen Entscheidung, sondern an deren Sabotage. Ein Verbot lebt von seinem Anspruch auf Eindeutigkeit und Absolutheit, während Verhältnismäßigkeit als zunächst unscharfes Begriffsfeld jene Eindeutigkeit auflöst, mit der potentiellen Unverhältnismäßigkeit einen Gegenpunkt zum Absolutheitsanspruch setzt, kurz: andere Lösungen ins Spiel bringt. Daher ist die Beurteilung von Verhältnismäßigkeit, denn bei der näheren Bestimmung einer solchen handelt es sich um ein Urteil, die Aufgabe der Judikative und als solche im Fall der Fahrverbote längst abschließend und höchstrichterlich erfolgt. Daran nicht nur Zweifel zu schüren, sondern die fehlende Verhältnismäßigkeit per Gesetz feststellen zu wollen, hat einen antidemokratischen Geschmack, denn es ist ein Übergriff in den judikativen Bereich, in dem die Exekutive nichts verloren hat.

(1) Ich beziehe mich hier auf die Rede der Kanzlerin vom 21.10.18. Sie ist ein Beispiel, wenn auch ein wesentliches, das die Überlegung ans Konkrete binden soll.
 
Sehr schön, wie dieser Text die wahren Intentionen hinter dem regierungsamtlichen, scheinbar nichts oder doch sehr wenig sagenden Schwurbel-Satz enthüllt und mit ihm abrechnet; das gefällt mir sehr. Ein Satz, wie man ihn normalerweise sogleich als Politiker-Wichtigtuerei abtut, wird einmal auf die Analysewaage gelegt.

Aber hätte das nicht in einer Sprache geschehen können, die weniger umständlich und gewunden daher kommt, die weniger nach Hauptseminar klingt?

Sind Beispiele nötig? "Sie wird alles tun, nicht etwas, nicht nichts, nicht ein bisschen, alles."
Oder: "Der Zustand, der im Akkusativobjekt näher bestimmt wird, soll nicht erreicht, er soll vermieden werden. Er ist einer, der uns droht, uns dazu herausfordert Widerstand zu leisten, den Ist-Zustand in dieser Frage zu bewahren."
Ich finde diese Rhetorik etwas umständlich, zu redundant, vielleicht auch altväterlich. Sie könnte im Vortrag gut funktionieren, gelesen wirkt sie auf mich eher abtörnend. Es kommt mir vor, als sei die Analyse von ihrem Gegenstand infiziert, anstatt über ihr zu stehen.

Und das ist, wie gesagt, schade angesichts ihres entlarvenden Befundes.
 

Willibald

Mitglied
(0) Erklärbär, abgehobener

Von Blumenberg eine feinnervige Untersuchung des merkelschen Sprachgebrauchs, ich darf - trotzdem und daher - einiges aufzuhellen versuchen, was mir an der präsentierten Eindeutigkeit nicht vorzuliegen scheint.
Und ja, diese Art des Sprechens wirkt arrogant und das ist gefährlich, aber ich mache jetzt bei allem Respekt den Erklärbär. Ok, Binsenbrecher?

(1) Linguistisches

Da ist zunächst einmal die Deutung von "alles zukünftig tun, um Dieselfahrverbote zu vermeiden".

Die Deutung von "um zu" als Signal für eine irgendwie "finale, beabsichtigte" Folge, isoliert das Objekt "alles" und damit wird wohl die Aussage der Kanzlerin - vorsichtig ausgedrückt - vielleicht missdeutet.

Ein Analogiefall: "Ich werde alles, wirklich alles tun, um diese Heirat zu verhindern" ist paraphrasierbar als "Ich werde alles, alles tun (auch das Unerlaubte oder Grenzwertige), weil ich die Heirat verhindern will."

Die Paraphrase mit "weil ich will" ist eine Art Test für das Vorliegen einer beabsichtigten Folge. Und diese Paraphrase setzt dem Objekt "alles" keine moralischen oder politischen Grenzen, sondern lässt eine frei flottierende Voraussetzung zu.

Meinte Merkel mit ihrer Formulierung soviel wie "Ich werde alles tun, weil ich die Dieselfahrverbote verhindern will"? Mir scheint, diese Interpretation greift dann doch ins hermeneutisch Übergriffige.

(2) Selbstermächtigung plausibel?

Was ist dann gemeint? Es dürfte sich wohl um eine Formulierung der Art handeln, die im Vordersatz eine notwendige oder eine hinreichende Bedingung für das markiert, was dann folgt oder folgen soll.

"Ich bin gebranntes Kind genug, um mich nicht noch einmal strafbar zu machen" drückt diese logische Relation wohl erkennbar deutlich aus. Es geht in den "um-zu-Kontexten" eher selten um eine "finale Folge", sondern überwiegend um eine Relation der - sagen wir mal - Hinlänglichkeit. Aber gewiss immer um eine Folge.

Nun ist diese linguistische These durchaus von Interesse für die Blumenbergsche These einer Selbstermächtigung der Legislative gegenüber der Judikative. Geht es tatsächlich um eine "abgehobene", "eigenmächtige" Gesetzesentscheidung, welche die Judikative an die Kandare nehmen soll?

Wenn ich die bisherigen Ankündigungen halbwegs richtig deute, so ist an ein Maßnahmenpaket gedacht: Die "Intensivstädte" (mehr als 50 Mikrogramm NO2-Jahresmittelwert) sollen besondere Begünstigungen bekommen (hohe Umtauschprämie für PKW-Fahrer, Höchstbeteiligung der
Industrie an entsprechenden Kosten, intensive Umstellung der öffentlichen Verkehrsmittel), Zeitstaffelung, Ausnahmen für Handwerker (...).

Dazu nun - und das ist casus cnusus (Flicus Flacus Fumdideldacus und ähnliches bei Justizrat Wendig, Rechtsberater des Berengar Bläulich, in: Der goldene Helm, Mickey Mouse/Donald Duck,Heft FC 408/2, S. 23 Bild 6) - kommt als Maßnahme, im neuen Bundesimmissionsgesetz das Dieselfahrverbot (möglichst) auszusetzen, wenn der NO2-Jahresmittelwert in einer Stadt unter 50 Mikrogramm liegt.

(3) Pragmatisches

Drei von mehreren Einwendungen:

(a) Schon in den bisherigen Urteilen ist die Schwellengrenze mitbedacht und damit die Verhältnismäßigkeitsnorm beachtet. Was soll also die neue Fassung?
(b) Die Bundesregierung bricht mit der Neuregelung den EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm.
(c) Der neue relevant-faktische Belastungswert ist ein (
durchsichtig) schnödes Mittel, passionierte und vor allem unschlüssige Wähler der Grünen vor der Hessenwahl in das Lager von SPD und CDU zu ziehen.

Zu (a) und (b) und (c): In einem Rechtsstreit dürfte die bisherige Entscheidungsnorm sich mit gewissen Abstrichen oder auch ohne Abstriche durchsetzen. Damit ist dann für die aktuellen Wahlentscheidung ein populistischer Zug getätigt. Er verzögert radikalere Maßnahmen, hebt sie aber nicht auf.

Die (vielen) anderen Argumente dürften heute abend eine argumentativ und emotional geführte Diskussion grundieren:
https://www.zdf.de/politik/maybrit-illner/politische-geisterfahrt-wer-zahlt-fuer-den-diesel-skandal-sendung-vom-25-oktober-2018-100.html

Mit Dank für Blumenbergs anregendes/n Essay.

willi wamser
 

Blumenberg

Mitglied
Lieber Binsenbrecher, lieber Willibald,

zunächst einmal Entschuldigung für die lange Zeit bis zu einer Antwort auf eure Anmerkungen.

@Binsenbrecher.
Du hast in gewisser Weise recht, dass der Text ein wenig nach Hauptseminar klingt, was mir aber angesichts des Themas einer Sprachanalyse, ein notwendiger Weg zu sein scheint. Den Kritikpunkt der Beispiele kann ich nachvollziehen und will zusehen hier noch ein bisschen nachzuarbeiten. Gleiches gilt für den „altväterlichen Ton“, vielleicht lässt sich das eine ja durch das andere lösen. Ich freue mich aber, dass es von deiner Seite zumindest inhaltlich nicht wirklich etwas auszusetzen gab.

@Willibald.
Vielen Dank für das Kompliment und die ausführliche und gehaltvolle Besprechung des Textes. Ich will versuchen auf ein paar deiner Anmerkungen einzugehen.
Du nimmst eine gewisse Engführung vor, die ich so nicht machen würde, indem sich deine Analyse auf die Kanzlerin als Sprecherin bezieht. In meinem Text (s. Fußnote 1) habe ich sie nur als ein Beispiel herausgegriffen. Der Satz viel wortgleich in einer ganzen Reihe von Reden, Interviews, etc. (s. Volker, Bouffier, Scheuer, etc.). Es wäre also weniger ein merkelscher Sprachgebrauch, sondern eher ein Beispiel für ein allgemeineres Sprechen über den Gegenstand. Hier mache ich mich natürlich schuldig die Kanzlerin als Projektionsfläche zu „missbrauchen“, was ich aber in Kauf nehme.

Zu (1 und 2)
Ich bin mir nicht sicher, ob hier tatsächlich etwas von mir missgedeutet wurde. Ein Finalsatz ist der Ausdruck für einen „Gliedsatz, der die Absicht, den Zweck eines Verhaltens angibt.“(Duden) Er wird durch das um…zu eingeleitet und durch die Infinitivform (verhindern) und das Akkusativobjekt (Dieselfahrverbote) inhaltlich bestimmt.
Jeder Satz steht selbstverständlich immer in einem Kontext, da hast du völlig Recht. Ich glaube aber, dass in diesem Fall der relationale Kontext durch das alles des ersten Satzteils, d.h. durch die größtmögliche Steigerungsform und die unbestimmte Formulierung, wieder aufgehoben wird, so dass es zulässig ist den Satz isoliert zu betrachten. Käme es auf den vorigen Kontext an, wäre eine andere Formulierung angezeigt gewesen.

(zu 3) Die lange Kommunikationspause ist in dem Fall tatsächlich ein Vorteil, denn mittlerweile gibt´s einen Gesetzentwurf:

„(4a) Verbote des Kraftfahrzeugverkehrs für Kraftfahrzeuge mit Selbstzündungsmotor kommen wegen der Überschreitung des Immissionsgrenzwertes für Stickstoffdioxid in der Regel nur in Gebieten in Betracht, in denen der Wert von 50 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel überschritten worden ist.“ (Entwurf eines Dreizehnten Gesetzes zur Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes).

Darin werden Fahrverbote nicht möglichst ausgesetzt, sondern pauschal bis zu einem Grenzwert von 50mg für unverhältnismäßig erklärt. Daher würde ich dir auch widersprechen, wenn du schreibst „Damit ist dann für die aktuellen Wahlentscheidung ein populistischer Zug getätigt. Er verzögert radikalere Maßnahmen, hebt sie aber nicht auf.“ Durch den Gesetzentwurf haben deutsche Gerichte, deren Aufgabe es ja genau ist die Einhaltung von Gesetzen kontrollieren, keinerlei Handhabe mehr ein Fahrverbot bei einer Grenzwertüberschreitung zu verhängen, während gleichzeitig jedes bereits verhängte hinfällig wäre, es sei denn der Grenzwert von 50mg würde überschritten. Natürlich wird das Gesetz, so es denn überhaupt verabschiedet wird, spätestens vom EuGh wieder kassiert, aber bis es so weit ist hat man ein paar Jahre lang den Stutus quo erhalten (s. konservative Lesart).

Noch einmal vielen Dank für die anregenden Überlegungen zu dem Text, die Lust wecken über das Thema noch einmal etwas weitergehend nachzugrübeln.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Willibald

Mitglied
Salute, Blumenberg

Schöne Diskussion, erfreulich und anregend.

A) Folgendes Argument versuchte ich zu überprüfen:

(1) Ein Satz von Politikern wie „Wir werden alles tun, um ein Dieselfahrverbot zu verhindern“ ist eine nahezu „absolutistische“ Ankündigung und Willenserklärung, die rechtsstaatliche Normen brechen oder unterlaufen würde.
Denn:
(2) Sie enthält ein finales „um..zu“ und ein Akkusativobjekt „alles“, so dass es kaum eine Einschränkung gibt.

(3) Gilt (2), so erklärt die Exekutive ihre Oberhoheit über Legislative und Judikative und begeht eine Art undemokratische Selbstermächtigung.

(B) Dieses Argument sollte sich gegen folgende Argumente behaupten können

(4) Rein pragmatisch gesehen ist "selbstverständlich" eine politische Willenserklärung, Fahrverbote verhindern zu wollen, nicht im luftleeren Raum gelagert, sondern stellt sich implizit den Normen demokratischer Praxis.

(5) Infinitivsätze mit um..zu drücken nicht notwendig eine beabsichtigte Folge aus, sind daher nicht notwendig „Finalkonstruktionen“

Man vergleiche hierzu etwa das DWDS oder die IDS-Grammatik von Zifonun (Grammatik der Deutschen Sprache 1438ff.) u.a.

5.1 Standard:
a)
Die Konstruktion ?›um ... zu‹ + Inf.? leitet einen finalen Gliedsatz ein, der die Absicht einer im Hauptsatz genannten Person oder den Zweck des im Hauptsatz genannten Geschehens ausdrückt

BEISPIELE:
sie ging in die Stadt, um einzukaufen
ich komme, um (dir) zu helfen
er wählte diese Methode, um die Frage zu lösen
um das zu schaffen, um das schaffen zu können, ist die Hilfe aller nötig
um es gleich zu sagen, ich kann nicht lange bleiben
umgangssprachlich um's gleich zu sagen, ich kann nicht lange bleiben

b)
kann auch weiterführend ein zeitl. Nacheinander von Haupt- und Gliedsatz, die oft in einem Gegensatz zueinander stehen, ausdrücken

BEISPIELE:
der Fluss ist bis Mitte der Woche stark gestiegen, um dann wieder rasch zu fallen (= und fiel dann wieder rasch)
er kam, um gleich wieder wegzugehen
sie hörte von verschiedenen Krankheiten, um sie sogleich bei sich festzustellen.

5.2 die Konstruktion drückt eine Folge aus
a)
in Verbindung mit Adj. + genug

BEISPIELE:
sie sind vernünftig genug, um das einzusehen
er war Manns genug, um sich selbst helfen zu können
das Wasser war nicht warm genug, um zu baden
b)
in Verbindung mit zu + Adj.
drückt eine Folge aus, die auf Grund eines im Hauptsatz genannten Umstandes nicht eintreten kann

BEISPIELE:
er ist zu alt, um sich noch umstellen zu können
sie ist viel zu aufmerksam, um das zu übersehen

5.3Die Konstruktion sSetzt einen Hinlänglichkeitsspekt und lässt eine finale Option in den Hintergrund treten

Dieser Käse muss reif und abgelagert sein, um wirklich gut zu schmecken.


Nur (5.1 a) enthält echte, prototypische Finalsätze. Sie sind zu verstehen als „beabsichtigte Folgen“ und lassen sich etwa mit einer Konstruktion paraphrasieren „Weil sie einkaufen will“, „weil sie helfen will“.

C) Conclusio, vorläufige

(6) Selbst wenn man den Satz „Wir werden alles tun, um Dieselfahrverbote zu vermeiden“ paraphrasiert als „Wir werden alles tun, weil wir Dieselfahrverbote vermeiden wollen“, so gilt:

Wegen (4) ist eine absolutistische Lesart kaum möglich.

Auch in einer finalen Lesart – gestützt auf die Agenskomponente in „tun“ - ist grammatisch und sprachanalytisch die Option einer Hinlänglichkeit und Angemessenheit (5.2, 5.3) enthalten, man vergleiche:

Die Ärzte haben alles getan, um das Leben des Kindes zu erhalten.

Die Politiker haben alles getan, um Dieselfahrverbote zu verhindern". Allerdings hat der Europäische Gerichtshof dem Vorhaben enge Grenzen gesetzt oder gar ...


Vale

ww

vgl
https://www.dwds.de/wb/um#3

(dwds)

Zifonun ist im Internet nur passagenweise zu haben.
 

Trojan

Mitglied
Den Versuch, Politiker-Sprech einmal anhand eines Beispiels zu entlarven, finde ich als Thema unbedingt interessant. Aber ich habe kein Wort verstanden, obwohl ich weiß, was ein Akkusativobjekt ist. Ich muss auch vor Binsenbrecher den Hut ziehen, der offenbar alles verstanden hat, der aber bloß die Proseminar-Sprache der Analyse nicht passend findet. Dostojewski sagt, jeder Stock hat zwei Enden, und die Sprach-Analyse ist genau so vernebelnd wie der Merkel-Spruch, bloß vom anderen Ende her.

An wen richtet sich Merkel denn? An die Diesel-Fahrer vermutlich, vulgo: das Publikum, ganz vulgo: das Volk. Also sollte eine Sprach-Analyse ihrerseits eine Sprache benutzen, die auch eben dieses Publikum einbezieht, und das definiert sich nicht als Experten, Linguistik-Experten, sondern schlicht und platt als Bürger. Der Witz an dem Merkel-Zitat muss doch sein, dass die sprachliche Verneblung prinzipiell auch für Otto Normal erkennbar wäre – und Letzteres sichtbar zu machen, wäre der allererste Schritt einer solchen Sprach-Analyse. Und dieser erste Schritt würde automatisch für alles weitere die Wahl der Sprache und damit die Vorgehensweise bestimmen, nämlich eine Sprache, unter der man sich auch was vorstellen kann.
 

Willibald

Mitglied
Salute, Trojan,
ich verstehe dein Argument gut.
Allerdings schreibt Willibald hier eine Antwort auf Blumenbergs sprachanalytisch gestützte Argumentation.
Das ist zunächst einmal legitim. Arroganz oder Besserwisserei lässt sich hier schwer verorten.

Greetse
ww
 

Trojan

Mitglied
Öh, Willibald, dich hab ich eigentlich gar nicht gemeint, ich habe mich allein auf die "sprachanalytisch gestützte Argumentation" Blumenbergs bezogen, aber du darfst dich auch gern angesprochen fühlen.

Ist interessant, dass du von "Arroganz und Besserwisserei" sprichst, Begriffe, an die ich nicht entfernt gedacht habe. Ich habe meinen Kommentar eher technisch gemeint. Sprache ist für mich ein Medium der Vermittlung, und ich verstehe nicht ganz, wieso die Analyse des Merkel-Spruchs Linguisten vermittelt werden soll. Kann man ja so machen, aber für mich ist das eine verschenkte Gelegenheit, weil es eben nicht die Linguisten sind, die sich von diesem Merkel-Spruch täuschen lassen, sondern die Diesel-Fahrer. Das war alles.
 

Willibald

Mitglied
Salute, Trojan,

das, was Blumenberg aufgemacht hat, ist ein eher juristisch-rhetorisches Problem. Von daher ist sein Ansatz linguistischer Art durchaus gerechtfertigt. Es ging ihm um die Rolle der Judikative in den regierungsnahen Auslassungen vom Typ Merkelrede. Und die Antworten sind dann auch nicht unpassend, wenn sie diese Sprache aufnehmen.

Die Frage mag sein, ob in diesem Forum spezialisierte Texte akzeptabel sind. Sie mögen dann oft den Vorwurf der Arroganz oder einer Erklärbärwichtigtuerei hervorrufen. Diesen Vorwurf hast du nicht erhoben.

Allgemein verständliche Texte zum Dieselfahrverbot gibt es ausreichend viele, scheint mir.

greetse

ww
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo ihr Beiden,

bitte entschuldigt die etwas verspätete Antwort, ich bin in der letzten Woche leider ziemlich eingespannt gewesen.

Zunächst einmal Danke fürs Hervorkramen des Textes und die kritischen Äußerungen.

Trojan du hast ganz recht damit, dass der Text keine leichte Kost ist und auch die Frage, ob nicht eine einfachere Form die angemessenere wäre, ist durchaus berechtigt. Ich muss aber gestehen, ich sehe das ähnlich wie Willibald einfache Erklärungen gibt es zu dem Thema schon genug. Mir ging es in erster Linie darum zu zeigen, was in so einem einzelnen Satz alles drinsteckt und um eine etwas differenziertere Betrachtung, der im Satz enthaltenen Diskurse. Dazu habe ich mich der Analysewerkzeuge bedient, die ich beherrsche, auch wenn ich weiß, dass das Ergebnis nicht für jede/n einsichtig ist.

"Die Frage mag sein, ob in diesem Forum spezialisierte Texte akzeptabel sind."

Diese Frage weiß ich nicht zu beantworten, scheinbar findet sich aber doch der ein oder andere der etwas mit solchen Texten anfangen kann, was mich freut. Ich habe mir aber ohnehin in diesem Jahr vorgenommen mich wieder etwas aktiver mit dem Schreiben von Prosatexten auseinanderzusetzen.

Zum Text: Es geht mir um auf der einen Seite um die rechtliche Seite, d.h. um die in dieser Ankündigung enthaltene Neubestimmung des Verhältnisses von Judikative, Exekutive und Legislative. Auf der anderen Seite geht es mir allgemeiner, um den in einer solchen Rhetorik enthaltenen Umgang mit einem konkreten Problem, genauer um die Tatsache, das der Satz gar nicht auf die Lösung des sich stellenden Problems abzielt, sondern Wege sucht, das Problem einfach verschwinden zu lassen, ohne es lösen zu müssen. Ein anderes Beispiel etwas neueren Datums für ein solches Vorgehen liefert der Umgang der Stadt Stuttgart mit den Fahrverboten. Hier wurde angekündigt, einfach so viele Messstationen aufzustellen, bis der gemessene Wert den Grenzwert nicht mehr überschreitet. (Was heißt man plaziert einen Gutteil der neuen Messtationen einfach in Tempodreißigzonen und Naherholungsgebieten bis das Ergebnis passt.)So gesehen könnte man den Satz als Handlunsankündigung fürs Nicht-Handeln verstehen.

Liebe Grüße

Blumenberg

P.S. Lieber Willibald, ich bin dir schon wieder eine Antwort auf einen Beitrag schuldig geblieben, was ich nachholen werde, wenn ich mich nochmal wieder etwas genauer in den Text eingelesen habe.
 

Trojan

Mitglied
[ ] ...[red]ich sehe das ähnlich wie Willibald einfache Erklärungen gibt es zu dem Thema schon genug[/red].

Zu welchem Thema? Zum Thema „Diesel“? Das Thema ist hier gar nicht „Diesel“.
Und ich möchte mal wissen, wo das in meinem Kommentar drinstecken soll, dass ich über das Diesel-Thema gesprochen hätte.
Wenn ich in meinem zweiten Post den Linguisten dem Diesel-Fahrer gegenüberstelle, dann steht der Diesel-Fahrer – weil er hier nunmal ins Thema drängt – als Synonym für den Bürger. Statt den Bürger mal wahlweise durch den Diesel-Fahrer zu ersetzen, hätte ich ihn auch Wähler nennen können, weil das Thema eben nicht der Diesel ist und auch nicht Fahrverbote, sondern Politiker-Sprech mit seinen gewollten oder zufälligen Effekten.

Wenn der Merkel-Spruch [red]gar nicht auf die Lösung des sich stellenden Problems abzielt, sondern Wege sucht, das Problem einfach verschwinden zu lassen, ohne es lösen zu müssen[/red], dann soll der Spruch manipulieren – aber wen denn manipulieren, die Diesel-Fahrer? Ja, die auch, aber die lassen sich in dem Fall gerne manipulieren, weil die keinen Bock auf Fahrverbote haben. Offenbar alles eine Sache des Interesses.

Und wenn hier offenbar Interessen im Spiel sind, dann muss das Manipulieren Methode haben, und das Methodische ist es, das du mit deiner Analyse versuchst, sichtbar zu machen. Sobald man aber erkannt hat, dass etwas Methode oder System hat, muss man sich sinnvollerweise fragen, ob auch ein Akteur dahinter steckt, der genau weiß, was er tut. Oder ob nicht, im Gegenteil, der Merkel-Spruch so eine Art „Kunstwerk“ ist, in dem viel mehr steckt, als die Künstlerin (Merkel) selbst versteht. Beides deckt der Methoden-Begriff ab: sowohl die klandestin-absichtliche Anwendung durch einen Akteur als auch Effekte, die einem vermeintlichen Akteur zufällig zupass kommen, aber die so nicht planbar sind, obwohl sie geplant wirken.

In letzterem Fall gehört Merkel prinzipiell selbst zu den Manipulierten und hat mit ihrem Spruch mehr gemacht, als sie selbst überblickt. Aber zugleich verliert der Sachverhalt Manipulation damit seine Bedeutung. Aber nicht für Linguisten! Dein „spezialisierter Text“ deckt, wenn überhaupt, allein die Effekte des Merkel-Spruchs ab, die dann eben auch nur für Spezialisten bedeutsam sind. Und in dem Sinne kann man tatsächlich fragen, [red]ob in diesem Forum spezialisierte Texte akzeptabel sind[/red].

Es geht nicht um die „angemessenere Form“, es geht auch nicht um schwere oder „leichte Kost“, sondern es geht darum, Bedeutung zu erzeugen, und zwar nicht für Spezialisten, sondern für die beteiligten Parteien, nämlich für die Akteure (Merkel) auf der einen Seite und fürs Publikum (Diesel-Fahrer, Wähler, Atomphysiker, Kaninchenzüchter, Linguisten) auf der anderen. Aber dazu muss man den problematischen Merkel-Spruch nicht als linguistisches, sondern als Kommunikationsproblem betrachten.
 

Willibald

Mitglied
Salute, Trojan,
interessanter Beitrag.
Vielleicht aber doch die These begründen, dass hinter Merkels Satz eine Manipulation steckt, unter welchen Bedingungen man annehmen kann, dass sie Entsprechendes bewusst tut. Und wann es plausibel ist, dass sie in diesem Satz verstrickt ist und daher eher Opfer als Akteur ist. Also was liegt hier für ein Format öffentlicher Kommunikation vor?

Beste Grüße
ww
 

Trojan

Mitglied
Hallo Willibald. Und übrigens auch hallo Blumenberg! (Das hatte ich unfreundlicherweise vergessen eben, grüßen muss schon sein)

Ich weiß nicht genau, ob dass so gut ist, Blumenbergs Thread mit unserem eigenen Sermon zu kontaminieren. Besser vielleicht, mal abzuwarten, ob Blumenberg noch was dazu tun will – wenn nicht, dann wars das für mich, andernfalls aber würde ich mir eine Antwort auf deine Fragen überlegen.

Vielleicht bis dahin mal.
 

Willibald

Mitglied
Salute,

das ist eher keine Kontamination. Das ist/wäre dietextgestützte Gegenüberlegung, gegen die sich Blumenbergs Deutung des Merkelsatzes behaupten muss.

greetse

ww
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Trojan, Hallo Willibald,

keine Sorge, wenn ich der Meinung wäre, dass hier Sermon abgeladen wird, hätte ich mich gemeldet. Die Diskussion dreht sich, wie ich sie verstehe, um Grundsätzliches, das sich zu diskutieren lohnt. Außerdem ist es doch schön, wenn ein Text sachlich diskutiert wird, ohne sich Beleidigungen an den opf werfen zu müssen.

Wenn ich dich Recht verstehe Trojan geht es dir um mehrere Dinge, erstens um die Textgestaltung als solche, die du zu spezialisiert findest.

Ich verstehe meine Texte in erster Linie als Angebote sich mit einem Thema über einen bestimmten Zugang auseinanderzusetzen. Ich wähle diesen Zugang, weil es die Form des Schreibens ist, die ich aus meinem beruflichen Umfeld gewohnt bin (akademisch, theoretisch und wenn man die Mehrheit fragt, furchtbar trocken). Dabei geht es mir nicht um ein monokausales Deutungsmuster, ob man meiner Argumentation folgen möchte oder nicht bleibt letztlich dem Leser überlassen. Der Satz bzw. seine einzelnen Teile ließe/n sich mit Sicherheit auch anders verstehen/deuten (siehe hier vor allem Willibalds ausführliche Diskussion des Finalsatzes). Gleichzeitig gibt es immer auch andere Zugänge zu dem Thema, zum Beispiel den den du hier vorschlägst, die man hätte wählen können. Denn deinen Vorschlag aufzugreifen hieße nicht den Text zu überarbeiten, sondern einen ganz anderen zu schreiben.

Zweitens um die Intention hinter dem Text, die in deinen Augen auf Bedeutung abzielen sollte. Ich glaube Bedeutung ist dafür der falsche Ausdruck, du meinst Wirkung. Um die zu erzielen müsste sich der Text an eine breite Zielgruppe richten, was er, so verstehe ich den Vorwurf, nicht tut. Ich wollte aber in dem Text nicht auf Wirkung abzielen, das tun meine Texte eigentlich nie, sie wollen nur etwas aufzeigen.

Drittens geht dir die Analyse nicht weit genug, so verstehe ich es, wenn du schreibst:

"Und wenn hier offenbar Interessen im Spiel sind, dann muss das Manipulieren Methode haben, und das Methodische ist es, das du mit deiner Analyse versuchst, sichtbar zu machen. Sobald man aber erkannt hat, dass etwas Methode oder System hat, muss man sich sinnvollerweise fragen, ob auch ein Akteur dahinter steckt, der genau weiß, was er tut."

Hier habe ich ein pragmatisches und ein methodisches Problem. Zuerst das pragmatische, was du hier forderst würde den Rahmen dieses Textes vollkommen sprengen. Ich will mich hier auf ein winziges Feld beschränken, denn alles weitere würde entweder den Textumfang verzehnfachen, oder es wäre so verallgemeinert, dass es schon wieder fast falsch wäre. Zu all den davon berührten Themen gibt es bereits eine ganze Reihe sehr guter Bücher, die sich differenzierter mit dem Thema auseinandersetzen als ich es hier könnte.
Das methodische betrifft generell die Frage, ob man tatsächlich wissen kann, was die Intentionen von handelnden Personen sind. Das ist in meinen Augen gar nicht so einfach zu beantworten. Ebenso schwierig ist es in diesem Kontext zu benennen wer hier der Akteur sein soll, ohne sich in Verallgemeinerungen wie die Industrie, die Politik, etc. zu flüchten. Außerdem ist mir manipulieren im Zusammenhang des Satzes ein viel zu starkes Wort, hier wird Wirkung erzeugt und das nach dem Muster in dem politisches Sprechen nun mal funktioniert. Darin unterscheidet es sich nicht von PR- oder Werbesprache. Das ist glaube ich auch der Punkt auf den du, Willibald in deinem Kommentar hinweist, wenn du schreibst: "Also was liegt hier für ein Format öffentlicher Kommunikation vor?"

Liebe Grüße

Blumenberg
 

Trojan

Mitglied
Hallo Willibald.

Die „textgestützte Gegenüberlegung“? Textgestützt ist es ja gerade nicht, was ich mache, weil ich ja nix verstanden habe – und genau das ist meine Stütze. Wenn Erwartungen bedient werden, informiert das nicht; ich erwarte von einem Text, zumindest solange ich nicht in einem Spezialseminar sitze, dass er für mich verstehbar ist – informativ finde ich daher, dass Blumenberg meine Erwartung enttäuscht. Wenn ich das richtig sehe, werden u. a. nach diesem Kriterium sogar die Grimme-Preise vergeben: ...hat die Erwartungen unterlaufen...

Deinen Fragenkatalog finde ich auch schwierig zu verstehen, vermutlich aber aus anderen Gründen.
[red]Vielleicht aber doch die These begründen, dass hinter Merkels Satz eine Manipulation steckt, unter welchen Bedingungen man annehmen kann, dass sie Entsprechendes bewusst tut[/red]

Ich soll zweimal begründen? Einmal die Behauptung, dass hier Manipulation im Spiel ist? Und zusätzlich, inwiefern ihr, Merkel, das Manipulieren bewusst ist?

Die erste Frage hat Blumenberg selbst begründet, implizit und explizit. Der Text entschleiert ein ganzes System von Absichten bzw. gewollten Implikationen, die sich aus dem Merkel-Spruch ergeben – und selbst, wenn ich im Detail nicht folgen kann, verstehe ich doch, dass der Text keine Aufzählung ist, sondern Verknüpfungen, also ein System beschreibt. Insofern implizit.
Und in seiner Antwort auf meinen Kommentar erklärt er das Absichtsvolle hinter dem Merkel-Spruch, indem er klar macht, dass dieses versteckte System konkreten Nutzen erzeugt: der Gewinn für Merkel wäre, dass sie nichts tun muss, wenn ihr Sprüchlein bewirkt, dass das Problem einfach verschwindet, ohne es lösen zu müssen (Blumenberg). Insofern explizit.

Manipuliert wird offenbar die Wahrnehmung, oder zeitgemäßer: die Aufmerksamkeit, des Publikums.

Und während ich den letzten Satz schreibe, fällt mir auf, dass das gar ncht zutrifft, was ich in meinem letzten Kommentar erzählt habe, nämlich dass dieses Publikum „der Bürger“ sei – Mumpitz! Das Publikum sind allein die Dieselfahrer, denn die werden des - bzw. nicht-informiert, indem ihre Erwartungen bedient werden: wenn Merkel „alles tun wird, um Fahrverbote zu verhindern“, dann sehen sich die Dieselfahrer bestätigt, dass nicht der Diesel das Problem ist, sondern das Fahrverbot – und zugleich schließt der Merkel-Spruch den kompletten Rest desjenigen Publikums aus, für das im Gegenteil der Diesel das Problem ist. Witzich. Der Focus auf das Fahrverbotsproblem lässt das Diesel-Problem verschwinden, mindestens für diejenigen, die das Diesel-Problem ganz besonders angehen sollte, die Dieselfahrer- und käufer, weil sie diejenigen sind, die etwas tun könnten.



Die zweite Frage müsste ich gar nicht begründen, weil das bloß eine Frage war, die sich ihrerseits aus einer anderen Frage, die meiner Ansicht nach naheliegend war, ergeben hat – was für sich schon ein kleines Beispiel dafür ist, dass etwas im Begriff ist, sich zu verselbstständigen, nämlich wenn keine Person mehr benötigt wird, um eine Frage zu stellen, sondern sich diese von selbst stellt.
(Seit ein paar Jahren ist ja Luhmann allseits beliebt, und der würde wohl sagen, dass die Person dann nur noch sekundären Status hat und eben nur noch beobachtet: einerseits, wie Kommunikation mit sich selbst kommuniziert, andererseits, wie sie, die Person, genau dies beobachtet)

Die meiner Ansicht nach naheliegende Frage war, ob, sobald man etwas als methodisch identifiziert hat, die Methode (das System) einen Akteur hat, oder ob das methodische Einsetzen der Implikationen bloß eine Wirkung der Analyse ist. Ob Merkel ihr Sprüchlein bewusst so eingesetzt hat, ist dann eine Frage, die sich aus der Akteurs-Seite ergibt, nämlich ob Merkel dann auch die Methode kontrolliert.



[red]Und wann es plausibel ist, dass sie in diesem Satz verstrickt ist und daher eher Opfer als Akteur ist [/red]
Den ersten Satzteil verstehe ich wieder nicht. „Opfer“ (das Wort würde ich gar nicht benutzen) wäre sie insofern, als sie nicht wüsste, wovon sie spricht, wenn ihr Sprüchlein Implikationen triggern würde, ohne dass ihr das bewusst wäre. Unplausibel wäre das nicht, weil man sich bei Politikern generell fragen kann, ob die wissen, wovon sie reden. Andererseits, wer weiß, wovon er spricht, dürfte als Politiker wohl Probleme bekommen, weil er dann nicht mehr verstanden wird. Dritterseits müsste man Politiker dann wohl für geborene Opfer halten. Könnte man glatt mal drüber nachdenken, und nicht nur, wenn man so eine taube Nuss wie Scheuer im Sinn hat, sondern wenn man bedenkt, dass Passivität generell die Tätigkeitsbeschreibung konservativer Politiker ist. Und konservativ sind sie im Zweifel alle. Bis auf Altmaier, der hält sich für radikal.



[red]Also was liegt hier für ein Format öffentlicher Kommunikation vor?[/red]
Ich antworte mit Vilem Flusser, den ich viel besser finde als Luhmann: das Format ist Bündel-Kommunikation, die übrigens auch [/i]Werbung[/i] (->Blumenbergs neuestes Posting) miteinschließt.

Aber jetzt habe ich keine Kondition mehr. Vielleicht beschreibe ich das ein andermal, was Flusser damit meint, alternativ lässt sich das bestimmt auch googeln. Obwohl die Frage nach dem Format eigentlich ganz interessant ist.


(Ich höre die Schüler gerade wieder Rabbatz machen. Absolute Spitze!)
 

Willibald

Mitglied
Salute!

Mir scheint, Willibalds "Fragenkatalog" fragt nach, was sich hier an Beobachtungen und Argumenten finden lässt, um die "ob"-Frage und die "Oder-ob-nicht"-Frage zu beantworten.

Oder ist das jetzt einfach nur eine Feststellung, die ihre Güte in sich trägt. Es geht um die Frage nach dem Akteur Merkel oder dem Nichtakteur/Opfer/Patiens Merkel:


Sobald man aber erkannt hat, dass etwas Methode oder System hat, muss man sich sinnvollerweise fragen,

ob auch ein Akteur dahinter steckt, der genau weiß, was er tut.

Oder ob nicht, im Gegenteil, der Merkel-Spruch so eine Art „Kunstwerk“ ist, in dem viel mehr steckt, als die Künstlerin (Merkel) selbst versteht.

Beides deckt der Methoden-Begriff ab: sowohl die klandestin-absichtliche Anwendung durch einen Akteur als auch Effekte, die einem vermeintlichen Akteur zufällig zupass kommen, aber die so nicht planbar sind, obwohl sie geplant wirken.
greetse
ww
 

Trojan

Mitglied
Hallo Blumenberg,

ja, das mit dem Sermon war nicht richtig ausgedrückt, was ich meinte war, dass an dir, dem Autor dieses Threads, vorbeidiskutiert wird. Aber du hast nicht den Eindruck, das ist gut.


[red](akademisch, theoretisch und wenn man die Mehrheit fragt, furchtbar trocken)[/red]
Akademisch und theoretisch sind für mich fast Widersprüche. Was das Theoretische trocken macht, ist das Akademische. Theorie ist nicht notwendigerweise trocken, man muss nur die entsprechenden Beispiele finden, an denen man sich ein solches Beispiel nehmen kann. Das funktioniert natürlich auch mit Anti-Beispielen, und zwar in beide Richtungen. Egal.

[red]Denn deinen Vorschlag aufzugreifen hieße nicht den Text zu überarbeiten, sondern einen ganz anderen zu schreiben.[/red]
Zutreffend. Kann man das von jemandem verlangen? Kann man nicht, oder? Hat was Dreistes, stimmt schon.
Immerhin ging es mir nicht um eine Geschmacksfrage, sondern um das Thema selbst, von dem ich eben dachte, dass man es nicht anders als anders bearbeiten kann. Andererseits, und ich habe das oben schon gesagt, hat dein exotischer Text meine Erwartung enttäuscht – und das halte ich inzwischen für ziemlich produktiv (für mich selbst produktiv).

[red]Ich glaube Bedeutung ist dafür der falsche Ausdruck, du meinst Wirkung[/red]
Nein, ich meine Bedeutung.
Wirkung ist für mich geradezu das Gegenteil von Bedeutung, die Krone der Wirkung ist Pornographie. Bei der Pornographie geht es um nichts anderes als um eben das: Wirkung.

Ich bringe mal ein etwas schlichteres Beispiel für mein Verständnis von Bedeutung.
Da gibt es eine Stadt, die überlegt, ob sie ihren Hauptbahnhof abreißen soll, aber man entscheidet sich fürs Restaurieren. Nach Abschluss der Arbeiten stellt man fest, man hat einen historischen Bahnhof! Ab sofort heißt dieser Bahnhof nicht mehr Hauptbahnhof, sondern Historischer Bahnhof. Die Leute sind begeistert, weil die ganze Gegend um den Bahnhof herum nun optisch gewonnen hat, und wenn sie von Fremden gefragt werden, was es in der Stadt so an Sehenswürdigkeiten gibt, wäre der Historische Bahnhof dabei.

Irgendwann wird hundert Meter vor das Bahnhofsgebäude ein neues Kaufhaus gebaut, ein goldbraunfarbener Kubus, man könnte auch Klotz dazu sagen. Das Hässliche an diesem Kubus ist aber nicht seine einfallslose Architektur, sondern dass er nun die Sicht auf den Historischen Bahnhof versperrt. Die Leute wissen nun natürlich immer noch, dass ihre Stadt einen historischen Bahnhof hat – aber davon zu sehen bekommen sie nichts mehr. Und genau deshalb, hat die Stadt auch keinen Historischen Bahnhof mehr, weil der für niemanden mehr Bedeutung hat.


[red][ ... ] du meinst Wirkung. Um die zu erzielen müsste sich der Text an eine breite Zielgruppe richten, was er, so verstehe ich den Vorwurf, nicht tut.[/red]
Zielgruppe ist ein Marketingbegriff und damit quantifizierbar. Bedeutung dagegen ist vielleicht steigerbar, aber nicht quantifizierbar, sondern qualifizierbar. Bedeutung ist eine Qualität, und zwar weniger des Textes, sondern des Themas. Die Bedeutung deines Themas (des Merkel-Spruchs) steckt nicht in dem Spruch selbst, sondern in der Vermittlungsabsicht des Spruchs, der zwischen zwei Seiten vermittelt: den Politikern, die sich gefordert sehen, ausnahmsweise mal kein Problem zu lösen, sondern, igittigitt, erstmal ein Problem zu schaffen, soll heißen: zu definieren; und auf der anderen Seite das Publikum, das plötzlich aus dem Konsumkoma erwacht ist, weil es betrogen wurde.

Dass die linguistische Analyse keiner versteht, das heißt, dass ich sie nicht verrstehe, ist nur eine Nebenwirkung davon, dass du das Thema zu einem linguistischen machst und nicht zu einem der Kommunikation. Aber ich sag's nochmal: inzwischen finde ich das nicht übel, wenn auch aus abseitigen Gründen. Immerhin: was ich für richtig finde, ist kein Maßstab, man kann die Dinge sehr wohl auch anders sehen, aber wenigstens habe ich meine Sicht inzwischen ausführlich begründet, und mir auch ziemlich Mühe damit gemacht, ehrlich gesagt. Deshalb halte ich meine Kommentare für ok.


Das dir Manipulaton ein viel zu starkes Wort ist, habe ich mir gedacht. Aber dann ersetze es einfach durch System oder Methode, das passt auch. Wirkung hat wiederum den Nachteil, zumindest in meinen Augen, dass es als Wort nur sich selbst genügt und nicht über sich hinausweist, etwa einen Urheber impliziert. Genau das übrigens verursacht möglicherweise die Trockenheit von akademischen Texten, ihre merkwürdige Urheberlosigkeit.
 

Willibald

Mitglied
Nun ja, der Begriff "Bedeutung" ist vielleicht doch nicht aus den Sprachwissenschaften ganz herauszunehmen, wie es das Hauptbahnhofbeispiel vielleicht anzeigen will.

Hier etwa sind/waren die Vorannahmen Flussers ein wenig deutlicher, der Stellenwert, die "wahre Bedeutung" des Todes und der Entropie:

Nimmt man «semantische» Kriterien, dann wird man die Kommunikationsarten nach der übermittelten Information einteilen, zum Beispiel in die drei Hauptklassen: «faktische» Information (Indikative), «normative» Information (Imperative) und «ästhetische» Information (Optative). Es läßt sich jedoch zeigen, daß «syntaktische» Kriterien, welche die Kommunikationsarten nach ihren Strukturen ordnen, geeignet sind, das Feld für spätere «semantische» Analysen vorzubereiten. Sie bieten sozusagen Landkarten der kommunikologischen Lage, in welche später die semantischen «Inhalte» eingezeichnet werden können.

Darum soll in den folgenden Abschnitten ein Katalog der Kommunikationsformen vom strukturalen Standpunkt aus vorgeschlagen werden. Selbstredend soll dabei der intime Zusammenhang zwischen Bedeutung und Struktur, zwischen «Semantik» und «Syntax» nicht geleugnet werden: Die Form wird vom Inhalt bedingt und umgekehrt (wenngleich nicht notwendigerweise «the medium the message» sein muß). Daher wird es erforderlich sein, in den folgenden Abschnitten immer wieder auf den semantischen Aspekt der Kommunikation zurückzugreifen. Und doch wird hier nicht eine semantische Wiedergabe (eine «Fotografie»), sondern eine strukturale Analyse (eine «Landkarte») unserer Lage verfolgt.

Der Diskurs ist eine Methode, verfügbare Information zu verteilen, um sie vor der entropischen Wirkung der Natur zu bewahren. Die meisten in dieser Definition enthaltenen Probleme liegen außerhalb des Bereichs der vorliegenden Arbeit – beispielsweise das Problem der Bedeutung des Wortes «Verteilung» bei einem Prozeß, in dem der Sender nichts von der von ihm verteilten Information verliert und jeder Empfänger sie nicht nur als Teil, sondern ganz empfängt; oder das Problem der Bedeutung des Wortes «verfügbar» im Zusammenhang mit einem Prozeß, der mit der Funktion von Gedächtnissen zu tun hat.

Flusser, Vilém. Kommunikologie

Auf einer ganz praktischen Ebene hantiert Flusser gerne mit den Vokabularien von Langenscheidt und Stowasser, um die "Bedeutung" von lateinischen Wörtern und griechischen zu skizzieren.

Hier werden die [blue]wichtigsten Bedeutungen[/blue] aus dem Langenscheidt Großwörterbuch Lateinisch-Deutsch (26. Auflage, 2001) angeführt. In manchen Fällen sind diese Angaben durch zusätzliche Informationen aus dem Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch (2007) [SW = Stowasser] ergänzt.


parvus (comp. minor, us, sup. minimus)?1. (räuml. u. quantitativ) klein, gering, unbeträchtlich, wenig; a) (zeitl.) kurz; b) (vom Alter) jung; c) [blue](von Wert, Bedeutung) gering[/blue], unbedeutend, leise, demütig; d) (von Rang u. Stand) niedrig, machtlos, arm. – 2. subst. A) parvus kleines Kind; b) parvus Jüngere, Geringe; c) parvum ein Weniges, Wenigkeit.

Flusser, Vilém: Kommunikologie weiter denken: Die Bochumer Vorlesungen
Dabei findet sich zum einen ohne weiteres linguistische Semantik, und dann etwa die Variante von Bedeutung, die man in der Sprache am soziokulturellen Wert (qualitativ, durchaus beschreibbar) festmachen kann.

Mit anderen Worten, der vorhin behauptete Bedeutungsverlust des historischen Bahnhofs durch den Klotz lässt sich vor allem deswegen behaupten, weil es ein Vorher und ein Nachher gab. Und weil die Semantik "historischer Bahnhof" die Konnotation "wertvoll, schätzenswert, alt und gediegen, ehrenwertes und ästhetisches Erzeugnis einer Epoche" enthält, eine Konnotation, die dann eben durch die Baurealität nicht mehr gedeckt ist. Aber eben diese Diskrepanz zwischen gegenwärtigem Wert und lexikalisch gespeichertem Wert ist ohne Semantik kaum zu beschreiben. Natürlich noch durch das Empfinden der Anwohner. Die dürften aber durchaus in der Lage sein, den Bedeutungsverlust und ihr Empfinden verbal verständlich zu beklagen. Solche Klagen dann linguistisch zu untersuchen, dürfte durchaus aufschlussreich sein. Mehr ist es nicht, aber das ist schon ziemlich viel.

Vorläufiges Fazit: Inweifern geht Blumenbergs Analyse der Struktur des Merkel-Satzes an Villem vorbei?

greetse
willi wamser
 

 
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