Drei leichte Lieder

Mondnein

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Drei leichte Lieder


1. Klavierspiel


Dein Blechgeklimper – Tagelöhnerlohn
Dein Taschengeld – l' apres midi d'un Faune
Zerrißner Harfen Klang – ein Orgelton
Schleift die Planeten rund – dein Grammophon?

Vertaner Witz – ein frischer Ernst ein Scherz
Blutiger Ernst – in jedem Witz ein Schmerz
Die Narbe? Wo? – im Sturz im Sprung im Scherz
Ach Kind ach Mann ach Blödsinn – Narrenschmerz

Kein Kreuzreim nein – und doch und immerhin
Ein schlimmes Faseln – Haben Klänge Sinn?
Ein Fluch ein Lied – und haben Worte Sinn?
Ein Tun ein Fund ein Glimmer – ein Dahin?



2. Ja


Die Wörter haben Knochen und Gewicht
So wie auch Blut und Haut in jedem Laut
Das Festeste und Härteste – ja schaut!
Im Wortlaut – ist der Sprechende der spricht

Hier keimt der schlummerlichte Wesenskern
Den niemand glaubt als Festes zu ersehn
Und jeder doch in jeglichem Geschehn
Will jemand sein: Geschichte Namen Stern

Der Alphabete Nahrung im Gericht
Der Sinne und Bedeutungen – Substanz
Im Tun genossen – Klang und Ich zuganz
So tanzt und lacht der Sprechende der spricht

Das Flüssige des Lebens und der Hauch
Des Geistes sind des Lichtes Element
Darinnen sternen Sonnen – seht! erkennt!
Der Liebe Reich der Sinne Opferrauch

Und du des Himmelskörpers Bruder Sohn
Die Offenheit der Frage vor dem Ton
Die Pause vor des Schlußakkords Gedrohn
Ewiger Stille Laut genug – und schon – –



3. Narkissos


Der Musen höchster Lobgesang ist der:
Daß sie vergeblich in des Dichters Arm
Sich warfen um zu zügeln seine Fahrt
Bar jeder Scham sprengt schon sein Reim daher

Verwirrt gesteht er ihren leichten Trug
Zum Dank sei nun gescheit genug du Tor!
Ich wüßt ihn nicht – Ihr lehrt mich denn zuvor?
Oh Tänzerinnen in der Feder Flug!

Wie leicht entflieht ihr meinem gleichen Klang
Bin Echo ich dein Spiegelbruder nicht?
Wer bin ich? Ach ihr lacht in mein Gedicht
Und setzt dem Faun ein Spottlied als Gesang

Lauf ich denn nicht zu Recht vor euch davon?
Ach wirbelt nur in meinem Schwung dahin!
Verliebt in mich so stürzen wir dahin
Wer hält mich noch? Der Abgrund – Abbadon?
 
Zuletzt bearbeitet:
Aus Grabbes Theaterstück Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung von 1822 (2. Akt, 2. Szene).

RATTENGIFT sitzt an einem Tische und will dichten. Ach, die Gedanken! Reime sind da, aber die Gedanken, die Gedanken! Da sitze ich, trinke Kaffee, kaue Federn, schreibe hin, streiche aus, und kann keinen Gedanken finden, keinen Gedanken! – Ha, wie ergreife ichs nun? – Halt, halt! was geht mir da für eine Idee auf? – Herrlich! göttlich! eben über den Gedanken, dass ich keinen Gedanken finden kann, will ich ein Sonett machen, und wahrhaftig dieser Gedanke über die Gedankenlosigkeit, ist der genialste Gedanke, der mir nur einfallen konnte! Ich mache gleichsam eben darüber, dass ich nicht zu dichten vermag, ein Gedicht! Wie pikant! wie originell! Er läuft schnell vor den Spiegel. Auf Ehre, ich sehe doch recht genial aus! Er setzt sich an einen Tisch. Nun will ich anfangen!
 

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