Dunkel, traurig, ohne wirkliche Hoffnung

Rezension zu:

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25055-0

Die Orte und Städte, in denen der neue schmale Roman von Michael Köhlmeier spielt, können in jedem Land Westeuropas liegen. Ein Europa, das in diesen Tagen zu zerbrechen droht an einer Herausforderung, die sich die meisten Regierungen weigern, gemeinsam zu meistern und zu lösen. Ob dies überhaupt möglich ist, ohne wesentliche Werte aufzugeben und für unantastbar gehaltene Rechte auszusetzen, das werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.

Michael Köhlmeier Roman handelt von Kindern. Drei von Hunderttausenden, die sich mit Eltern oder alleine auf den Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft gemacht haben und versuchen, in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse zu überleben.

Das sechsjährige Mädchen, dessen Geschichte Michael Köhlmeier sensibel und mit einer schlichten, poetischen Sprache verfolgt, ist mit einem "Onkel", der nicht näher beschrieben wird, ins Land gekommen.Der setzt sie auf dem Marktplatz einer größeren Stadt vor dem Laden von Bogdan ab, einem freundlichen Händler,der dem stummen Mädchen zu essen gibt. Sein Freund, der Fischhändler, unterstützt ihn dabei, rät jedoch, die Polizei zu rufen, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Als das Mädchen das Wort "Polizei" hört , beginnt es zu schreien wie am Spieß.

Abends holt sie der Onkel an einer verabredeten Stelle wieder ab und setzt sie am nächsten Tag wieder bei Bogdan ab. Als nach einigen Tagen der Onkel nicht da ist, irrt das Mädchen durch die Stadt und wird irgendwann von einer freundlichen Polizeibeamtin in ein Heim gebracht. Dort trifft sie auf einen älteren Jungen namens Schamhan und den kleinen Arian. Schamhan kennt sowohl die Sprache des Mädchens als auch die des kleinen Jungen.

Sie fliehen aus dem Heim und versuchen sich durchzuschlagen. Schamhan redet von einem Haus, das er finden will, wo sie über den Winter bleiben können, weil seine Bewohner im Süden in der Sonne sind.

Niemand weiß, wo die Kinder herkommen. Das Mädchen wird Yiza genannt, weil es auf eine entsprechende nicht verstandene Frage dieses Wort gesagt hat. Irgendwann ist auch der große Junge verschwunden, und auch Arian kommt nicht wieder, als eine alte Frau das Mädchen bei sich aufnimmt, offenbar ohne die Behörden zu informieren. Doch Arian findet sie Monate später, schlägt die alte Frau brutal nieder, und sie fliehen erneut.

"Arian ist der Kapitän. Er geleitet das Schiff zu den Freunden und in den Sommer. Die Freunde, das sind eine Horde von Zerlumpten, die bereits zu alt sind für Mitleid und Rührung. "

Mit diesen Worten lässt Michael Köhlmeier seinen nachdenklichen Roman enden. Einen Roman, der erzählt von Menschen ohne Herkunft. Ein Roman, der sich Sentimentalitäten verweigert und dennoch mit kräftigen Worten und lebendigen Bildern erzählt von der kindlichen Kraft des Überlebens.

Ein Buch ohne gutes Ende, obwohl sich im seinem Verlauf an mehreren Stellen ein solches anbot. Aber die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Dunkler, trauriger, ohne wirkliche Hoffnung.
 

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