Durchbruch

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Aufschreiber

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Vorbemerkung:
Sehr geehrtes Publikum! Diese Betrachtungen entführen uns alle in die Welt der Wissenschaft und Forschung, was sich – soviel sollte selbstverständlich sein - auch in einer entsprechenden Ausdrucksweisheit niederschlägt. Halbgebildete Pamphlete oder gar tumbes Gewäsch finden hier nicht Gehör, weshalb gebeten wird, die Öhrchen fein zu spitzen und das Schnurren moderat zu halten.

Renaldo di Probario ist genervt. Er hat die letzten Wochen in seinem halbdunklen, nicht unbedingt duftenden Kellerraum verbracht, dem er selbst die hochtrabende Bezeichnung „Laborio" verliehen hat, bevor er sich darin eingeigelte. Heute ertappt er sich immer öfter dabei, seine einst geliebte Forschungsstätte als „das Loch" zu bedenken.
Doch während Don Renaldo sich im Verborgenen müht, wollen wir, die wir im Sonnenschein die gute Frischluft atmen können und uns der Buntheit und der Düfte unserer Welt erfreuen, erst einmal erfahren, wer denn dieser kühne Forscher eigentlich ist und was ihn im „Laborio" so eifrig werkeln lässt.
Don Renaldo di Probario, einziger Spross des berühmt-berüchtigten Gauners Alonzo Grimaldini, ist Nutznießer der Gerissenheit seines Vaters, der nämlich, noch vor seinem Ableben durch Verabreichung eines wenig gesundheitsförderlichen Trankes (durch eine bisher unerkannte Person) die Cleverness besessen hat, sich – zu gutem Preise – den Adelstitel zu sichern, welchen der Nachkomme nun mit einigem Stolz führt.
Renaldo, der schon als Kind eine leichte Schwellung am Ego erlitten hat, hält sich für einen großartigen, wenn nicht gar den allerbedeutendsten Forscher, der sein Leben – und das väterliche Erbe – ganz in den Dienst der Wissenschaft (und gelegentlich auch der drei weltlicheren Zerstreuungen, Wein, Weib und Glücksspiel) stellt.
Die Mutter unseres Helden ist ... für unsere Geschichte nicht von Bedeutung.

Wenden wir unseren Blick nun wieder dem eifrig werkelnden Renaldo zu, der – gelegentlich hüstelnd – inmitten dichter Dampfwolken umher wandelt, die ihrerseits einem unüberschaubaren Gewirr aus Glaskolben, Schläuchen, Bechern und Destillationsschlangen entweichen. Man kann nur vermuten, dass es sich bei dem Schatten im Nebel tatsächlich um ...
„Miaaauuu!" Die Laborkatze Clothilde erscheint, mit steif erhobenem Schwanz und gesträubtem Fell und entwischt durch die Luke, die auch uns als Zugang dient.
Im Nebel ertönt, durch die dichten Schwaden gedämpft ein Ruf: „Tildchen, komm zu Papi, komm! Hier gibt es noch eine schöne Probe zu testen. Komm zu Papi!"

Nun, liebes Publikum, ich fürchte, wir werden die Szene noch einmal vernachlässigen müssen. Schließlich haben wir ja alle noch keinen blassen Schimmer, was genau der Erbe Alonzos denn da nun eigentlich braut.
Der Junge Mann hat seinen Herrn Papa vergöttert, was den unfreiwilligen Abschied von diesem seinem Helden besonders schmerzlich machte. Noch am offenen Sarg hat er sich deshalb geschworen, zu leisten, was den berühmtesten Alchemisten der Uralt-, Alt- und Neuzeit bisher versagt geblieben ist. Er will das Lebenselixier entdecken.
Dieser Zielstellung trägt auch der zweite Raum Rechnung, der in der weitläufigen Villa di Probario zum Hauptwohnbereich des Forschers zählt, die Bibliothek, in der man so ziemlich alles finden kann, was sich mit seinem Fachgebiet, der Unsterblichkeit, befasst.
Die als verschollen geltenden Werke des Wei Boyang teilen sich ein Regal mit den Schriften des arabischen Weisen At-Tughrai, gleich neben den bekannteren Texten solcher Koryphäen wie Zosimos von Panopolis und selbst den Halbgöttern, wie Demokrit oder Johannes Kunckel.
Ja, unser Renaldo befindet sich frequent in illustrer Gesellschaft, sieht man einmal davon ab, dass die anderen Teilnehmer seiner Kolloquien leider bereits verstorben sind. Dieser Umstand ist auch verantwortlich dafür, dass die wissenschaftlichen Gespräche in der Villa di ... wir wissen wo, ausschließlich Monologe sein können, maximal an das bereits bekannte Haustier gerichtet, das just in diesem Augenblick eben rasant abhanden gekommen ist, was uns wieder zum gegenwärtigen Geschehen bringt.

Wie wir bereits vermuten, ist Clothilde nicht nur einzige Laborgefährtin, sondern auch noch eine Ratte, eine Laborratte nämlich, die in ihrem eigentlich noch recht kurzen Dasein bereits eine Vielzahl von mehr oder minder erfolgversprechenden Zwischenergebnissen höchstpersönlich testen durfte. Dass das Tier das nicht immer freiwillig tut, ahnen wir, wenn wir die – nun etwas strengeren – Rufe des Besitzers vernehmen:
„Komm jetzt sofort her, du undankbares Vieh! - Sonst gibt es kein Futter!"
Wer bereits mit Vertretern der Gattung Felidae zu tun hatte, wird nun vermuten, dass diese Drohung eher ein Papiertiger sei. Doch lassen wir uns nicht von eigenen Erfahrungen fehlleiten! - Tatsächlich hatten die bisherigen Testdurchläufe ... Nebenwirkungen.
Der Verlust des Gebisses, etwa, erzeugt eine beträchtliche Abhängigkeit vom Wohlwollen des Dons, so ernährungstechnisch gesehen.
Folgerichtig kommt nun das Tier widerwillig angeschnürt, umschmeichelt – Vergebung heischend – mehrfach die Beine des Rufers und driftet dann, sehr vorsichtig dem Schälchen entgegen, in dem ein grau-violetter Brei Blasen wirft. Der Geruch, den der Sud ausstößt, könnte auch Lebewesen mit weniger feiner Nase durchaus vergraulen. Dennoch, Clothilde umkreist das Gefäß einmal, zweimal, drei ... und wendet sich schließlich, schicksalsergeben, demselben vollständig zu.
Renaldo, vom Forscherdrang völlig beherrscht, tritt näher, um eventuelle Effekte auch minutiös dokumentieren zu können, so sich diese denn zeigen sollten.

Die Katze schleckt von dem breiigen Zeug, einmal, zweimal, ... Es tut sich nichts, vielmehr scheint der Geschmack des Gebräus tatsächlich besser zu sein, als der Geruch. Don Renaldo ist enttäuscht. Sollte ihm nicht mehr gelungen sein, als eine neue Sorte Katzenfutter?
Clothilde leckt das Schüsselchen fein sauber – und sich danach das Mäulchen. Sie schnurrt. Der Forscher wird sauer.
„Hat es dir auch wirklich gemundet, nutzloses Geschöpf?", schimpft er und greift nach der zufriedenen Katze.

Aber wie er sie so anhebt, geschieht etwas; nein, eigentlich alles auf einmal.
Clothilde, deren Magen von der Hand des Forschers gedrückt wird, beginnt zu schwellen. Ihr Fell steht nach allen Seiten ab, als sei sie zum Igel ... nein, zum Stachelschwein mutiert. Ein dumpfes Fauch - Miauen dringt aus ihrer Kehle und dann passiert es. Das Tier scheint sich zu verflüssigen und tropft zäh von aus der Höhe, in die sie Renaldo gehoben hat, zu Boden. Doch sie bildet keine Pfütze, sondern fügt sich erneut zur vierbeinigen Form zusammen, wie eins dieser Gel - Spielzeuge, die unter der Bezeichnung „Slimey" Kinderherzen beschleunigen.
Renaldo ist baff. Er springt auf Clothilde los, um sie zu fassen, diese jedoch enscheidet sich, nicht zu fliehen, sondern springt ihrem Quäler mitten ins Antlitz.
Es knallt und ein leicht lilafarbener Qualm steigt auf. Wie im Horrorfilm platzen und splittern ringsum Glasgefäße, denen vielfarbige Ingredienzien und Essenzen entfließen. Für einige Augenblicke sieht man nur ein Wabern, wo eben noch Renaldos Gesicht war, dann beruhigt sich die Szene.

Als der Lila-Dunst sich verzieht und der Nebel sich senkt, hat sich Don Renaldo verändert. Ganz offenbar sind der Kopf des Menschen und die instabile Gestalt des Tieres miteinander verschmolzen. Lange weiße Barthaare stehen links und rechts der Nase ab, die Ohren sind spitz und pelzig, die Nase hat eine zart rosafarbene Spitze. Einen Moment lang scheint es, als wolle sich der Mutant auf alle Viere niederlassen. Doch er gewinnt sein Gleichgewicht zurück und lässt die geschlitzten Bernsteinaugen schweifen.
Da! Er hat entdeckt, was er suchte. Immer noch ein wenig unsicher wankt er einem der Instrumententische zu, wo er sich einen kleinen Spiegel greift. Als er seine Reflektion sieht, stößt er einen undefinierbaren Schrei aus. Er japst und schnauft, stöhnt noch einmal, greift nach der Herzgegend, seufzt und sinkt leblos zu Boden.

Tja, das dürfte wohl das Ende der Karriere und der Geschichte sein. Auch dieser geniale Geist hat wohl das so eifrig gesuchte Elixir nicht finden könn ...

Aber was ist das? Don Ronaldo rührt sich. Er hebt den Kopf, schaut sich schlitzäugig um und erhebt sich, ein bisschen mühsam. Dann wandert er ein wenig durch das Trümmerfeld und begibt sich schließlich zur Luke, um sich draußen eine Maus zu suchen.
Als er an uns vorbei kommt, hören wir ihn leise schnurren.

Acht Leben hat er ja noch.
 
Zuletzt bearbeitet:

Matula

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Die Geschichte gefällt mir sehr gut ! Sie erinnert mich an Turritopsis dohrnii, die unsterbliche Qualle, von der ich neulich gelesen habe.

Herzliche Grüße,
Matula
 

Aufschreiber

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Hallo Matula,

ich gebe zu, dass sie nicht taufrisch ist. Ich habe sie für die letzte Lesung in einem Kunstverein geschrieben, das Thema war "Fusion".
Ja, die Qualle bietet ja tatsächlich gute Ansatzpunkte für derartige Stories.

Ich freue mich, dass Dir die Geschichte gefällt, ich hatte einigen Spaß beim Schreiben.

Beste Grüße,
Steffen
 

lietzensee

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Hallo Aufschreiber,
ich finde den Text auch sehr originell, besonders der ironische Tonfall. Eine Sience Fiction Geschichte mit so einer Erzählstimme ist mir noch nicht begegnet. Ich mag, dass die Stimme manchmal fast wie aus einer "trashigen" Fernsehdoku klingt. Die "Vorbemerkung" hatte mich erst hinters Licht geführt, bevor ich gemerkt habe, dass sie zum Text gehört. Zumindest glaube ich, dass sie zum Text gehört, falls nicht, dann bitte entschuldige mein Schnurren.
Ein klein wenig holprig fand ich, dass das Elexier zwei Wirkungen hat. Erst lässt es die Katze terminatorartig zerfließen, dann verschmilzt es auch noch Mensch und Katze. Brauchst du die erste Wirkung wirklich? Am Ende willst du doch eigentlich Tempo geben und den Leser mit der Pointe überraschen. Wenn du die Katze erst zerfließen lässt, verlierst du meiner Meinung nach nur unnötig Erzählzeit. Die Katze könnte gleich mit Renaldo verschmelzen und der Überraschungseffekt beim Leser wäre größer.

Acht Leben hat er ja noch.
Ein Gedanke der mir beim Lesen gekommen ist: Wäre doch lustig, wenn auch die Katze nur noch ein Leben hat, weil sie durch Renaldos Experimente schon mehrfach gestorben war.

Ich glaube im deutschen Sprachraum spricht man eher von sieben Leben. Die neun Leben kommen von den Angelsachsen.

Viele Grüße
lietzensee
 

Aufschreiber

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Hallo Lietzensee,

vielen Dank für Deine Anmerkungen.
Meinem Gedanken nach ist es eigentlich nur ein Effekt, nämlich diese Konsistenzänderung. Die wirkt sich dann durch die brachiale Kollision von Katzen-Dings mit Menschen-Antlitz aus, nämlich so, dass ersteres eben mit dem Menschen verschmilzt.
Aus dieser Sichtweise ergibt sich auch, dass zuerst diese Verflüssigung auftaucht (die, so hätte ich es gern gehabt) dann die Verschmelzung glaubhafter erscheinen lässt.

Die "sieben Leben" im deutschen Raum waren mir nicht bekannt, ich wusste nur um die neun.

Die Idee mit dem letzten Leben finde ich auch gut. Wollte ich die umsetzen, würde ich aber wahrscheinlich die Geschichte noch ein wenig anders aufbauen, würde vielleicht einen kleinen Hinweis an der Stelle einfügen, an der die Katze nicht noch einmal Ratte sein will.
Allerdings weiß ich noch nicht, wie sehr es die Story (so, wie sie aktuell abläuft) verändern würde.
Deshalb denke ich, ich erfreue mich erstmal nur der Idee, die mir (siehe oben) auch gefällt.

Beste Grüße,
Steffen.
 

lietzensee

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Hallo Steffen,
noch mal als kurze Antwort.

Meinem Gedanken nach ist es eigentlich nur ein Effekt, nämlich diese Konsistenzänderung. Die wirkt sich dann durch die brachiale Kollision von Katzen-Dings mit Menschen-Antlitz aus, nämlich so, dass ersteres eben mit dem Menschen verschmilzt.
Zumindest in meinem Kopf hatte das beim Lesen nicht funktioniert. Die geänderte Katzenkonsistenz hatte ich nicht als Erklärung dafür begriffen, dass sie mit Menschen verschmelzen kann. Hätte man Renaldo ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt, hätte ich auch nicht erwartet, dass das Wasser mit ihm verschmilzt.
Einen besseren Weg, das vorzubereiten, fällt mir aber auch nicht ein. Vielleicht geht es anderen Lesern auch anders.

Viele Grüße
lietzensee
 

Aufschreiber

Mitglied
Hallo Lietzensee,

vielen Dank für Deine erneute Antwort. Ich kann Deine Wahrnehmung durchaus nachvollziehen. Hätte mich hier auch über noch einen oder ein paar Gedanken von Lesern gefreut. Ist ja durchaus denkbar, dass Dein Blick der stimmige ist.

Beste Grüße,
Steffen
 



 
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