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Ein beeindruckendes Romandebüt einer begabten Erzählerin

4,00 Stern(e) 1 Stimme
Rezension zu:

Marina Mander, Meine erste Lüge, Piper 2013, ISBN 978-3-492-05543-7

Luca ist ein Junge von 9 Jahren, als ihm jene Geschichte widerfährt, die die in Mailand lebende Schriftstellerin Marina Mander in ihrem ersten Roman ihn erzählen lässt. Schon sehr lange ohne Vater aufwachsend, lebt Luca mit seiner Mutter zusammen. Es ist ein für Luca schwieriges Zusammenleben, weil seine Mutter in den letzten Jahren sich stark verändert hat. Immer wieder hat sie verschiedene Männer mit nach Hause gebracht, mit denen sie im Schlafzimmer seltsame Geräusche produziert, und von denen er jedes Mal hofft, einer davon könnte vielleicht sein neuer Papa werden.

Doch seit seine Mutter ihren Job verloren hat und auch nur noch selten mit ihrer besten Freundin Guilia ausgeht, kommen keine Männer mehr in die Wohnung. Lucas Mutter liegt viel im Bett, und er beobachtet auch, dass sie regelmäßig Tabletten nimmt. Er weiß nicht, was eine Depression ist, aber er spürt ihre Folgen jeden Tag. Er kommt in der Schule einigermaßen klar, nur wenn man ihn als Halbwaisen bezeichnet, ärgert er sich. Er weiß ganz genau, was mit Waisenkindern geschieht und hat große Angst davor, ein ähnliches Schicksal zu erleiden.

Als jedoch seine Mutter eines Tages nicht mehr aufsteht und er nach einigen Stunden realisiert, dass sie tot ist, da ist für ihn vollkommen klar: niemand darf erfahren, dass seine Mutter gestorben ist. Marina Mander belässt es bei zarten Andeutungen, aber es ist relativ klar, dass Lucas Mama zuviel von ihren Tabletten genommen hat. Zusammen mit dem Kater Blu versucht Luca über eine ganze Woche lang, alleine klar zu kommen. Er geht in die Schule, wimmelt Fragen nach seiner Mutter und die Versuche von Klassenkameraden, ihn zu besuchen, geschickt ab. Obwohl ihm seine Mutter in den letzten Monaten nur wenig Zuwendung und Hilfe geben konnte, hält er sich über viele Tage an der Erinnerung vieler ihrer Worte fest. Irgendwann ist der Gestank aus dem Schlafzimmer so stark, dass er nicht mehr hineingehen kann.
Er erinnert sich, dass ihm seine Mama erzählte, er sei ein Siebenmonatskind gewesen und habe zwei Monate in einem Inkubator gelegen. „Vielleicht bin ich jetzt auch wieder in so was Ähnliches geraten, irgendeine Höllenmaschine, die mir schreckliche Albträume macht, und ich bin noch zu klein, um allein wieder da rauszukommen und davonzulaufen.“

Irgendwann ist das Geld alle und Luca weiß nicht mehr, wie er sich und die Katze ernähren soll. Und er bleibt in seinen Erinnerungen weiter in der Gegenwart, realisiert nicht voll, dass seine Mutter tot ist: „Mama sagt immer, dass man keine Lügen erzählen soll. Ober ohne Lügen wäre ich schon im Waisenhaus.“

Gespannt folgt man dieser wunderbaren und bewegenden Geschichte und wartet gebannt auf ein erlösendes Ende. Marina Mander zeigt sich in ihrem Debüt als eine begabte Erzählerin, der es sehr sensibel gelingt, sich in die Seelenwelt eines neunjährigen Jungen hineinzuversetzen und im Hintergrund von dem verzweifelten Schicksal einer einsamen und kranken Frau und Mutter zu erzählen.
 

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