Ein Buch, das durch seine sprachliche Schönheit verzaubert

Rezension zu:

Natasa Dragnic, Immer wieder das Meer, DVA 2013, ISBN 978-3-421-04582-9


Mit ihrem Buch „Jeden Tag, jede Stunde“ war Natasa Dragnic eines der bemerkenswertesten Romandebüts in Deutschland der letzten Jahre gelungen Die früher selbst in Kroatien lebende und seit 1994 in Erlangen wohnende Dozentin Natasa Dragnic entführte ihre Leser in ihrem Buch in eine wunderbare und gleichzeitig traurige Geschichte zweier Menschen, die sich ein Leben lang lieben und es doch so schwer haben, wirklich zueinander zu finden.

Es war ein wunderbarer und sprachmächtiger Liebesroman, der von innen heraus seine poetische Kraft und seine emotionale Dimension erschaffte und sich nicht umsonst über 100 000 Mal verkaufte.

So wartete man als begeisterter Leser gespannt auf den Nachfolger, der nun unter dem Titel „Immer wieder das Meer“ erschienen ist. Es ist eine sehr gelungene Mischung aus einer komplizierten Familiengeschichte mit drei Schwestern in den Hauptrollen und einer nicht weniger komplexen und für den Leser lange undurchsichtigen Liebesgeschichte. Von den 80 er Jahren des 20. Jahrhunderts bis in die aktuelle Gegenwart erstreckt sich der Handlungsrahmen. In den Hauptrollen die drei Schwestern Alessi. Roberta ist die älteste, studiert Medizin und lebt dann in San Francisco. Lucia, etwas jünger, ist eine erfolgreiche Bankerin und lebt in ihrer Heimatstadt in der Toskana. Nannina, ein Nachkömmling, ist nach dem Abitur zu ihrer Großmutter nach München gezogen, wo sie als Übersetzerin arbeitet.

Es sind moderne und emanzipierte Lebensentwürfe, die alle drei Schwestern leben, mit Erfahrungen mit unterschiedlichen Männern. Doch einer hat es ihnen allen nacheinander angetan. Der italienische Dichter Alessandro Lang (über den man im Übrigen relativ wenig erfährt) tritt zu unterschiedlichen Zeiten in das Leben jeder einzelnen Schwester und bringt es durcheinander. Lange wissen die Schwestern nicht, dass auch die jeweils anderen Beziehungen zu Lang unterhalten bzw. unterhielten. Obwohl der Leser schon zu Beginn des Buches erfährt: „Heute heirate ich Alessandro Lang, den berühmten italienischen Dichter“, bleibt bis kurz vor dem Ende völlig unklar, welche der drei Schwester hier die glückliche Erzählerin ist.

Offen bleibt auch bis zum Ende, ob diese Heirat dem bislang zwar nicht ungetrübten, aber immer offenen und herzlichen Verhältnis der drei Schwestern untereinander schaden wird, oder nicht. Dazwischen wird eine spannende und bewegende Geschichte erzählt, die handelt von Liebe und Tod, von Vertrauen und Verrat, von glücklichen und traurigen Tagen. Mit einer dichten und poetischen Sprache, die man schon in dem ersten Buch schätzen gelernt hat, schafft es Natasa Dragnic, schwer fassbare Emotionen in Worte zu fassen. Immer wieder eingebaute, oft sehr plötzliche Zeitsprünge fordern dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab, die er aber gerne aufbringt mit einem Buch, das durch seine sprachliche Schönheit verzaubert.
 

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