Ein Buch, das nachgeht, irritiert, ein Buch das begeistert und nachdenklich macht

Rezension zu:

Benjamin Stein, Die Leinwand, DTV 2012, ISBN 978-3-423-14077-5

Dieser Roman des in München lebenden jüdischen Schriftstellers und Verlegers Benjamin Stein ist ohne jeden Zweifel eines der herausragenden Ereignisse auf dem Buchmarkt des Jahres 2010. "Die Leinwand" ist ein Buch, das einen lange nach dem Lesen noch weiter beschäftigt, ein Buch, das nachgeht, irritiert, ein Buch das begeistert und nachdenklich macht, das Rätsel aufgibt, das den Leser in einer permanenten Spannung hält, wie die Geschichte denn nun ausgehen wird. Und dabei ist es vollkommen gleich, auf welcher Seite dieses von vorne wie von hinten lesbaren Buches man beginnt. Benjamin Steins Roman ist ein Buch über das Leben orthodoxer Juden in Deutschland, das mit etwas spielt, was in der jüdischen Tradition etwas ganz Zentrales ist, mit der Erinnerung.

Das Buch hat zwei Ich-Erzähler: Amnon Zichroni und Jan Wechsler. Zunächst einmal haben die beiden gar nichts miteinander zu tun. In beiden Romanteilen wird der Leser schon bald mit rätselhaften Details konfrontiert. Das jeweilige Leben der Protagonisten wird geschildert. Zwei jüdische Biographien, wie sie unähnlicher nicht sein könnten. Amnon Zichroni, in Israel geboren und aufgewachsen, ist schon früh mit der Gabe gesegnet, die Erinnerungen anderer Menschen wahrzunehmen. Er kommt zu seinem Onkel nach Zürich, und geht mit dessen Unterstützung später nach New York, wo er seine religiöse Ausbildung fortsetzt. Dort erst erlebt er eine Welt jenseits der Thora und des Talmuds und spezialisiert sich nach einem Medizinstudium auf Psychologie und Psychiatrie und lässt sich irgendwann als Psychoanalytiker in Zürich nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermutigt, seine furchtbare und traumatische Kindheit in einem Vernichtslager der Nazis aufzuschreiben. Hier verarbeitet Benjamin Stein kongenial den authentischen Fall des Schweizer Binjamin Wilkomirksi, der von sich erzählt hatte,er habe die Vernichtungslager der Nazis überlebt, und der dann als ein Schweizer entlarvt wurde, der die Lager nur als Tourist kennen gelernt hatte.

Und da ist Jan Wechsler, ein jüdischer Verleger mit ostdeutschen Wurzeln, der viele biographische Züge des Autors trägt, und als orthodoxer Jude mittlerweile in München lebt. Eines Tages erhält Jan Wechsler am Sabbat einen Koffer, der angeblich auf seiner letzten Israelreise verloren gegangen ist. Nachdem er mit Hilfe des Nachbarn, der den schabbes goj gibt, den Koffer, an den er sich nicht erinnern kann, öffnet, findet er darin ein Buch mit dem Titel "Maskerade" von einem Autor mit dem Namen Jan Wechsler. In diesem Buch wird die Darstellung eines Herrn Minsky, der als Kind die Konzentrationslager der Nazis überlebt haben will, gnadenlos auseinandergenommen und als Fälschung entlarvt.

Und dann beginnt eine Handlung, die einen nicht loslässt. Man muss beide Teile wirklich bis auf den letzten Satz gelesen haben, um ein Verständnis dafür zu bekommen, was eigentlich geschehen ist. Stein entwirft mit wunderbarer Erzählkunst eine Handlung, bei der viele Dinge sich als unerheblich herausstellen. Wo kam zum Beispiel der Koffer nun genau her ? Was ist mit den Kindern und der Frau Wechslers, die ihm im Laufe des Buches abhanden kommen ? War er nun in Israel oder nicht ?

Nebenher, wie selbstverständlich, erfährt man eine Menge über den jüdischen Alltag und jüdische Glaubensriten, wobei das umfangreiche Glossar zwischen den beiden Buchhälften eine wichtige Hilfestellung gibt. Stein beschreibt die Herausforderungen und den Alltag jüdischen Anderseins mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Selten habe ich einen Schriftsteller erlebt, der mit seinem eigenen Glauben so spielerisch, stellenweise poetisch umgehen kann, wie Stein. Dabei hat er dem Leser eine Unzahl philosophischer und religiöser Gedankengänge und Überlegungen präsentiert, an denen der lange zu kauen hat.

Auf einen, wie ich finde, zentralen Aspekt des Buches möchte ich noch hinweisen, auch deshalb, weil ich diesen Gedanken in keiner anderen der bisher schon zahlreich veröffentlichten Rezensionen zu diesem ungewöhnlichen Buch gefunden oder beschrieben sah. In beiden Teilen begegnen sich die beiden Protagonisten am Ende in Israel an einer alten Mikwe, jenem rituellen Bad, das den gläubigen Juden nicht nur reinigt von Schuld, sondern ihn heilt.

In einem Eintrag auf seinem Blog schreibt Benjamin Stein , Rilke zitierend, kurz nach der Fertigstellung seines Romans Im Juli 2009:

"Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an Deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Mit Tanja Warter (Presse C. H. Beck) sprach ich am Freitag über die Inkompatibilität zwischen orthodoxem Alltag und Literatur. Sie war überrascht. Ich habe darüber noch nie gesprochen, aber mich bewegt der Gedanke schon seit geraumer Zeit. Streng genommen ist er schon präsent, seit ich die Arbeit an der 'Leinwand' begonnen habe. Es ist sicher kein Zufall, dass ich Amnon Zichroni mit 15 Jahren in das verbotene Zimmer der Eltern führe und ihn dort auf die 'unpassende Liebe', nämlich die Dichtung stoßen lasse. Nun ist Amnons Konflikt nicht einmal der, orthodox zu sein und »verbotene Bücher« zu schreiben. Der erste wesentliche Wendepunkt in seinem Leben belegt aber, wie deutlich die 'Inkompatibilität' ist. Allein diese Bücher zu lesen, wird schon als 'bitul zman' (Zeitverschwendung) betrachtet. Um wie viel größer ist die Verschwendung, wenn man nicht nur liest, sondern diese Bücher auch noch schreibt?
Es sind besonders die Folgen des Schreibens und Veröffentlichens, die im Kontrast stehen zu den Forderungen der Mussar-Lehrer, Demut zu üben, das Ego zurückzudrängen, in der Gemeinschaft aufzugehen, statt als Individuum hervorzustechen durch Talente und Fähigkeiten, die nicht in direktem Torah-Zusammenhang stehen.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
Bei der 'Leinwand' hatte und habe ich das Gefühl, Werkzeug eines Tikkuns zu sein, indem ich eine tragische Geschichte auf das menschliche Fundament zurückstelle. Auch bei 'Diamond District' gibt es ein solches Element. Aber die Vorstellung, künftig auf 'jüdische Sujets' festgelegt zu sein und bei jeder Buch-Idee die obigen Rilke-Fragen beantworten zu müssen, ist mir nicht angenehm."
 

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