Ein Debütroman mit einer berührenden Geschichte aus der Welt der Abruzzen

Rezension zu:

Donatella Di Pietrantonio, Meine Mutter ist ein Fluss, Kunstmann 2013, ISBN 978-3-88897-817-3

Das Leben einer Mutter und die Beziehung zu ihrer Tochter beinhalten eine Menge an Erfahrungen, an erlebten Geschichten, aber auch an erlittenen Verletzungen, an Schmerz. Hier im speziellen Fall der Ich-Erzählerin aus den Abruzzen kommen noch dazu ein für heutige Menschen kaum vorstellbarer Mangel an Worten und eine ungestillte Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit und Zärtlichkeit.

Die ich-erzählende Tochter spürt, wie die Mutter ihr entgleitet. Die Mutter, die sie noch so vieles fragen, mit der sie sich noch auseinandersetzen wollte, streiten – und von der sie vielleicht ein einziges Mal so etwas haben wollte, wie die normale Nähe einer Mutter zu ihrer Tochter. Doch die Mutter verändert sich, ihre Erinnerungen werden weniger, die Krankheit, die das Gehirn frisst, verändert zunehmend ihre Persönlichkeit.

Und weil nicht nur in den Abruzzen Geschichten schon immer eine Brücke zwischen Menschen und Generationen waren, beginnt die Erzählerin ihrer Mutter deren eigene Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die 1942 beginnt und die geprägt ist vom Schicksal armer Bauernfamilien in den Abruzzen, von Männern, die in der Fremde als halbe Sklaven ihr Geld verdienen und von Frauen, die das wenig fruchtbare Land bestellen um das Überleben der Familie zu sichern. Ein Leben, in dem kaum Platz bleibt für Gefühle, auch nicht für die eigenen Kinder.
„Die dunklen Wege, auf denen sich das chronische Verlangen nach der Mama verloren und ins Gegenteil verkehrt hat, beschäftigen mich. Die Verweigerung körperlicher Nähe, die Angst davor. Als die Reihe dann an mir war, konnte ich ihr nichts als Mangel zurückgeben, Ich betrachte hinter uns den Garten voller Wege, die sich gabeln. Ich kann ihr nur ihr eigenes Leben schildern.“´

Und das tut sie (Donatella Di Pietrantonio) mit einer dichten Sprache voller Poesie, die dem Leser nicht nur ein schweres Leben beschreibt, sondern mit der sie sich regelrecht frei schreibt, ihrer Mutter und der gemeinsamen schwierigen Lebensgeschichte immer näher kommt, bis sie einen vorher nicht für möglich gehaltenen Punkt erreicht, an dem so etwas erfahrbar wird wie Versöhnung zwischen Tochter und Mutter. Eine Versöhnung, die es der Tochter auch in der Zukunft ermöglichen wird, selbst mehr als Mangel zurückzugeben.

Ein wunderbarer Debütroman mit einer berührenden Geschichte aus der noch archaisch anmutenden Welt der Abruzzen. Von dieser Autorin möchte man mehr lesen.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Winfried,

eine bewegende Geschichte, auf die Du mit Deiner Rezension neugierig machst. Die literarische Auseinandersetzung mit der Mutter, die Begleitung in den letzten Lebensjahren – welch ein Geschenk sowohl für die Mutter als auch für die Tochter. Manch einer möchte sich wünschen, so tief in die Lebensgeschichte seiner Mutter eindringen und sie festhalten zu können.

Ein Satz scheint mir ein wenig holperig:
Die Mutter, die sie noch so vieles fragen, mit der sie [blue]sich noch auseinandersetzen wollte, streiten[/blue] – und von der sie vielleicht ein einziges Mal so etwas haben wollte, wie die normale Nähe einer Mutter zu ihrer Tochter.
Das „streiten“ steht für mein Sprachempfinden nicht an der richtigen Stelle, aber vielleicht sehe nur ich das so.

Mit großem Interesse gern gelesen!

Gruß Ciconia
 
Hallo, ciconia,


vielen Dank für diese Rückmeldung. Das "streiten" sollte als Reihung dazukommen. Ich habe es bewusst an diese Stelle gesetzt.

Herzliche Grüße

Winfried
 

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