Ein eindrucksvolles sozialgeschichtliches Bild des Island um 1910

Rezension von:
Kristín Marja Baldursdóttir, Die Eismalerin. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling, Krüger-Verlag 2006, ISBN 3-8105-0256-8, 461 Seiten

Kristín Marja Baldursdóttir, eine der bekanntesten Journalistinnen und Schriftstellerinnen Island, führt uns in ihrem vierten Roman zurück in das Island Anfang des 20. Jahrhunderts. Steinunn Olafsdóttir lebt, jung verwitwet, mit ihren sechs Kindern im Süden dieser für uns Westeuropäer nach wie vor fremden Insel. Sie ist eine selbstbewusste und intelligente Frau, die schon ein zartes Bewusstsein entwickelt hat für die Rechte und die Emanzipation der Frauen, von den entsprechenden Bewegungen in ihrem Land und auf dem europäischen Kontinent weiß und sich immer wieder darüber zu informieren sucht. So ist ihr auch vollkommen klar, daß ihre Kinder, besonders aber ihre Töchter nur dann eine wirkliche Chance für ein eigenständiges, selbstbewusstes und selbstbestimmtes Leben haben werden, wenn sie die entsprechende Bildung besitzen.
Deshalb ruht Steinunn Olafsdóttir nicht, bis sie das nötige Geld zusammen hat, in die kleine Stadt Akureyi im Norden Islands zu ziehen, damit ihre Kinder dort die Schule besuchen können und in der dortigen Fischindustrie Arbeit finden.

Obwohl Steinunn nicht die Hauptfigur dieses Buches ist, beeindruckt ihre Charakterisierung. Es ist immer wieder überraschend und wohltuend zu lesen, wie doch überall damals, auch unter schlechten Bedingungen, Menschen versucht haben, in ein besseres, selbstbestimmtes Leben aufzubrechen und sich nicht von zahlreichen widrigen Bedingungen abhalten ließen.

Wie die Autorin die Arbeit der Menschen in den Fischfabriken schildert, zeichnet ein eindrucksvolles sozialgeschichtliches Bild des Island um 1910.
Steinunn arbeitet hart und es gelingt ihr tatsächlich im Laufe der Jahre allen ihren Kindern zu einer ordentlichen Ausbildung und zu einem selbständigen Leben zu verhelfen.

Das Talent ihrer Tochter Karitas, Hauptfigur dieses wunderbaren Romans, erkennt sie bald und versucht es zu fördern. Karitas zeichnet gern und beobachtet eines Tages draußen im Feld eine fremde Frau an einer Staffelei. Sie ist beeindruckt, doch am nächsten Tag ist die Frau verschwunden.
Diese geheimnisvolle „Eis-Malerin“ wird es sein, die Karitas später ein fünfjähriges Studium an der Kunsthochschule in Kopenhagen finanzieren wird, weil sie, als sie die ersten Bilder von Karitas sieht, ihr außergewöhnliches Talent erkennt und fördern will.

Stark sind die Bindungen und die Traditionen, großen Druck muß Karitas aushalten von ihren Schwestern, die sie beschwören, daheim zu bleiben, sich um die Mutter zu kümmern und einem „ordentlichen“ Broterwerb nachzugehen. Doch Karitas geht. Über diese fünfjährige Studienzeit in Kopenhagen erfahren wir später nur, daß die Zeit hart war, weil sie für ihre Kost und Logis abends schwer und lange arbeiten musste.

In der Zwischenzeit geht das Leben auf der Insel weiter und es ist hart, auch weil der Erste Weltkrieg zu vielen Versorgungsengpässen führt. Als Karitas 1923 aus Kopenhagen zurückkehrt nach Island, träumt sie davon, ein eigenes Atelier zu eröffnen. Sie hat einen eigenen Stil entwickelt, der im Buch nur ansatzweise beschrieben ist, der aber schon vielen Leuten positiv aufgefallen ist. Von einer ersten Ausstellung ist die Rede, die ihre Gönnerin Eugenia, die sie einst im Feld malen sah, organisieren will. Doch zunächst muß Karitas Geld verdienen. Und sie macht es wie ihre Mutter und wie all die anderen Frauen damals: sie arbeitet in der Fischfabrik. Dort, hoch oben im Norden der Insel, trifft sie auf einen Mann, der ihr Leben verändern wird. Sie schläft schlussendlich mit Sigmar, dem großen, gutaussehenden Fischer, der zunächst von einem eigenen Boot und dann irgendwann von einer eigenen großen Fangflotte träumt.

Karitas wird schwanger, Sigmar fährt wieder zur See und aus ist es mit den Träumen von der Künstlerexistenz in Reykjavik. Karitas kommt bei Verwandten unter, die ihr zusammen mit den anderen Menschen im Dorf so gut es geht unter die Arme greifen. Die Schilderung dieser gegenseitigen Hilfe, bei der auch die Männer ihren Platz haben, gehört für mich zu den stärksten Seiten dieses Buches. Obwohl die Menschen hart arbeiten müssen, haben sie einen Sinn für das Wesentliche im Leben, und auch das Lachen und Feiern hat seinen angestammten Platz.

Karitas ist mit ihrer Art und ihren Bildern natürlich eine Exotin im Dorf, doch niemand lacht über sie. Im Gegenteil: sie genießt manche Privilegien und Unterstützung und malt weiter, nachts, wenn das Kind schläft. Mit die jeweiligen Kapitel einleitenden Bildbeschreibungen vermittelt die Autorin dem Leser einen plastischen Eindruck von Karitas Kunst.

Irgendwann kommt Sigmar, mittlerweile Eigentümer eines großen Fangschiffes, nicht mehr zurück und Karitas richtet sich in ihrem neuen Leben ein, so gut es geht und zieht ihren Jungen groß. Doch nach vielen, langen Jahren, 1939, steht Sigmar plötzlich als gemachter Mann vor der Tür und will sie mitnehmen nach Italien, wo er all die Zeit lebte. Karitas muß eine Entscheidung treffen ...

Kristín Marja Baldursdóttir hat einen Roman geschrieben, für den sie ausführlich recherchiert hat. Ein Roman über Island, ein Künstlerroman und ein Buch über den Kampf von Frauen um eine eigene Existenz. Ein Buch aber auch über eine Zeit, in der die Gemeinschaft von Menschen in den Dörfern noch zählte und sie tragen konnte auch durch schwerste Lebenskrisen.
Ich kann das Buch nur ausdrücklich empfehlen.
 

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