ein komplexes und sensibles Kaleidoskop menschlicher Konflikte und Hoffnungen

Rezension zu:

Juli Zeh, Unterleuten, Luchterhand 2016, ISBN 978-3-630-87487-6

Sie selbst ist vor vielen Jahren aus der Stadt in ein kleines Dorf in Brandenburg gezogen, die Schriftstellerin Juli Zeh, die für ihren neuen Roman ihren bisherigen kleinen Verlag Schöffling & Co. verlassen hat und unter den großen Schirm eines Randomhouse - Verlages geschlüpft ist. Eine ganze Menge an Erfahrungen, die sie in ihrem Dorf gemacht hat, ist sicher in den Roman „Unterleuten“ eingeflossen. Diesen Namen hat sie dem fiktiven Dorf gegeben und er ist sozusagen die Summe dessen, was man über es sagen kann. Denn dort ist man andauernd „unter Leuten“, hier gibt es keine Anonymität, hier kennt jeder jeden. Es gibt eine ganz besondere Währung in diesem Dorf, das sämtliche Umbrüche seit dem Zweiten Weltkrieg seltsam unverändert überstanden hat. Es wird bezahlt mit Hilfestellungen, Dienstleistungen und Beziehungen. Dann hat man bei dem oder dem „etwas gut“. Und das kollektive Gedächtnis des Dorfes bilanziert besser als jeder Buchhalter.

Das müssen auch die neuen Bewohner des Dorfes erst lernen, so wie es sicher auch die Autorin selbst über die Jahre erfahren hat. Da sind zunächst einmal Jule und Gerhard Fließ. Nach einem eher enttäuschenden Berufsleben als wissenschaftlicher Assistent ist er ausgestiegen und hat die Stelle eines Vogelschützers in der Unterleutner Heide übernommen. Ein Naturschutzgebiet, in dem die letzten 32 geschützten Kampfläufer (einer von ihnen ziert das Cover des Buches), „fleckige Vögel von Größe und Statur einer Mülltüte“, leben und jährliche Tausende von Vogelkundlern anziehen. Den Auseinandersetzungen an der Uni und auch der sonstigen Realität eher nicht gewachsen, versucht Gerhard Fließ mit seiner Frau und dem Baby sich in dem Haus, das sie liebevoll restaurieren, eine Idylle zu schaffen. Doch da gibt es einen skurrilen Nachbarn namens Schaller auf dem Nachbargrundstück, der dort einen Schrottplatz und eine Autowerkstatt betreibt und dessen komplizierte, mit der Geschichte des Dorfes eng verwobene Geschichte Juli Zeh über die 640 Seiten des Buches langsam aufblättert. Er setzt Juli und Gerhard immer wieder unter Qualm, indem er alte Reifen auf seinem Grundstück verbrennt.
Der Zweck ist offensichtlich. Man will Fließ weghaben. Der sucht, ganz der Analytiker, nach Gründen, weil er bald eingesehen hat, dass die Polizei Teil des komplizierten Sozialgeflechtes in Unterleuten ist, das sich ihm und dem Leser langsam aufschlüsselt. Da gibt es alte Streitigkeiten und Feindschaften zwischen den alten Einwohnern, die bis weit in die Zeit der Bodenreform in der DDR zurückreichen. Insgesamt elf echte Hauptfiguren hat Juli Zeh in diesem Roman eingeführt und jeder von ihnen bringt Kinder, Verwandte und Freunde mit in die Handlung ein.

Frederik, einer der Zugezogenen, sagt an einer Stelle, wenn er unter der Woche in Berlin sei, „verwandele sich das Dorf in einen Dostojewski-Roman, bei dem jede Figur von der Frage begleitet werde: Wer war das denn noch mal?“. Frederik ist der Partner von Linda, einer Frau deren Mover-Qualitäten (davon später noch mehr) es Juli Zeh offenbar besonders angetan haben und die auf dem gekauften Hof eine Pferdezucht begründen will.

Den aus dem Bayrischen stammenden Investor Meiler, der, nachdem er eher zufällig etwas zwanzig Hektar Land um Unterleuten herum ersteigert hat, und dann, als dort Windräder gebaut werden sollen, diese auf seinem Land bauen will und dafür zwei Hektar von Linda braucht, lässt Juli am Beispiel von Frederik und Linda seine Sicht einer ganzen Generation beschreiben:.
„Die beiden gehörten zu einer fremden Spezies. Nichts an ihnen war gedämpft. Nichts an ihnen war unsicher, zurückhaltend, zweiflerisch oder bescheiden. Diese jungen Menschen, in Meilers Augen halbe Kinder, agierten als Repräsentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr für Vorgesetzte. Sie kannten keine überheizten Büros, keine grauhaarigen Sekretärinnen und keine Telefone, die über Kabel mit der Wand verbunden waren (…) Sie waren selbstständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstporträts. Wenn sich Meiler die neue Generation vorstellte, sah er eine Armee von jungen Leuten mit ausgestrecktem rechten Arm, nicht zum Führergruß, sondern um das eigene Gesicht mit dem Smartphone aufzunehmen.“

Solche luziden Beobachtungen und Analysen über Menschen und soziale Phänomene gibt es massenhaft in einem Roman, in dem Juli Zeh im ersten Drittel nicht nur das Thema einführt, um das alles kreist, den geplanten Bau der Windräder, sondern auch kapitelweise die Hauptpersonen und ihre jeweilige Vorgeschichte.

Alles kreist um zwei Hauptantipoden, die seit Jahrzehnten einen erbitterten Kampf gegeneinander führen. Der ehemaligen Großgrundbesitzer Gombrowski, der das Land seines Vaters in die neue LPG überführt hat und schon lange vor der Wende davon geträumt hat, es wieder eigenständig zu bewirtschaften. Gegen die Interessen der Treuhandanstalt schafft er es, alle davon zu überzeugen ihr Land in eine GmbH namens „Ökologica“ einzubringen, als deren Geschäftsführer er fungiert bis zum Jahr der Handlung des Buches 2010. Und da ist sein Erzfeind Kron. Er hat damals den Hof des Vaters von Gombrowski angezündet und war Brigadeführer in der LPG, die Gombrowski leitete.

Doch was hier durch die vielen Figuren, eine komplizierte und bis in den aktuellen Streit um die Windräder hineinragende vielfach vernetzte Vorgeschichte, nach großer Unübersichtlichkeit aussieht, entwickelt sich durch Juli Zeh literarisches und dramaturgisches Geschick zu einem spannenden Thriller, einem packenden Roman über menschliche Konflikte um altes und neues Unrecht, um Untreue, Eifersucht und verpasstes Glück und über Träume und Phantasien von neuem Glück und Idylle. Für letzteres stehen eher die neu Zugezogenen wie Jule und Gerhard und Frederik und Linda.

Ich halte „Unterleuten“ für einen gelungenen Roman. Als „Gesellschaftsroman über die wichtigsten Fragen unserer Zeit“ wird er im Klappentext beworben. Eher würde ich ihn ein komplexes und sensibles Kaleidoskop menschlicher Konflikte, Hoffnungen und Charaktere in diesen Zeiten beschreiben.
Ich konnte mit dem Lesen nicht aufhören. Das Buch hat über drei Tage mein Leben bereichert.

Etwas liegt mir allerdings noch auf der Seele zu erwähnen. Schon zu Beginn, sozusagen als Prolog, zitiert Juli Zeh einen Satz von Manfred Gortz: „Alles ist Wille“. Immer wieder kommt sie in Kapitelüberschriften und im Text auf diesen Manfred Gortz zurück und seine Unterscheidung der Menschen in Killjoys und Mover. Wobei Gerhard Fließ als der idealtypische Killjoy und Linda als echte Moverin beschrieben wird.
Nirgends wird ein Hinweis auf diesen Manfred Gortz gegeben. Ich habe nachgesehen und ein kleines Buch entdeckt mit dem Titel „Dein Erfolg“ (Portobello Verlag 2015), das Juli Zeh wohl sehr genau gelesen hat.

Denn dort trifft der Berater Manfred Gortz nicht nur die von Juli Zeh immer wieder zitierte Unterscheidung, sondern sondert auch irritierende Sätze ab wie: „Groß ist es, Großes zu wollen. Und wer nichts will, bekommt auch nichts.“ Oder: „Moral war schon immer ein Herrschaftsmittel, und heute liegt sie in den Händen von Leuten, die für den echten Erfolg zu faul zu schwach oder zu feige sind.“

Als ich „Dein Erfolg“ las, war ich sehr erstaunt, die Vorlage für fast ein halbes Dutzend Hauptfiguren aus Juli Zeh Roman zu finden. Frederik, Linda, Gerhard Fließ und der junge Agent der Windradbetreibergesellschaft sind dort beschrieben. Menschen, von denen sich Juli Zeh hat inspirieren lassen.

Dass sie es nicht in einem Nachwort erwähnt hat, hat mich irritiert. Ich weiß nicht, wie ich diesen Vorgang bewerten soll. Der Qualität des Buches jedoch tut das keinen Abbruch.
 

petrasmiles

Mitglied
Dankeschön ...

für diese Rezension, lieber Winfried, und Dein sehr genaues Lesen. Ich werde dieses Buch sicher auch lesen und was Du schreibst, klingt sehr vielversprechend.
Anfangs hatte mich 'Mover' ein bisschen irritiert in Deinem Text, was sich ja am Ende erschließen ließ.
Was ich aus Deinen Aussagen noch nicht verstanden habe, ist die Art und Weise des Zitierens von Manfred Gortz. Wenn sie ihn zitiert, erwähnt sie ihn ja. Fiel Dir unangenehm auf, dass nicht nur einige Sätze, sondern auch Figuren entlehnt sind? Wie habe ich mir das vorzustellen? Wie weit ging die Entlehnung? Sind es Beziehungspaare oder -Typen, oder Charaktere bei Gortz?
Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Buch und seine Thesen eine Art Antithese zu ihr sind. Die Sätze würden eine Art Kontrastmittel sein. Und wie Du schon sagst, kann das Lesen dieses Buches den Gegenentwurf inspiriert haben. Muss man das sagen? Und wie genuin sind die Figuren oder Typen bei Gortz? Sind es seine Figuren, und sie wurden benutzt, oder ergeben sich die Stilpaare quasi von allein, wenn man die Typen durchdenkt?
Ich finde es gut, dass Du dem Ganzen nachgegangen bist, aber jetzt steht noch etwas Geschmäcklerisches im Raum, dem wir auf den Grund gehen sollten.
Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass es bei Motiven kein Copyright gibt - der Faust gehört nicht Goethe - und ich glaube nicht, dass es mehr ist, was Zeh gemacht hat, aber das sollten wir klären.

Liebe Grüße
Petra
 
Liebe Petra,

vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Natürlich gibt es, wie Du richtig sagst, kein Copyright für solche Figuren. Ich habe auch nur darauf hingewiesen, dass ich irritiert war, als das Buch von Gortz gelesen habe. Wenn man das Buch nicht kennt ( und keine mir bisher bekannte Rezension hat darauf hingewiesen) ist man geneigt, die von Juli Zeh zitierten Sätze von Gortz einfach mal so hinzunehmen. Doch ich kann das ganze Denken von ihm so überhaupt nicht zusammenbringen mit dem , was ich von Juli Zeh bisher gelesen und gehört habe.

Ich wünsche Dir ein froher Osterfest. Es ist das Fest des Lebens.

Winfried
 

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